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23.04.2004 - 

Mix aus Alt und Jung noch wenig gefragt

IT-Branche weiter auf Verjüngungskurs

Erfahrungen und Kundenkontakte zählen nicht mehr. Immer schneller, immer öfter werden ältere IT-Profis ausgemustert. Doch nicht alle wollen sich aufs Altenteil zurückziehen. Von Ina Hönicke*

In der schnelllebigen IT-Branche sind heutzutage kaum mehr ältere Mitarbeiter anzutreffen. Das Durchschnittsalter der Softwareentwickler liegt im Schnitt knapp über 30 Jahre. Kein Wunder, dass bei Entlassungen meist jene Computerfachleute betroffen sind, die auf eine lange Firmenzugehörigkeit zurückblicken können. Sie werden immer früher vor die Tür gesetzt. Zwar gibt es eine Diskriminierung von "Oldies" auch in anderen Branchen, doch in der Computerwelt findet man sie besonders häufig. Im Unterschied zu früher ist das Ausgrenzen qualifizierter Hightech-Experten über 40 nichts Ungewöhnliches.

Was war das vor 20 Jahren noch für ein Aufstand, als ein niederländisches IT-Unternehmen seine 40-jährigen Wissenschaftler ablösen wollte, weil sie angeblich ausgebrannt waren. Heute antworten Personalchefs auf die Frage, wie viele IT-Profis über 40 in ihrem Haus beschäftigt seien, mit größter Selbstverständlichkeit: "Keiner."

"Alte Hasen" spielen Feuerwehr

Als Gründe für das Ausgrenzen älterer IT-Profis werden genannt: Burnout-Syndrom, geistige Unbeweglichkeit, mangelnde Lernfähigkeit und Motivation. "Das sind doch alles Laientheorien", meint dagegen der Münchner Wirtschaftsexperte Dieter Frey. Wenn ältere Mitarbeiter von den Führungskräften richtig behandelt würden, seien sie nicht nur ausreichend motiviert, sie hätten aufgrund ihrer vielen Erfahrungen zudem den Vorteil, Informationen besser sammeln, verknüpfen und nutzen zu können. Frey: "Die Kündigung von so genannten Oldies führt aber nicht nur zum Know-how-, sie führt auch zum Image-Verlust. Die Unternehmen sollen doch nicht glauben, dass die übrig bleibenden Mitarbeiter nicht sehen, wie mit den Kollegen umgegangen wird - und dass ihnen eventuell Ähnliches blüht." Die Folge sei in vielen Fällen Dienst nach Vorschrift. Um das zu verhindern, plädiert Frey für eine Mischung von Jung und Alt am Arbeitsplatz.

Dieter Scheitor, Teamleiter IT bei der IG Metall in Frankfurt am Main, sieht in den Softwarehäusern indes nur wenig davon: "Dabei ist es immer gut, jungen, ungeduldigen Newcomern ein paar ältere, gestandene ITler mit Sozialkompetenz zur Seite zu stellen." Ein 25-Jähriger könne ganz sicher von den Erfahrungen und der Gelassenheit seines 45-jährigen Kollegen profitieren. Auch für die in der IT-Welt täglich auftretenden Katastrophen seien erfahrene Hightech-Mitarbeiter von unschätzbarem Wert. Scheitor: "Gerade in den vergangenen Jahren hat es genügend Beispiele gegeben, in denen zuvor entlassene ''alte Hasen'' wenig später Feuerwehr spielen mussten." Sollten Entlassungen unabdingbar werden, würden laut Scheitor viele ältere IT-Profis den Vorruhestand durchaus akzeptieren. Voraussetzung dafür sei natürlich ein faires Angebot des Arbeitgebers. Über einen Punkt wundert sich der Gewerkschaftsvertreter: "Es ist doch paradox, dass der Vorwurf, ältere Mitarbeiter seien überfordert oder nicht flexibel genug, fast immer von Topmanagern kommt, die selbst die 50 schon längst überschritten haben." Da gelte wohl die alte Regel: Unfähig sind immer nur die anderen.

Das sieht Stephan Pfisterer, Referent Bildung und Personal beim Branchenverband Bitkom in Berlin, naturgemäß anders: "Wir haben es doch hier nicht mit einem speziellen Problem der IT-Branche zu tun." Darüber hinaus wehrt sich der Bitkom-Referent gegen eine Pauschalisierung des Problems. Diejenigen Softwareprofis, die von Anfang an auf höchster Programmierebene entwickeln, seien oftmals in der Tat früher ausgepowert als beispielsweise ihre Kollegen in der Kundenbetreuung. Pfisterer: "In der Forschung und Entwicklung über Jahre hinweg Topleistungen zu bringen, das schaffen nur sehr kreative Leute."

Mehr Bescheidenheit beim Gehalt

Diese Unterscheidung erkennen seiner Meinung nach auch die Unternehmen zunehmend. Dementsprechend würden sie versuchen, erfahrene Mitarbeiter mit Kunden- und Führungsqualitäten zu halten. Der Bitkom-Vertreter: "Ältere IT-Profis können die Produkte beim Kunden glaubwürdiger vertreten als viele ihrer jungen Kollegen." Andererseits würden sich für "DV-Oldies" im Unternehmen selbst neue Möglichkeiten bieten. Sie könnten ihr Know-how beispielsweise als Teamleiter, Coach oder Mentor weitergeben. "In einem solchen Fall sollten die älteren IT-Profis allerdings ihre finanziellen Forderungen überdenken und einsehen, dass die Entlohnung nicht mehr der eines hochspezialisierten Entwicklers entsprechen kann", meint Pfisterer. Von einem gewissen Gehaltsverzicht profitieren seiner Ansicht nach alle: Die Unternehmen, weil sie Kosten sparen und interne Kompetenz behalten, und die arbeitswilligen älteren Computerfachleute, weil sie länger im Unternehmen bleiben. Pfisterer ist überzeugt, dass viele IT-Profis ab einem gewissen Alter gar nicht mehr unbedingt im harten Technologiebereich, sondern lieber im Management oder Coaching tätig sein möchten.

Zu den Unternehmen, in denen der Mix aus Jung und Alt tatsächlich gelebt wird, gehört das Münchener Softwarehaus Comet. Geschäftsführerin Sissi Closs: "Bei uns spielt das Alter keine Rolle. Die ganz Jungen sind bei Comet genauso vertreten wie 60-jährige Kollegen." Nach ihrer Ansicht ist die Erfahrung älterer Mitarbeiter oftmals mehr wert als die Beherrschung neuer Techniken. Allerdings gibt es, so Closs, durchaus Bereiche, in denen ein sehr junger Mitarbeiterstamm gefragt ist. Dazu gehöre beispielsweise die Web-Programmierung. An diese Tätigkeit würden jüngere Softwareprofis einfach ungezwungener herangehen. Closs: "Mit ihrem Jugendwahn hat es die Hightech-Branche mittlerweile geschafft, Leuten ab 40 zukunftsträchtige Arbeitswege zu versperren. Viele der so genannten Oldies sind tatsächlich überzeugt, nicht mehr genügend leisten zu können."

Brandherd Generationenkonflikt

Auf arbeitswillige "Zwölfender" wartet seit neuestem noch ein weiterer Konflikt. Junge Kollegen monieren zunehmend, dass selbst gut ausgebildete junge Leute nicht übernommen oder im Regelfall nur befristet angestellt werden, weil die "Alten einfach nicht gehen wollen". Ein solcher "Generationenkonflikt" ist momentan bei Siemens zu beobachten. Dort drücken Jugendliche online ihr Befremden aus, dass ältere Kollegen Konzepte wie Altersteilzeit oder Vorruhestand nicht annehmen. Inken Wanzek, 46 Jahre alt, langjährige Softwareentwicklerin bei Siemens und selbst Opfer des Stellenabbaus, sieht diesen Konflikt nicht: "Unverständnis tritt bei jungen Leuten nur dann auf, wenn sie nicht wissen, warum ihre älteren Kollegen nicht in den Ruhestand wollen. Wenn die Gründe dafür nachvollziehbar sind, haben die Jüngeren durchaus Verständnis."

*Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.