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Anwenderprioritäten haben sich verschoben


30.08.2002 - 

IT-Dienstleister plagen Strukturprobleme

München - Im IT-Dienstleistungsmarkt vollzieht sich ein grundlegender Wandel. Getrieben von der anhaltenden Konjunkturschwäche verlangen Unternehmenskunden eine Verknüpfung technischer und betriebswirtschaftlicher Ziele. Für die Serviceanbieter ergeben sich daraus weit reichende Konsequenzen.

Nach dem Einbruch der Hardware- und Softwareumsätze war es nur eine Frage der Zeit, bis die Krise der IT-Branche auch die Dienstleister mit voller Wucht erwischt. Die großen deutschen Anbieter - allen voran Siemens Business Services (SBS) und T-Systems - kämpfen mit Umsatz- und Gewinneinbußen. Mächtige Konkurrenten wie Cap Gemini Ernst & Young sind in die roten Zahlen gerutscht und haben damit begonnen, tausende Mitarbeiter zu entlassen. Selbst der vermeintlich krisenresistente Marktführer IBM Global Services (IGS) meldet rückläufige Einnahmen und verschickt blaue Briefe.

Die allgemeine Wirtschaftsflaute schlage nun auf das eigene Geschäft durch, erklären die Servicespezialisten unisono. Doch dieses Argument greift zu kurz. Viele Anbieter kämpfen mit strukturellen Problemen, die nur indirekt mit dem Konjunktureinbruch zu tun haben. "Die Anwenderprioritäten haben sich verschoben", kommentiert etwa Pascal Matzke von der Giga Information Group in London. Daraus resultiere ein "gewaltiger Umbruch" im gesamten Dienstleistungsmarkt. Viel stärker als bisher verlangten Unternehmenskunden die Berücksichtigung ökonomischer Zielgrößen von ihren oft technikverliebten IT-Lieferanten. "Die Kunden wollen effiziente, kostengünstige und an Geschäftsprozessen ausgerichtete Lösungen."

Thomas Köhler, Deutschlandchef des Management- und IT-Dienstleisters Accenture, bestätigt diese Sicht. "Früher folgte der Dienstleistungsmarkt der technologischen Entwicklung." Heute dagegen würden IT-Projekte, die keinen messbaren betriebswirtschaftlichen Erfolg bringen, nicht mehr weiterverfolgt. "An der Schnittstelle zwischen Betriebswirtschaft und Technik wird sich der Krieg entscheiden", glaubt Köhler.

Die Art und Weise, wie Unternehmen an IT-Projekte herangehen, habe sich grundlegend verändert, beobachtet auch Christophe Chalons vom Marktforschungsunternehmen Pierre Audoin Conseil (PAC). "Die Zeiten der unternehmensweiten Megaprojekte sind vorbei". Kunden verfolgten IT-Vorhaben vorsichtiger und pragmatischer.

Ganz ähnlich erklärt Matzke den Wandel. Neben konjunkturellen Restriktionen konstatiert er "eine Rückkehr zu konservativen Technologien". Bei den von Dienstleistern heftig propagierten Themen wie Application Service Providing (ASP) oder Web Services hätten die Kunden "einfach nicht angebissen." Hinzu komme eine veränderte Rolle der IT-Abteilungen, die sich in stärkerem Maße als bisher an betriebswirtschaftlichen Kriterien messen lassen müssten. Matzke: "Im Gegensatz zum DV-Leiter alten Schlages sitzt Herr Lamberti als CIO der Deutschen Bank heute im Vorstand."

Dass den Dienstleistern das Projektgeschäft weggebrochen ist, führt Köhler in erster Linie auf die Sparzwänge der Kunden zurück. "IT-Projekte beeinflussen die Cash-Position von Unternehmen direkt; Kürzungen wirken sich sofort aus und bringen gerade in Krisenzeiten eine oft dringend notwendige finanzielle Entlastung." Vorhaben, die einen wirklichen Nutzen für das Unternehmen bringen, beispielsweise die Effizienz von Prozessen verbessern, würden indes nur aufgeschoben, glaubt Köhler. Sobald die Konjunktur wieder anziehe, werde dieser "Rückstau" abgearbeitet.

Falsche Personalpolitik

In der Kritik professioneller Marktbeobachter steht insbesondere die Personalpolitik der großen Serviceunternehmen. In Boomzeiten hätten sie zu viele Berater mit zum Teil unzureichender Qualifikation eingestellt, moniert Meta-Group-Consultant Andreas Burau. "Man hat gehofft, dass die Neulinge eine Lernkurve durchmachen und sich entwickeln, aber der Abschwung kam früher als erwartet." Als besonders problematisch erweise sich die große Zahl an IT-Beratern mit veraltetem Know-how, erklärt Marek Wojcicki, Gründer und CEO des Kölner Beratungshauses Heaven 21. Noch vor zwei Jahren steckten fast alle Großanwender in R/3-Projekten. Inzwischen aber habe sich dieser Markt halbiert.

Für die Dienstleister gehe es nun darum, möglichst schnell neue Themen zu entwickeln. Doch gerade an diesem Punkt zeigten die Branchenriesen Schwächen, urteilt Wojcicki, der selbst Berater bei Pricewaterhouse-Coopers und Arthur Andersen war. "Wie schnell schulen Sie 500 R/3-Consultants auf eine neue Technologie um?" Die Anbieter seien auf den absehbaren Know-how-Wechsel schlecht vorbereitet, und: "Je spezialisierter eine Beratermannschaft, desto unflexibler ist sie auch."

Überkapazitäten

PAC-Analyst Chalons hingegen verteidigt die Politik der Dienstleister. Viele hätten noch im Jahr 2001 eingestellt, ein Ende des Booms sei damals nicht klar erkennbar gewesen. "Die Einstellungen waren zu diesem Zeitpunkt richtig." Andernfalls hätten die Anbieter den Verlust von Marktanteilen riskiert. "Vielen war klar, dass die E-Business-Blase eines Tages platzen würde, doch niemand wusste genau wann."

Unabhängig von solchen Diskussionen bleibt die Erkenntnis, dass die Serviceunternehmen heute mit erheblichen Überkapazitäten zu kämpfen haben. Im klassischen Consulting-Segment etwa sei bis vor kurzem noch eine Auslastung von 75 bis 80 Prozent die Regel gewesen, berichtet Giga-Analyst Matzke. Heute liege die Quote bei 50 bis 60 Prozent. "Das heißt, die Hälfte der Consultants sitzt rum und tut nichts." Kaum besser beurteilt er die Lage in der Sparte Systemintegration. Die typische Auslastung von 80 bis 85 Prozent sei auf 65 bis 70 Prozent eingebrochen. Liegt die Quote nicht mindestens bei 65 Prozent, leiden die Cash-Reserven, ergänzt Wojcicki. "Dann stellt sich die Frage: Wie lange kann ein Unternehmen das durchhalten?"

Auch an Accenture ging diese Entwicklung nicht spurlos vorüber. Die Auslastung der Mitarbeiter, die direkt für Kunden tätig sind, sei von über 80 Prozent auf 76 Prozent zurückgegangen, räumt Köhler ein. Dennoch schließt er Entlassungen wie in anderen Accenture-Landesgesellschaften aus. Im Rahmen des üblichen "Performance Managements" trenne sich das Unternehmen zwar von Mitarbeitern, die die geforderte Leistung nicht bringen. Die Quote bewege sich aber im Rahmen der normalen Fluktuation zwischen zehn und 15 Prozent in der Region Deutschland, Österreich und Schweiz. Hierzulande beschäftige Accenture derzeit rund 3000 Consultants.

Preisverfall

Die Überkapazitäten im Markt haben zu einem rapiden Preis- und Margenverfall geführt. IT-Verantwortliche könnten heute ohne weiteres Rabatte von 20 bis 25 Prozent aushandeln, sagt Matzke. Auch Nachlässe von 30 bis 35 Prozent seien keine Seltenheit mehr. Davon betroffen seien keineswegs nur kleinere und mittelgroße Anbieter; selbst die einst höchstbezahlten Berater von ehemaligen "Big-Five"-Unternehmen könne man mittlerweile zu deutlich niedrigeren Stunden- oder Tagessätzen anheuern.

Viele Dienstleister reagieren auf den Wandel mit einer veränderten strategischen Ausrichtung. Exemplarisch dafür steht IBMs Übernahme von Pricewaterhouse Coopers Consulting (PWCC), ein Schritt, den die meisten Analysten für richtig halten. Dahinter steht die Überlegung, Kunden alles aus einer Hand zu bieten: Management-Beratung, Geschäftsprozessgestaltung, Change Management, Implementierung, Wartung und schließlich Outsourcing. Einfacher ausgedrückt: Wer ein Unternehmen in Sachen Management und IT-Strategie berät, muss die Konzepte auch vollständig umsetzen können.

Anwender wie Banken und Versicherungen verbinden damit auch die Hoffnung, die Anzahl ihrer Servicelieferanten zu reduzieren und damit Kosten zu senken. Weil dieser Weg naturgemäß nur den ganz großen Dienstleistern offensteht, prognostizieren Experten eine beschleunigte Marktkonsolidierung. Matzke etwa erwartet eine Zweiteilung des Marktes, aus der "One-Stop-Anbieter" wie IBM, EDS oder auch CSC als dominierende Player hervorgingen (siehe CW 32/02, Seite 14).

Meta-Group-Consultant Burau teilt diese Einschätzung. Für etliche Dienstleister entstehe ein Druck, sich ähnlich wie IBM zu positionieren. Kleinere Anbieter mit einem gemischten Portfolio aber hätten es künftig schwerer. Für ein Komplettangebot seien Unternehmen wie Atoss Origin, Triaton oder Logica schlicht nicht groß genug.

SBS und T-Systems

Nach dieser Definition könnte es auch für SBS und T-Systems eng werden. Beiden fehlt es sowohl an der internationalen Präsenz als auch an der geforderten Kompetenz in Sachen Management Consulting (siehe auch Seite 7). Nach den Worten von SBS-Chef Paul Stodden wird sich daran auch nichts ändern: "Wir werden uns weiterhin auf IT-Consulting - und nicht auf Management Consulting - fokussieren."

Dienstleister mit einem starken Outsourcing-Geschäft kommen generell leichter durch die Krise, kommentiert Chalons. Im Vergleich zum klassischen Projektgeschäft (Consulting, Systemintegration) erwartet er ein rund zehn Prozent höheres Umsatzwachstum für die nächsten Jahre. Gerade in schlechten Zeiten denken viele Unternehmen aus Kostengründen über eine Auslagerung von IT-Funktionen nach.

Auch große Outsourcing-Anbieter wie EDS kämpfen mit Problemen im Projektgeschäft, relativiert Burau, allerdings könnten sie Einbußen im Projektgeschäft durch langfristige Outsourcing-Verträge besser abfangen. Vor diesem Hintergrund sind auch die Bemühungen von Cap Gemini Ernst & Young oder Accenture zu sehen, ihre Outsourcing-Sparten zu stärken.

Für SBS und T-Systems scheint diese These nicht zu gelten. Nach Erhebungen von PAC erzielen beide Anbieter 60 beziehungsweise 80 Prozent ihrer Einnahmen mit der IT-Auslagerung. Chalons führt dies aber auf den hohen Umsatzanteil zurück, den die Dienstleister von den Muttergesellschaften Siemens und Telekom verbuchen. Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Konzerne entwickelten sich diese Einnahmen rückläufig.

Die Meta Group kommt im Outourcing-Markt zu anderen Werten. Für T-Systems etwa ermitteltete sie einen Outsourcing-Umsatzanteil von 40 Prozent. Ahnlich bei SBS: Rechne man produktnahe Services, etwa beim Hardwareverkauf, und weitere Sonderfaktoren he-raus, liege der Outsourcing-Anteil am SBS-Umsatz lediglich bei 14 Prozent. Das Unternehmen selbst gibt für die Business Unit Operation Related Services, in der das Outsourcing-Geschäft gebündelt ist, einen Umsatz von sechs Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2001 an. Dies würde einem Anteil von 47 Prozent am gesamten Umsatz entsprechen.

Business Process Outsourcing

Höhere Margen als das hergebrachte IT-Outsourcing verspreche die Auslagerung ganzer Geschäftsprozesse, lautet eine weitere Erkenntnis der Marktexperten. Im Rahmen eines Business Process Outsourcing (BPO) soll der Dienstleister nicht nur Technik betreiben, sondern auch die betriebswirtschaftliche Verantwortung für ausgelagerte Unternehmensfunktionen übernehmen.

Obwohl diese Idee alles andere als neu ist, rechnen die Auguren mit zweistelligen Zuwächsen. IDC etwa beziffert den im letzten Jahr erzielten Umsatz in diesem Marktsegment in Europa auf 132,5 Milliarden Dollar. Bei einem durchschnittlichen Wachstum von jährlich 11, 8 Prozent soll sich das Volumen für das Jahr 2006 auf 231 Milliarden Dollar summieren. Gartner Dataquest veröffentlichte zwar völlig andere Zahlen, unterm Strich ist die Einschätzung jedoch nicht minder zuversichtlich (siehe CW 34/02, Seite 32).

Vorsichtige IT-Manager

Für Burau gehört BPO zu den wichtigsten Trends im Servicegeschäft. Allerdings sei der deutsche Markt noch schwach entwickelt. Neben EDS zähle Accenture international zu den stärksten Anbietern. Besonders in Großbritannien genieße das Unternehmen eine starke Marktposition. "Accenture hat das Thema in Deutschland vorangetrieben", rührt Deutschland-Chef Köhler die Werbetrommel. Abgesehen von einem Application-Management-Auftrag der Schmidt Bank - streng genommen also keine Prozessauslagerung - kann er jedoch keine konkreten Projekte nennen.

Warum hiesige Unternehmen noch weitgehend vor BPO zurückschrecken, erklärt Köhler mit Mentalitätsunterschieden. Deutsche Manager fürchteten häufig einen Kontrollverlust, wenn sie Prozesse abgeben sollen. Im angelsächischen Raum hingegen sei es normal, mit Hilfe ausgefeilter Verträge Betriebsteile auszulagern und trotzdem die Kontrolle über den Geschäftsprozess zu behalten.

Burau sieht dennoch eine wachsende Nachfrage im deutschen Markt. So sei beispielsweise die European Transaction Bank (ETB) bei weitem nicht ausgelastet. Das zur Deutschen Bank gehörende Unternehmen offeriert Dienstleistungen für den Zahlungsverkehr sowie Wertpapier-, Derivate-, Geld- und Devisengeschäfte. Für die Manager des Finanzkonzerns stelle sich die Frage, ob solche Funktionen noch zu den Kernkompetenzen einer Bank zählten.

Dass BPO-Projekte in der Regel mit höheren Risiken verbunden sind als die klassische RZ-Auslagerung, dürfte ein weiterer Grund für die verhaltene Marktentwicklung sein. So holte sich etwa SBS im vergangenen Jahr eine blutige Nase mit zwei Großaufträgen von britischen Behörden (siehe CW 47/01, Seite 8). Wegen drohender Verluste musste die Siemens-Tochter Rückstellungen in Höhe von 192 Millionen Euro für das abgelaufene Geschäftsjahr bilden.

So verwundert es nicht, dass BPO für die Bayern offenbar nicht mehr zum Kerngeschäft zählt. "Wir konzentrieren uns auf das Geschäft mit IT-Outsourcing", erklärte Stodden auf Anfrage. "Neue BPO-Projekte sind nach entsprechender Analyse der jeweiligen Projektsituation allerdings nicht grundsätzlich ausgeschlossen."

Wolfgang Herrmann wherrmann@computerwoche.de

Anbieter von IT-Services und Management-ConsultingRang / Umsatzangaben in Millionen Euro für Deutschland / 2001

1 / T-Systems / 4530

2 / IBM + PWCC / 2980

3 / SBS / 2780

4 / IBM / 2500

5 / EDS / 1360

6 / SAP / 730

7 / Hewlett-Packard / 650

8 / Accenture / 640

9 / McKinsey / 530

10 / Pricewaterhouse Coopers Consulting (PWCC) / 480

*IT Services enthalten Hardware-Wartung, Projektservices und Outsourcing

Mit der Übernahme von PWC Consulting wäre IBM in Deutschland zweitgrößter Dienstleistungsanbieter. In Europa und weltweit hält der Konzern schon jetzt Rang eins.

Quelle: PAC first estimates 7/2002

Abb: Outsourcing - Umsätze 2001

Die Meta Group berücksichtigt lediglich die Outsourcing-Umsätze mit externen Kunden in Deutschland. Deshalb sind Siemens-Aufträge an SBS und Telekom-Aufträge an T-Systems nicht berücksichtigt. Quelle: Meta Group