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05.03.2004 - 

Kostenexplosion bei der Jobbörse

IT-Filz in der Bundesagentur für Arbeit?

Sex, Crime und Intrigen in der Bundesagentur für Arbeit (BA)? Nach der Affäre um Florian Gerster hat die Behörde nun Ärger mit dem IT-Projekt "Virtueller Arbeitsmarkt". BA-Chef Frank-Jürgen Weise und der zuständige Vorstand Heinrich Alt wollen von den explodierenden Kosten nichts gewusst haben. Dagegen spricht einiges.

Hinter der grauen Fassade der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg sind politische Intrigen im Gange, die bis in die IT-Abteilung reichen und mit dem Projektleiter für den Virtuellen Arbeitsmarkt (VAM), Jürgen Koch, ein erstes Bauernopfer gefunden haben. Koch wurde von BA-Chef Weise kurzerhand suspendiert, nachdem bekannt wurde, dass die Kosten für die Online-Börse sowie die Anpassung der BA-Systeme und -Infrastruktur an den Virtuellen Arbeitmarkt aus dem Ruder laufen. Statt der ursprünglich veranschlagten 65 Millionen Euro ist nun sogar von insgesamt 165 Millionen Euro bis 2008 die Rede.

Als Weise von dieser Summe aufgrund einer in Auftrag gegebenen Prüfung Wind bekam, zeigte er die BA quasi selbst beim Bundesrechnungshof an und brachte sogar den Verdacht der Korruption ins Spiel. Gemeint war wohl Projektleiter Koch, dem ein Verhältnis zu einer am Projekt beteiligten Accenture-Angestellten nachgesagt wird und damit indirekt auch der Vorwurf, dem Eschborner IT-Dienstleister weitere Aufträge ohne Absprache mit der Vergabestelle zugeschanzt zu haben.

Vieles deutet jedoch darauf hin, dass mit Koch nur einer von vielen Eingeweihten zum Sündenbock abgestempelt werden soll. "Es ist unvorstellbar, dass ein Projekt-Manager in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts einen freien Verfügungsrahmen von 15 Millionen Euro hat", meint Kai Deininger, Geschäftsführer der Jobbörse Monster und Leiter der Initiative Arbeitsmarkt im eco-Verband. Er bezweifelt einen Alleingang Kochs, der auf ihn immer einen ehrlichen, professionellen und gewissenhaften Eindruck gemacht habe. "Ich vermute, dass sich Herr Alt auf Kosten des Projektleiters eine weiße Weste waschen will", sagt Deininger.

August 2003: Warnmeldung an Weise

Mit dieser Meinung steht der Monster-Geschäftsführer, der zusammen mit Vertretern anderer Jobbörsen mehrfach mit der Bundesagentur über eine Kooperation verhandelte, nicht allein. Ein Projektvertrauter, der nicht genannt werden möchte, sagte der CW, dass es nicht nur einen Gesamtprojektausschuss, sondern auch die üblichen Reporting-Stränge gegeben habe. "Da müssten schon sehr viele Server abgestürzt sein, wenn diese Informationen alle verloren gegangen sein sollten", kommentierte der Insider und hält es für ausgeschlossen, dass Vorstand Alt nichts wusste. Seiner Meinung nach müsste auch Weise als damaliger Finanzvorstand Kenntnis gehabt haben. Dafür spricht zumindest eine Haushaltsmeldung des Geschäftsbereichs 5 der BA vom 21. August 2003, die an Weise und Alt adressiert war und auf die erhebliche Teuerung aufmerksam machte. Der amtierende BA-Chef bestätigte unterdessen zwar deren Existenz, behauptet aber, vom Inhalt erst jetzt erfahren zu haben.

Dass der für das Projekt zuständige Vorstand Alt über die Kostenexplosion informiert war, ist für Monster-Chef Deininger klar. Bei einem Treffen in Nürnberg, in dem es um den "Jobroboter" ging, habe Alt sich gebrüstet, die Meta-Suchmaschine sei noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, sondern nur eine zusätzliche Entwicklungsstufe, die man unbedingt haben wollte. Alt habe damals versichert, es würden weitere folgen.

Holger Bill, Geschäftsführer des Bereichs öffentliche Verwaltung bei Accenture, bestätigt, dass es sich beim Jobroboter um eine zusätzlichen Leistung handelt, die nicht in dem ursprünglichen Rahmenvertrag in Höhe von 65,5 Millionen Euro enthalten sei (siehe Interview). Der Auftrag der BA an Accenture sei aber durch das Vergaberecht gedeckt, weil der Jobroboter inhaltlich nahe am Projekt liege. Bereits im Rahmenvertrag enthalten war nach Aussage von Bill hingegen der Avatar Bea, bei dem es sich um eine Online-Hostess handelt. "Dieser Firlefanz ist weder marktnah noch notwendig", kritisiert Deiniger die Gestaltung der Jobbörse und Auftragsvergabe an Accenture.

"Es ist sicher ein Kritikpunkt, dass die BA mit Accenture einen Player gewählt hat, der keine Erfahrung in der Vermittlung von Arbeit hat", meint Deininger, attestiert der Behörde allerdings, das Vergabeverfahren sehr professionell betrieben zu haben. Monster selbst hatte sich an der Ausschreibung nicht beteiligt, aber mit Stepstone und Jobpilot waren zwei marktnahe Bieter im Rennen.

Ein weiterer Kenner des Projekts, der anonym bleiben möchte, bestätigt Deiningers These: "Die momentane Ausführung der Jobbörse zeigt, dass sich Accenture an dem Projekt verhoben hat." Für den Zuschlag soll damals die Qualität des Prototyps mit ausschlaggebend gewesen sein, den die Eschborner zusammen mit der Firma WCC präsentiert hatten. WCC hatte ähnliche Projekte schon in den Niederlanden und England begleitet.

Obwohl Weise die Weiterentwicklung des Vorhabens zunächst gestoppt hat, hofft Monster-Geschäftsführer Deininger auf Fortsetzung. "Wenn das Projekt Virtueller Arbeitsmarkt jetzt eingestampft würde, hätte man lediglich eine teure Website gebaut, aber nicht die viel wichtigeren Systeme im Hintergrund sowie eine zentrale Datenbank für Arbeitssuchende und offene Stellen", warnt er. Die Existenz und Vernetzung solcher Systeme sei jedoch erforderlich, weil es in Deutschland fast eine Million freie Jobs gebe, wovon aber nur knapp 30 Prozent bei der Bundesagentur ausgeschrieben seien. Die Plattform der Nürnberger Behörde ist nach Ansicht Deiningers keine Konkurrenz zu den Jobbörsen von Monster und anderen Anbietern. Die Foren ergänzten sich. Es sei eher vorteilhaft, wenn die BA sage, Online-Recruiting sei der Weg der Zukunft.

Seilschaft bis in den Verwaltungsrat

Wie es mit dem Projekt weitergeht, werden die nächsten Tage zeigen. Bei dem bisherigen Verlauf spricht jedenfalls einiges für Filz und Ungereimtheiten in Nürnberg. So soll Alt, wie der Insider berichtet, kräftig mit am Stuhl von Gerster gesägt haben. Alt, ein lang gedienter Gewerkschafter und seit über zehn Jahren im Vorstand der Behörde, bilde eine Seilschaft mit dem Arbeitnehmerflügel im Verwaltungsrat der BA, an dessen Spitze die Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer steht. Gerster habe es sich mit dieser Fraktion verscherzt, weil er im Budget massiv an die Pfründe der von den Gewerkschaften geführten Ausbildungs- und Förderträger gegangen sei. Darauf habe man ihn zum Abschuss freigegeben.

Das gleiche Schicksal könnte nun Alt blühen, denn unterdessen werden zwischen ihm und Weise die Messer gewetzt. Laut Weise soll Alt trotz seines Einspruchs eine Vorlage über ein Budget von 77 Millionen Euro für die Jobbörse abgezeichnet und später eingeräumt haben, dass sich die Kosten auf über 100 Millionen Euro summieren könnten. Da die Bundesregierung mangels eines besseren Kandidaten an Weise festzuhalten scheint, hat Alt bei der BA wohl keine Zukunft mehr.

Ingrid Weidner, iweidner@computerwoche.de

Peter Gruber, pgruber@computerwoche.de