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05.05.2000 - 

Corporate Venture Capital - was steckt dahinter?

IT-Giganten mischen die Gründerszene auf

MÜNCHEN - Für Unternehmensgründer, vor allem im Internet-Umfeld, liegt das Geld heute förmlich auf der Straße. Längst rangeln nicht nur die Venture-Capital-Gesellschaften um die Startups, mit denen nach einem erfolgreichen Börsengang kräftig Kasse zu machen ist. Auch etablierte IT-Firmen strecken als Financiers ihre Fühler nach verheißungsvollen Newcomern aus. Sie schielen dabei nicht nur auf Know-how und Rendite, sondern wollen auch den Produktabsatz ankurbeln.Von Beate Kneuse*

Ob Compaq, Hewlett-Packard (HP), IBM, Oracle oder Sun - sie alle haben mittlerweile intern üppige Geldtöpfe für Beteiligungskapitäl geschaffen, die den Frischlingen helfen sollen, schnell auf die Beine zu kommen und noch schneller ihren Unternehmenswert zu steigern, nicht zuletzt durch den Gang an die Börse.

Damit treten sie in die Fußstapfen von Prozessorgigant Intel, der sich bereits seit Anfang der 90er Jahre im Rahmen seines Corporate-Business-Development-Programms "Intel Capital" mit kleinen Minderheitsbeteiligungen von bis zu zehn Millionen Dollar bei Jungunternehmen engagiert. Heute zählen die Kalifornier mit einem Beteiligungsportfolio von rund 3,5 Milliarden Dollar in 275 Unternehmen zu den Riesen in der (inoffiziellen) Venture-Capital-Szene. Und wenngleich die Newcomer durch ihren steigenden Marktwert einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Konzernergebnis von Intel leisten, so geht es der Andrew-Grove-Company nicht allein um die Rendite. "Intel kauft Wissen" heißt es in offiziellen Darstellungen immer wieder. Darüber hinaus sollen die auf diese Weise geförderten Unternehmen nach eigenem Bekunden die Nachfrage rund um den PC steigern und somit das gesamte Marktsegment vergrößern - bei sinkenden Margen im Halbleitergeschäft keine ungeschickte Strategie.

Zu dieser Erkenntnis sind mittlerweile auch andere IT-Giganten gelangt. Folge: Das so genannte Corporate Venture Capital boomt. Datenbankspezialist Oracle rief beispielsweise im vergangenen Jahr einen 100-Millionen-Dollar-Venture-Fonds ins Leben, von dem bislang 13 Startups profitierten, in die Oracle insgesamt 28,5 Millionen Dollar investierte. Die Kalifornier selbst erzielten dadurch einen Return on Investment von sage und schreibe 504 Prozent. Jedenfalls auf dem Papier, dank der Beteiligung an Linux-Anbieter Red Hat, der im August 1999 an die Börse ging und (zunächst) zum Shooting-Star wurde: Nach der Einstiegsnotierung von 14 Dollar kletterte die Aktie bis Ende vergangenen Jahres auf 140 Dollar - und hatte damit ihren Wert innerhalb von vier Monaten mehr als versiebenfacht.

Mitterweile rechnet sich das Red-Hat-Investment für Oracle als Kapitanlage nicht mehr. Der Kurs des Freeware-Pioniers ist bekanntlich in den beiden letzten Monaten in den freien Fall übergegangen. Insgesamt dürfte das Corporate-Venture-Business jedoch mehr als einträglich sein. Beispiel Intel: Eingangs erwähnte Beteiligungen in Höhe von 3,5 Milliarden hatten in der 1999er Bilanz des Prozessorgiganten einen Buchwert von 8,02 Milliarden Dollar. Zudem verkaufte Intel allein im vierten Quartal 1999 eigene Anteile an Startups im Wert von 327 Millionen Dollar und verbesserte damit seinen Cashflow. Kein Wunder also, dass auch Oracle bis Ende dieses Jahres rund 70 weitere Beteiligungen ins Visier genommen hat und der Board of Directors jüngst zusätzliche 400 Millionen Dollar als Kapitalhilfe für Startups bewilligte.

Die Strategie von Oracle geht dahin, bei Firmen einzusteigen, die entweder Produkte und Services anbieten, die auf Oracle-Technologie basieren, oder sich im Internet-Umfeld tummeln. Darüber hinaus müssen sie schon soweit entwickelt sein, dass sie in sechs bis zwölf Monaten an die Börse gehen. Bislang haben zwei der unterstützten Unternehmen das IPO bewerkstelligt. Bis Ende des Jahres, so das Ziel von Executive Vice President Gary Bloom, sollen es acht sein.

Gleichwohl setzt Oracle-Chef Larry Ellison die finanziellen Engagements auch als Waffe gegen den Erzrivalen Microsoft ein. Schließlich ist es nach wie vor das erklärte Ziel des exzentrischen CEOs, seine Company zum größten Softwareanbieter der Welt zu machen und Bill Gates die Rücklichter zu zeigen. So dürfte das Geld des Datenbankkrösus gerade in Bezug auf Kandidaten locker sitzen, die sich von Microsoft ab- und der Oracle-Gemeinde zuwenden. So geschehen bei der 1996 gegründeten Web Ex, die Privat- und Profi-Anwendern Videomeetings über das Web ermöglicht. Das Unternehmen konnte sich Oracles Unterstützung erst sicher sein, nachdem es von Microsofts "SQL Server" auf die Datenbank "Oracle 8i" umgeschwenkt war.

Konkurrenzgerangel ist es auch, was die Server-Rivalen Sun, HP, IBM und Compaq neben der Rendite antreibt, ihre Corporate-Venture-Capital-Aktivitäten zu puschen. Kaum hatte Sun sein 300-Millionen Dollar-Programm "I-Force" zur Unterstützung von Internet-Startups bekannt gegeben, zog HP mit seinem "Garage"-Programm nach, das in die gleiche Richtung geht: Neben der Kapitalspritze kommen die Frischlinge in den Genuss von Produkten und Marketing-Unterstützung. Rund 1,5 Milliarden Dollar will die Company aus Palo Alto in diesem Jahr investieren, davon sollen 225 Millionen ausschließlich für Beteiligungen an Internet-Newcomern reserviert sein. Sun wiederum erhöhte seinen Fonds Ende März auf 500 Dollar mit dem Ziel, auch in Europa, dem Mittleren Osten und Asien tätig zu werden.

Hintergrund ist aber auch hier keineswegs nur, die jungen Internet-Schmieden ins Laufen zu bringen. Vielmehr wollen die IT-Größen mit ihren Investitionen die Startups im Hinblick auf ihre Produkte langfristig an sich binden. Und beide liefern sich seither einen regelrechten Wettbewerb bei der Beteiligung an den Youngstern. So investierte HP Anfang April beispielsweise 50 Millionen Dollar in Primus, ein Unternehmen, das mit Hilfe von HP-Equipment seine E-Commerce-Dienste erweitern will. Sun wiederum engagierte sich in der jüngsten Vergangenheit gleich bei fünf Internet-Firmen.

Allerdings sind nicht nur reine Internet-Startups Objekte der Begierde. IBM und Compaq, die im ersten Jahresviertel entsprechende Fördertöpfe von 600 Millionen beziehungsweise 1,15 Milliarden Dollar aufgelegt haben, zielen mit ihren Finanzspritzen vor allem auf Internet-Service-Provider (ISPs) und Application-Service-Provider (ASPs). Anbieter beider Bereiche benötigen enorme Rechnerleistung und Speicherkapazität für ihre Dienste, können die riesigen Investitionen in die nötige Infrastruktur aber kaum aus eigener Kraft bewältigen. "Das wissen die Hardwareanbieter ganz genau, kreieren mit ihren Engagements langfristige Kundenbeziehungen und sichern sich damit ihre Zukunft", konstatiert US-Analyst Harry Fenik.

So ist es nicht verwunderlich, dass in den USA die Corporate-Venture-Capital-Welle unter Analysten nicht auf uneingeschränkte Zustimmung stößt. Zwar sei man von jeher ein aggressives Marketing der IT-Giganten Compaq, Sun und HP gewöhnt, lautet die einhellige Meinung unter den Marktbeobachtern. Aber angesichts der Größe und Reichweite der Programme entstehe der Eindruck, als spiele sich hier ein grundlegender Wandel in der Beziehung zwischen Kunden und den Produzenten von Highend-Rechnern ab. "Diese Unternehmen", so bringt es Brad Day von der Giga Information Group auf den Punkt, "haben sich zu wahren Technologie-Venture-Capitalisten entwickelt." Für die kapitalhungrigen Förderkandidaten wiederum ist dies nicht ohne Risiko. Beispiel Sun: Zwar genießt der einstige Workstation-Pionier Marktbeobachtern zufolge in der Internet-Szene fraglos einen guten Ruf und macht dort auch erhebliche Umsätze, doch sei Sun mit seinem Komplettangebot von Hardware, Software und eigenem Betriebssystem nicht unbedingt die beste Wahl für Unternehmen, die verschiedene Rechnertypen kombinieren müssen.

Telekom und Siemens sprechen in Europa mitUnabhängig davon dürfte sich angesichts des boomenden Internet-Markts und der aufkeimenden ASP-Szene gerade unter den US-Hardwareriesen der Kampf um lukrative Newcomer noch verschärfen - und sich möglicherweise auch nach Deutschland ausdehnen. Dort sind selbst einheimische IuK-Player wie Deutsche Telekom und Siemens dabei, eigene Venture-Capital-Töchter aufzubauen. Der Bonner Carrier ist über seinen Ableger T-Venture in den vergangenen zwei Jahren bereits mehr als 20 Beteiligungen eingegangen - und hat deren Marktwert nach eigenem Bekunden schon mehr als vervierfacht. Unter anderem investierte T-Venture in die Internet-Softwareschmiede Intershop Communications und landete damit einen wahren Volltreffer: Nach dem Börsengang floss das 30fache der einstigen Kapitalspritze zurück. Auch hier aber ist der Gewinn nur ein Motiv. T-Venture sucht sich die Förderkandidaten gezielt danach aus, ob sie Synergieeffekte für das eigene Geschäft bringen.

Vieles spricht also dafür, dass in Deutschland Beteiligungskapital der Industrie nach US-amerikanischen Muster in Zukunft eine größere Rolle spielen wird. Dort stammen mittlerweile 30 Prozent der Venture-Capital-Investitionen aus firmeneigenen Fonds, wobei die Unternehmen weitgehend mit den klassischen VCs kooperieren. Zum Vergleich: Anfang der 90er Jahre waren es gerademal fünf Prozent.

Gleichzeitig nehmen die US-IT-Giganten vermehrt deutsche Newcomer ins Visier. Dabei spielen diese aber nicht primär die finanzielle Karte aus, sondern liebäugeln zunächst vor allem damit, die Startups zu festen Kunden zu machen. So hob Oracle Ende Februar gemeinsam mit Sun, Cisco Systems und der deutschen Exodus Communications GmbH eine Initiative namens "Speed up your IPO" aus der Taufe. Sie soll viel versprechenden Internet-Frischlingen vom ersten Schritt an in puncto Betriebswirtschaft, Management, Vertrieb, Personalrekrutierung sowie materielle Leistungen (Hardware, Software, Internet-Infrastruktur, Services) unter die Arme greifen. Ziel ist in den meisten Fällen der spätere Börsengang. Darüber hinaus kooperiert der Datenbankriese mit der Frankfurter Venture Lab, die von diversen Venture-Capitalisten initiiert wurde und nach eigenem Bekunden größte Brutstätte für deutsche Internet-Startup-Firmen ist. Die im Venture Lab startenden Newcomer erhalten von Oracle ebenfalls umfangreiche Unterstützung in Sachen Software und Systemberatung.*Beate Kneuse ist freie Journalistin in München.