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11.09.1998 - 

IT in der Automobilindustrie/Im Jahr 2002 ein Markt von 1,3 Milliarden Dollar

IT im Auto: Virtueller Budenzauber unter der Motorhaube

Jedes Auto enthält mittlerweile mehr Rechenpower als die erste Mondlandefähre. Bis zum Jahr 2002 soll sich der Chipbedarf laut VDI sogar verdoppeln. Schubkraft erfährt die Elektronik insbesondere von den Netzwerken. Wie die Marktforscher von Venture Development ermittelten, sollen vernetzte Anwendungen von der Navigation bis zur Abgaskontrolle im Jahr 2002 ein Marktvolumen von 1,3 Milliarden Dollar besitzen. In jedem der im Jahr 2001 weltweit 59 Millionen zugelassenen Autos steckt Elektronik im Wert von 1000 Dollar. Dataquest zufolge soll ein Viertel davon auf Halbleitersysteme entfallen.

Von der schadstoffreduzierenden Motorsteuerung über die Fahrdynamikregelung bis hin zum Navigationscomputer - das Auto hat sich zu einem Massenmarkt für die Elektronikindustrie entwickelt. Digitale Systeme geben den Takt an, etwa bei BMW. Im bayerischen Motorenwerk basteln Ingenieure an einem Bordcomputer, der dem Fahrzeuglenker Tips zur Routenplanung und zum schadstoffarmen Betrieb gibt. Laufend erhält der Rechner sensorgestützte Informationen über die Gaspedalstellung oder den Abstand zum Vorderfahrzeug und bewertet den aktuellen Geschwindigkeitsverlauf. Hieraus leitet er Empfehlungen ab, freilich ohne den Fahrer in seiner Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Ob sich Automobilisten überhaupt damit anfreunden können, wird derzeit im Fahrsimulator getestet.

Während die Elektronik in den Projekten noch vorherrscht, wittert nun auch die IT-Industrie das große Geschäft. Allen voran Microsoft mit dem "Auto-PC" (www.autopc.com). Über das Betriebssystem Windows CE sollen Radio und Mobilfunk, elektronische Post, Internet und Verkehrsnavigationsdienste auf der Mittelkonsole zur Verfügung stehen (siehe auch Seite 59). Pate stand dieses Konzept auch beim "Per- sonal Productivity Vehicle" (www. mecel.se/html/msauto_1.html), einer Gemeinschaftsentwicklung von Microsoft, Delphi Automotive Systems, Mecel und Saab, über deren Feinheiten derzeit heftig gebrütet wird. Ende 1999 will der japanisch-amerikanische Autoradiohersteller Clarion (www.clarionmultimedia.com) die erste Auto-PC-Variante in Deutschland anbieten.

Den tatsächlichen Nutzen eines Auto-PC kann sich jeder vorstellen, der im täglichen Stau mit seinem Latein am Ende ist. Warum also nicht die Zeit nutzen, um die neuesten Nachrichten aus der Mailbox abzufragen? Ein paar kurze Kommandos an den sprachgesteuerten Bord-PC genügen. Nachdem der Computer sich über Mobiltelefon ins Internet eingeklinkt und seine Recherche gestartet hat, erscheinen sie gut lesbar auf dem illuminierten Bildschirm. Sollte der Verkehr inzwischen wieder rollen, kann man sich die Botschaften auch vorlesen lassen.

Daß der Traum vom Büro auf vier Rädern endlich Wirklichkeit werden könnte, ist trotz einiger fehlgeschlagener Projekte durchaus anzunehmen. So blieb der "Business-Sharan" von Volkswagen, eine mit Bürofunktionen ausgestattete Version der Großraumlimousine, in den Kinderschuhen stecken. Dennoch machen die Automobilhersteller auf Optimismus, zum Beispiel Daimler-Benz. Im "Cyber-Mercedes" (www.mercedes.de/d/innovation/fmobil/ webcar.htm) gibt Multimedia den Ton an. Fahrer und Beifahrer können die Konsole, die sprachgesteuerte Dienstleistungen wie Navigationshilfen bereithält, bedienen. Entertainment ist dagegen im Fond angesagt. In den Rücksitzen integrierte Bildschirme sowie Infrarottastaturen und Joysticks kommen der Vergnügungssucht der jüngeren Fahrgäste entgegen. Wer geschäftlich viel unterwegs ist, kann es sich auf der Rückbank bequem einrichten und den Laptop mit dem bordeigenen Rechner verbinden. Bis diese Visionen Realität werden, dürften aber noch einige Jahre ins Land gehen.

Clarion will, wie CEO Jim Minarik auf der Comdex in Las Vegas mitteilte, eine Lösung für "sicheres und intelligenteres" Autofahren auf den Markt bringen. Das noch in diesem Jahr in den USA erhältliche System, eine Kombination aus Radio und PC, wird ins Armaturenbrett eingebaut. Anwender können die Informationen vom Display ablesen oder sich sprachlich mit dem PC verständigen. Der Clarion-Auto-PC verwendet die Schnittstelle Universal Serial Bus Standard (USB) und kann deshalb mit anderen USB-Geräten kommunizieren.

Heftig brodelt es auch in der Versuchsküche von Intel. "Connected Car PC" http://developer.intel.com/technology/carpc/ index.htm heißt das neue Baby, in dessen Inneren ein Pentium den Takt angibt. Unterhaltung wird ganz groß geschrieben in Santa Clara. Wie beim Cyber-Mercedes sollen sich die Mitreisenden auf den Rücksitzen an Videospielen oder Spielfilmen erfreuen. Dazu sind Vorrichtungen für CD-ROM und die Digital Versatile Disc (DVD) eingeplant. In einem Citroæn Xsara konnte man den "Connected Car PC" bereits auf der letzten Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt bestaunen. Bis zur Marktreife muß man sich allerdings noch einige Jahre gedulden.

Eine weitere Studie des digitalen Fahrzeugs liefert das "Network Vehicle", an dem neben IBM und Sun Microsystems auch Netscape und der Autoelektronikspezialist Delphi Automotive Systems (www.delphiauto.com) basteln. Wie nicht anders zu erwarten, dient Suns Programmiersprache Java als Systemintegrator. Das "Network Vehicle" hält Displays und Computerterminals für jeden Passagier bereit. Surfen im Internet, aber auch die Wahl aus Hunderten von Fernsehkanälen soll im futuristischen Mobil möglich sein. Den direkten Zugang zu TV-Satelliten erlaubt eine in das Autodach integrierte Antenne. Bei soviel Ablenkung droht das Autofahren allerdings eine gefährliche Angelegenheit zu werden. Dafür haben sich die Ingenieure etwas Besonderes einfallen lassen - alle wichtigen Informationen werden auf die Windschutzscheibe projiziert.

Eine Gesamtlösung versprechen Toshiba, Nokia, Mannesmann Autocom, Debitel und das Softwarehaus GPS Gear. Integrale Bestandteile des Systems sind Funktelefon, Notebook und Navigationssystem. Das "Aktentaschenbüro" richtet sich an alle, die unterwegs arbeiten und öfter ihr Fahrzeug wechseln. Außendienstler erhalten ein mobiles Naviga- tionssystem, das aktuelle Verkehrsinformationen berücksichtigt und via Notebook und PC Card Phone kabellose GSM-Handy-Verbindungen bereitstellt. Als Plattform dient das 950 Gramm schwere Mini-Notebook "Libretto", das in jedem Auto installiert werden kann. Mit Hilfe des satellitengestützten Ortungssystems GPS wird stets der genaue Standort des Fahrzeugs ermittelt und auf dem Monitor des "Autopilot" angezeigt. Die Software errechnet die günstigste Route und leitet den Fahrer mittels optischer und akustischer Angaben zum Zielort. Die Route läßt sich auch am PC daheim planen und speichern. Über die PC-Karte "Nokia Card Phone" kann der Anwender mit dem Notebook telefonieren, Faxe und Nachrichten versenden sowie Informationen aus dem Internet abrufen. Die Systeme sollen Ende des Jahres im Fachhandel erhältlich sein.

Daß die Bemühungen von Microsoft und Co. noch auf das Tüftelstadium beschränkt bleiben, hat mit konkreten Vorbehalten zu tun. Zwar ist es verständlich, wenn den Bürgern das Verweilen im Entertainmentmobil derart schmackhaft gemacht wird. Einer zu sehr auf das Auto fokussierten Verkehrspolitik traut man indes nicht über den Weg. Priorität haben die Schonung der Umwelt sowie die Vernetzung der Verkehrsträger. Denn im täglichen Megastau auf Ring- und Ausfallstraßen fragen sich immer mehr Autofahrer, ob sie nicht auf das falsche Pferd gesetzt haben. Statt Hochgenuß im leise dahinschnurrenden Boliden ernüchterndes Stop and go auf verqualmtem Asphalt. Doch auch auf Luftstraßen und Schienenwegen sucht man grenzenlose Freiheit ver- gebens. Rappelvolle Flieger so- wie dauernde Verspätungen im Flug- und Bahnverkehr locken den Automobilisten kaum aus seinem vier Quadratmeter großen Reservat.

"Die Bürger wollen selbst entscheiden, welches Verkehrsmittel für sie in Frage kommt: Bus und Bahn, Auto oder Fahrrad", meint Axel Welge, verkehrspolitischer Sprecher des deutschen Städtetags. Fahrgastinformationssysteme kämen diesem Bedürfnis besonders entgegen. Im Unterschied zu teueren Verkehrsleitsystemen können sie bereits zu Hause ihre Wirkung entfalten, zum Beispiel im Internet. Und das findet sogar bei Deutschlands stärkster Autofahrerlobby, dem ADAC, Anklang.

ANGEKLICKT

Informationstechnik, die unsere Mobilität unterstützt - es tut sich ein breites Spektrum an IT-Equipment für das Automobil auf: Vom Auto-PC über End- geräte, von Navigationssystemen bis zu allen üblichen Internet-Kommunikationsmöglichkeiten sowie mobiles Telefonieren etc. dürfte im kommenden Jahrhundert kaum ein Kommunikations- oder Unterhaltungsbedürfnis im Fahrzeug unbedient bleiben. Die produktnahe Forschung läuft auf Hochtouren.

Winfried Gertz ist freier Journalist in München.