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24.11.1995

IT im Gesundheitswesen/Anbieter und Anwender muessen sich auf Standards einigen "Ziel aller Aktivitaeten muss eine multimediale Krankenakte sein"

Der Zwang zur Kostensenkung schafft fuer IT-Anbieter im Gesundheitswesen einen Markt. Die anwenderfreundliche Standardisierung laesst jedoch noch zu wuenschen uebrig. Mit Dr. Helmut Fluhrer, Geschaeftsfuehrer der Health Online Service GmbH & Co KG in Muenchen, sprach CW-Redakteurin Helga Biesel.

CW: Koennen die Anbieter von Informationstechnik fuer das Gesundheitswesen auf eine Auftragsflut hoffen? Die Bundesregierung macht Druck.

Fluhrer: Die Loesungsansaetze der Anbieter berechtigen zu mehr als Hoffnungen. Es wird grosse Veraenderungen geben. Wenn man sich den Alltag in Praxis und Klinik anschaut und sieht, wie hier Kommunikation ablaeuft, dann erkennt man, was sich mit modernen Tools alles verbessern liesse. Der Druck kommt auf der einen Seite von der Bunderegierung. Man muss aber auch sagen, dass es sicherlich nur wenige Branchen gibt, die immer noch mit einer so grossen Komplexitaet von unterschiedlichen Medien in einer eigentlich klaren Kommunikationsstruktur arbeiten.

CW: Zum Beispiel?

Fluhrer: Nehmen Sie die Krankenakte: Briefe, EKGs auf Papier, Roentgenbilder auf Film, Disketten vom Computertomografen etc., eine Ansammlung verschiedener Medien. Wo also koennte es mehr Sinn machen als in den vielfaeltigen Informations- und Kommunikationsbeziehungen des Gesundheitswesens, auf durchgaengige Digitalisierung zu setzen?

CW: Gehen Druck und Akzeptanz auch von den Aerzten aus oder von der Verwaltung? Hier gibt es haeufig unterschiedliche Interessen.

Fluhrer: Alle sprechen ueber die Notwendigkeit von Kostensenkungen. Das versteht und akzeptiert jeder. Allein dieses Jahr verschlingt unser Gesundheitswesen eine halbe Billion Mark. Schon kleinste Einsparungen bringen enorm viel. Zum Beispiel koennte ein Online- Service ein Promille einsparen, das waeren 500 Millionen Mark. Er wuerde "nur" den Datentransfer zwischen Aerzten untereinander und zu den Kliniken anders organisieren.

CW: Sie gehen also davon aus, dass Rationalisierung akzeptiert wird?

Fluhrer: Es gibt positive, aber auch negative Beispiele, wie in jeder Pionierphase. Vielleicht ist die ideale DV-Struktur noch nicht sichtbar. Eine Komplettvernetzung, ausgehend von kleinen Inseln bis hin zu einer moeglicherweise nationalen oder sogar globalen Loesung, das dauert natuerlich. Die Umstrukturierung hin zu Ansaetzen wie Desease-Management, Kosten- und Fallpauschalen verlangt andere administrative Werkzeuge. Hier kann Software oder auch ein Online-Dienst unterstuetzen.

CW: Sind denn im Gesundheitswesen, speziell in den Krankenhausgesellschaften, die Management-Strukturen ueberhaupt so, dass entsprechende Entscheidungen schnell und effektiv getroffen werden koennen?

Fluhrer: Was Krankenhaeuser leisten, ist enorm. 50-Betten-Haeuser muessen teilweise seit Jahren arbeiten, als haetten sie 100 Betten. Das Problem ist, dass es an einer guten Unterstuetzung fuer die Entscheider in diesen Institutionen fehlt. Vielleicht gibt es ja das richtige Werkzeug noch nicht.

CW: Wer entscheidet denn ueberhaupt? Der Verwaltungsdirektor oder der Chefarzt?

Fluhrer: So pauschal ist das nicht zu beantworten. Die Leute, die von der Universitaet kommen, sind es gewohnt, beispielsweise online zu recherchieren. Die machen natuerlich ueberall da, wo die Infrastruktur noch nicht entsprechend entwickelt ist, Druck. Denn sie wissen, wie hilfreich online gewonnene Informationen sein koennen. Man unterschaetzt aber auch darueber hinaus die Technikaufgeschlossenheit vieler Aerzte. Im Behandlungsbereich weiss jeder Arzt: Die richtige Information zur richtigen Zeit ist die beste Medizin.

CW: In der kommunalen Verwaltung hat es immer eher konservative Entscheidungen gegeben, das heisst, man hat auf Marktfuehrer gesetzt, ohne das gesamte Anbieter- und Produktspektrum zu kennen, hat sich auf vorgegebene Beschaffungsrichtlinien verlassen, ohne aus eigener Kompetenz innovativ werden zu muessen beziehungsweise zu koennen. Wie hat sich das auf die Beschaffungspolitik ausgewirkt?

Fluhrer: Hier im nachhinein Transparenz herzustellen ist aeusserst schwierig. Immer wenn irgendwann finanzielle Mittel zur Verfuegung standen, wurde etwas gekauft. Sie finden in Praxen und Kliniken so ungefaehr alles an Hard- und Software, was man sich vorstellen kann, und das dann auch noch auf irgendwelche Spezialbeduerfnisse proprietaer zugeschnitten.

CW: Wie ist der Markt strukturiert?

Fluhrer: Es gibt 250 Hersteller von Praxissoftware fuer niedergelassene Aerzte, davon teilen sich 90 Prozent drei Zehntel des Marktes, der Marktfuehrer hat gerade zehn Prozent. Im klinischen Bereich ist es nicht ganz so differenziert. Hier dominieren einige grosse Hard- und Software-Anbieter. Es wird sehr wichtig, wer die Technikentscheidungen trifft, der Verwaltungsdirektor, der neue XYZ-Software haben will, oder der Arzt, dem ein digitales Archiv etwa seiner CT-Bilder am Herzen liegt, der einen Online-Zugriff auf interne und externe Dokumenten-Management-Systeme haben willen etc.

CW: Den einen Entscheider gibt es offenbar nicht, wie ja auch sonst so haeufig. Also wirken sich Trends entscheidend aus. Wer setzt zur Zeit die Standards?

Fluhrer: Es gibt inzwischen interessante Entwicklungen zum Beispiel von SAP. Aber auch im Praxissoftwarebereich tut sich einiges. Die treibende Kraft - und deshalb ist es gerade jetzt interessant, an einen Online-Dienst zu denken - kommt sowohl aus dem aerztlichen wie aus dem administrativen Bereich. Die ganze externe Abwicklung, zum Beispiel die Notfallstruktur oder die Weiterversorgung, das sind potentielle Online-Anwendungen.

CW: Wenn man einen medizinischen Online-Infodienst zu Ende denkt, dann koennte man sich im Endergebnis auch gewaltige Datenbanken, Spezialsoftware und Outsourcer fuer diesen Sektor vorstellen. Gehen Ihre Plaene so weit?

Fluhrer: Nein. Wir haben jetzt die Chance, dass durch Vernetzung alle Beteiligten untereinander kommunizieren koennen. Es muss keine zentralen Einheiten geben, keiner muss der Ober sein! Und es gibt ja auch schon ganz praktische Ansaetze, Bruecken zu schlagen zwischen den unterschiedlichen Praxisprogrammen.

CW: Welche De-facto-Standards existieren da?

Fluhrer: Natuerlich Windows, aber auch als ein neueres Beispiel

"Doxx". Doxx ist ein Online-Zugang, der fuer unterschiedliche Anbieter von Praxissoftware Online-Connectivity herstellen kann. Der Arzt muss also nicht auf sein bisheriges Programm verzichten, wenn er zusaetzlich online-faehig sein moechte.

CW: Wie lange muss man darauf noch warten?

Fluhrer: In Duesseldorf auf der "Medica" (vom 22. bis zum 25. November) werden schon Beispiele gezeigt werden. Der Health Online Service startet dann seine Betatestphase, zu der sich jeder Arzt anmelden kann.

CW: Und was haben die grossen Geraetehersteller zu bieten?

Fluhrer: Die Hersteller der Grossgeraete suchen jetzt, nachdem sie ihre Daten bisher individuell gespeichert haben, auch nach Standards fuer den einheitlichen Datenaustausch. Ziel all dieser Aktivitaeten muss eine multimediale Krankenakte sein. Die muss auch nicht zentral in einem grossen Bundesspeicher lagern. Die liegt irgendwo dezentral mit genauen Zugangsberechtigungen - ob durch Karte oder Code.

Im Softwarebereich gibt es jedoch noch keinen grossen uebergeordneten Zusammenschluss, der sich auf einheitliche Standards festzulegen in der Lage waere. Mehr als Connectivity scheint nicht gewuenscht zu sein.

CW: Auch keine Pressure-group?

Fluhrer: Ja und nein. Die zwanzig Groessten wollen sich abstimmen, an Standardisierung ist aber wohl noch nicht gedacht.

CW: Guenstige Aussichten fuer ein transparenzschaffendes uebergreifendes Medium, wie es ein Spezial-Online-Dienst ist?

Fluhrer: Ja, der Markt ist reif dafuer. Der Druck auf die Kosten und andererseits die Komplexitaet der medizinischen Materie, der technischen Systeme und der administrativen Strukturen, all das spricht fuer Vernetzung. Es geht um die Integration des Datentransfers aus den medizintechnischen Geraeten, die kuenftig multimediale Krankenakte. Die Patienten machen Druck auf die Aerzte und auf das System. Sie wollen einen besseren Informationsfluss.

CW: Und was sagen die Krankenkassen dazu, die das alles bezahlen und mittragen muessen?

Fluhrer: Die koennten eigentlich ganz zufrieden sein, denn der Transport der digitalen Daten duerfte langfristig kostenguenstiger werden als die jetzige Praxis. Unter dem Strich sparen nicht nur die Kassen, sondern das gesamte Gesundheitswesen. Die Information wird schneller und bequemer, und damit ist auch dem Patienten geholfen.