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24.11.1995

IT im Gesundheitswesen/Integrierte Kliniksysteme stehen vor dem Haertetest

Gesundheitsstrukturgesetz und Pflegesatzverordnung treten am 1. Januar 1996 in Kraft. Damit wird eine wirtschaftlichere Patientenversorgung als bisher zwingend. Integrierte Krankenhaus- Kommunikations- und Informationssysteme sehen hierzulande ihrer Bewaehrungsprobe entgegen. Anne Christine Remus* schildert den State of the art von IuK-Technik in diesem sensiblen Bereich.

Das Seehofersche Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) und die Bundespflegesatzverordnung (BPflV) verpflichten die rund 3500 Krankenhaeuser in West- und Ostdeutschland ueber die Umgestaltung der Abrechnungsmodalitaeten mit den Kostentraegern zu einer wirtschaftlicheren Versorgung ihrer Patienten. Spaetestens ab dem 1. Januar 1996 duerfen Krankenhaeuser nicht mehr nach tagesgleichen Pauschalen (fester Betrag pro Tag) abrechnen, sondern ueber sogenannte Entgeltformeln. Kuenftig gibt es fuer ein Krankheitsbild bestimmte Fallpauschalen, unabhaengig von der Verweildauer des Patienten. Hinzu kommen neben einem Abteilungs- und Basispflegesatz Sonderentgelte fuer ausserordentlich kostspielige Behandlungen.

Dadurch sind die Krankenhaeuser gefordert, ueber eine patientenbezogene Deckungsbeitragsrechnung zu kalkulieren, ob und wie sie mit den Fallpauschalen kostendeckend arbeiten. Hierzu bedarf es kuenftig einer wesentlich detaillierteren Kostentraegerrechnung und damit einer Dokumentation aller pro Patient erbrachten Leistungen. Auch der Umfang des Datentransfers zwischen den Krankenhaeusern und den jeweiligen Kostentraegern wird mit Umsetzung der neuen gesetzlichen Bestimmungen erheblich zunehmen.

Im Vordergrund steht die Frage, wie die Kostenentwicklung langfristig sinnvoll begrenzt werden kann, ohne die Qualitaet und Quantitaet der medizinischen Versorgung zu beeintraechtigen. "Zur Loesung des Problems ist durch krankenhausinterne Massnahmen sicherzustellen, dass geeignete betriebswirtschaftliche Instrumente zum Einsatz kommen. Zu diesen Systemen gehoeren vorrangig Krankenhaus-Informations-Systeme", erlaeutert Professor Ulrich Mis von der Fachhochschule Rheinland-Pfalz in Mainz.

Patientenstau sollte der Vergangenheit angehoeren

Die mit dem Gesetz und der Verordnung einhergehende Datenflut bei gleichzeitiger Verkuerzung der Abrechnungsfristen sowie die Bestimmungen zum Datentransfer machen eine adaequate Informationsverarbeitung unumgaenglich. Nicht zuletzt gewaehrleistet ein KIS ueber die Verfuegbarkeit patientenbezogener Daten eine schnellere und zuverlaessigere Versorgung der Patienten. Ein Patientenstau sollte zukuenftig der Vergangenheit angehoeren. Die Verweilkosten werden reduziert, und das Krankenhauspersonal wird von muehseligen Routineaufgaben im Bereich der Datenhaltung und - pflege entlastet. Zusaetzlich koennen mit einem KIS Daten und Informationen zwischen dem Krankenhaus und dem niedergelassenen Arzt ausgetauscht werden, der in seiner Praxis einen Computer verwendet.

Deutsche Krankenhaeuser haben heute einen sehr unterschiedlichen Systemausstattungsgrad erreicht. Bisher haben nur etwa drei Prozent von ihnen ein Krankenhaus-Informations- und Kommunikations-System (KIS) als ganzheitliche Loesung realisiert. Im administrativen Bereich (Patientenverwaltung und -abrechnung, Finanz- und Anlagenbuchhaltung) sind etwa 98 Prozent aller Krankenhaeuser in Deutschland mit entsprechenden Systemen ausgestattet. Die Funktions- beziehungsweise Leistungsbereiche (Labor, Radiologie etc.) haben einen mittleren Abdeckungsgrad erreicht.

Die Versorgung der Pflegestationen mit einer adaequaten Loesung (Stationskommunikation mit den Funktions- und Leistungsstellen sowie Pflegedokumentation) schreitet vorerst jedoch immer noch viel zu langsam voran.

Moderne KIS sind modular aufgebaut und basieren auf der Client- Server-Technologie. Die Bedienerfuehrung muss so gestaltet sein, dass die Anwender schnell und intuitiv arbeiten koennen. Ein KIS integriert heute praktisch alle Krankenhausdaten - angefangen von der ambulanten und stationaeren Patientenverwaltung ueber OP-Planung und

-Dokumentation sowie Stationskommunikation und Pflegedienst, Labor, Radiologie, Apotheke und Materialwirtschaft bis hin zu Kosten- und Leistungsrechnung, Anlagenbuchhaltung, Lohn- und Gehaltsbuchhaltung sowie Textverarbeitung.

Probleme, in der Praxis ein KIS einzufuehren, ruehren ausser von einem Mangel an Geld und Fachpersonal fuer die DV oftmals von der internen Organisation in den Krankenhaeusern her. Hier kann die DV alleine nicht helfen. Hinzu kommt, dass viele Aerzte noch nicht erkannt haben, dass sie mit Hilfe von DV zukuenftig auch ueber die Liquiditaet des Krankenhauses entscheiden und diese steuern.

Bisher unterbliebene Investitionen in die DV-Ausstattung eines Krankenhauses koennen jetzt nicht mehr weiter verschoben werden. "Die Gesetzgebung hat auf jeden Fall ein Umdenken bei den Krankenhaeusern bewirkt", meint Sebastian Hoeger, Prokurist und kaufmaennischer Leiter bei den Kreiskliniken Traunstein/Trostberg GmbH.

Als die Kreiskliniken Traunstein und Trostberg Anfang 1993 unter einer gemeinsamen Leitung zusammengefasst wurden, fehlten dem Management mit der alten DV-Ausstattung aktuelle und richtige Informationen, um sichere Entscheidungen faellen zu koennen. Das sollte sich aendern, und nach einer europaweiten Ausschreibung entschied man sich fuer Software von MAI.

1994 starteten die Kreiskliniken zunaechst mit dem Einsatz der Verwaltungsanwendungen. "Wichtig ist die Akzeptanz der Loesung bei den Anwendern. Man braucht vor allem anderen motivierte und engagierte Mitarbeiter", erklaert Sebastian Hoeger. "Die neue Gesetzgebung brachte fuer uns wie auch fuer die Software-Anbieter massive Veraenderungen. Wegen einiger notwendiger Vorbereitungen sind wir mit dem Aufbau unseres Systems ins Stocken geraten. Die bereichsuebergreifende Einfuehrung von Informations- und Kommunikationstechnik auch in den medizinischen Bereichen wollen wir jedoch bis Ende 1997 erreichen."

Mehr Aktualitaet und Transparenz gefordert

Wirtschaftliche Ueberlegungen sowie der Wunsch nach mehr Transparenz und Aktualitaet fuehrten dazu, dass Anfang 1994 das autonome datenbankorientierte Informationssystem des Anbieters Boss aus Bremen beim Klinikum Neubrandenburg installiert und eingefuehrt wurde. "Das System unterstuetzt gleichzeitig das Management sowie den Sachbearbeiter in den einzelnen Fachabteilungen. Die durch das GSG gestellten Anforderungen koennen DV-technisch erfuellt werden. Das heisst, wir koennen die relevanten Daten innerhalb der gesetzten Fristen liefern. Wir sind dem Ziel, ein Stations- und Funktionskommunikations-System aufzubauen, ein ganzes Stueck naeher gekommen", berichtet Heiner Molzen, Leiter des Rechenzentrums der Klinik Service Neubrandenburg GmbH. Die Vernetzungstechnik laeuft auf Hochtouren, angepasst an die enorme Bautaetigkeit am Klinikum. Zur Zeit wird die Stationskommunikation vorbereitet, die vermutlich noch in diesem Jahr in Teilbereichen zum Einsatz kommen wird. Inselloesungen, mit denen Funktionsbereiche jahrelang gearbeitet haben, werden eingebunden oder ersetzt werden.

Apotheken- und Laborsysteme als Subsysteme

Beim Kreiskrankenhaus Wernigerode wird das Informations- und Kommunikationssystem Clinicom von SMS mit standardisierten Schnittstellen zu Subsystemen wie einem Apotheken- und einem Laborsystem, den PC-basierten Anwendungen im Archiv, der Pflegedienstplanung und dem Personalverwaltungssystem seit Anfang 1992 eingesetzt. In der letzten Zeit konzentrierten sich die Wernigeroder ganz auf den Umstieg auf das neue Bundespflegesatzrecht. "In Vorbereitung der Umsetzung der BPflV 1995 haben wir im Sommer 1994 begonnen, bereits im Training parallel zu den bisherigen Abrechnungsformen nach Fallpauschalen und Sonderentgelten zu rechnen. Anfang November 1994 haben wir uns dann doch entschieden, bereits 1995 nach dem neuen Pflegesystem zu verfahren und mit den Kostentraegern entsprechende Verhandlungen aufzunehmen", berichtet Guenter Faehsing, Geschaeftsfuehrer der Kreiskrankenhaus Wernigerode GmbH.

Einer der fuehrenden Anbieter im Bereich Krankenhaus-Informations- Systeme ist mit zirka 430 installierten Systemen das Software- und Systemhaus MAI, Neu-Isenburg. Der Marktanteil von MAI betraegt zirka 12,5 Prozent.

Die auf Basic basierende Loesung Kivas sowie die Neuentwicklung Kompas laufen auf Unix-Plattformen. MAI vertreibt Hardwaresysteme der Hersteller Sun und Sequent. Das Medizin-, Pflege- und Administrationssystem Kompas ist eine Client-Server-Loesung auf Basis des relationalen Datenbanksystems Informix. "Durch die neue Gesetzgebung, die die ganzheitliche, patientenorientierte Betrachtungsweise und damit die Integration des medizinischen und pflegerischen Personals voraussetzt, um alle Informationen am Ort der Entstehung zu erfassen und sie an den Stellen, wo sie benoetigt werden, in der entsprechenden Sichtweise zur Verfuegung zu stellen, wird aus unserer Sicht die Einfuehrung eines KIS unbedingt notwendig", erklaert Anne Becker-Seifner, zustaendig fuer Produkt- Marketing Gesundheitswesen bei MAI.

DV-Ausstattung wird entschlossen ausgebaut

Das amerikanische Softwarehaus SMS - Shared Medical Systems - verfuegt weltweit ueber 2000 Kunden im Krankenhausbereich. Von der deutschen Niederlassung in Eschborn aus werden nach der kuerzlich erfolgten Uebernahme des Geschaeftsbereiches Gesundheitswesen der Atlas Datensysteme GmbH (ADS) insgesamt ueber 300 Installationen betreut. Mit der Idik-Produktlinie von Atlas, die ueberwiegend auf Unix-Systemen von IBM und SNI sowie auf der IBM AS/400 laeuft, ergaenzt SMS sein Angebot zu seiner Clinicom-Produktlinie, einem integrierten Informations- und Kommunikationssystem, das auf offenen Systemen von DEC und HP eingesetzt wird.

"Krankenhaeuser, die die Thematik der neuen Gesetzgebung erkannt haben, reagieren sehr schnell und bauen ihre DV-Ausstattung entschlossen aus", sind die Erfahrungen von Wolfram Stinner, Geschaeftsfuehrer der bereits erwaehnten Boss Branchen-Organisation und Software-Systeme GmbH mit Sitz in Bremen. Das Haus bietet ein KIS auf Client-Server-Basis mit IBM AS/400 als Server sowie Windows-Clients an und hat inzwischen ueber 140 Installationen bei Krankenhaeusern realisiert. Anfang November 1995 haben die Bremer alle Software-Entwickler der in Konkurs befindlichen Firma SKT Schmelter, Konstanz, uebernommen. Schmelter war ein langjaehriger Anbieter von Kommunikationstechnik fuer den Einsatz in Krankenhaeusern.

IBM arbeitet eng mit Geschaeftspartnern wie ADO, Atoss, Boss, HMS, SAP und Update zusammen, die Anwendungsloesungen auf den IBM- Systemen AS/400, RS/6000 und PS/2 zur Verfuegung stellen. Im Januar 1995 gruendete IBM weltweit einen eigenen Geschaeftsbereich fuer das Gesundheitswesen. Er soll Produkte entwickeln, die weltweit eingesetzt werden koennen. Zusammen mit Kunden wird derzeit an einer Loesung gearbeitet, die auf Client-Server-Architektur basiert.

"Es gibt kaum noch eine Klinik, die nur die Erzeugnisse eines Herstellers nutzt. Heute wird an alle Loesungsanbieter die Anforderung gestellt, ihr Anwendungssystem im heterogenen Umfeld zu integrieren und den verlustfreien Datenfluss sicherzustellen", betont Sigrun-Ute Oske, zustaendig fuer Marketing im deutschen IBM Geschaeftsbereich Gesundheitswesen.

Die Duesseldorfer RKD ist Partner fuer die SAP-Systeme R/2 und R/3, mit denen Outsourcing fuer Krankenhaeuser angeboten wird. Zusaetzlich hat RKD noch spezialisierte Softwarebausteine entwickelt. RKD betreut heute unter anderem rund 220 Krankenhaeuser.

Die Systemhausgruppe Laufenberg Krankenhaus-Informationssysteme GmbH & Co. KG, Bochum, bietet das Krankenhaus-Kommunikations- und Informationssystem Bokis sowie weitere DV-Hard- und Software fuer das Krankenhaus an.

Unter anderen zaehlen noch die Data-Plan-Software GmbH, St. Wolfgang, die KIS Medico mit Client-Server-Systemen auf Unix- und MS-DOS-Basis sowie die Galilei Software GmbH, Oberhaching, ebenfalls mit Client-Server-Loesungen auf Unix- und PC-Grundlage zu den bekannteren Anbietern von Software fuer das Krankenhauswesen.

*Anne Christina Remus ist freie Fachjournalistin in Kuddewoerde bei Hamburg.