Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

21.07.1995

IT im Handel/Standardloesungen sind Eigenentwicklungen vorzuziehen Ein ausgereiftes WWS arbeitet heute mehrstufig und individuell

Von Joachim Hertel*

Standard-Warenwirtschaftssysteme sind aufwendigen Eigenentwicklungen in jeder Hinsicht vorzuziehen. Die komplexen Architekturen werden in den naechsten Jahren noch in ganz neue Leistungsbereiche vordringen. Sie entlasten von Routinearbeit und helfen, Steuerung, Controlling und Planung zu verbessern. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg zurueckzulegen.

Warenwirtschaftssysteme (WWS) werden heute als unabdingbarer Faktor zur Steuerung von Handelsunternehmen allgemein akzeptiert. Wer allerdings vor dem Aufbau und der Einfuehrung eines WWS den quantitativen Nutzen auf Mark und Pfennig berechnen will, wird sich schwertun. Zu vielschichtig koennen die Auswirkungen auf alle Unternehmensbereiche sein. Waehrend der qualitative Nutzen unbestritten ist, laesst sich der quantitative meist nur anhand von Teilberechnungen annaehrend ermitteln, etwa durch Kosten-Nutzen- Betrachtungen fuer den Einsatz von Scannerkassen.

Die wirtschaftliche Bilanz ist positiv

Das Handelsunternehmen Metro hat vor einigen Jahren eine zusammenfassende Wirtschaftlichkeits-Betrachtung seines WWS durchgefuehrt, und zwar in bezug auf die C&C-Grossmaerkte in Deutschland. Danach stehen den jaehrlich durch das WWS verursachten Kosten von 80 Millionen Mark zusaetzliche Ertraege in Hoehe von 165 Millionen gegenueber.

Sehr interessant ist auch die Einschaetzung des amerikanischen Lebensmittelhandels ueber die Nutzenpotentiale der Einfuehrung von Efficient Customer Response (ECR) im US-Lebensmittelmarkt. Sie geht von Einsparungsmoeglichkeiten von zehn bis zwoelf Prozent des Umsatzes aus, wovon - in der Fachsprache des Handels ausgedrueckt - jeweils etwas ueber vier Prozent auf "Efficient promotions" und "Efficient replenishment" (in etwa Werbemassnahmen und Nachbestellung), zwei Prozent auf "Efficient store assortments" (Sortimentsgestaltung) und knapp ein Prozent auf "Efficient product development" (Produkteinfuehrung) entfallen.

Diese Argumente sprechen fuer sich. Doch die Entwicklung eines WWS fuer ein Unternehmen verlangt die Beruecksichtigung der unterschiedlichsten Aspekte.

Wer sich mit Warenwirtschaftssystemen befasst, muss sich zunaechst einmal mit unterschiedlichsten Definitionen auseinandersetzen. Grundsaetzlich ist ein WWS ein Modell der Handelsaktivitaeten eines Unternehmens. Rein formal lassen sich diese Aktivitaeten in vier Ebenen untergliedern:

1. Das Warenprozessmodell:

Es bildet auf der untersten Ebene die physischen Warenfluesse ab, also das Entladen, Einlagern, Kommissionieren, Transportieren der Ware. Das alles kann, muss aber nicht, in einem DV-System abgebildet werden. Die damit verbundenen immensen Informationsmengen bewegen Unternehmen heute dazu, diese Vorgaenge nicht auf Karteikarten, sondern eben in einem DV-System abzubilden.

2. Das Dispositionsprozessmodell:

Hier geht es um die Beruecksichtigung von Warenbestellung, Auftragseingang, Rechnungseingang, Rechnungspruefung, Rechnungsschreibung, Lieferscheinschreibung, Inventur und andere Vorgaenge, die durch die Warenprozesse ausgeloest werden oder diese ausloesen.

3. Das Abrechnungsprozessmodell:

Als dritte Ebene eines WWS bildet dieses Modell die beiden ersten wertmaessig ab, bezieht also Einkaufs- sowie Verkaufspreise und - konditionen ein. Weil die Waren- und besonders die Dispositionsprozesse eines Unternehmens nachhaltig durch die Preispolitik beeinflusst werden, wird in diesem Zusammenhang die Modellierung der Preispolitik als Aufgabe des WWS angesehen. Das WWS muss auf jeden Fall eine integrierte Betrachtungsweise dieser Themenschwerpunkte zulassen.

4. Informations- und Planungsprozesse:

Auf dieser Ebene werden alle Informationen ueber saemtliche Waren-, Dispositions- und Abrechnungsprozesse gesammelt und den Steuerungs-, Kontroll-, Optimierungs- sowie Planungsprozessen zur Verfuegung gestellt. Auf diesem Level des WWS werden Sortimente, Preise und Bestaende ebenso wie alle damit in Verbindung stehenden Waren-, Dispositions- und Abrechnungsprozesse gesteuert, kontrolliert, optimiert und geplant.

Computer vergroessern das Einsatzspektrum

Von den begrifflichen Definitionen her sind in dem hier betrachteten Umfeld geschlossene und mehrstufige Warenwirtschaftssysteme relevant. In einem geschlossenen WWS werden die Warenbestaende in allen Unternehmenseinheiten artikelgenau gefuehrt.

Warenwirtschaftssysteme sind - gerade im Hinblick auf Geschlossenheit und Mehrstufigkeit - nach wie vor eines der wesentlichen Entwicklungsziele in den Organisations- und DV- Abteilungen von Handelsbetrieben. Derzeit lassen sich allenfalls Wareneingang und -ausgang artikelgenau erfassen. Defizite gibt es noch in der Bestandsfuehrung. Sie erfordert neben dem Einsatz von DV und zum Beispiel von Scannerkassen auch organisatorische Massnahmen wie die artikelgenaue Erfassung von Wareneingaengen, von Bruch, Verderb, Inventurdifferenzen und anderem.

Ein WWS gilt als mehrstufig, wenn alle Anforderungen eines filialisierenden Unternehmens von der Zentrale ueber regionale Niederlassungen und Laeger bis hin zu verschiedenen Vertriebsschienen und den Filialen abgedeckt werden. Mehrstufige WWS bieten damit sowohl Grosshandels- als auch Einzelhandels- Funktionalitaeten, weil zum Beispiel eine regionale Niederlassung gegenueber ihren Filialen wie ein Grosshaendler auftritt.

Damit ist die Komplexitaet von WWS verdeutlicht: Das WWS eines internationalen Handelskonzerns ist nicht mit dem eines Tante- Emma-Ladens an der Ecke vergleichbar. Die enormen technischen Fortschritte im Bereich der Hard- und Software haben in den letzten Jahren massgeblich dazu beigetragen, das Einsatzspektrum von WWS wesentlich zu vergroessern und auch Abstufungen sowie individuelle Loesungen zuzulassen.

Dennoch gibt es erhebliche Defizite zwischen dem heute technisch Moeglichen und der Realitaet in den Handelsbetrieben. Beispiel artikelgenaue Bestandsfuehrung: Sie ist auf der Grosshandelsstufe und in den Laegern weitgehend realisiert, in den Filialen, besonders im Konsumgueterhandel, eher die Ausnahme. Es gibt aber noch viel gravierendere Maengel, etwa wenn grosse Handelskonzerne ihre Sortimente nicht im Griff haben, keine unternehmensweiten Artikelnummern benutzen oder ihr WWS nicht einmal die wertmaessigen Einkaufsvolumen pro Region oder Vertriebsschiene kennt.

Die Hauptgruende fuer derartige Defizite liegen in der Regel nicht in fehlenden Ideen oder einer Unterschaetzung des Stellenwerts von WWS, sondern in der DV-technischen Realisierung solcher Systeme. Sie kommen oft mit dem Tempo, in dem immer neue Anforderungen gestellt werden, nicht mit. Die Gruende:

- fehlende Gesamtkonzeption,

- unzureichende Datenmodellierung,

- zu lange Entwicklungsdauer,

- Ueberalterung,

- fehlende Dokumentation sowie

- mangelhafte Integration der einzelnen Teilsysteme.

Dabei wurde das Potential fuer eine Steigerung der Leistungsfaehigkeit der WWS durch die rasante Entwicklung im Hardwarebereich wesentlich vergroessert. Zu nennen sind hier - als Symbol fuer geschlossene WWS - die Scannerkasse, die die artikelgenaue Bestandsfuehrung fuer viele Handelsbetriebe erst moeglich gemacht hat; darueber hinaus Waagen fuer den Bedienungs- und Selbstbedienungsverkauf, im Checkout-Bereich, elektronische Regalanzeige, mobile Datenerfassungsgeraete und anderes mehr.

Auch vom Softwarebereich her wachsen die Moeglichkeiten von WWS. Als Beispiele hierfuer seien die Einfuehrung relationaler Datenbanken, Client-Server-Architekturen und grafischer Benutzeroberflaechen genannt, die dem Anwender mehr Komfort bringen. Diese neuen Techniken bedeuten aber auch immer mehr Komplexitaet in der Entwicklung von WWS. So muss heute bei Systemen fuer den filialisierenden Handel durchaus mit Aufwendungen von weit ueber 100 Mannjahren fuer die Software-Entwicklung gerechnet werden.

Inzwischen wurden einige Ansaetze entwickelt, um diese Komplexitaet besser zu beherrschen. Zum Beispiel das Konzept der "operativen Einheiten", mit dem versucht wird, das komplexe, umfassende WWS aufzubrechen und statt dessen ein Netzwerk kleiner, kompakter und moeglichst einfacher WWS zu schaffen. Diese einzelnen WWS sollten dabei soweit wie moeglich mit identischen Grundfunktionalitaeten auskommen, der Wareneingang einer Filiale also zum Beispiel mit derselben Grundfunktion abgebildet werden wie der im Lager oder in der Disposition.

Standardsoftware tut's auch und ist in

Bei der Realisierung von WWS schworen in den 80er Jahren viele Unternehmen auf Eigenentwicklungen, weil WWS von so entscheidender Bedeutung fuer die Erlangung von Wettbewerbsvorteilen seien. Doch ist selbstentwickelte Software heute veraltet und mit vertretbarem Kosten- und Zeitaufwand kaum noch zu warten. Neue Individualentwicklungen sind viel zu teuer und nehmen zuviel Zeit in Anspruch. Standardsoftware ist leichter einzufuehren, aenderungsfreundlicher, preiswerter, und Hersteller gewaehrleisten in der Regel eine permanente Weiterentwicklung des Produkts.

Ein weiteres schlagendes Argument fuer Standard-WWS ist die Tatsache, dass das Angebot an leistungsfaehigen Systemen inzwischen gross ist. Das Deutsche Handelsinstitut fuehrt in seiner Studie "WWS fuer den Einzelhandel" insgesamt 50 verschiedene Systeme auf, von denen die meisten auf die Anforderungen mittelstaendischer Handelsbetriebe oder auf die einer bestimmten Branche zugeschnitten sind. Der WWS-Report von Ploenzke aus dem Jahr 1993 untersucht zwoelf Produkte im mittleren und oberen Leistungsbereich und stellt Kriterien fuer die Beurteilung der Leistungsfaehigkeit solcher Produkte auf.

Selbst Standardprodukte sind heute in der Lage, ueber sehr flexible Konzeptionen alle Informationen ueber Waren-, Dispositions- und Abrechnungsprozesse in beliebigem Detaillierungsgrad bereitzustellen. Handelsunternehmen koennen durch die individuelle Umsetzung dieser Moeglichkeiten Wettbewerbsvorteile erzielen.

Es ist absehbar, dass sich der Trend zu einer weiteren Automatisierung von Ablaeufen innerhalb und ausserhalb von Unternehmen weiter positiv auf den Leistungsumfang von WWS auswirken wird. Dies duerfte zum Beispiel auf automatische Bestellverfahren fuer Laeger und Filialen, auf automatische Regalauszeichnung und den Trend zu einer hoeheren Automatisierung in der Logistik zutreffen.

Viele weitere Einsatzfelder

Ein weiteres Rationalisierungspotential liegt in der Automatisierung der zwischenbetrieblichen Waren- und Dispositionsprozesse bezueglich Wareninformationen, Bestellungen, Lieferavis, Lieferscheinen und Rechnungen, und zwar durch die direkte Kommunikation der Materialwirtschaftssysteme der Hersteller mit den WWS der Handelsunternehmen. Dafuer wurden auch Verfahren und Normen wie Sedas, Sinfos und Edifact (EDI fuer Administration, Commerce and Technology) definiert. Die Kooperation zwischen Herstellern und dem Handel durch eine staerkere Verzahnung des Informationsflusses traegt deutlich zur Kostenminimierung im Warengeschaeft bei. Denn Aufgaben, die frueher klar dem einen oder dem anderen zugeordnet waren, lassen sich durch WWS koordinieren und gemeinsam abwickeln.

Von daher ist es auch absehbar, dass sich Warenwirtschaftssysteme in den naechsten Jahren zu einem noch wichtigeren Instrument der Unternehmensfuehrungen entwickeln werden. Waehrend heute meist technische Ablaeufe wie die Abbildung der Waren- und Dispositionsprozesse im Mittelpunkt stehen, wird die naechste Generation der WWS vermehrt Marketing- und Controlling-relevante Funktionalitaeten bereitstellen. Dazu wird die Informationsbasis durch die Integration von Konsumenten- und Konkurrentendaten erweitert; es werden Datenanalyse-Instrumente implementiert und Entscheidungsunterstuetzungs-Systeme realisiert. Das kann so aussehen, dass etwa die Sortimentsteuerung computergestuetzt erfolgt, wobei die Informationen dazu aus einzelnen Instrumenten wie Scanning-Auswertung, Regalplatzoptimierung und direkter Produktrentabilitaet uebernommen werden.

Ein weiteres neues Einsatzgebiet von WWS wird die Entscheidungsunterstuetzung in den Bereichen Standortauswahl, Lieferantenpolitik, Warenpraesentation und Preispolitik sein. Damit entwickeln sich Warenwirtschaftssysteme zu einem der wichtigsten Steuerungsinstrumente fuer das Handelsunternehmen der Zukunft.

*Dr. Joachim Hertel ist Geschaeftsfuehrer der Dacos Software GmbH in St.Ingbert/Saarland