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03.04.2007

IT-Industrialisierung: Was ist das?

Axel Hochstein, Nico Ebert, Falk Übernickel und Walter Brenner
Der erste Teil der neuen COMPUTERWOCHE-Serie stellt die vier Prinzipien der Industrialisierung vor und überträgt sie auf den IT-Service-Bereich.

Von Axel Hochstein, Nico Ebert, Falk Übernickel und Walter Brenner

Fazit

Die konsequente Anwendung und Nutzung der Industrialisierungsprinzipien hat im vergangenen Jahrhundert die meisten Branchen grundlegend verändert. Die relativ junge Disziplin der IT hat diesen Wandel gerade erst begonnen und steht in den nächsten Jahren vor wesentlichen Veränderungen. Wer nicht als Verlierer daraus hervorgehen will, muss die Bedeutung der Industrialisierung in der IT gründlich durchdenken.

Vor allem in der industriellen Güterfertigung war im vergangenen Jahrhundert ein neues Phänomen zu beobachten: Die Industrialisierung führte dort zu enormen Produktivitätsgewinnen. Zunehmend versuchen die externen und internen IT-Dienstleister, diese Entwicklung zu kopieren.

Die IT-Services haben relativ spät mit der Industrialisierung begonnen, holen aber schnell auf.
Die IT-Services haben relativ spät mit der Industrialisierung begonnen, holen aber schnell auf.
Foto: Hochschule St. Gallen

Doch was bedeutet eigentlich das Schlagwort Industrialisierung? Und wie lässt sich diese Entwicklung auf den IT-Service-Bereich übertragen? Um diese Fragen zu beantworten, ist es sinnvoll, zunächst die vier Grundprinzipien dieses Phänomens zu betrachten:

Standardisierung und Automatisierung: Die Herstellkosten lassen sich enorm verringern, indem sowohl die Produkte als auch die Prozesse standardisiert werden. Als Paradebeispiel gilt hier Ford mit dem Verkauf seines T-Modells. Es war nur in Schwarz erhältlich (Produktstandardisierung), gleichzeitig führte der Hersteller in der Produktion eine strenge Arbeitsteilung und die Fließbandfertigung ein (Prozessstandardisierung). Auf der Grundlage standardisierter Prozesse ist auch deren Automatisierung erreichbar.

Modularisierung: Eine modul- und komponentenorientierte Herstellung erlaubt es, Produkte trotz standardisierter und damit kostengünstiger Prozessabläufe zu individualisieren. So basieren beispielsweise die Modelle VW Golf, Audi A3, Skoda Octavia, Seat Cordoba, Seat Toledo, VW Vento und VW Beetle alle auf derselben Plattform. Mehr noch: Derzeit rollen pro Jahr nur zwei komplett identische VW-Golf-Modelle vom Montageband.

Kontinuierliche Verbesserung: Mit Hilfe von Qualitätskonzepten angefangen beim Deming-Cycle über Kaizen und Total Quality Management (TQM) bis zu Six Sigma versuchen die Unternehmen, ihre Produktionsabläufe ständig zu verbessern. Gleichzeitig streben sie danach, die Prozessverbesserung mess- und steuerbar zu machen.

Konzentration auf Kernkompetenzen: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, haben die Unternehmen im vergangenen Jahrhundert ihre Wertschöpfungstiefe branchenübergreifend verringert. Dabei lagerten sie ineffiziente und wenig wettbewerbsfähige Wertschöpfungsstufen konsequent an Anbieter mit höherem Potenzial für Skaleneffekte aus.

Diese vier Prinzipien lassen sich auf den Dienstleistungssektor übertragen; man denke nur an typische Prozessabläufe, Produkte und Trends in Banken oder in Fast-Food-Restaurants. In der IT, einer relativ jungen Industrie, sind sie noch nicht im selben Maß berücksichtigt. Doch auch hier gewinnen sie in jüngster Zeit an Bedeutung.

Standard und Automatisierung

Die angestrebte Standardisierung von IT-Services ("IT-Commodities") ist Kernbestandteil der Debatte um "IT as a commodity". Zunächst war von standardisierten Angeboten ausschließlich im Zusammenhang mit Hosting und Standardsoftware die Rede. Mittlerweile gehen Themen wie Software as a Service (SaaS) oder Enterprise Services einen Schritt weiter; hier werden standardisierte Produkte in kombinierter Form angeboten.

So ist es beispielsweise möglich, eine Standardlösung für das Kundenbeziehungs-Management schnell und günstig über eine Web-Oberfläche zu beziehen ohne aufwändige Tests, Installationsprojekte und Betriebskonzepte. Auf diese Weise können sich künftig auch die CIOs kleiner und mittelständischer Unternehmen Softwarelösungen leisten, die aufgrund des hohen Einführungsaufwands früher nur für Großkonzerne wirtschaftlich nutzbar waren. Die Nachteile dieser Standardisierung ähneln den Beschränkungen des T-Modells: Auf kundenindividuelle Ansprüche kann keine Rücksicht genommen werden.

Das Capacity Maturity Model, kurz CMM, später weiterentwickelt zu CMMI, bedeutete 1991 den Beginn der Prozessstandardisierung in der IT. In ihren Anfängen waren diese Bestrebungen weitgehend auf die Softwareentwicklung beschränkt. Heute wird gemäß der IT Infrastructure Library (Itil) sowie der Control Objectives for Information and Related Technology (Cobit) versucht, auch die Prozesse in anderen IT-Bereichen, beispielsweise Service-Management und IT-Governance, zu standardisieren. Mit geeigneten Tools lassen sich dann beispielsweise die nach Itil gebildeten Betriebsprozesse eines IT-Dienstleisters nach und nach automatisieren.

Durch die Einführung von Itil allein schöpfen die Unternehmen typischerweise Einsparpotenziale von fünf bis 15 Prozent der Betriebskosten aus, wobei auch weit dramatischere Kostensenkungseffekte bekannt wurden. Zudem können die CIOs Betriebsabläufe einfacher an einen externen Dienstleister vergeben, wenn sowohl die eigenen als auch die fremden Prozesse bereits nach Itil standardisiert sind.

Modularisierung in der IT

Durch Virtualisierungstechniken wie Grid-, Blade- oder Utility-Computing schafft die IT-Branche derzeit die Voraussetzungen für Plattformen, auf denen unterschiedlichste IT-Services produziert werden können. Service-orientierte Architekturen (SOA) sollen eine einfache Einbindung und Komposition standardisierter Funktionsbausteine ermöglichen, die sich dann zu komplexen IT-Services zusammenfügen lassen.

Die IT-Organisation der Credit Suisse hat beispielsweise (Stand 2006) bereits 1500 Services definiert und implementiert. Die einzelnen Services lassen sich heute schon standardisiert herstellen. Durch deren unterschiedliche Komposition entstehen kundenspezifische Angebote analog zu den individuell konfigurierten VW-Golf-Modellen. Damit sind die IT-Abteilungen idealerweise in der Lage, jeweils ein für den Anwender passendes IT-Produkt zu konfigurieren, das sich gleichwohl aus Standardkomponenten zusammensetzt. Im Sinne der "Mass Customization" lassen sich so die Skaleneffekte einer standardisierten Fertigung nutzen, aber trotzdem individuelle Lösungen anbieten.

Kontinuierliche Verbesserung

Statt riskante und wirtschaftlich nicht gerechtfertigte IT-Projekte zu unternehmen, werden heute vielfach IT-Services definiert, entwickelt und ausgeliefert, die sich konsequent an den Anforderungen der Fachseite ausrichten. Die Qualitätsniveaus werden mit den Fachabteilungen ausgehandelt, in Service-Level-Agreements (SLAs) vertraglich festgehalten und durch Operative-Level-Agreements (OLAs) intern abgesichert. Die Aufgabe des CIO besteht darin, zur Fachseite die SLAs und zur Provider-Seite die OLAs miteinander in Einklang zu bringen und kontinuierlich zu überwachen.

Zunehmend verwendet die IT auch Qualitätskonzepte aus der industriellen Fertigung. So lässt sich derzeit eine steigende Verbreitung des Six-Sigma-Konzepts beobachten. Mit Hilfe dieses Ansatzes werden die IT-Prozesse vom Anwender bis zu den Providern daraufhin untersucht, inwieweit sie einen Beitrag zur Qualität der IT-Produkte leisten.

Dennoch ist der Bedarf für Qualitätsverbesserungen in der IT nach wie vor hoch. Nach Expertenschätzungen verwenden viele Unternehmen immer noch 30 Prozent des IT-Betriebsbudgets für "Costs of Poor Quality".

Kernkompetenzen

Eine standardisierte Produktion erhöht generell die Skaleneffekte. Zudem erleichtert sie es, Komponenten fremdzubeziehen und damit die Skaleneffekte eines Dritten zu nutzen. Davon macht auch die IT zunehmend Gebrauch sowohl in der Entwicklung als auch im Betrieb.

Folglich dominieren Lieferanten-Management sowie Architektur- und Vertriebsthemen immer häufiger die Organisations-Charts der CIO-Offices. Die Produktion besteht zum Teil nur noch aus der Komposition von IT-Services und entspricht damit den Montagestraßen der Automobilhersteller. (qua)