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Mit APO das System verändern


26.07.2002 - 

IT-Industrie setzt Trainingsstandards

Das wohlbekannte Kürzel APO muss sich nicht immer auf die 68er Zeit beziehen. Neuerdings steht es für "Arbeitsprozessorientierte Weiterbildung in der IT-Branche". Erste Erfahrungen liegen jetzt vor. Von Helga Ballauf*

Andreas Weckerle hat es geschafft: Er hat sich bei der Deutschen Telekom in Ulm das Spezialistenprofil Netzwerkadministrator erarbeitet - im wahrsten Sinn des Wortes. Der junge Kommunikationselektroniker erhielt den Auftrag, den Domain-Name-Server des Unternehmens neu aufzubauen, das Herzstück jedes Internet-Providers, das Domain-Namen in IP-Adressen umwandelt.

"In meiner Erstausbildung habe ich ganz wenig über Netzwerkadministration erfahren", berichtet Weckerle. Nun aber musste er verschiedene Betriebssysteme und Netzwerkkomponenten aufeinander abstimmen und den Umgang mit Geräten und Software einfacher gestalten. Er lernte, sich die fehlende Fachkompetenz selbst anzueignen: "Ich holte mir Informationen aus Büchern und dem Netz, besprach mich mit Kollegen und zog bei Problemen den Fachberater hinzu."

Künftig 29 Spezialistenprofile

Weckerle war einer von elf Teilnehmern des APO-Pilotprojekts bei der Telekom. Jeder Lernende bekommt bei diesem Weiterbildungskonzept einen persönlichen Fachberater, der über inhaltliche Hürden hilft, sowie einen "Prozessberater". Dessen pädagogische und methodische Funktion beschreibt Weckerles Coach, Karl Höb: "Zunächst treffen Teilnehmer und Prozessberater eine Qualifizierungsvereinbarung über Ziel und Zeitrahmen des Projekts. In regelmäßigen Reflexionsgesprächen überprüfen wir den Stand. Schließlich bereite ich den Teilnehmer auf die professionelle Dokumentation und Präsentation der Ergebnisse vor."

Bei der Arbeit lernen - das ist eigentlich ein alter Hut. Der APO-Ansatz bringt drei neue Elemente: die Reflexion des "nebenbei" Gelernten, die Erweiterung des Wissens über das konkrete Projekt hinaus und den standardisierten Abschluss. Unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik (ISST) sind Firmen- und Gewerkschaftsvertreter, Sachverständige von Weiterbildungsinstituten und Berufspädagogen dabei, bis 2005 für 29 Spezialistenprofile Qualitätsstandards sowie Handreichungen fürs Lernen vor Ort zu erstellen. Die gesamte Entwicklungsarbeit ist Teil der "IT-Qualifizierungsoffensive" - im Bündnis für Arbeit verabredet und aus Steuergeldern finanziert (www.apo-it.de).

Für den Netzwerkadministrator steht das Curriculum bereits: Vom "Analysieren der Anforderung" über das "Reaktive Entwickeln von Ad-hoc-Lösungen, falls notwendig" bis zum "Technischen Beraten von nichtfachlichen Projektleitern" reichen die beschriebenen Kompetenzfelder im Change-, Fault-, Performance- und Security-Management sowie in Organisation und Beratung (mehr unter: www.kib-net.de).

Es lohnt sich für die Deutsche Telekom, als Pilotbetrieb dabei zu sein: Der Konzern prägt jene Berufsprofile mit, die Branchenstandard werden sollen, sorgt hausintern für den hoch qualifizierten Nachwuchs, der auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden ist, und kann erproben, ob diese IT-Weiterbildung eine Dienstleistung sein kann, die das "Telekom Training Center" künftig Dritten anbietet. Für den Ulmer Ausbildungsleiter Höb ist das betriebliche Selbstlernkonzept eine logische Konsequenz aus Veränderungen in Berufspädagogik und Arbeitsorganisation. Statt Unterweisen und Nachvollziehen heiße nun das Lernziel: Probleme lösen können. Höb sagt besonders zu, dass der APO-Prozess zeitlich flexibel ist und sich individuell auf Vorkenntnisse und Lerntempo der Teilnehmer zuschneiden lässt: ein Vorteil, der nicht nur Quereinsteigern zugute kommt.

Probleme lösen statt lernen

Der Ausbildungsleiter glaubt, dass sich das Modell auch für Klein- und Mittelbetriebe eignet: "Interessierte Chefs und Teilnehmer gibt es überall, fähige Fachberater ebenso. Den Prozessberater kann man sich im Firmenverbund leisten oder von einem Bildungsträger holen." Klaus Küper, APO-Verantwortlicher der Telekom, ergänzt: "Diese Form der Weiterbildung ist erheblich teurer als ein Seminarbesuch, weil jeder Teilnehmer individuell betreut wird. Aber gleichzeitig bringt der Arbeitnehmer ja etwas ein, weil er konkrete Aufträge erledigt. Unterm Strich lohnt es sich."

Das sieht der IT-Weiterbildungsexperte der IG Metall, Michael Ehrke, ähnlich: "Wir müssen transparent machen, welchen Nutzen APO für kleine Unternehmen hat, aus denen die deutsche IT-Branche ja hauptsächlich besteht." Ein paar Mittelständler gestalten als "Entwicklungspartner" die Spezialistenprofile mit. Außerdem laufen in mehreren Bundesländern Versuche, Weiterbildungsnetzwerke zu knüpfen.

Weckerle hat zunächst nur eine vorläufige Bestätigung in der Hand, sich als Netzwerkadministrator qualifiziert zu haben. Ende des Jahres soll eine unabhängige Zertifizierungsstelle für die Spezialistenberufe starten.

Wenn der aufstiegsorientierte junge Mann den arbeitsprozessorientierten Lernweg fortsetzt, kann er zunächst auf der Ebene der "operativen Professionals" einen dem Bachelor vergleichbaren und später sogar einen Master-ähnlichen Qualifikationsgrad erreichen. Das Werkzeug, um aus Informationen anwendbares Wissen und reflektiertes Können zu formen, hat sich der Netzadministrator gerade angeeignet: "Die größte Herausforderung war die Projektdokumentation und die Präsentation des Ganzen bei der Prüfung. Ich wünschte, ich hätte schon früher gelernt, wie man kommuniziert, selbständig arbeitet und Entscheidungen trifft."

Kein elitäres Konzept

Noch steht das ehrgeizige APO-Projekt ganz am Anfang. Diverse Bewährungsproben sind zu bestehen, beispielsweise die Frage der Teilnehmerauswahl: Kommt das Konzept womöglich nur den High Potentials im Betrieb zugute und lässt die durchschnittlichen Mitarbeiter und vor allem die Arbeitslosen außen vor? IG-Metaller Ehrke sieht die Betriebsräte am Zug, damit APO kein "elitäres Konzept" wird, sondern Teil einer betrieblichen Qualifizierungsstrategie, mit der die Interessen des Unternehmens und die der Beschäftigten austariert werden: "Da steckt Zündstoff drin."

Ähnlich brisant ist die Frage, ob ein betriebliches Weiterbildungskonzept für arbeitslose Umschüler passen kann. Der Gewerkschafter konzediert: "Die Bildungsinstitute müssen sich bei unserer Reform am meisten bewegen." Kurt Scherübl war als Vertreter des Weiterbildungsträgers CDI an der Definition der Spezialistenprofile beteiligt: "Wir haben zusammen mit dem Fraunhofer-Institut und der Firma Oracle beschrieben, was ein ''Datenbankentwickler'' können muss." Die seriösen Institute begrüßten allgemeingültige Berufsprofile und Standards, meint Scherübl, weil es so leichter falle, sich von den schwarzen Schafen der Branche abzusetzen. Allerdings sei in der ersten APO-Planungsphase übersehen worden, dass Bildungsinstitute arbeitsprozessorientiertes Lernen nicht in Reinkultur anbieten können. Das wird jetzt nachgeholt, gemeinsam mit dem Geldgeber der Umschulungsmaßnahmen für Arbeitslose, der Bundesanstalt für Arbeit. (hk)

*Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.