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21.06.1996 - 

IT im Gesundheitswesen/Reformchancen für das gesamte Gesundheitswesen:

IT-Integration nutzt nicht nur dem einzelnen

"Reparatureingriffe" beim Menschen sind so alt wie die Zivilisation selbst. Doch während in der Medizingeschichte so manches kuriose Heilverfahren als Rundumschlag gegen böse Säfte oft mehr Verdruß als Genesung brachte, sorgt in heutigen Zeiten Assistent Computer zunehmend für die Diagnose und unterstützt die Auswahl des geeigneten Heilverfahrens. Medizin und DV-Technik sind eine Symbiose eingegangen, die von der Ausbildung der Ärzte bis hin zur DV-gestützten Operation und Nachsorge reicht. Neustes Mitglied des Verbunds ist die Telekommunikation.

Rund 110000 niedergelassene Ärzte, 21000 Apotheken, 5300 Radiologen, 3600 Kliniken und 300 Labors sorgen sich um das physische Wohlergehen der Deutschen.

Wie die Telekom errechnete, werden pro Jahr etwa 600 Millionen Krankenscheine, 700 Millionen Laboranalysen und 950 Millionen Rezepte vorläufig noch per gelbe Post verschickt. Allein an diesen Daten ist zu erkennen, welche Bedeutung die Telekommunikation und der Ausbau der entsprechenden Übermittlungsverfahren für ein gut funktionierendes Gesundheitswesen besitzen - und welches Marktvolumen hinter den Bemühungen der vielen Unternehmen steckt, die sich aufgemacht haben, diesen Markt zu erobern. Die Probleme, die sich inzwischen bei der Ausgestaltung dieses Segments auftun, sind allerdings nur bedingt technologischer und durchaus auch politischer und gesellschaftlicher Natur.

Vom technologischen Standpunkt her entwickelte sich der Computer in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einem fast unentbehrlichen Hilfsmittel des medizinischen Handwerks.

Bereits in der Ausbildung der heutigen Mediziner wird seit geraumer Zeit computergestützt gearbeitet. Während man sich jedoch in der Vergangenheit zumeist mit Text und einfacher Grafik behalf, ist durch die rapide Entwicklung der Multimedia-Technik ein auch qualitativ hochwertiger neuer DV-Zweig entstanden. So arbeiten die Studenten heute mit 3D-Modellen und Atlanten des menschlichen Körpers, die kein Lehrbuch mehr in dieser Form vermitteln könnte. Als eines der aufsehenerregendsten Projekte gilt hier der Anatomieatlas "The Visible Man" der National Library of Medicine. Der Corpus eines Mannes wurde in rund 2000 Segmente aufgeteilt und die Schnitte jeweils digitalisiert. Auch eine "Visible Woman" ist in Vorbereitung.

Viele Forschungsstätten befassen sich neben der dreidimensionalen Aufarbeitung der medizinischen Grunddaten mit der Simulation und Entwicklung neuer schonender Operationsmethoden. So ist es mittlerweile möglich, mit Systemen, die die Bilddaten eines individuellen Patienten importieren können, schon im Vorfeld zu entscheiden, ob eine Operation konventionell oder mit der sogenannten minimal-invasiven Methode durchgeführt wird. Bei diesen Operationen werden nur kleine Einschnitte vorgenommen, durch die die entsprechenden Instrumente in den Körper des Patienten eingeführt werden und von außen über Kameras gesteuert die Operation vorneh- men.

Der Vorteil dieser Verfahren, mit denen sich in der Bundesrepublik das Fraunhofer-Institut, die GMD sowie verschiedene Universitätskliniken und Institute befassen, liegt nicht nur darin, daß der Patient weniger Schmerzen erleidet, sondern vor allem auch in einer schonenderen Behandlungsart und schnelleren Rekonvaleszenz. Die Verweildauer im Krankenhaus läßt sich so zum Teil um mehrere Tage verkürzen.

Der Monitor wird dabei zum wichtigsten Hilfsmittel des Mediziners. Versuche haben gezeigt, daß Datenhelme zur Steuerung und Visualisierung hier nicht besonders geeignet sind: In (glücklicherweise simulierten) hochkri- tischen Situationen haben sich Mediziner im Streß auch schon mal den Helm vom Kopf gerissen.

Die neuen Verfahren, die in den letzten Jahren für Praxis und Ausbildung entwickelt wurden, bieten zwar zusätzliche Möglichkeiten der medizinischen Versorgung, erfordern aber auch mehr Geschick und Training bei der Ausführung.

Bei einer Arthroskopie, die häufig zur Untersuchung des Kniegelenks eingesetzt wird, dauert es mehrere Jahre, bevor ein auszubildender Arzt eine eigenverantwortliche Untersuchung durchführen darf. Zu groß ist die Verletzungsgefahr, die beispielsweise durch einen zu hohen Kraftaufwand bei der Einführung der endoskopischen Instrumente entstehen können. So arbeitet beispielsweise die Technische Hochschule Darmstadt an einem Arthroskopiesimulator, in den auch Tasteindrücke und Kraftrückkopplung integriert sind.

Neben der Entwicklung virtueller Ausbildungsverfahren zum Erlernen neuer Operationsmethoden und der Forschung in puncto schonendere Operationsverfahren gilt ein Forschungszweig dem Einsatz von Robotern zu Unterstützung der Chirurgen. An der Frankfurter Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik arbeitet seit wenigen Jahren ein solcher Roboter mit dem bezeichnenden Namen "Robodoc". Er wird zum Ausbohren eines Oberschenkelknochens für den Einsatz einer Hüftgelenkprothese eingesetzt und leistet diese Arbeit mit sehr viel größerer Genauigkeit, als sie ein Chirurg jemals vollbringen könnte. Patienten, die sich einer solchen Operation - die selbstverständlich von Ärzten überwacht wird - unterzogen hatten, äußerten sich hinterher sehr zufrieden über das Ergebnis.

Ausbildung in Medizininformatik

Doch nicht nur die Ausbildung an operativ unterstützender DV des Medizinbereichs gewinnt an Bedeutung. Zunehmend gefordert wird allgemein eine Ausbildung der Ärzte im Bereich medizinischer Informatik. Nach einer Erhebung der Ärztekammer Nordrhein- Westfalens, die mit zwölf Prozent aller niedergelassenen Ärzte zu den größten Deutschlands gehört, wurden dort nur jährlich ein bis zwei Ärzte entsprechend weitergebildet. Dies erscheint auch den Verantwortlichen der Ärztekammer als nicht ausreichend, da sowohl im Krankenhaus als auch in den einzelnen Arztpraxen zunehmend komplexere DV-Lösungen eingesetzt werden. Insbesondere die Dokumentation medizinischen Materials und die Zusammenarbeit zwischen Klinikverwaltung, Station, Labor und Operationssaal erforderten Kenntnisse, die im Do-it-yourself-Verfahren nicht mehr zu erlangen seien. Die Ärztekammer selbst bietet ein solches Seminar an. In einem mehrmonatigen Kurs behandeln die Mediziner Themen wie die Grundlagen der Informationsverarbeitung, Konzepte und Methoden der medizinischen Informatik oder auch medizinische Biometrie. In dem Fach geht es um Verfahren medizinischer Statistik sowie um die Planung und Auswertung von Studien in Diagnostik, Therapie und Prognose. Einen weiteren großen Part nehmen die betriebswirtschaftlichen Aspekte des Gesundheitswesens ein - der Medizinbetrieb als Dienstleister steht zur Diskussion.

Aufbau eigener Ärztenetzwerke

Einen nicht unerheblichen Beitrag zum Fortschritt des DV-Einsatzes in der Medizin leistet das Internet mit seinen Quellen und Möglichkeiten des Datentransfers. Gleichzeitig aber werfen sich hier neue Fragen auf, die noch einer Diskussion bedürfen. So ist zum Beispiel die Frage des unberechtigten Zugriffs auf Patientendaten noch weitgehend ungeklärt. Nach Meinung von Datenschutzbeauftragten und Sicherheitsexperten ist der Einsatz sogenannter Firewalls nicht ausreichend, um derart sensible und persönliche Daten zu schützen.

Mitglieder des Ärzteverbands Marburger Bund fordern auch aus diesem Grund, daß beim Aufbau eigener Ärztenetzwerke, so wie sie jetzt von verschiedenen Unternehmen und Zusammenschlüssen geplant werden, die Bestimmung der inhaltlichen Standards in den Händen der Mediziner verbleiben.

Die Vorteile einer Vernetzung sind nicht von der Hand zu weisen. Teure Doppeluntersuchungen bei Überweisungen zum Beispiel können entfallen, die Krankengeschichte ist bei einer Verlegung des Patienten ohne Probleme verfügbar, und in Notfällen kann die benötigte Information schnellstmöglich abgerufen werden. Vor allem aber bietet die Telemedizin einen Vorteil für den Patienten auf dem OP-Tisch: Der operierende Arzt kann über ein Netzwerk jederzeit Rücksprache mit einem anderen Spezialisten halten.

Im Zuge der Globalisierung unserer Welt ist ein schneller Datenaustausch im medizinischen Bereich auch von anderer grundlegender Bedeutung. So gelangten über das Internet Daten über die Ebola-Seuche im weltweiten Verbund ebenso schnell zu den Forschungseinrichtungen wie Informationen über den Rinderwahn.

Die Crux der DV in der Medizin liegt wie so häufig im Bereich der Kosten und der Abrechnungsverfahren. Untersuchungen in Niedersachsen haben gezeigt, daß sich Krankenhäuser aufgrund der unterschiedlichen Leistungsbandbreite nur schwer miteinander vergleichen lassen. Andererseits bieten die heutigen Technologien immenses Einsparpotential durch präzisere Diagnosen, eine effektivere Behandlung und kürzere Verweilzeiten der Patienten allgemein.

So geht ein Trend hin zu spezialisierten Krankenhäusern, schreibt das Fachorgan "Krankenhaus Umschau". Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Dr. Ellis Huber, fordert deshalb auch ein grundlegendes Überdenken des Finanzierungssystems und eine Krankenversorgung ohne sektorale Abschottung. Anstelle eines Pflegesatzes sollen am Ende eines Jahres die Pro-Kopf-Kosten je versorgter Bürger ermittelt werden. Nach seinen Vorstellungen hat das Krankenhaus der Zukunft keine Abteilungen mit Chefärzten mehr, sondern interdisziplinär arbeitende Teams, die fallbezogen eine Behandlung als einen Prozeß ansehen.

Die Kultur des Heilens ist in Hubers Augen ein höheres Gut als die Strukturen in den Einrichtungen des Gesundheitswesens - DV und Kommunikation könnten hierzu einen guten Beitrag leisten.

Angeklickt

Apparative Medizin und Verwaltung sind heute sicher noch nicht optimal verknüpft. Die Rundum-Digitalisierung unterstützt jedoch den Trend. Ferner beschleunigt das Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) diesen laufenden [25] Prozeß. Gefordert wird bereits eine Ausbildung der Ärzte auch im Bereich medizinische Informatik. Zur Zeit nehmen jedoch nur zwei Prozent der Ärzteschaft an derartigen Kursen teil. Die Vielzahl der technischen und administrativen IT- Verfahren, die für das Gesundheitswesen zur Verfügung stehen und in den Klinik- und Praxisalltag intergriert werden müssen - mit steigender Tendenz -, machen derartige Kenntnisse für nahezu jeden Arzt unverzichtbar.

*Horst-Joachim Hoffmann ist freier Fachjournalist in München.