Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

29.03.2002 - 

Initiative von Branchenverbänden, Gewerkschaften und Bildungsministerium

IT-Kurssystem für Seiteneinsteiger

BERLIN (ho) - IT-Profis ohne Studium haben es schwer, auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Mit einem neuen IT-Weiterbildungssystem könnten sie Abschlüsse machen, die mit Bachelor oder Master vergleichbar sind - und das in realen Projekten, parallel zur normalen Alltagsarbeit.

Die Situation in der IT-Berufswelt ist unübersichtlich: Rund 400 ungeschützte Berufsbezeichnungen gibt es für die bunte Schar der IT-Profis. Ungefähr 80 Prozent der insgesamt 1,6 Millionen IT-Fachkräfte verfügen weder über ein Studium noch eine anerkannte Berufsausbildung wie etwa IT-Fachinformatiker, so die Schätzung des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektroniktechnik (ZVEI).

Besonders Seiteneinsteiger, die sich ihr Wissen durch die tägliche Arbeit angeeignet haben, könnten von dem neuen IT-Weiterbildungssystem profitieren. Entworfen und auf einem gut besuchten Kongress in Berlin vorgestellt haben es die Branchenverbände ZVEI und Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) sowie die Gewerkschaften IG Metall und Verdi in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). IT-Experten ohne formalen Abschluss können damit über eine standardisierte Qualifizierung Abschlüsse erlangen, die dem Bachelor oder dem Master entsprechen.

Interessant dabei ist, dass die Weiterbildung unter normalen Arbeitsbedingungen im eigenen Unternehmen erfolgt. In so genannten Referenzvorhaben, deren Kriterien noch vom Fraunhofer-Institut erarbeitet werden, erledigen die Teilnehmer ihre gewohnte Projektarbeit, die aber dokumentiert und abschließend bewertet wird. In einem Pilotvorhaben der Deutschen Telekom beispielsweise haben sich vom Mai 2001 bis Februar 2002 zwölf Mitarbeiter auf diese Weise zum Netzwerk-Administrator weitergebildet. Eines der Referenzprojekte war der Aufbau eines Router-Netzes innerhalb der Telekom.

Das praxisnahe Lernen am Arbeitsplatz empfanden die Teilnehmer als sehr positiv, auch wenn sie gewisse Bereiche wie die Dokumentation oder das Durcharbeiten von Literatur zu Hause erledigen mussten. Bei ihrem Arbeitgeber wurden sie durch Präsenzseminare und Gespräche mit einem Coach unterstützt.

Das praxisnahe Lernen birgt vor allem Chancen für kleinere und mittlere Unternehmen, die es sich nicht leisten können, Personalentwicklung im großen Stil anzubieten. "Ehrgeizige und gute IT-Profis sind in den letzten Jahren zu größeren Firmen abgewandert", bedauert Angela Feuerstein, Mitglied der Geschäftsführung des Softwarehauses Müller & Feuerstein. Sie erhofft sich von dem IT-Weiterbildungssystem Karrierechancen für diejenigen, die weiterkommen, aber nicht studieren wollen. Für kleinere Firmen wie ihre sei es existenziell wichtig, dass die Weiterbildung in Verbindung mit der täglichen Arbeit stattfinde, denn längerfristige Freistellungen könnten sie sich nicht erlauben.

Zudem hat diese Form der praxisnahen Weiterbildung den Vorteil, dass das Lernen anhand von realen, aktuellen Arbeitsaufgaben stattfindet, die dem Arbeitgeber zugute kommen. Gerade wegen der kurzen Innovationszyklen der IT veralten Lerninhalte so schnell, dass sie nach dem Abschluss nur für eine begrenzte Zeit angewendet werden können.

Chancen für PraktikerFür Herbert Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik, schließt das neue Weiterbildungssystem die offene Lücke zwischen Berufsausbildung und Studium. Allein die Tatsache, dass die Abbrecherquote bei Informatikstudiengängen fast 50 Prozent beträgt, zeige die Notwendigkeit von standardisierten Abschlüssen für Spezialisten, die ohne Examen in die IT-Berufe drängen.

"Gerade in wirtschaftlichen Flautezeiten sind standardisierte Zertifizierungen wichtig", bemerkt Michael Ehrke, Bildungsexperte beim Vorstand der IG-Metall. Ohne diese Abschlüsse laufe man Gefahr, bei einem Arbeitgeberwechsel wieder ganz von vorne anfangen zu müssen.

Die Neuordnung sieht bundesweit einheitliche Berufsprofile auf drei Ebenen vor. Zunächst kann die Position des "Spezialisten" erreicht werden. Dazu können sich Absolventen von Ausbildungsberufen wie IT-Systemelektroniker, Fachinformatiker, Systemkaufmann oder Informatikkaufmann weiterbilden. Praktiker ohne formale Ausbildung haben ebenfalls die Chance, die Spezialistenebene zu erreichen. (siehe Abbildung "Struktur des IT-Weiterbildungssystems").

Auf 29 IT-Profile für Spezialisten haben sich das BMBF sowie IT-Verbände und Gewerkschaften geeinigt. Sie sind in sechs Funktionsgruppen aufgeteilt: Software- und Lösungsentwickler, Entwicklungsbetreuer, Techniker, Administratoren sowie Produkt- beziehungsweise Kundenbetreuer.

Zusammen mit den Initiatoren erarbeitet das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik bundeseinheitliche Qualifikationsprofile zu den einzelnen Berufsbildern. Diese Standardisierung könnte die unübersichtliche IT-Berufswelt etwas vereinfachen - und zwar aus Sicht sowohl der Personaler als auch der IT-Spezialisten.

Auf der zweiten Stufe, die der Position im mittleren Management beziehungsweise dem Bachelor-Abschluss entsprechen soll, finden sich die operativen Professionals, die in die Untergruppen IT-Engineer, -Manager, -Consultant und -Commercial Manager aufgeteilt sind.

Bundesweit einheitliche AbschlüsseMit dem Master-Level vergleichbar ist die Ebene der strategischen Professionals. Der IT-System-Engineer hat dabei eine technische, der IT-Business-Engineer eine eher unternehmensstrategische Ausrichtung. Die Initiatoren wollen erreichen, dass die Zertifizierungen längerfristig auch von den Fachhochschulen und Universitäten anerkannt werden. Würde sich ein operativer Professional entscheiden, ein Informatikstudium anzufangen, würde ihm die berufliche Praxis anerkannt und er könnte in einem höheren Semester einsteigen.

Die ersten Schritte für die Etablierung des Weiterbildungssystems sind schon getan. So haben sich die beteiligten Institutionen darauf geeinigt, dass die Weiterbildungsabschlüsse für die operativen und strategischen Professionals als bundeseinheitliche Rechtsverordung staatlich geregelt werden. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bereitet den Aufbau von Prüfungsausschüssen vor, die die Zertifzierungen abnehmen sollen.

Auch ein Entwurf für die "Verordnung über die berufliche Fortbildung im Bereich der Informations- und Telekommunikationtechnik", in der Prüfungsinhalte für die strategischen und operativen Professionals festgelegt sind, existiert schon. Zudem sind die sechs Funktionsgruppen der insgesamt 29 Spezialistenprofile fertig konzipiert.

Mit der Erprobung und Entwicklung des methodisch-didaktischen Umfelds befasst sich das Fraunhofer-Institut, das hierzu die Methode "Arbeitsprozess-orientierte Weiterbildung" - Kurzname APO - entwickelt hat. Das BMBF unterstützt das Projekt mit 2,3 Millionen Euro.

Als Richtfest bezeichnete Ministerin Bulmahn den Kongress für das IT-Weiterbildungssystem in Berlin. Viel Ausbauarbeit steht also noch an, an der sich die öffentliche Hand auch finanziell beteiligen will. Dass dies notwendig ist, zeigt auch das Pilotprojekt der Telekom, dessen Aufwand bei rund zweieinhalb Mannjahren liegt - eine Leistung, die ein kleineres Unternehmen nicht alleine aufbringen kann. Sollte sich das System durchsetzen, könnte es, so die Hoffnung der Ministerin, auch für andere Länder zum Vorbild werden.

Kommentar/Das frühe RichtfestWenn der Zimmermann das Bäumchen auf den Dachfirst hievt, ist das Haus nicht bezugsfertig, aber der Rohbau steht. Damit sind auch grundlegende Dinge wie Auftraggeber, Finanzierung und Ausstattung geklärt. Insofern ist Ministerin Edelgard Bulmahn etwas voreilig, wenn sie bei dem IT-Weiterbildungssystem im jetzigen Stadium von Richtfest spricht. Denn momentan steht in erster Linie ein Gerüst aus (berechtigten) Hoffnungen - auf eine transparente, standardisierte, praxisnahe IT-Weiterbildung, die auch Nichtakademikern in der Informatik Perspektiven öffnet. Was sich im jetzigen Augenblick noch kaum absehen lässt, ist die Umsetzung der Baupläne in der Praxis. Lernen am Arbeitsplatz ist schön und gut, aber wer garantiert, dass die Arbeit dabei nicht zu kurz kommt? Oder welcher Kunde hat Lust, in Referenzprojekten als Versuchskaninchen für aufstrebende IT-Spezialisten zu fungieren? Oder wie soll kontrolliert werden, ob die Projekte nicht nur in der Dokumentation gelungen sind? Und natürlich stellt sich die Frage, wer das alles bezahlen soll. Es wurde von einer Anschubfinanzierung aus öffentlichen Töpfen gesprochen, was sicher noch konkretisiert werden muss. Letztendlich werden nur die Betroffenen selbst, also Firmen und IT-Spezialisten, entscheiden, ob sie das Modell der praxisnahen Weiterbildung verwirklichen können und wollen. Und viele werden sich die Frage stellen, ob es angesichts des Qualifizierungszwangs in der IT überhaupt eine Alternative gibt.Hiltrud Osterried

Abb.: Struktur des IT-Weiterbildungssystems

Das neue IT-Berufssystem schließt die Lücke zwischen Berufsausbildung und Studium. Es sieht einheitliche Profile auf drei Ebenen vor. Quelle: FhCi