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23.12.1998 - 

XML-Vater Tim Bray glaubt an den breiten Einsatz des Standards

IT-Manager sollten XML nicht unterschätzen

23.12.1998
Die Extensible Markup Lan- guage (XML) gilt als bahnbrechende Entwicklung für den strukturierten Datenaustausch via Internet. Lucky Kuffer* sprach im Auftrag der CW mit Tim Bray über die Perspektiven des von ihm mitentwickelten Standards.

CW: Worin liegt die Attraktivität des XML-Standards?

BRAY: Mit XML kann sich jeder eine ureigene Sprache für die verschiedensten Business-Anwendungen schaffen. Industrieverbände sind in der Lage, ihre eigenen Standards zu definieren, zum Beispiel in der pharmazeutischen Industrie, im Internet-basierten Aktienhandel oder auch für die Personalentwicklung in der eigenen Firma. XML wurde explizit für das Internet geschaffen und gilt daher weltweit. Das bedeutet, daß alle Landessprachen unterstützt werden. IT-Manager sollten zumindest die Grundintention von XML verstehen, damit sie richtig einschätzen können, wie die Software-Industrie derzeit ihre Claims in Sachen XML abzustecken beginnt. Wir alle sind ja mehr oder weniger abhängig von den Softwareherstellern.

CW: Wer von den ganz Großen im Softwarebereich wird XML unterstützen?

BRAY: Alle. Microsoft, IBM, Oracle, Adobe, Netscape, Sun, Xerox, wen Sie wollen. Alle haben angekündigt, in Richtung XML zu gehen.

CW: Und wie lange wird es dauern, bis Microsoft versuchen wird, den XML-Standard für sich zu beanspruchen?

BRAY: Natürlich wird hier ein großer Wettbewerb entstehen, auf geschäftlicher wie auch auf politischer Ebene. Jeder wird versuchen, die Entwicklung des XML-Standards in seine Richtung zu beeinflussen. Ich glaube aber, die Sprache ist so klar und präzise definiert, daß es für einzelne Softwarehersteller schwer sein wird, wirklichen Einfluß darauf zu nehmen. Letztendlich wird der Markt entscheiden, wer sich durchsetzt und wer nicht.

CW: Was könnte denn die "Killerapplikation" werden, mit der XML den Durchbruch schafft?

BRAY: Darüber gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Microsoft glaubt, die Killerapplikation für XML sei der Datenaustausch der verschiedensten Business-Anwendungen untereinander. Ich denke auch, daß dies ein sehr interessanter Aspekt sein wird. Andere wiederum arbeiten daran, das Web effizienter zu machen, indem man verschiedene Online-Datenverarbeitungsprozesse weg vom Server auf die Client-Seite verlagert. Web-Seiten könnten dadurch dynamischer und interaktiver gestaltet werden.

CW: Wo sehen Sie die Verbindung von XML und Electronic Commerce?

BRAY: Electronic Commerce ist für alle gedacht - auch auf hohem Niveau. Darum müssen Business-Anwendungen flexibler, dynamischer und auch einfacher zu handhaben sein als bisher. Gerade deshalb wird XML ein wichtiger Bestandteil für modernes Electronic Business sein. Voraussetzungen für Electronic Commerce sind zum Beispiel Technologien für elektronische Bezahlung, digitale Signaturen, Banking-Protokolle und und und... XML wird sehr viel dazu beitragen können, all diese Transaktionen zu vereinfachen.

CW: Wie sieht das derzeit mit EDI (Electronic Data Interchange) aus? Kann XML eine echte Alternative zu EDI sein?

BRAY: Nein. EDI bezeichnet ein geradezu riesiges Problemgebiet mit sehr vielen Teilbereichen. Aber die nächste Generation von EDI-Systemen wird XML auf vielen Ebenen einbeziehen und dadurch flexibler und weniger schwerfällig sein als bisher.

CW: Apropos einbeziehen: Wie sieht das Zusammenspiel von XML mit den einzelnen Programmiersprachen wie Java, Perl und anderen aus?

BRAY: Java ist die Sprache im Internet. Weniger was die Browser betrifft, sondern mehr im Middleware-Bereich, bei DBMS (Database Management System)-Frontends und GUI (Graphical User Interface)-Building. Mit einer Stand-alone-Anwendung ist es leicht, Daten beispielsweise über das lokale Datenbanksystem zu bekommen.

In einer Netzumgebung aber muß man ständig Daten über das Netzwerk schaufeln, die immer sauber und sehr strukturiert bleiben sollten. Salopp formuliert: Mit XML hat Java etwas zu knabbern. Auch Perl ist riesig. Es gibt weltweit über eine Million Perl-Programmierer. Das ganze weltweite Netz ist eigentlich in dieser Sprache gestrickt. In Perl gibt es eine schöne Schnittstelle zu XML, so daß es für Perl-Fans einfach sein wird, XML-Dokumente zu lesen und weiterzuverarbeiten.

CW: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten einer XML-Abfragesprache wie etwa XQL (Extensible Query Language, ein Microsoft-Vorschlag, Anm. d. Red.) ein?

BRAY: Ich denke, daß ein sehr großer Bedarf nach einer XML-Abfragesprache bestehen wird. Ich schätze auch XQL als einen sehr guten Vorschlag, auch wenn ich nicht in allem damit übereinstimme. Allerdings ist meine größte Sorge, daß XQL zu komplex ist und es eine Menge Zeit braucht, bis es ein wirklich stabiler Standard wird. Von der Implementierung ganz zu schweigen. Ich würde eine kleinere, abgespecktere XQL-Version bevorzugen.

CW: Wie lange wird es Hypertext Marktup Language (HTML) noch geben - oder anders gefragt: wie verträgt sich HTML mit XML?

BRAY: HTML geht es blendend, und es hat noch eine schöne Zukunft vor sich. Es ist ein sehr geeignetes Format, um anderen Leuten Informationen mitzuteilen - nicht zu vergessen die Millionen kostenloser HTML-Browser.

CW: Mr. Bray, Sie arbeiten schon lange und erfolgreich im IT-Beratungsgeschäft. Wie aktzeptieren Unternehmen die neue XML-Philosophie?

BRAY: Ich habe für IBM Microsoft, Netscape, Merrill Lynch, A.T. Kearney, Software AG sowie Daimler-Benz gearbeitet, und meiner Erfahrung nach wird der XML-Gedanke sehr positiv angenommen. Das Management erkennt in der Regel recht schnell, welche Vorteile offene Datenformate mit sich bringen. Man erhofft sich eine gewisse Unabhängigkeit seinen Softwarehändlern gegenüber und fühlt sich auf der sicheren Seite, wenn es um hohe Investitionen in die Informationslandschaft geht. Eine gewisse Unsicherheit entsteht nur, weil die Tools noch nicht in gewünschtem Maße vorhanden sind. Es gibt bisher keine adäquaten Browser und es fehlen noch professionelle Editorenwerkzeuge, so daß noch zuviel mit der Hand gemacht werden muß. Dies verunsichert die IT-Verantwortlichen. Es scheint, daß nicht die potentiellen XML-Kunden, sondern die Softwarehersteller auf der Bremse stehen.

XML - was ist das?

Im Februar 1998 hat das World Wide Web Consortium (W3C) als Hüter der Web-Standards die Version 1.0 der Extensible Markup Language (XML) freigegeben. Anders als HTML ist XML keine Anwendung der Standard Generalized Markup Language (SGML), sondern eine Untermenge davon. Im Gegensatz zur Hypertext Markup Language (HTML) gibt es bei XML keinen vorgegebenen Satz an Formatierungsbefehlen (Tags). Diese können statt dessen nach bestimmten Grundregeln jeweils neu erfunden werden. Autoren legen eigene Auszeichnungsregeln für bestimmte Daten fest. Jedes Web-Dokument wird so mit einer Struktur versehen, die der eines Katalogs ähnelt. Beispielsweise kann ein Internet-Buchhändler Tags wie "Autor", "Erscheinungsjahr" oder "Preis" definieren. Die entsprechenden Daten werden so wesentlich schneller gefunden. Mit Hilfe von XML lassen sich vorhandene Datenbankinformationen in ein universelles Web-Format übertragen. XML fungiert dabei quasi als Schnittstelle zu beliebigen Datenformaten.