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08.12.2000 - 

Erste Zwischenbilanz der Atos-Origin-Fusion

IT-Services - ein Markt mit wieder vielen Unbekannten

MÜNCHEN - In die IT-Service-Szene ist nach der letztjährigen Ruhepause erneut Bewegung gekommen. Zuletzt fusionierte der französische IT-Dienstleister Atos mit seinem niederländischen Pendant Origin und eroberte dadurch in Europa einen Platz in den Top Ten. Ein Merger, bei dem sich Chancen und Risiken die Waage halten dürften. Von Beate Kneuse*

Die neue Welle von Übernahmen und Zusammenschlüssen im IT-Dienstleistungsmarkt kommt nicht von ungefähr. Zum einen fordert die US-amerikanische Börsenaufsichtsbehörde Security and Exchange Commission (SEC) von den fünf größten Wirtschaftsprüfern, auch Big Five genannt, die Trennung von ihren über Jahre hinweg aufgebauten und florierenden IT-Consulting-Sparten. Ernst & Young machte Ende Februar den Anfang und brachte seinen Beratungsarm beim französischen Software- und Serviceriesen Cap Gemini unter. Pricewaterhouse-Coopers und Hewlett-Packard (HP) planten einen ähnlichen Deal, brachen ihre Verhandlungen aber unlängst ab. Andersen Consulting wiederum hat seine Herauslösung aus dem Andersen-Verbund schon vor zwei Jahren vor Gericht eingeleitet und jüngst die Scheidung auch erfolgreich erstritten.

IT-Dienstleister standen reihum zum VerkaufDoch das ist nur ein Aspekt. Immer häufiger ziehen sich auch Industriekonzerne, die Ende der 80er Jahre im Zuge vollmundig angekündigter Diversifizierungs-Strategien eigene IT-Service-Töchter gegründet hatten, um im IT-Business an vorderster Front mitzumischen, wieder auf ihre Kernkompetenzen zurück. So verkaufte der Autoriese Daimler-Chrysler seinen IT-Dienstleister Debis Systemhaus an die Deutsche Telekom. Immer weniger Lust auf das IT-Dienstleistungsgeschäft hatte auch der deutsch-französische Pharmakonzern Aventis, der seine Tochter Hightech International Services GmbH (Hiserv) im Mai der Thyssen-Krupp Information Services GmbH überließ. Bei Siemens wiederum wurden die Servicetöchter Siemens Business Services (SBS) und Siemens-IT-Services unter dem Dach der SBS vereint. Ende August schließlich reichte der niederländische Elektronikgigant Philips seinen IT-Serviceableger Origin an Atos weiter.

"Merger sind komplexe Integrationsprozesse. Letztlich hängt das Gelingen von den Beweggründen der fusionierenden Unternehmen und der Bereitschaft von Menschen zur Veränderung ab", gibt auch Atos-Deutschland-Chef Frank-Thilo Zimmermann zu bedenken. Eigentlich eine Binsenweisheit, doch im Lichte der aktuellen Ereignisse bei Daimler-Chrysler bekommen solche Statements dann doch wieder eine ganz andere Tragweite. Auch wenn man sich, um einen direkten Branchenvergleich heranzuziehen, die (vorsichtig formuliert) schwierige Integration des Debis Systemhauses in den T-Systems-Verbund ansieht. Sollte, wie in vielen Fällen zu befürchten ist, "Größe" der einzige Beweggrund für eine Fusion sein, werde es, so der Atos-Manager, "problematisch".

Atos selbst war auch das Ergebnis eines Mergers - 1996 gaben sich die beiden französischen Software- und Serviceunternehmen Sligos und Axime das Ja-wort. Bisher eine stabile Ehe, wie Zimmermann konstatiert: "Trotz aller Probleme hat es Atos in der Vergangenheit immer geschafft, die wichtigsten wirtschaftlichen Parameter wie Wachstum, Umsatzrendite und Gewinn je Aktie positiv zu gestalten." Vermutlich auch deshalb gewinnt der Atos-Verantwortliche den neu erwachten Fusionsgelüsten im IT-Dienstleistungs-Sektor Positives ab: "Der Markt wird übersichtlicher und transparenter." Dass das Wettbewerbsklima in der Folge rauher wird, glaubt er nicht: "Die großen Konkurrenten sind bekannt. In welcher Form sie sich auch verstärken - darauf kann man sich einstellen." Schwieriger sei dies mit den kleineren Serviceanbietern, von denen es gerade in Deutschland eine Menge gebe. Sie müsse man ernst nehmen. Denn sie seien auf ein bestimmtes Thema, ein spezielles Segment fokussiert und dort in aller Regel auch sehr kompetent.

Bei globalen Projekten spielen die vermeintlich Kleinen indes Zimmermann zufolge nach wie vor keine Rolle. Da seien die "international aufgestellten Player unter sich, müssen jetzt aber verstärkt Flagge zeigen". Mit ein Grund, warum der Merger zwischen Atos und Origin zustande kam. Denn vor dem Deal erzielte Atos nach Berechnungen der Marktforschungsgesellschaft Meta Group Deutschland nur 33 Prozent seines Umsatzes außerhalb seines Heimatmarktes Frankreich. Damit war die vor zwei Jahren von Atos-Chef Bernard Bourigeaud gesetzte Zielmarke, im Jahr 2000 einen Auslandsanteil von über 50 Prozent auszuweisen, noch immer in weiter Ferne.

Durch den Zusammenschluss mit Origin aber steigt der Auslandsanteil an den Einnahmen laut Meta Group auf 63 Prozent. Darüber hinaus ist man in den USA und dem asiatisch-pazifischen Raum vertreten. Bestätigt Zimmermann: "Origin ist ein sehr international ausgerichtetes Unternehmen, was bislang aber immer ein wenig unterschätzt worden ist." Allein in Nordamerika habe man im zurückliegenden Geschäftsjahr einen Umsatz von rund 200 Millionen Euro erzielen können. Zwar sei dies im Verhältnis zum US-amerikanischen Gesamtmarkt noch bescheiden, aber man verfüge zumindest über eine gute Ausgangsbasis. Die vor einem Jahr mit großen Hoffnungen eingegangene Allianz mit dem texanischen Dienstleister Perot Systems dürfte deshalb für die Franzosen aufgrund der nunmehr direkten Präsenz künftig keine besondere Rolle mehr spielen.

Marktbedeutung in den USA ist noch geringWenngleich in den USA noch ein Leichtgewicht, so beschert der Atos-Origin-Pakt, der Ende Oktober den Segen der Aktionäre erhielt, dem neuen Unternehmen im europäischen Software- und Servicemarkt nunmehr einen Platz unter den Top Ten. Mit einem Proforma-Umsatz von insgesamt 2,8 Milliarden Euro (1999) und 27000 Mitarbeitern rangiert Atos Origin nach Erhebungen der Marktanalysten der Münchner PAC GmbH auf Platz sieben. Zimmermann macht allerdings eine andere Rechnung auf. "Wir vergleichen uns in erster Linie mit börsennotierten Unternehmen, nicht mit den Captive-Gesellschaften, weil man da unter anderem keine genauen Einblicke in die Zahlen hat." Nach dieser Lesart sieht man sich bei Atos Origin in Europa auf Platz drei - nach Cap Gemini und Getronics.

Diese Position soll in den nächsten Jahren auf jeden Fall gehalten werden. Kein leichtes Unterfangen, denn weder Atos noch Origin konnten zuletzt mit opulenten Zuwächsen glänzen. Zwar schafften die Franzosen durchweg prozentual zweistellige Steigerungsraten, Bäume ausreißen konnten sie indes nicht. Im Geschäftsjahr 2000 (Ende: 30. September) klettern die Einnahmen um 12,3 Prozent auf rund 1,16 (Vorjahr: 1,04) Milliarden Euro. Grund für die eher magere Ausbeute: eine flaue erste Jahreshälfte. Origin konnte laut Meta Group 1999 kein Wachstum erzielen und musste im ersten Quartal 2000 sogar einen Umsatzrückgang von 3,4 Prozent hinnehmen. Diese alles andere als berauschenden Zahlen waren auch ausschlaggebend dafür, dass der Origin-Mutterkonzern Philips seine Pläne begrub, das Unternehmen an die Börse zu bringen. Erschwerend kam hinzu, dass der eigene IT-Ableger zuletzt auch einen kräftigen Rückgang der Einnahmen aus den konzernexternen Geschäften hatte hinnehmen müssen.

Philips als Kunden an sich zu binden dürfte allerdings auch in Zukunft eine der großen Herausforderungen für Atos Origin sein. Mit einem Umsatzanteil von 20 Prozent ist der Eindhovener Elektronikriese größter Kunde. Kein Wunder, dass auch Deutschland-Repräsentant Zimmermann diese Einnahmequelle behalten will. Aber das wird nicht leicht sein. Zwar ist Philips an dem Serviceanbieter vorerst mit knapp 50 Prozent beteiligt (in den kommenden zwei Jahren soll sich der Anteil auf unter 35 Prozent reduzieren) und dürfte deshalb ein berechtigtes Interesse an einer positiven Entwicklung der Atos-Origin-Aktie haben. Auf Dauer wird man aber die eigene Beteiligung als Dienstleister nicht bevorzugen. Das weiß auch Zimmermann: "Philips ist unser größter Key Account - aber auch dort stehen wir im Wettbewerb mit anderen Anbietern."

Doch der künftige Atos-Origin-Deutschland-Chef, der sich diesen Job ab Januar mit seinem von Origin kommenden Kollegen Werner Bongartz teilen wird, sieht sich für alle Eventualitäten des Marktes bestens gerüstet. Schließlich würden sich die Origin- und Atos-Aktivitäten "verstärken und ergänzen". So ergebe sich ein deutlicher Zugewinn im Outsourcing-Bereich, wo Atos zuletzt 25 Prozent, Origin etwa 50 Prozent ihrer Umsätze tätigten, und bei der Ausweitung der Zielmärkte. Zimmermann: "Der Fokus von Origin liegt eindeutig im Industriesektor. Bei Atos stehen Finanzdienstleister, Telcos, Automotive und Retail/Logistik im Vordergrund." Zudem brächten die Franzosen noch den Geschäftsbereich Online-Services in die Firmenehe. Dazu zählen Leistungen wie Internet-Hosting, E-Commerce- und Access-Services.

Last, but not least muss Atos laut Meta Group sowohl in Deutschland als auch international als einer der führenden Anbieter von Payment-Services und Karten-Management eingestuft werden. Origin revanchiere sich dafür mit Know-how in Sachen Supply-Chain-Management (SCM) sowie mit langjähriger Erfahrung im Management-Consulting, heißt es in der Analyse weiter. Ohnehin wird der Schwerpunkt der Aktivitäten der neu formierten Atos Origin mit einem Umsatzanteil von 51 Prozent im Bereich Consulting & Systemintegration liegen, gefolgt vom klassischen Outsourcing mit 35 Prozent. Auf die Online-Services soll ein Anteil von 14 Prozent entfallen. Gerade in Sachen Online-Dienstleistungen will Atos Origin in den kommenden Jahren aber deutlich zulegen.

E-Business wird als Herausforderung begriffenGelingt es dem Dienstleister tatsächlich, bei den Online-Services die Schlagzahl zu erhöhen und die zusammengeworfenen Kompetenzen weiterzuentwickeln, dürfte dies die Company auch auf dem Weg zum E-Services-Provider voranbringen. Alle IT-Dienstleister kämpfen derzeit mit der Neuausrichtung ihrer Servicemodelle in Richtung digitales Business, tun sich aber schwer mit dem Aufbau des dazu nötigen Marketing-, Kommunikations- und Design-Know-how. Web-Agenturen schossen bekanntlich wie Pilze aus dem Boden, lassen aber oft noch das erforderliche IT-Wissen missen. Nicht umsonst herrscht jetzt, wo es ans Eingemachte geht, unter den so genannten Dienstleistern der New Economy bereits wieder großer Katzenjammer. Konstatiert Zimmermann: "Der Konkurrenzkampf ist enorm. Viele haben sich Marktanteile erkauft, andere ihre Leistungen verschenkt. Und die meisten schreiben rote Zahlen." Und was noch schlimmer ist: Auch bei den Kunden hat sich eine gewisse Ernüchterung breit gemacht. "Die Piloten laufen zwar, in Echtbetrieb aber können sie nicht gehen, weil IT-Prozesse, hohe Volumina und die Einbindung ins Back-Office nicht beherrscht werden", kann sich der Atos-Manager einen weiteren Seitenhieb auf die Szene der Internet-Agenturen nicht verkneifen.

*Beate Kneuse ist freie Journalistin in München.

Abb: Im Konzert der Grossen: Nach dem Merger will sich Atos-Origin künftig unter den Top Ten in Europa etablieren. Bezogen auf die reine Umsatzgröße gehört das Unternehmen heute schon dazu. Quelle: PAC GmbH