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14.01.2000 - 

Thema der Woche

Jahr-2000-Problem: Und sie dreht sich noch

War''s das? Fragten sich am ersten Tag des Jahres 2000 Menschen rund um den Erdball. Keine wild gewordenen russischen Atomraketen wegen des Jahr-2000-Computerproblems? Keine explodierenden Kernkraftwerke? Nicht mal ein winziges, kleines Kataströphchen?

Vordergründig ist alles glimpflich abgelaufen. Prompt meldeten sich in den ersten Tagen des neuen Jahres Zeitgenossen mit Stellungnahmen, das Y2K-Datumsproblem sei maßlos überschätzt, vielleicht gar von einer geschäftstüchtigen IT-Klientel erfunden worden.

John Koskinen legte am ersten Arbeitstag des neuen Jahres das Y2K-Problem zu den Akten. Aus der Finanzwelt, von Banken und dem Handel gebe es keine neuen Nachrichten von Y2K-bedingten Störfällen. "Mit Sicherheit", so der Berater von US-Präsident Bill Clinton in Sachen Jahr-2000-Problem, könne man deshalb sagen, dass das Y2K-Problem in den Schlüsselbereichen der Infrastruktur überwunden sei.

Koskinen wollte darüber hinaus aber auch schon wissen, dass möglicherweise bis zu zehn Milliarden Dollar verschwendet worden seien, um des Jahr-2000-Problems Herr zu werden. Das Marktforschungsinstitut IDC ging sogar so weit, zu bilanzieren, rund 41 Milliarden Dollar könnten zum Fenster hinausgeworfen worden sein. Unter Koskinens Ägide hatte die US-Regierung detaillierte Statusberichte zu den Gefährdungspotentialen und den Jahr-2000-Vorbereitungen des amerikanischen Staats veröffentlicht.

War das Jahr-2000-Problem also lediglich eine Chimäre? Ein Hirngespinst, an dem alle Beteiligten inklusive der Medien wie dieser Zeitung gut verdient haben?

In München jedenfalls nicht. Dort verschickte das Kassen- und Steueramt bereits im Dezember 1999 Rechnungen, deren Fälligkeitsdatum auf den 11. Januar 1900 festgelegt war. Neben dem Rechnungsbetrag von 1377,14 Mark berechnete die bayerische Landeshauptstadt einem arglosen und prinzipiell zahlungswilligen Bürger einen Säumniszuschlag von 15600 Mark - aufgelaufen seit 99 Jahren. Ein anderer Adressat sollte neben einer Rechnung für städtische Straßenarbeiten über 5031,60 Mark eine Verzugsgebühr von rund 60000 Mark begleichen. Auch in diesem Fall war die Zahlung angeblich seit 99 Jahren fällig. Der verantwortliche IT-Manager sagte, der Fehler sei in einem Unterprogramm einer Software aufgetreten, das auf seine Jahr-2000-Tauglichkeit getestet und für gut befunden worden war.

Noch im alten Jahr kam es am 28. Dezember 1999 in Großbritannien zu Fehlern mit Kreditkarten. Rund 20000 auf der Insel erst im Sommer 1999 installierte Geldkartenterminals weigerten sich, bargeldlose Zahlungen von Kunden anzunehmen. Grund: Die Geräte konnten Berechnungen bis zu vier Tage in die Zukunft anstellen. Dabei hatten sie den 1. Januar 2000 fälschlicherweise als ersten Tag des Jahres 1900 erkannt. Sie mussten deshalb deaktiviert werden. Es sei, hieß es, nicht nachvollziehbar, wie man bei der Konstruktion der Terminals diesen Fehler habe übersehen können.

In Italien wurde publik, daß die Telecom Italia Rechnungen für die ersten zwei Monate des Jahres 1900 an Kunden verschickt hatte. Diesen wurde dann eine Zahlungsfrist bis zum 17. Januar 2000 eingeräumt. Trotz dieser Panne behauptete eine Sprecherin der Telefongesellschaft, das entsprechende Abrechnungsprogramm sei auf den Datumswechsel hin geprüft und für den Sprung ins nächste Jahr als voll tauglich eingestuft worden.

In der US-Stadt Philadelphia wurden Bürger aufgefordert, einer Gerichtsverhandlung im Jahre 1900 beizuwohnen. In US-Bundesstaat Maine registrierten Kfz-Zulassungsbehörden Autos als 100 Jahre alte "pferdelose Gefährte".

Eher heiter dürfte die IT-Welt den Lapsus aufgenommen haben, der Microsoft passierte. Das weltweit größte Softwarehaus hatte auf seiner Website einige neue Bücher für den Januar 1900 angekündigt. Drei Bände der Begleitliteratur zum neuen Betriebssystem Windows 2000 wären demnach schon zu einer Zeit verfügbar gewesen, als Ferdinand Graf von Zeppelin gerade erst sein lenkbares Starrluftschiff "LZ 1" entwarf, Bosch eine Hochspannungsmagnetzündung für Kraftfahrzeuge entwickelt und die Gebrüder Orville und Wilbur Wright sich noch nicht einmal zu ihrem ersten motorisierten Flug mit dem "Flyer 1" in die Lüfte erhoben hatten. Aber Microsoft, das wissen wir ja, ist seiner Zeit meistens voraus.

Bei einer dänischen Bank wurden Teile des Zahlungssystems laut einer Meldung von AP einfach gelöscht. Im US-Bundesstaat New Mexico konnten in fast der Hälfte aller Kraftfahrzeugzulassungsstellen keine Führerscheine ausgestellt werden.

Zwar begann das neue Jahr ohne Zwischenfälle, die möglicherweise gar zur Gefährdung von Menschenleben hätten führen können. Der Jahr-2000-Krisenstab der Bundesregierung in Berlin meldete aber weltweit immerhin 1735 Störungen.

Die reichten von Heizungsausfällen in Südkorea über Stromausfälle in Los Angeles bis zu Pannen in sieben Kernkraftwerken der USA. Besonders peinlich war es dem Pentagon, dass ausgerechnet ein amerikanischer Spionagesatellit seinen Geist aufgab.

Bei den US-Flughäfen in Tampa, Denver, Atlanta, Orlando, Chikago und Saint Louis fielen etwa die Windmessanlagen für einige Stunden aus. In mehreren japanischen Atomkraftwerken spielten Anzeige- und Kontrolltafeln verrückt. In den Atomkraftwerkanlagen der zentraljapanischen Provinz Ishikawa wurden teilweise falsche Strahlungswerte aus Kühlwasserkreisläufen angezeigt. Eine Wetterstation in der Großstadt Osaka funktioniert nicht ordnungsgemäß, Daten zur Erdbebenüberwachung aus anderen Regionen erreichten die Station nicht, hieß es in einem Bericht der japanischen Nachrichtenagentur Jiji Press. Unklar war, ob auch dieses Problem auf die Y2K-Problematik zurückzuführen ist.

In einem spanischen Atomkraftwerk standen die Mitarbeiter nach Neujahr vor verschlossenen Türen, weil die Einlasskontrolle nicht Jahr-2000-fest war.

Der westafrikanische Staat Gambia mußte mit flächendeckenden Stromausfällen zurechtkommen. Computerabstürze führten zu Problemen im Schiffs- und Flugverkehr, im Finanzwesen und bei Behörden.

Etliche bundesrepublikanische Nutzer von Online-Banking-Systemen hatten ferner gemeldet, dass die digitalen Kontoauszüge auf ihren PCs fehlerhaft gewesen seien. Ein Online-Banking-Kunde aus Bergheim im Kölner Raum durfte sich am Neujahrstag kurzzeitig im Besitz von 12999997 Mark wähnen. Nach Angaben der Stadtsparkasse Köln soll es sich hierbei aber nicht um einen Y2K-Fehler gehandelt haben, sondern um eine fehlerhaft arbeitende Software "SK online" (auch "S connect") eines externen Anbieters.

Kunden, die mittels der Online-Banking-Software "Quicken 2000" Konteninformationen via T-Online von der Deutschen Bank abriefen, wurden bei Zahlungen aus dem Jahr 2000 von dem Datum 3. Januar 1900 überrascht. Die Finanzsoftware von Intuit hatte diesen Fehler nicht abgefangen. Die Daten wurden demzufolge auch zeitlich falsch eingeordnet, die entsprechende Finanzdatei war nachher ganz verschwunden oder zumindest unbrauchbar.

In acht US-Bundesstaaten ließen sich keine Zahlungsüberweisungen des staatlichen Gesundheitsprogramms "Medicare" an Hospitäler und andere Trägerinstitute des Gesundheitswesens abwickeln, weil in einer Chikagoer Bank ein Y2K-Problem aufgetreten war. Dabei war die Highland Community Bank wie fast 100 Prozent aller US-Banken für Y2K-tauglich befunden worden.

In deutschen Restaurants funktionierten Computerkassen des taiwanischen Herstellers Jarltech nicht so, wie sie sollten. Die mit Software einer Landshuter Firma ausgestatteten Systeme versahen nach dem ersten Hochfahren im neuen Jahr alle Bons mit einem Datumsstempel des Jahres 1980.

Beim Versuch, Rechnungen auszudrucken, stürzten die Computerkassen komplett ab, was in den frühen Morgenstunden des Neujahrstags beispielsweise in der Stadthalle Landshut nach dem großen Silvesterball an 15 Kassen zu chaotischen Verhältnissen führte.

Trotzdem übertrafen sich Firmen, Institute und Behörden überall in der Welt in den ersten Stunden und Tagen des neuen Jahrs mit der immer wieder gleichen Erfolgsmeldung: "Keine Probleme bei uns." Eines ist allerdings auffällig - und dürfte auch in den kommenden Wochen und Monaten bemerkenswert bleiben: In den Fällen, in denen es nach dem 1. Januar 2000 zu Computerproblemen kam, wiegelten offizielle Stellen jeweils mit der Erklärung ab, hierbei habe es sich definitiv nicht um ein Y2K-Problem gehandelt. Welcher Art jedoch die Schwierigkeiten waren, mit denen die Rechnersysteme zu kämpfen hatten, dazu konnten oder wollten die zuständigen Stellen nichts sagen.

So beschäftigte am ersten Handelstag des neuen Jahres ein Störfall österreichische Großbanken bis zum Nachmittag. Für einige Stunden, so die Österreichische Presseagentur APA, gab es am 3. Januar 2000 Probleme bei der Übertragung von Orders einiger Banken an das Börsenhandelssystem Xetra. Das Problem, unter dem auch die Bank Austria zu leiden hatte, sei "kein Y2K-Problem", hieß es ausdrücklich in einer Erklärung. Vielmehr lag das Problem nach Bankangaben bei einem Softwarelieferanten aus Deutschland.

Eine dpa-Meldung vom 6. Januar 2000 beschäftigte sich mit dem Ausmaß der Pannen bei der Berliner Feuerwehr in der Silvesternacht. Wohnungen seien ausgebrannt, Verletzte mussten von Taxifahrern in Krankenhäuser gefahren werden, Polizisten halfen Feuerwehrmännern beim Löschen. Grund für die chaotische Lage war laut Nachrichtenagentur der havarierte Zentralcomputer der Feuerwehr, mit dem die Notrufe in der Metropole koordiniert werden.

Mehr als 7000 Notrufe seien in der Silvesternacht bei der Leitstelle der Berliner Feuerwehr eingegangen, die Zahl der Einsätze lag um 40 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Feuerwehr selbst sprach von einem "Chaos" und einem "grauenvollen" Neujahrsmorgen.

Die Ursache des Computerausfalls ist rätselhaft, schrieb die Deutsche Presseagentur. Die Feuerwehr wiegelte allerdings sofort ab und meldete, nach einer ersten Analyse sei ein Versagen wegen des so genannten Millennium-Bugs auszuschließen. Einer Stellungnahme des Bundesinnenministeriums zufolge handelte es sich beim Ausfall der Einsatzleitrechner der Feuerwehren in Berlin und auch in Hamburg um ein "bereits vorher aufgetretenes und bekanntes Überlastproblem".

Im Bereich Verkehrswesen gab es eine einzige Jahr-2000-bedingte Störung, meldete das Bundesinnenministerium. Das automatisierte Melde- und Informationssystem Binnenschifffahrt/Gefahrguttransport bei der Wasser- und Schifffahrtsdirektion West in Münster sei ausgefallen. Das System unterstützt den Informationsaustausch zwischen den Niederlanden und Deutschland über Gefahrguttransporte auf dem Rhein.

Aus dem bundesrepublikanischen Gesundheitswesen wurden ebenfalls keine spektakulären Zwischenfälle gemeldet. Aus dem Stab im Bundesgesundheitsministerium, der Bundesanstalt für Arzneimittel und Medizinprodukte, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des G8-Gesundheitsprojektes gab es insgesamt zirka 300 Meldungen. Darunter waren elf Störungen, allerdings von geringem Umfang. Alle seien ohne Relevanz für die Patientenversorgung gewesen. Die Krankenhäuser hätten den Großteil der Patienten nach Hause geschickt und nur die Notfälle behalten, so Datenexperte Professor Jan Knop, Mitglied der Bundeskommission zum Schutz kritischer Informationssysteme und Leiter des Universitäts-Rechenzentrums Düsseldorf.

Der Jahr-2000-Beauftragte der UN und Direktor des International Y2K-Coordination Center in Washington, Bruce McConnell, gab aber am 2. Januar 2000 eine weltweite Warnung an alle medizinischen Institute aus. Sie sollen einen bestimmten Typ eines Nieren-Dialyse-Geräts nicht mehr weiter benutzen. Laut McConnell versagt die Auto-Desinfektions-Funktion der Gambro-Hämodialyse-Maschinen des Typs "AK100" und "AK200" der schwedischen Firma Gambro AB in Stockholm ihren Dienst, weil die Geräte den Datumswechsel nicht erkennen. Das Problem war zuerst britischen Ärzten aufgefallen.

Mit der Sterilisationsfunktion reinigt sich das Gerät normalerweise selbst, bevor ein anderer Patient es nutzt. Wegen der Fehlfunktion sei es, so McConnell, möglich, Infektionen durch verunreinigtes Blut von einem auf einen anderen Patienten weiterzugeben. Der Hersteller Gambro sagt auf seiner Homepage, er sei einer der weltweit führenden Nieren-Dialyse-Gerätehersteller in der Welt. In 581 Kliniken weltweit versorge er 43000 Patienten mit Dialyse-Geräten.

In Schweden fielen zudem wegen des Y2K-Fehlers in drei Krankenhäusern die EKG-Systeme aus. Die Geräte hatten um Mitternacht ihr internes Datum nicht auf das Jahr 2000, sondern auf 1900 umgestellt. Danach brachen sie alle Aktivitäten ab. Für die betroffenen Kranken habe es aber keine Probleme, sondern lediglich für das Pflegepersonal erhebliche Mehrarbeit gegeben.

Ein nicht näher spezifizierter Fehler legte in der Nacht vom 3. auf den 4. Januar 2000 zwischen 19 und 22 Uhr die Rechenzentrale der Flugsicherung in Nashua, New Hampshire, lahm. Das Problem glaubte man in einem Speichersystem lokalisiert zu haben. Drei Tage später soll ebenfalls ein Peripheriegerät verantwortlich gewesen sein für Probleme in einer Dependance der Federal Aviation Administration (FAA) in Leesburg, Virginia. Beide Computerabstürze sorgten für stundenlange Verzögerungen im Flugverkehr an der US-amerikanischen Ostküste und auf Flughäfen wie Boston, New York und Philadelphia.

Ein Sprecher der Y2K-Regierungsbehörde kommentierte die Vorkommnisse beim US-Flugaufsichtsamt lapidar: Die FAA habe gesagt, bei den Computerabstürzen habe es sich nicht um ein Jahr-2000-Problem gehandelt, also sei es auch keins gewesen. O-Ton Regierungsbehörde: "Warum sollten sie lügen?"

Techniker, die die Computerprobleme in der Flugsicherheitszentrale in Nashua beheben sollten, sahen die Dinge allerdings etwas anders: Sie seien nicht so sicher, dass ein Y2K-bedingtes Problem auszuschließen ist. Der Fehler war in genau den Systemen aufgetreten, auf die die FAA noch unmittelbar vor dem Jahreswechsel ein Software-Patch aufgespielt hatte, das eigentlich Y2K-Schwierigkeiten beheben helfen sollte. Allerdings fanden vor der Inbetriebnahme der Computer keine Tests mehr statt.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) berichtete in seinem Vorabendprogramm über Millenniumsprobleme bei Firmen aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Ein mittelständisches Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, das seine Produktionssysteme am ersten Werktag wieder hochfuhr, musste feststellen, dass 40 in der Produktion benötigte Softwareprogramme "einfach nicht mehr da waren". Am letzten Werktag des alten Jahres hatten die Produktionsrechner noch klaglos funktioniert. Der in Stuttgart ansässige Hersteller der Software hatte dem WDR-Beitrag zufolge so erhebliche Probleme bei seinen Kunden, dass das NRW-Unternehmen fünf bis zehn Tage auf Abhilfe werde warten müssen.

Ob die Jahr-2000-Umstellung also wirklich so glatt über die Bühne ging, wie von offiziellen Stellen allerorten jetzt behauptet wird, bleibt dahingestellt. Niemand kann im Moment sagen, wie es Tausenden von mittelständischen Unternehmen allein in Deutschland in den kommenden Wochen gehen wird, die nach übereinstimmenden Untersuchungen verschiedener Institutionen nur mangelhaft auf den Y2K-Wechsel vorbereitet waren.

Wenig überraschen konnte, dass es weder bei den Energielieferanten noch im Finanzsektor oder bei Großkonzernen zu gravierenden Pannen kam. Wie überall in den Medien lange vorher publiziert, hatten sich diese Branchen sehr gut auf die Y2K-Problematik eingestellt.

Peter de Jager, anerkannter Y2K-Experte aus Kanada, will denn auch noch keine Entwarnung geben. "Haben Sie Ihre Gehaltsüberweisung im neuen Jahr schon bekommen? Die erste Abrechnung Ihrer Kreditkartendienstleister oder Ihre Stromrechnung erhalten?" fragt de Jager und deutet damit auf den Umstand hin, dass bei all diesen Geschäftstransaktionen durchaus auch jetzt noch Y2K-Probleme auftreten könnten. De Jager selbst versucht derweil, die Namensrechte an seiner Jahr-2000-Homepage meistbietend zu veräußern.

In der Tat scheint es etwas naiv, gebannt auf die erste Sekunde des neuen Jahres zu starren und nach deren glimpflichem Ablauf das Jahr-2000-Problem schon in Bausch und Bogen in die Fantasiewelt durchgeknallter Endzeitpropheten zu verweisen.

Nicht allein die Gartner Group hatte bereits seit langem darauf hingewiesen, dass sich aus dem Y2K-Problem herrührende Probleme unter Umständen noch lange bis in das Jahr 2000 hinziehen können. Lediglich zehn Prozent aller zu erwartenden Störungen würden, so die Analysten, am ersten Tag des neuen Jahres auftreten. Viele der später anfallenden Probleme würden die Betroffenen dann allerdings gar nicht mehr mit dem Jahr-2000-Datumswechsel in Verbindung bringen.

UN-Y2K-Experte McConnell betonte, dass erst Ende Januar nach einer intensiven Prüfung aller Ereignisse eine abschließende Aussage über die tatsächlichen Auswirkungen des Jahrtausend-Computerproblems möglich sei.

Frank Sempert von der Initiative 2000 glaubt nicht, dass mit der halbwegs reibungslos verlaufenen Silvesternacht das Jahr-2000-Kapitel schon abgeschlossen ist: "Bei der mittelständischen Industrie rechne ich unverändert mit Problemen", die in den kommenden Wochen auftreten könnten.

Die Initiative 2000 schreibt in einer ersten Analyse der Ereignisse denn auch, wer jetzt die Y2K-Mahner an den Pranger stelle, verkenne die tatsächliche Tragweite des Jahr-2000-Problems. Erst durch den unermüdlichen Einsatz der Experten sei es gelungen, Unternehmen und Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren und Vorbereitungen für den Datumswechsel anzuregen.

So wehrte sich auch der Hamburger Informatikprofessor Klaus Brunnstein gegen Vorwürfe, er habe als "Schwarzseher" Probleme hochgeredet, die es gar nicht gegeben habe. Erklärte der Hanseat: "Wir stehen hier in der Tradition des Altertums: Der Überbringer der schlechten Nachricht wird bestraft." Brunnstein weiter: "Vieles wird einfach unter dem Deckel gehalten, um sich nicht zu blamieren. Kein Mensch kann mir erzählen, dass abgeschaltete Atomkraftwerke nicht auf mögliche Probleme hindeuten." Zudem seien ihm anonym sehr wohl einige Vorfälle gemeldet worden, "das Klima verhindert aber, dass sich Leute jetzt outen". Jan-Bernd Meyer, jbmeyer@computerwoche.de