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19.11.1993

Jan Baan bricht eine Lanze fuer Tools "Time to market" ist mit Cobol nicht zu realisieren

HANNOVER (hv) - Eine klare Absage erteilte Jan Baan, President der Baan International B.V. im hollaendischen Ede, jeder Form des Reverse-Engineerings alter Cobol-Anwendungen. "Es muesste verboten werden, heute noch mit Cobol zu arbeiten." Die Zukunft gehoere vorgefertigten Softwarekomponenten und "Business-Tools", mit denen diese angepasst werden koennten.

"Time to market" beziehungsweise "Speed" ist laut Baan heute die Eigenschaft, die den Erfolg eines Unternehmens ausmacht. 3GL- Programme, die zumeist in Form eines schier unentwirrbaren "Spaghetti-Codes" vorlaegen, binden seiner Ansicht nach unnoetig Personal durch Wartungsaufgaben und tragen entscheidend zur Inflexibilitaet bei. Einfachheit sei das Gebot der Stunde - der Chef des SAP-Herausforderers vertrat seine Thesen in einer launigen Ansprache anlaesslich eines Anwenderkongresses der Space GmbH in Hannover, die zu 60 Prozent in Baan-Besitz ist.

"Vergessen Sie die 3GLs", forderte Baan. "Je mehr Spaghetti-Code Sie haben, desto groesser ist der Wartungsaufwand - damit sind nur die sogenannten Systemintegratoren gluecklich." Reverse-Engineering sei generell nicht sinnvoll, behauptet der Softwareveteran. "Wenn man Spaghetti-Code einem Reverse-Engineering unterzieht, bedeutet das: Chaos in, Chaos out". Es sei viel billiger, neue Anwendungen in der State-of-the-art-Technologie unter Unix von Grund auf neu zu entwickeln. "Die Technologie der 70er Jahre muss man vergessen", glaubt der Softwarepionier, der bereits seit 1982 Anwendungssoftware unter Unix entwickelt.

Die Zukunft sieht fuer Baan so aus, dass Software-Objekte und Tools nach Bedarf kombiniert werden koennen. Die Standardsoftware- Komponenten lassen sich mit entsprechenden 4GL-Tools konfigurieren und den Beduerfnissen der Benutzer anpassen. Bei kleineren Unternehmen, so die Vision Baans, uebernimmt diese Customizing- Aufgabe das Softwarehaus, das damit gleichzeitig wichtige organisatorische Ablaeufe beim Kunden bestimmt. In groesseren Firmen bleibe die Konfiguration in der Obhut des Kunden.

Der Implementierungsaufwand verringere sich insgesamt drastisch, weil die Kunden kuenftig neben den Applikationen auch einfach zu bedienende Werkzeuge und Developer-Kits erhielten, die sie unabhaengig von Betriebssystemen, Datenbanken und Benutzeroberflaechen machten. Anwender koennten sich ausschliesslich auf ihre Geschaeftsprozesse besinnen und mit modifizierten Anwendungen deutlich schneller auf Marktentwicklungen reagieren.

Entscheidend sei, dass es sich bei der 4GL um eine Shell handle, eine "technologieneutrale Umgebung". Der Benutzer des Werkzeugs koenne sich gaenzlich auf die Funktionalitaet der Anwendung, auf die Verarbeitung seiner Daten konzentrieren. Schnittstellen zu saemtlichen wichtigen Betriebssystemen, Datenbanken und grafischen Benutzeroberflaechen seien in der Shell idealerweise abgedeckt, die entsprechenden Treibertechnologien wuerden vorgehalten. Eine dominierende Rolle erhielten vor dem Hintergrund dieser Anforderungen Tools wie Uniface, Powersoft oder die Baan-eigenen Werkzeuge.

Nicht nur die Hardware, auch Datenbanksysteme sind laut Baan laengst "commodity". Die Big Four - gemeint sind Oracle, Informix, Sybase und Ingres - machen nach seiner Ansicht gutes Marketing, aber die Tools seien nicht ausgereift genug, um sich fuer die Erstellung von Mission-critical-Anwendungen zu eignen. "Gestern war die Hardware commodity, heute sind es die Datenbanken, und morgen wird es die Anwendungssoftware sein", lautet die provokante These des Visionaers. Dann schlage die Stunde der Middleware beziehungsweise der "Orgware". Das Know-how werde in Komponenten integriert sein. Diese schnell und flexibel zu implementieren, sei dann die Hauptaufgabe.

Baan hat sein eigenes Unternehmen neu strukturiert, um den kuenftigen Marktanforderungen gerecht werden zu koennen. Die Technikspezialisten arbeiten - abgeschirmt von Kundenanfragen - nach der Methodik des Concurrent Engineerings in einem eigenen Gebaeude. Sie entwickeln die Entwicklungswerkzeuge in C und teilweise in der eigenen 4GL. Erste Schritte in die Welt der objektorientierten Programmierung wurden ebenfalls unternommen. Aufgabe dieser Entwickler ist es, die Schnittstellen und Treiber fuer die Unterstuetzung der wichtigsten "Standardtechnologien" herzustellen.

Eine andere Gruppe von Entwicklern arbeitet ausschliesslich mit den eigenen Tools, um Anwendungen vom Rechnungswesen bis hin zur Distribution zu entwickeln. "Diese funktional orientierten Leute", so Baan, "verstehen nichts von C. Sie verstehen etwas von ihrem jeweiligen Geschaeft. Sie wissen, worauf es bei Planung, Abrechnung oder Logistik ankommt." Gearbeitet wird in kleinen Projektgruppen von bis zu fuenf Mitarbeitern, die alle Entwicklungsphasen abdecken. In solchen Gruppen wurde fuer die neue Triton-Version 3.0 in rund einem halben Jahr ein komplettes Rechnungswesen entwickelt.

"Entwicklungsabteilungen", so Baan, "wird es immer weniger geben. Ihre Aufgaben werden sich zunehmend auf das Customizing von Standardkomponenten konzentrieren." Die Rolle des Endanwenders veraendere sich zusehends, mit entsprechender Middleware beziehungsweise mit "Easy-SQL-Komponenten" bekomme er sein groesstes Problem, den schnellen Zugriff auf Daten, geloest. Wichtig sei es zu erkennen: "Das Know-how liegt in den Daten!"