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23.04.1976 - 

Nicht die Väter, nicht die Söhne - die "Roboter" spielen in Japan Eisenbahn:

Japans Eisenbahnen vor der Automation

MÜNCHEN - Nicht ohne leisen Stolz führte die Bundesbahn kürzlich in Würzburg die ersten

Probeinstallationen eines automatisierten

portsteuersystems vor, das in seiner ersten Ausbaustufe

- man staune - schon 1980 betriebsbereit sein soll. (CW Nr. 12 vom 19. März 76 "Computer-Fahrkarte in die Zukunft".)

Doch was man hierzulande als bahnbrechenden Schritt in unbekanntes Neuland bestaunt, ist für die Söhne Nippons fast schon ein alter Hut. Sie starteten die konsequente Automatisierung ihres recht engmaschigen Eisenbahnnetzes nicht gestern und nicht vor fünf Jahren, sondern bereits 1960. Allerdings reizte das komplizierte japanische Tarifsystem auch schon viel früher dazu, mit EDV möglichst viele Rationalisierungsreserven zu nutzen.

Zahllose Tarifstufen

Da Züge billig sind, fahren Japaner vor allem auf längeren Strecken, wo kein Bekannter ein Bekannter zuschaut und mithin kein "Gesichtsverlust" droht, bevorzugt Bahn. Sie haben dabei die Wahl zwischen vier verschiedenen Zuggattungen - vom Bummelzug bis zum weltweit bekannten "Schinkansen-Superexpreß" zwischen Tokio und Osaka - und zahllosen weiteren Modifikationen wie unterschiedliche Klassen, Klimaanlage, Schlafwagen etc. In der Praxis kauft man stets erst ein

Basis-Bummelzug-Ticket und dazu bis zu fünf Zuschlagskarten je nach, gewünschtem Reisekomfort.

Wartezeiten uferten aus

Da die Züge chronisch überfüllt sind, trachtet jedermann danach, seinen Sitzplatz vorzubestellen. Selbst heute, in der Computer-Ära, führt - das noch zu langen Warteschlangen an den Schaltern, und früher war die Fahrscheinschreiberei erst recht eine schier unerträgliche Zeitvergeudung: In Spitzenzeiten dauerte eine Buchung bis zu 40 Minuten. Die Wende zeichnete sich erst ab, als die japanischen Staatsbahnen l960 MARS-1, ihr erstes Probe-Computer-Programm in Tokio installierten.

Heute arbeitet sein Urenkel MARS-105 mit 1600 Terminals in jedem Winkel des Landes und bald schon soll er außerdem zum wichtigsten Subsystem eines Total-Buchungs-Netzes werden, an dem neben der Bahn auch Fluglinien, Reedereien, Hotel-Reservierungssysteme und nicht zuletzt eine Telefon-"touch-tone"-Automatik zum Buchen von Platzkarten partizipieren sollen.

Das Telefon als Terminal

Was hat es mit diesem Lieblingskind japanischer Eisenbahn-Automatisierer auf sich? Die Touch-tone-Anlage erlaubt es in Tokio schon heute den rund 300 000 Inhabern eines entsprechenden Telefonapparats, Platzreservierungen durch einfaches Drücken von Tasten und Bestätigung durch Spruchausgabe ohne weiteres Zutun eines menschlichen Gegenübers vorzunehmen. Vorerst kann das System täglich 20 000 Buchungen für die Schinkansen-Linie annehmen, später auch für andere Bahnstrecken.

Die Touch-tone-Automatik arbeitet als eigenes Subsystem namens MARS-150 und basiert auf zwei HITAC 8400 mit 262 KBytes im gemeinsamen Kernspeicher. Ferner gehören zwei Platteneinheiten mit je achtmal 29 Megabyte Kapazität dazu. Zwischen dem Telefonanschluß und dem MARS-150 ist eine Audio-Antworteinheit geschaltet, die den Anrufer entsprechend den einlaufenden Tast-Signalen mittels vorausbesprochener Stimmen durch die Reservierungsprozedur leitet. Ein solcher Telefon-Reservierungsablauf dauert etwa drei Minuten.

Die Antworteinheiten stehen mit MARS-150 durch Leitungen für 2400 Baud in Verbindung und MARS-150 kommuniziert mit MARS-105 über Hochgeschwindigkeits-Datenkanäle.

Der Fahrdienstleiter heißt COMTRAC

Noch futuristischer als die Touch-tone-Telefon-Reservierung mutet COMTRAC an, ein Computersystem zur Steuerung des täglichen Verkehrsgeschehens auf der Schinkansen-Bahn.Die kürzlich installierte "Stufe II" übernimmt sogar automatisch die Umdiposition der maximal 250 Züge am Tag bei unerwarteten Störungen.

Der Rechner setzt also nicht nur die Signale etc.; bei Abweichungen vom Fahrplan analysiert er auch die neue Lage, entwirft die optimalen Korrekturmaßnahmen und realisiert sie. Nur bei gravierenden Störungen, einem Katastrophenfall etwa, legt er seine

Korrektur-Vorschläge erst noch dem Überwachungsbeamten zur Freigabe oder weiteren Verbesserung vor. COMTRAC arbeitet mit einem Zwillingsprozessor HITAC 8450 mit je einem Megabyte Hauptspeicher-Kapazität sowie zur Prozeßkontrolle mit drei HIDIC 700 zu je 128 K 16-Bit Worten. Zum HITAC 8450 gehören zwei Trommeln ß 4,5 Megabyte und neun Platten ß 29 MB, zu den 7OOern eine Trommel für 768 K Worte. Der CPU sind direkt sechs Displays angeschlossen, außerdem ist sie mit 78

Tastatur-Terminals über Leitungen der Kapazität 200 Baud verbunden. Die Lokführer erreicht man über Sprechfunk.

In den nächsten Ausbaustufen des Schinkansen-Kontrollsystems werden fast alle Funktionen der Linie dem Automaten überantwortet, insbesondere die Fahrplangestaltung und die Planung von Reparaturarbeiten.