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02.06.2000 - 

In fünf Wochen fertig für den Test in 1000 Haushalten

Java sorgt für volle Kanäle im Internet-Fernsehen

MÜNCHEN (uo) - Jeder regt sich gelegentlich über einen abgefahrenen Werbespot im Fernsehen auf. Am liebsten will der Betrachter seine Meinung dann sofort bei den Verantwortlichen loswerden. Der Online-Brief ist jedoch nur eine der Optionen des Internet-Fernsehens, das die Bertelsmann Broadband Group (BBG) verwirklicht. Ihre interaktiven Video- und Musikkanäle kommen dank XML und Enterprise Javabeans (EJB) via Breitbandkabel ins Haus.

Selten ist solch eindeutig Zweideutiges im Fernsehen zu bewundern wie im Unilever-Spot zum Parfüm "CK One" im Bertelsmann-Sender. In drei zueinander gruppierten Fenstern laufen auf dem statischen Werbehintergrund drei unterschiedliche Videos. In zwei Bildausschnitten ist jeweils eine leicht bekleidete junge Frau zu erkennen. Wird das Kleinformat angeklickt, räkeln sich die Frauen auf dem gesamten Bildschirm. Sie sehnen sich denselben Typen herbei. Diesen findet der Zuschauer im dritten Fenster, denn hier gehen maßgefertigte Männerschuhe auf und ab. Beim Popup entpuppt sich der scheinbar Smarte jedoch als unwürdiger Kretin.

Das aus drei Akten komponierte Werbespektakel ruft so viel Entrüstung über das angedeutete Gebaren des Machos hervor, dass die Zuschauer der Kunstfigur online erbitterte Briefe schreiben. Damit sich die dabei blank geriebenen Nerven beruhigen, kann der Zuschauer über die Werbesequenz auch das promotete coole Duftwasser bestellen.

Jede Videosequenz und alle Musikclips lasssen sich im Bertelsmann-Fernsehen mit Internet-Optionen wie Chat-Foren, Mail- und Portalfunktionen, Warenkörben und Suchfunktionen ausstatten. Doch bisher kommen erst rund 1000 Haushalte in Feldversuchen in den Genuss des CK-One-Spots; denn für das interaktive Fernsehen ist ein Kabelanschluss notwendig. Das Breitbandkabel muss Übertragungsraten von 1,5 Mbit/s erlauben sowie einen Rückkanal aufweisen. In Köln stellt Netcologne die Anschlüsse für maximal 500 Anwender zur Verfügung, in Frankfurt am Main der Kabelbetreiber Erhig. Bis Juni, kündigt Dirk Hensmann, Vice President der BBG, an, werden noch vier weitere Versuche gestartet, einer davon mit Hilfe der Übertragungstechnik Asynchronous Digital Subscriber Line (ADSL), zusammen mit Hansenet in Hamburg.

Die Anwender benötigen für das Online-TV der BBG einen handelsüblichen PC mit Internet-Anschluss. Wird der PC von mehreren Personen benutzt, braucht jeder, auch Kinder einer Familie, eine eigene Mail-Adresse. Das sei notwendig, so Hensmann, um das Fernseh- und Werbeangebot personalisieren zu können. Den Krimi-Fans kann auf diese Weise gleich beim Aufruf der Site mitgeteilt werden, welcher Thriller neu im Programm ist, und für Türriegel geworben werden, die vor Einbruch schützen.

Außerdem sind die Adressen mit Zugriffsrechten versehen, so dass beispielsweise Eltern Auswahlkriterien für ihre Kinder bestimmen können. So lassen sich Action-Filme sperren, aber auch das Online-Shopping der Kids auf 50 Mark begrenzen. Ob sich das Ansehen eines Beitrags lohnt, kann der User beispielsweise aus aufzublendenden Zusammenfassungen und Kritiken erfahren. Im Musikkanal gibt es Zusatzinformationen zum Clip, etwa die Tourtermine der Backstreet Boys.

Den Inhalt des 24-Stunden-Fernsehens stellen derzeit der Bertelsmann-Konzern sowie rund 125 Geschäftspartner. So füttert etwa die Gruner & Jahr Electronic Media Service GmbH (EMS), Hamburg, den Reisekanal. Ihr Angebot wird mit Videos von Fernsehproduktionen wie "Wolkenlos" und "Vox-Tours" ergänzt.

Um die zum Teil komplexen Anwendungen wie die von EMS in das Bertelsmann-Fernsehen einzuklinken, muss das BBG-System klare Schnittstellen haben, hinter diesem Rahmen aber flexibel sein. Im Wesentlichen erreichten die Entwickler dieses Ziel durch den Einsatz von XML und den Enterprise Javabeans (EJB) sowie einer Softwarearchitektur, die Geschäftsregeln von den auszuführenden Einzelaktionen trennt (siehe Grafik).

Die Anwendungen, mit denen der Zuschauer zu tun hat, fasst die BBG unter dem Begriff User-Interface zusammen. Es besteht aus den Komponenten interaktives Fernsehen, Video-, Music- und Content on Demand, E-Mail-Service, E-Commerce, Family-Administration, IP-Telefonie, Video-Chat und Fast Internet Access. Die Entwicklung aller Teile nahm vom ersten Design bis zum ersten Einsatz nur fünf Wochen in Anspruch.

Neben dem User Interface gibt es noch ein Redaktions-, Content-Management- und ein Video-Distributionssystem, eine Reporting- und Statistikanwendung, die Systemadministration sowie eine Call-Center-Lösung. Die BBG beauftragte Bertelmann-Tochterunternehmen mit der Entwicklung: die Internet-Agentur Pixelpark AG, Berlin, und Qubiz GmbH, Gütersloh, die ihrerseits zahlreiche Unterauftragnehmer verpflichteten. Das Operating des gesamten Systems übernimmt das zentralen Bertelsmann-Rechenzentrum in Gütersloh. Das Backbone betreibt die ebenfalls in dieser Stadt angesiedelte dritte Bertelsmann-Tochter Media Ways GmbH.

Das BBG-System setzt sich aus einer Web-nahen Schicht und einem EJB-1.1-Layer zusammen, die die Applikationslogik enthält. Jede Schicht verfügt über Controller. Auf der Web-Seite besteht dieser hauptsächlich aus Proxy-Servern und Plausibilitätskontrollen.

Jedem Web-Server ist ein EJB-Controller zugeordnet. Hier sind die Regeln hinterlegt, die für die einzelnen Anwendungen gelten. Die Trennung der Applikationsregeln von den konkreten Datenbankapplikationen erlaubt ein schnelles Austauschen von Komponenten, Datenbanken oder den Ersatz von ganzen Anwendungen.

Die einzelnen Datenbankapplikationen enthalten Session- und Entity-Beans. Erstere erlauben den Aufruf von Datenbankobjekten, während die Entity-Beans den Inhalt der Datenbankabfrage bewahren.

Die Entwickler bedienten sich eines deklarativen Programmierstils, wie er in EJB 1.0 und 1.1 im "Deployment Descriptor" beschrieben ist. Somit muss nicht alles hart codiert und übersetzt werden, so dass die Server ununterbrochen laufen können und sich externe Dateien zu jedem Zeitpunkt einspeisen lassen. "Mit Hilfe von XML und dem Java Reflection API lassen sich einfach und dynamisch neue Request-Typen definieren", erläutert Jeremy Bargar, einer der 15 Entwickler, die das User Interface programmierten. Für den Ablauf der HTML- und JSP-Seiten nutzten sie Property-Dateien. Das Problem bei dieser Art der Programmierung ist laut Bargar, während der Laufzeit Änderungen in den Property- und XML-Files zu entdecken. Das Entwicklungsteam beseitigte die Schwierigkeiten mit dem Java Messaging Service. Dieser dient der zeitunabhängigen Kommunikation zwischen den Programmen. Dateiveränderungen werden damit wahrnehmbar.

XML und EJB schaffen ein flexibles System für die Einbindung von Fremdproduktionen. Doch welchen Aufwand es für die Content-Lieferanten tatsächlich bedeutet, ihre Clips, Chat-, Mail- und Shopping-Sites an das Bertelsmann-System anzupassen, zeigt sich erst in der Praxis.

Die Internet-Inhalte müssen sich zum Beispiel an den XML-Stylesheets und Flash-Animationen von BBG orientieren. Auch der Content des EMS Travel Channel lässt sich nicht eins zu eins übernehmen. Daniel Fett, bei EMS zuständig für die Anpassungen an das interaktive Fernsehen, nennt einige Beispiele für die andersartigen Anforderungen an das Frontend. So hat das Fernsehen eine andere Bildschirmauflösung als ein PC-Monitor; somit muss die Schrift auf den Seiten wesentlich größer und klarer ausfallen. Texte sind generell auf ein Minimum zu reduzieren, statt dessen wird mit Trailern und Teasern gearbeitet. Auch die Navigation muss sich ändern und an den Möglichkeiten einer Fernbedienung orientieren: Es darf kein Scrollen geben und nur wenige Optionen zum Blättern. Trotz des Aufwands zeigt sich Fett begeistert: "Das interaktive Fernsehen ist ein sehr aufregendes Projekt."

Unklar ist allerdings, wann Bertelsmann-Fernsehen profitabel sein kann. Offen ist zudem die Frage, ob die Nutzer lediglich eine Pauschale zahlen müssen oder auch die Nutzungsdauer. Die größte Einnahmequelle, erhofft sich BBG-Vice-President Hensmann, soll die Werbung sein.

Web-Server und Tools für die Fernseh-ApplikationenDie mehrschichtige Anwendungsarchitektur erlaubt beliebige Datenbanken, doch zur Zeit setzt die Bertelsmann Broadband Group (BBG) für die Testläufe ausschließlich den "Oracle Video Server", Version 8.1.6, ein - zusammen mit dem "SQL Navigator" der Quest Software Inc. aus dem kalifornischen Irvine. Darüber hinaus integriert die Call-Center-Software das Konvergenz-Abrechnungssystem "Cam-Bridge" von Qubiz. Das Content-Management-System basiert auf "Coremedia" der Higher-Order Informations- und Kommunikationssysteme GmbH, Hamburg. Die Software arbeitet mit XML-Formaten.

Der für die EJB-Anwendungen verwendete "Web Logic Server" stammt von Bea Systems Inc. Er sorgt für Persistenzmechanismen, regelt die Transaktionen und ermöglicht die Skalierung beziehungsweise das Clustering der Applikationen.

Wie Scott Dietzen, Chief Tecnology Officer der E-Commerce-Abteilung von Bea, auf der europäischen User-Konferenz in Paris vergangene Woche einräumte, zeigt diese Plattform Schwächen in der Administration. Bereits im Februar dieses Jahres hatte er mit "Java Management Extension" (JMX) Abhilfe in Aussicht gestellt. Das Utility soll sowohl ein Monitoring als auch Debugging von Komponenten ermöglichen. JMX soll laut Dietzen noch in diesem Jahr auf den Markt gelangen.

Doch der IT-Projektleiter Helmut Gutzmann von Qubiz ist mit den bisher verwendeten Web Logic Servern zufrieden, die Handhabung sei sogar "eleganter" als etwa beim "Oracle Application Server". Dass Kommandozeilen zur Steuerung benutzt werden müssen, hält er für "vernünftig". Gutzmann setzt das Bea-Produkt unter Solaris ein.

Für die Planung und Modellierung des Anwendungssystems nahmen die Entwickler "Rational Rose" von der Rational Software GmbH, Oberhaching, für die Java-Programmierung das Borland-Werkzeug "J-Builder 3.1". Dabei wurden die mit dem Rational-Tool erstellten Use-Cases, die die Anwendungsfälle beschreiben, anschließend direkt in Java codiert. "Eine Spezifizierungsphase im eigentlichen Sinne gab es somit nicht", erläutert Projektleiter Gutzmann das Vorgehen der Entwicklungsteams.

Abb: Die mehrschichtige Architektur des BBG-Systems hält die Anwendungen flexibel und erlaubt den Dauerbetrieb des Internet-Fernsehens. Quelle: Qubiz