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15.02.2002 - 

Studie des Bundesfamilienministeriums zur beruflichen Mobilität

Jeder sechste Arbeitnehmer muss pendeln

15.02.2002
MÜNCHEN - Immer mehr Arbeitnehmer müssen aus beruflichen Gründen mobil sein. Das stellt viele Menschen vor große organisatorische und psychische Probleme. Dennoch werden berufsbedingtes Pendeln, Fernbeziehungen und Umzüge kaum kritisch hinterfragt. Von CW-Mitarbeiterin Bettina Wirth

Die Folgen des beruflichen Mobilseins ermittelte eine Studie des Bundesfamilienministeriums und des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung. In über 1000 Interviews wurden mobile Berufstätige und ihre Partner befragt. Dabei berücksichtigten die Wissenschaftler fünf Arrangements des Zusammenlebens und Mobilseins:

- Fernpendler legen lange Anfahrtswege zur Arbeit zurück, um den gemeinsamen Wohnort der Familie zu erhalten. Meist fahren sie täglich mindestens zwei Stunden, um zu arbeiten.

- Umzugsmobile haben in den letzten fünf Jahren wegen des Berufes ihren gemeinsamen Haushalt verlagert.

- Wochenendpendler verfügen über einen Haupt- und einen Zweithaushalt am Arbeitsort des mobilen Partners, der nur arbeitsbezogen genutzt wird. An den Wochenenden oder in anderen zeitlichen Rhythmen teilt sich das Paar den Haupthaushalt.

- So genannte Varimobile haben sich beim Berufseinstieg für die Mobilität entschieden. Als Vertreter, Manager oder Berater sind sie an wechselnden Orten tätig und etwa in Hotels untergebracht.

- Bei Fernbeziehungen verfügen beide Partner über einen eigenen Haushalt.

Die Studie ergab, dass mindestens jeder sechste Berufstätige, der in einer Partnerschaft oder Familie lebt, aus beruflichen Gründen mobil ist. Vor allem die Zahl der Fern- und Wochenendbeziehungen nahm in den letzten Jahren zu. Die Soziologen stellten fest: Je jünger die Befragten, je höher der Bildungsabschluss und je kleiner der Haushalt, desto mobiler der Arbeitnehmer. Außerdem sind Männer häufiger mobil als Frauen.

Die Wahl einer bestimmten Lebensweise hängt laut Studie von vielen Gründen ab. Für das Fernpendeln entscheiden sich Menschen mit hoher Ortsverbundenheit und einem auf Nähe ausgerichteten Familienideal. Über die Hälfte der Befragten pendelt, um eine Stelle (wieder) zu erhalten, ein Drittel wollte sich beruflich verändern.

Wochenendpendler hängen einem anderen Partnerschaftsideal an: Nähe empfinden sie als nicht so wichtig. 80 Prozent gaben an, dass sie der attraktiveren Arbeitsstelle zuliebe mobil sind. Auch für Umzugs- und Varimobile dominieren berufliche Gründe, sie stehen Veränderungen offen gegenüber. Die Lust auf etwas Neues wird explizit betont, während die anderen beiden Gruppen Veränderungen eher als bedrohlich empfinden.

Mobile leiden unter KontaktverlustNur jeder dritte Mobile betrachtet seine Lebensweise ausschließlich positiv. Vorteile empfinden vor allem Menschen in Fernbeziehungen, sie begrüßen zu 86 Prozent die individuelle Autonomie. Positive Folgen führen vor allem Umzugsmobile an, 31 Prozent von ihnen hätten sich persönlich weiterentwickelt.

Trotzdem wirkt sich Mobilität auf viele Betroffene nachteilig aus. Die Befragten berichten über eine Reihe psychischer und physischer Belastungen. Gut ein Viertel der Mobilen beklagt den Zeitmangel und den durchs Pendeln bedingten sozialen Kontaktverlust. Jeder Fünfte erfährt finanzielle Einbußen durch das Mobilsein. Außerdem leiden 21 Prozent unter der Entfremdung vom Partner.

Besonders schwer haben es Pendler mit Familie: 42 Prozent der befragten Männer und 69 Prozent der befragten Frauen geben an, dass die berufliche Situation die Familienentwicklung hemmt. Beruflich mobile Menschen bleiben viel häufiger kinderlos als nicht mobile. Falls Berufsmobile doch einmal Eltern werden, dann erheblich später als andere Paare. Von den varimobilen Frauen und Wochenendpendlerinnen sind mehr als 75 Prozent kinderlos und werden es bleiben. Der Anteil der mobilen kinderlosen Männer ist nicht einmal halb so groß. Viele leben in einer traditionell organisierten Partnerschaft, die ihnen berufliches Mobilsein erlaubt.

Finanziell lohnt sich die Bereitschaft zur Mobilität fast nie. Nur neun Prozent der Befragten berichten von einem geldwerten Vorteil. Wegen der zahlreichen Nachteile betrachten die meisten Befragten ihr Mobilsein als Übergangsphase. Vor allem Menschen in Fernbeziehungen (79 Prozent) und Wochenendpendler (59 Prozent) wollen ihre Lebensform nicht dauerhaft akzeptieren. Hinzu kommt, dass die Beschäftigten meist mit ihren familiären, organisatorischen und finanziellen Belastungen allein gelassen werden. Nur wenige Unternehmen bieten flexiblere Arbeitszeiten oder Kinderbetreuung an. Deshalb wünscht sich jeder Zweite von Politik und Tarifparteien Maßnahmen, die berufliches Mobilsein erleichtern: Angefangen vom weiteren Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und Angeboten für Vielfahrer über Steuerentlastungen bis hin zur flexiblen Gestaltung der Arbeitszeiten und Kinderbetreuung.

Probleme bleiben PrivatsacheDie Forderungen an die Unternehmen fallen bescheiden aus: Laut Umfrage erwarten nur wenige von ihrem Chef eine direkte Beteiligung an den Mobilitätskosten. Auch eine größere Flexibilisierung der Arbeitsorte durch Telearbeit wünschen sich nur wenige. Dies bedeute allerdings nicht, dass kein Unterstützungsbedarf bestehe, so die Macher der Studie. Die Unternehmen würden so zaghaft in die Pflicht genommen, weil die Alternativen nicht bekannt seien. Außerdem brächten Mitarbeiter solche Wünsche erst gar nicht vor, weil ihnen die Erfüllung abwegig erscheine.

Das Fazit der Soziologen mündet in einen Appell an die Unternehmen: Sie müssten mehr Verantwortung für das Privatleben ihrer Beschäftigten übernehmen. Dies sei ein Wettbewerbsvorteil, denn: Entwicklungspotenzial zur Gewinnung guter Mitarbeiter liege in unserer Wohlstandsgesellschaft künftig weniger im materiellen, sondern im familienorientierten Bereich, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler.