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03.07.1998 - 

Die gemeinsame Notes-Basis verbindet alle Auftragnehmer

Jeder versteht jeden beim Turmbau zu Frankfurt

03.07.1998

Ein schnuckeliger Altbau am Rande der Frankfurter City beherbergt das Büro von Martin Gruber und Helmut Kleine-Kraneburg. Die Arbeitsweise des Architektenteams ist hingegen nicht von gestern. Als Teilersatz für das gute alte Reißbrett hat der Computer mittlerweile in fast alle Architekturbüros Einzug gehalten. Doch Gruber und Kleine-Kraneburg lassen sich von der Informationstechnik auch andere Arbeiten erleichtern. Seit drei Jahren betreiben sie den elektronischen Austausch von Entwurfsdaten - bislang allerdings nur via Diskettenversand, was viel Aufwand und Zeitverzögerungen bedeutet.

So zierten sich die Architekten auch nicht lange, als die Frankfurter Ingenieursozietät BGS ihnen vorschlug, Versuchskaninchen für ein komfortableres System zu spielen. Die Ingenieure wollten den Neubau des IG-Metall-Hochhauses in der Frankfurter Innenstadt komplett über das World Wide Web koordinieren.

BGS beschäftigt sich schon seit dem Beginn der 60er Jahre mit der informationstechnischen Unterstützung von Bauvorhaben. Die Sozietät hat sich quasi auf die informationstechnische Koordination solcher Projekte spezialisiert und bietet diese Dienstleistung sogar dem Mitbewerb an.

Zur internen Koordination der Arbeitsabläufe setzt BGS das Groupware-Produkt "Notes" von Lotus Development ein. Jetzt will DV-Leiter Frank Zimmermann das Notes-Konzept auf eine unternehmensübergreifende Ebene hieven: Architekten, Installateure etc., also alle Betriebe, die an einem Projekt arbeiten, sollen via Notes miteinander kommunizieren.

Diese Idee ist praktikabel, seit Lotus mit dem "Domino"-Server eine Konvertierungssoftware anbietet, die Dokumente aus dem Notes- in das HTML-Format überträgt. "Notes hat lange an der geschlossenen Welt gekrankt", erläutert Zimmermann. Wer Notes-Dokumente anschauen wollte, brauchte dafür in der Vergangenheit einen Notes-Client. Heute reicht ihm ein marktgängiger Web-Browser.

Leider lassen sich die Notes-Applikationen aber nicht eins zu eins konvertieren. Die vom Browser abgerufenen Dokumente unterscheiden sich im Aussehen und in den Bearbeitungsmöglichkeiten erheblich von denen, die mit einem Notes-Client empfangen werden. Beispielsweise unterstützt der Browser keine Programme, die in Lotusscript geschrieben sind und auf dem Client-Rechner ablaufen sollen.

Folglich müssen die Entwickler ihre Anwendungen für gemischte Umgebungen auch in zwei unterschiedlichen Versionen bereitstellen. Das führt nach Einschätzung von Experten zu einem um bis zu 50 Prozent höheren Entwicklungsaufwand.

Für die BGS war das insofern kein Problem, als auch die internen Benutzer via "Web-Client", sprich: Browser, auf die Notes-Dokumente zugreifen. Nur der Administrator nutzt einen Notes-Client. Da er hauptsächlich damit beschäftigt ist, die Daten- und Benutzerbasis zu verwalten, nimmt er keinen Anstoß daran, wenn der Bildschirm ihm ein Dokument im falschen Format zeigt.

Die von der aktuellen Notes-Version vorgegebene Beschränkung der Dateigröße ist für Zimmermann ebenfalls kein Problem. Von den vorgesehenen 4 GB sei bislang nur ein Viertel ausgeschöpft. Außerdem habe Lotus beim diesjährigen Treffen der Deutschen Notes User Group (DNUG) in Hamburg versprochen, noch in diesem Jahr eine neue Produktversion auf den Markt zu bringen, die Dateien bis zu 32 GB zulasse.

Der Architekt Gruber war eigener Darstellung zufolge "spontan begeistert" von der Extranet-Idee. Er begreift sich selbst als eine Spinne im Informationsnetz, die den Wissensbedarf aller Beteiligten erfüllen und gleichzeitig von allen Seiten her Informationen einsammeln muß. Ein DV-gestütztes Informationssystem - in Grubers Diktion: ein "künstlicher Taubenschlag" - kann ihm dabei viel Arbeit abnehmen.

Allerdings hatte der Architekt auch Bedenken - angefangen von Befürchtungen hinsichtlich der Netzkapazitäten bis hin zu Sicherheitserwägungen. In der Praxis erwiesen sie sich jedoch als unbegründet - "abgesehen von ein paar Kinderkrankheiten". Auf eine Verschlüsselung mit Hilfe des Secure Socket Layer (SSL) verzichten die Projektbeteiligten, weil das den Durchsatz beeinträchtigt hätte. Gruber hält den durch User-ID und Paßwort hergestellten Schutz mittlerweile für ausreichend. "Schließlich bauen wir keine Kernkraftwerke oder militärischen Einrichtungen."

Nur die Prüfexemplare kommen noch per Post

Bisher ist die Kommunikation via Extranet juristisch nicht gleichbedeutend mit dem Schriftverkehr. Solange das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) keine verbindlichen Regeln für die digitale Unterschrift erlassen hat, können die Zeichnungen noch nicht elektronisch "abgenommen" werden. Um bei der Zeichnungsfreigabe Rechtssicherheit herzustellen, müssen die Beteiligten also immer noch Prüfexemplare per Post verschicken.

Ansonsten läßt sich jedoch der gesamte Workflow bei der Planung des Bauvorhabens via Web koordinieren - von der Entwurfszeichnung des Architekten bis zur Vervielfältigung der Reinzeichnung in einem Pausbetrieb. Jede der am Bauprozeß beteiligten Parteien stellt ihre Vorschläge und Entwürfe in einen für die anderen Befugten zugänglichen Datenbereich.

Sobald eine neue Datei im Daten-Pool abgelegt wird, erhalten die definierten Adressaten automatisch ein Fax, das quasi den Posteingangsstempel ersetzen soll. Selbstverständlich ist sichergestellt, daß die einmal veröffentlichten Pläne nicht nachträglich verändert werden können.

Der Vorteil der Web-gestützten Arbeitskoordination liegt zunächst darin, daß sie eine weitgehend standardisierte oder zumindest anerkannte Form für den Austausch von Daten bereitstellt. In Grubers Augen ist das ein schlagendes Argument. Schließlich arbeitet der Architekt mit einem runden Dutzend Ingenieurbüros zusammen, von denen jedes seine eigenen maßgeschneiderten Programme nutzt.

Der Bauherr kann die Projektdaten mitnehmen

Auch dem Bauherrn bringt diese Arbeitsweise Vorteile: Da das gesamte Vorhaben automatisch dokumentiert wird, kann er die projektrelevanten Daten in Form einer CD mit nach Hause nehmen, um sie bei späteren Renovierungen oder Anbauten zu verwenden.

Noch ungeklärt ist die Frage, wer für diese Art der Infrastruktur schließlich zahlen muß. Da es sich um ein Pilotprojekt handelt, ist die BGS zunächst einmal in die Vorleistung gegangen. Allerdings wollen sich die Ingenieure in späteren Vorhaben den mit 1000 bis 2500 Mark pro Monat bezifferten Betreuungsaufwand erstatten lassen. Nur wissen sie noch nicht, wer dafür geradestehen soll - der Architekt, der Bauherr oder alle Beteiligten zu gleichen Teilen.

Damit das System funktioniert, ist es unabdingbar, daß sich möglichst keiner der Projektbeteiligten davon ausschließt. Gruber hat die Teilnahme zwar nicht zum K.o.-Kriterium erklärt, allerdings eine "Empfehlung" an die Adresse der Auftragnehmer ausgesprochen. Und der seien bislang alle Beteiligten nachgekommen.

DAS PROJEKT

Die Planung für den Neubau des IG-Metall-Hochhauses reichen bis weit in das vergangene Jahr zurück. Zwischenzeitlich hatte sich das Vorhaben verzögert, weil der Bauherr das Gebäude plötzlich nicht mehr selbst nutzen wollte, sondern es zu einem Renditeobjekt erklärte. Daraufhin mußte die Planung grundsätzlich überarbeitet werden. Mittlerweile sind die neuen Entwürfe jedoch bereits so weit gediehen, daß die Ingenieure für den Spätsommer mit einem konkreten Auftrag rechnen. Nach der baurechtlichen Prüfung dürfte gegen Ende des Jahres der erste Spatenstich getan werden.

DIE SOZIETÄT

1956 gegründet, beschäftigt die BGS Ingenieursozietät heute 350 Mitarbeiter. Das Unternehmen widmet sich der Planung und Koordination von Bauvorhaben. Das Leistungsangebot umfaßt die Statik für Gebäude aus Holz, Mauerwerk, Stahl- und Spannbeton, aber auch die Planung ober- und unterirdischer Verkehrsanlagen einschließlich der notwendigen Brücken und Tunnel sowie die Sanierung von Altbauten. Die BGS leistet sich eine DV-Abteilung mit 15 hauptamtlichen Mitarbeitern. Um die Arbeit der Beschäftigten zu koordinieren, führte das Unter- nehmen die Groupware "Notes" von Lotus Development ein, die die Mitarbeiter dank des "Domino"-Servers über einen Web-Client, sprich: Browser, anzapfen können.