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28.09.1990

Jessi beschert Europa einen 100-Milliarden-Dollar-Markt

Raimondo Paletto Chairman des Jessi-Boards

Die gegenwärtige Lage in der Mikroelektronik-Industrie erinnert sehr stark an das alte Gleichnis von Henne und Ei, was bedeutet: Fortschritte in der Halbleitertechnologie hängen von Weiterentwicklungen der Produktionsmaschinen ab; die werden wiederum nur dann erreicht, wenn die Systemanwendungstechnik voranschreitet. Schließlich haben neue Anwendungen der Mikroelektronik immer fortgeschrittenere Lösungen in der Basistechnologie selbst zur Folge.

Weil neue Technologien in der Mikroelektronik für die wirtschaftliche Zukunft Europas von entscheidender Bedeutung sind, kann nur ein globaler Ansatz - wie das Jessi-Programm ihn repräsentiert - den scheinbar geschlossenen Entwicklungskreislauf in der Mikroelektronik beschleunigen.

Dieser globale Ansatz hat sowohl technische als auch wirtschaftliche Gründe. Halbleiterbauelemente sind - in den meisten Fällen - international standardisiert. Weil keine Transportprobleme bestehen, ist der Produktionsort meistens bedeutungslos. Außerdem sind die elektronischen Systeme universell einsetzbar und einfach in der Handhabung. Aus diesen Gründen können die Hersteller relativ problemlos in den verschiedensten Märkten außerhalb ihrer eigenen Grenzen operieren. Die historisch wichtige Idee eines Heimmarktes hat keine Gültigkeit mehr!

Die wirtschaftliche Seite ist in den letzten fünf Jahren daher durch das Ein- und Vordringen außereuropäischer Produzenten und Anwender gekennzeichnet. Anfangs hatten die europäischen Firmen noch einen "Heimvorteil". Andererseits konnten die Mitbewerber aber nicht nur mehr Geld aufbringen, sondern verfügten zudem noch über die Resultate einer breiten, national koordinierten Forschungs- und Entwicklungsanstrengung.

Zusätzlich beobachten wir gleichzeitig ein Zusammenwachsen der verschiedenen Mikroelektronikbereiche. Systemwissen ist gefragt, denn mikroelektronische Bauelemente besitzen heutzutage in vielen Fällen einen hochentwickelten Architektur- und Softwaregehalt. "Systems-on-Silicon" gewinnen ebenfalls an Bedeutung, deshalb ziehen Halbleiterfirmen und Anwendungsindustrie immer häufiger an einem Strang. Andererseits bringt das Vordringen in Submikronstrukturen neue Herausforderungen in der Herstellungstechnologie und in den Testbedingungen für die Produktionsgeräteindustrie mit sich, so daß auch hier eine verstärkte Kooperation unbedingt nötig ist.

Die 1986 begonnene Jessi-Planungsphase konnte 1988 erfolgreich mit der Veröffentlichung der sogenannten Grünen Bücher - sie beschreiben detailliert die Aufgaben des Programms - abgeschlossen werden. Ein Jahr darauf erfolgte die Verabschiedung auf der Eureka-Ministerkonferenz. Der Gesamtaufwand beträgt fast acht Milliarden Mark bis zum Jahr 1996.

Insgesamt entspricht dies ungefähr 21 400 Mannjahren, die sich auf die Unterprogramme Technologie, Ausrüstung und Materialien, Anwendung und Grundlagenforschung aufteilen. Trotz dieses großen Aufwandes, der Jessi zu einem der größten Eureka-Programme macht, liegen die Ausgaben noch weit unter denen, die jeder drei großen japanischen Halbleiterhersteller allein aufbringt. Wichtiger als die reine Größe ist jedoch die Tatsache, daß es sich bei Jessi um eine wirklich umfassende Zusammenarbeit aller wichtigen Bereiche in der Mikroelektronik handelt.

Bis zu seiner Beendigung wird das Programm den Europäern nicht nur eine eigene umfassende Submikrontechnologie bescheren, sondern es wird ihnen auch die Möglichkeit geben, gegenüber dem Rest der Welt wettbewerbsfähig zu werden.

Seit der Etablierung des Jessi-Boards im Juli 1989 wurden alle Maßnahmen, die für ein so umfangreiches Programm notwendig sind, konsequent ergriffen. So konnten bis heute von über 250 gestellten Projektanträgen nach Begutachtung durch Programm- und Jessi-Board mehr als 50 aufgenommen werden. An diesen Projekten sind insgesamt mehr als 100 Partner aus mehr als neun verschiedenen europäischen Ländern beteiligt. Sie stehen jetzt zur Finanzierung durch die nationalen Regierungen beziehungsweise durch die EG-Kommission an. Erste größere und kleinere Projekte sind gestartet. Die bis dahin noch in der Diskussion befindliche Frage der industriellen Eigentumsrechte konnte ebenfalls zufriedenstellend geklärt werden.

Aber auch zwischen den Industriefirmen selbst läßt sich jetzt eine echte Zusammenarbeit bis zur Anwendung hin realisieren. In anderen Worten ausgedrückt, Europa hat sich ein Japan-ähnliches Verhalten angeeignet. Davon profitieren nicht nur die Technologien und Produktionstechniken, die notwendig sind, um die nächste Generation noch höher integrierter Schaltkreise zu bauen, sondern insbesondere auch die europäischen Hersteller, die an der Realisierung von Logik und Anwendungen in Submikron-Silizium arbeiten. Der deutlich gestiegene Grad an Kooperation bringt es mit sich, daß europäische Standards zum Beispiel für CAD oder gemeinsame Designregeln einer Realisierung näherrücken.

All dies ist zu einer Zeit in die Wege geleitet und realisiert worden, in der sich die europäische Industrie unter starkem auswärtigen Konkurrenzdruck befindet. Jessi hat deshalb versucht, keine Zeit zu verlieren. Der hohe Erwartungs- und Zeitdruck, unter dem die Projekte stehen, hat dazu geführt, daß Entwicklungszeiten in einzelnen Fällen sogar unterschritten werden konnten.

Es wäre allerdings blauäugig anzunehmen, daß alle Probleme gelöst seien. Der geringe Anteil europäischer Hersteller im Bereich der Halbleiterausrüstungsindustrie, die im gesamten Produktionszyklus integrierter Schaltkreise eine wichtige Rolle spielt, ist beispielsweise ein Grund zur Sorge. Die Jessi-Organisation hat daher diesem Bereich erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt.

Hier könnten sich auch durchaus gemeinsame Kooperationsfelder ergeben, die über Europa hinaus in transatlantischer Kooperation einen gemeinsamen, weitergehenden Ansatz ermöglichen. In den USA hat sich mit Sematech eine Initiative der Halbleiterindustrie etabliert, die sich speziell mit allen Aspekten der Produktions- und Ausrüstungstechnologie beschäftigt. Warum sollte man also hier nicht die Anstrengungen bündeln und gemeinsam vorgehen?!

Wie sieht die Zukunft von Jessi und der europäischen Halbleiterindustrie insgesamt aus? Die Lage und die strategische Bedeutung dieses Industriezweiges ist deutlich erkannt worden und das nicht nur von der Industrie selbst, sondern auch von der Öffentlichkeit und den zuständigen Regierungen. Weiterhin ist mit Jessi jetzt ein Programm eingerichtet, in dem alle wichtigen Kräfte Europas ernsthaft zusammenarbeiten. Drittens kann festgehalten werden, daß wir unsere Aufmerksamkeit nicht nur einem einzelnen Produkt oder Chip widmen, sondern daß der gesamte für die Mikroelektronik relevante Bereich von Materialien über Ausrüstung, Technologie und Anwendungen bis hin zu den Grundlagen in einem gemeinsamen Programm zusammenhängend formuliert und abgedeckt wird.

Ohne künstlichen Optimismus verbreiten zu wollen, läßt sich daher sagen, daß Jessi der europäischen Industrie bis 1995 den Zugang zu einem 100-Milliarden-Dollar-Markt bescheren wird. Vergessen wir aber neben dem wirtschaftlichen Erfolgsaspekt nicht noch einen weiteren Faktor, der vielleicht auf die Dauer noch viel wichtiger ist: Die intensive Kommunikation und Kooperation zwischen verschiedenen Nationen innerhalb von Europa.