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08.01.1999 - 

Jobhopping verschärft personelle Engpässe in der IT-Branche

Jobhopping verschärft personelle Engpässe in der IT-Branche Lukrative Offerten bringen Softwareprofis in Versuchung

08.01.1999
Von Ina Hönicke Die Arbeit der IT-Profis ist mittlerweile Gold wert - und das wissen sie. Nicht wenige lassen sich durch mehr Geld locken, den Arbeitgeber zu wechseln. Während sich in den USA das Jobkarussell immer schneller dreht, fehlt den deutschen Wechselwilligen oft die Zeit, sich umzusehen. Hier helfen Headhunter nur allzugern.

Weltweit werden Software-, Telekommunikations- und Multimedia- Profis händeringend gesucht. Hierzulande waren in den ersten zehn Monaten des Jahres 80000 Stellen im DV-Bereich frei, was nach Berechnungen von EMC-Medienservice und Adecco einer Steigerung von rund 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auch die gewaltigen Summen, die Unternehmen an externe DV-Berater zahlen, sind ein Beweis für die prekäre Situation.

Hochqualifizierte Softwarespezialisten können es sich nach Ansicht von Personalberatern sogar erlauben, ihren festen Job an den Nagel zu hängen. Als Freelancern stünden SAP-, Internet- oder Java- Experten alle Türen offen. Kein Wunder, daß die Unternehmen versuchen, sich gegenseitig die Mitarbeiter wegzuschnappen. In den USA ist es Mode, High-Tech-Spezialisten mit attraktiven Angeboten wie Segeltörns, Europa-Reisen oder schnellen Autos von der Konkurrenz abzuwerben. Versuche dieser Art sind nicht selten von Erfolg gekrönt. Hauptgrund, den Arbeitgeber zu wechseln, ist fast immer das Geld.

In den USA ist Jophopping bereits seit längerem ein brisantes Thema. Einige Unternehmen sollen Treueprämien zwischen 15 und 50 Prozent eines Jahresgehalts zahlen. Bei der Society for Human Resource Management rufen immer mehr Personalchefs an und fragen, wie sie gute Mitarbeiter davon abhalten können, zur Konkurrenz zu gehen. "Hire and fire" hat in der Computerwelt eine neue Bedeutung bekommen: Nicht das Unternehmen, sondern der hochqualifizierte IT- Profi läßt sich herab, ein Beschäftigungsverhältnis einzugehen und zu beenden, sobald ein besseres Angebot lockt. Die Quittung erhalten vor allem die Firmen, die sich nicht genügend um Personalentwicklung gekümmert haben und ihren Mitarbeitern keine Karriereperspektiven aufzeigen können.

Eine wichtige Rolle spielt auch der Bereich Weiterbildung. Nach Zahlen der Gartner Group ist beispielsweise bei Firmen, die ihre Mitarbeiter mehr als zehn Tage im Jahr zur Fortbildung schicken, die Kündigungsrate nur halb so hoch wie bei solchen mit kleinerem IT-Schulungsbudget.

Doch zunehmend sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur noch sogenannte Berufslebensabschnittspartner - eine Definition, die von den Unternehmen durchaus gewollt ist. Schließlich werden Personal-Manager großer Konzerne nicht müde zu betonen, daß Mitarbeiter künftig nicht mehr damit rechnen dürften, "von der Wiege bis zur Bahre" bei ein und derselben Firma beschäftigt zu sein.

Daß auch in Deutschland längst nicht alle IT-Profis mit ihrem Job zufrieden sind, ist auf den IT-Karrieremessen zu beobachten. Solche Veranstaltungen nutzen sie, um ganz unverbindlich in diverse Unternehmen "hineinzuschnuppern". Allerdings fehlt den meisten wechselwilligen IT-Profis in der Regel die Zeit, den Stellenmarkt intensiv zu beobach- ten. Diese Arbeit nehmen Headhunter gern ab. Gabriele Kernwein, Geschäftsführerin der PC/ Enter Personalvermittlung, Bad Homburg, erklärt: "Der Markt ist momentan derart abgegrast, daß man die in Frage kommenden Kandidaten schon fast alle persönlich kennt."

Die Beraterzunft kann verstehen, warum es so viele wechselwillige Kandidaten bei den Anwenderunternehmen gibt. Dort würden junge Computerprofis verstärkt miterleben, wie der Kollege, der als freiberuflicher Experte für ein Projekt hinzugezogen wird, mehr als das Doppelte einstreicht. Kernwein: "Die Arbeitskraft von versierten IT-Profis ist heute Gold wert. Jeder festangestellte Profi sollte sich deshalb fragen, ob er bekommt, was er verdient." Wer die aktuelle Hausse auf dem Arbeitsmarkt nicht nutze, sei selbst schuld.

Die Frage, ob allzu Wechselwillige sich nicht unglaubwürdig machen, stellt sich für die Headhunter nicht. Im Moment hielten die IT-Profis das Steuer in der Hand - diese Kröte müßten die Unternehmen schlucken. Mittlerweile haben die Personalberater elektronische Konkurrenz bekommen. Immer mehr Wechselwillige nutzen neue Medien wie das Internet, um sich ins Gespräch zu bringen. Während noch nicht alle Personalchefs den virtuellen Kontaktbörsen über den Weg trauen, sehen Arbeitsmarktexperten im Internet das Personalkarussell der Zukunft.

Jochen M. gehört zu denen, auf die der neue Arbeitgeber mit einer verlockenden Offerte direkt zugegangen ist. Zehn Jahre lang war er bei einem großen Anwenderunternehmen in der Systemtechnik tätig. Jetzt ist er zu einem DV-Hersteller gewechselt und erhält 25000 Mark mehr im Jahr. Zwanzig Prozent mehr Gehalt sind der Normalfall, erzählen Jobwechsler und Personalberater, wenn Computerspezialisten vom Anwender zum Anbieter gehen.

Die Unternehmen dagegen zahlen bei jeder Kündigung kräftig drauf. Zusätzlich zu den Kosten für Anzeigen rechnet die Gartner Group mit einer Rekrutierungssumme von 20 bis 35 Prozent eines Jahres- Bruttogehalts und mit einem Produktivitätsverlust von bis zu 50 Prozent, der mit der Einarbeitung des neuen Mitarbeiters in den ersten sechs Monaten entsteht. Zudem fließt Know-how aus dem Unternehmen ab, Projekte verzögern sich. Kunden klagen, daß sie immer neue Ansprechpartner vorgesetzt bekommen. Schließlich ist personelle Kontinuität ein wertvolles Gut, mit dem einige Firmen sogar für ihre Produkte und Dienstleistungen werben.

Mit einer relativ hohen Mitarbeiterfluktuation haben die Consulting-Unternehmen zu kämpfen. Sie liegt bei rund zehn bis 15 Prozent im Jahr - und kommt diesen Firmen teuer. Sie müssen ihre neuen Leute erst durch aufwendige Schulungen für den Einsatz beim Kunden fit machen. Mit Hilfe von Weiterbildungsprogrammen, hervorragenden Karrieremöglichkeiten, interessanten Projekten und nicht zuletzt guten Honoraren versuchen die Beratungshäuser, High- Tech-Spezialisten zu halten. Ihr Ziel: Das eigene Unternehmen muß als Arbeitgeber so attraktiv werden, daß sich ein Wechsel nicht lohnt.

Beate Schubert-Lüthans von der Hamburger Personalberatung SCS weiß, wie leergefegt der Personalmarkt ist. Manche Stellenangebote würden über Monate hinweg in den Zeitungen auftauchen, ohne daß sich der Wunschkandidat blicken ließe. Bleibe die Suche per Inserat erfolglos, würden Mitarbeiter abgeworben. Die Personalberaterin: "Hier ein Loch gestopft, dort ein neues aufgerissen - das Jobkarussell dreht sich in der IT-Branche immer schneller."

Die Unternehmen bieten laut Schubert-Lüthans statt Existenzsicherung Freiräume: Diese nutzen die Mitarbeiter, um die persönliche Kompetenz und damit den eigenen Marktwert zu steigern. Trotzdem ist Jobhopping in Europa nicht so häufig wie in den USA. Laut einer Untersuchung von Meta Group steigt zwar die Bereitschaft zum Wechsel des Arbeitsplatzes vor allem bei jüngeren Leuten deutlich, bislang jedoch beträgt die Fluktuationsrate pro Jahr in den meisten europäischen Unternehmen weniger als zwei Prozent. Lediglich ein Viertel der befragten Betriebe verzeichnet eine Fluktuation zwischen sechs und 20 Prozent. Die SCS-Beraterin sieht die Lage ähnlich: "Lebensläufe, die der Tour eines Wanderzirkus ähneln, sind hierzulande noch eher die Ausnahme."