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21.06.2005

Jobverlust oder falsche Wahrnehmung?

In der öffentlichen Diskussion wird Offshoring gemeinhin mit dem Verlagern von Arbeitsplätzen ins Ausland und gleichzeitiger Jobvernichtung gleichgesetzt. Neueste Studien zeigen ein anderes Bild.

Am 12. Juni 2005 schürte CDU-Generalsekretär Volker Kauder in der sonntäglichen Talkrunde "Sabine Christiansen" wieder die Angst vor dem Arbeitsplatzabbau durch Offshoring mit griffigen, aber offenbar falschen Zahlen. Kauder behauptete, in Deutschland würden Tag für Tag 1000 Stellen ins Ausland verlagert. Untersuchungen von Forschungsinstituten, Industrieverbänden und Erkenntnissen aus Einzelstudien kommen jedoch zu anderen Ergebnissen.

So stellt die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) zwar fest, deutsche Firmen würden pro Jahr 50 000 Jobs im Ausland schaffen. Hierbei dienten die neuen Beschäftigungsverhältnisse vorzugsweise in Osteuropa, aber auch in weiter entfernten Ländern dazu, vor Ort den jeweiligen Markt unter anderem mit Dienstleistungen zu beliefern oder den Handel zu forcieren. Deswegen gingen in Deutschland keine Jobs verloren.

Die Studie "Unternehmertum Deutschland" der Unternehmensberatung McKinsey kommt zu dem Ergebnis, für jeden im Ausland geschaffenen Arbeitsplatz würden in Deutschland zweieinhalb neue Jobs kreiert.

Eine weitere Untersuchung aus jüngster Zeit deckt viele der genannten Aussagen. Der Bundesverband Informationsgesellschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) hat gemeinsam mit der Deutsche Bank Research soeben den "Offshoring-Report 2005: Ready for Take-off" vorgestellt. Wesentliche Aussage: Die "öffentliche Wahrnehmung und die faktische Bedeutung in der aktuellen Offshoring-Debatte unterscheiden sich ganz erheblich", die "Arbeitsplatzwirkungen von Prozessverlagerungen ins Ausland halten sich in Deutschland in Grenzen". Von 572 befragten Firmen geht fast ein Drittel davon aus, "offshore-bedingt" sei sogar ein Personalaufbau um fünf Prozent oder mehr zu erwarten.

Nach dem Report erwarten Firmen ebenso wie Anbieter von Offshoring-Dienstleistungen, dass "Prozessverlagerungen bei IT-getriebenen Dienstleistungen" in Summe "keine dramatischen Dimensionen erreichen werden". Das Offshoring-Geschäft starte von einem niedrigen Niveau, entsprechend wanderten noch "relativ wenige Projekte und Prozesse aus Deutschland ins Ausland". Allerdings besteht ein "breiter Konsens, dass sowohl der Umsatz mit als auch die Gesamtnachfrage nach Offshoring-Dienstleistungen in den nächsten Jahren deutlich steigen werden".

Insbesondere der "echte" Mittelständler zeigt Interesse an Dienstleistungen aus Billiglohnregionen. 71 Prozent der befragten Firmen, die sich solcher Services bedienen, beschäftigen lediglich bis zu 250 Mitarbeiter. Typische Großkonzerne mit mindestens 10000 Angestellten nutzen hingegen nach den Ergebnissen des Reports nur zu 4,9 Prozent Offshoring-Dienstleistungen.

Kosten sollen gesenkt werden

Auch die Beweggründe für Personalplanungsaktivitäten jenseits der deutschen Grenzen werden nach der Untersuchung ziemlich klar: In erster Linie sollen die Kosten gesenkt werden. Auf der Hitliste der Gründe für das Engagement im Ausland rangieren die Argumente, Firmen wollten ihre Flexibilität steigern und sich aufs Kerngeschäft konzentrieren, ebenfalls ganz vorne.

Bereits an vierter Stelle folgt der Wunsch, qualifiziertes Personal im Ausland zu finden. Und diesbezüglich scheint in Deutschland tatsächlich einiges im Argen zu liegen: Die gerade erst in München vorgestellte "Ingenieurstudie 2005" des Verbandes der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) moniert, 20 Prozent der deutschen Unternehmen könnten in diesem Jahr ihren Bedarf an Ingenieuren für Forschung und Entwicklung sowie Informationstechnik nicht decken. Besonders betroffen von den Nachwuchssorgen ist der Mittelstand: Hier würden 60 Prozent der Firmen händeringend Fachpersonal suchen. Der Bedarf an Ingenieuren der Elektro- und Informationstechnik von "deutlich über 100000" pro Jahr könne durch die künftigen Absolventen nicht erfüllt werden. VDE-Präsident Michael Stadler sagte, noch planten die meisten deutschen Firmen nicht, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ins Ausland zu verlagern. Sollte sich der Mangel an Fachkräften jedoch fortsetzen, könnten sich die Vorzeichen ändern.

Was die Einsparpotenziale durch Offshoring angeht, gelangen Anbieter und Interessenten zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen: 56 Prozent der Offshoring-Dienstleister taxieren diese auf mindestens zehn Prozent. Bei den Nachfragern halten hingegen über 51 Prozent eine Prognose der Einsparungen entweder nicht für möglich, oder sie machten keine Angaben.

Eindeutig beantworten die 572 von Bitkom und DB Research befragten Unternehmen hingegen die Frage, wie sich Offshoring-Aktivitäten auf die Beschäftigtensituation in den Firmen auswirken wird: 62,8 Prozent gehen davon aus, dass hierzulande der Personalbedarf entweder sogar um bis zu fünf Prozent steigt oder zumindest unverändert bleibt.

Die Studie offenbarte deutlich, dass nicht alles, was machbar wäre, tatsächlich getan wird. Während die Anbieter auch geschäftskritische Disziplinen wie Buchhaltung/Rechnungswesen, Logistik, Personalverwaltung oder Beschaffungswesen für auslagerungsfähig halten, wollen die potenziellen Kunden auf jeden Fall an den "geschäftsunterstützenden Prozessen" festhalten. Zwei Drittel der befragten Firmen würden die genannten Geschäftsprozesse nicht im Ausland bearbeiten lassen.

Nach den Ergebnissen des Reports lassen Firmen insbesondere Aufgaben im Bereich Anwendungsentwicklung im Ausland erledigen. Über die Hälfte der befragten Firmen haben entsprechende Aufträge an Dienstleister vergeben. Wesentlich seltener (16,7 Prozent) vergeben Unternehmen Wartungs-, Datenerfassungs- und Archivierungsaufträge (13,7 Prozent) sowie Helpdesk-Funktionen (12,3 Prozent) ins Ausland.

Gute Erfahrungen mit Offshoring

Last, but not least haben die Deutsche Bank Research und der Bitkom herausgefunden, dass die Firmen, die Offshoring bereits nutzen, damit überwiegend gute Erfahrungen gemacht haben. 51 Prozent sehen ihre Erwartungen entweder im Wesentlichen erfüllt oder sogar leicht bis deutlich übertroffen. Allerdings, so der Report, "gibt auch ein Viertel an, von den Ergebnissen enttäuscht zu sein".