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25.06.1999

Joint-venture zwischen Siemens und Fujitsu läßt Fragen offen

Mit Fujitsu Siemens Computers wächst in Europa ein Computerunternehmen heran, das zumindest auf dem Papier zu den Schwergewichten der DV-Branche zu zählen ist. Wenn die Kasse klingeln soll, sind jedoch große Produktüberschneidungen zu beseitigen. Auch wird die Teilfusion kaum ohne Entlassungen über die Bühne gehen.

Das Joint-venture, an dem Siemens und Fujitsu zu je 50 Prozent beteiligt sind und dessen Vorstand paritätisch beschickt werden soll, rückt mit 9600 Mitarbeitern und einem addierten Umsatz von sechs Milliarden Euro in Europa an die dritte Position der Computerhersteller hinter IBM und Compaq. Zwei Drittel der Einnahmen und weltweit etwa 8000 Mitarbeiter steuert die Siemens AG mit ihrer Computer-Systems- (CS-)Division bei. Ein Umsatz von zwei Milliarden Euro und 1600 Angestellte kommen von der Fujitsu Computers Europe Ltd. dazu. Die Erwartungen an Fujitsu Siemens Computers sind hoch. Das Umsatzziel für das nächste Jahr liegt bei 7,6 Milliarden Euro.

Patt-Situation in der Führungsetage

Die Beteiligungsverhältnisse bergen einiges an Zündstoff. Einen "Golden Share", der einem der beiden Partner die entscheidende Stimme zubilligen würde und über den im Vorfeld des Deals vielfach spekuliert wurde, wird es nun doch nicht geben. Mit einer 50:50-Aufteilung und der paritätischen Besetzung des Vorstandes entsteht eine Patt-Situation in der Führungsetage bei Fujitsu Siemens Computers. Es wird also stets nötig sein, im Streitfall einen Konsens herbeizuführen - eine schwierige Konstellation in Zeiten, in denen schnelle Entscheidungen für die Wettbewerbsfähigkeit von zentraler Bedeutung sind.

Die designierten Chefs des neuen Unternehmens, Robert Hoog, bislang Leiter der CS-Division bei Siemens, und Winfried Hoffmann, President bei Fujitsu Computers für Europa, blicken dennoch optimistisch in die Zukunft. Bis zum 1. Oktober, wenn das Joint-venture seine Tätigkeit aufnehme, seien die Partner zwar Konkurrenten, so Hoffmann, doch über die zukünftige Geschäftsstrategie des neuen Computerunternehmens bestehe Einvernehmen.

Noch haben die zwei Hersteller lediglich ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Die Details des Deals müssen also erst noch ausgehandelt werden. Ein endgültiger Vertrag soll jedoch in Kürze unterzeichnet werden. Bis dahin stehen noch Gespräche mit den Personalvertretern und den Aufsichtsbehörden auf dem Plan. Doch der Sprecher des Siemens-Vorstands, Heinrich von Pierer, erwartet keine Probleme aus der kartellrechtlichen Ecke und geht davon aus, daß der Deal praktisch unter Dach und Fach ist. Der administrative Firmensitz wird aller Voraussicht nach in Holland liegen. Die Frage, ob die Wahl eines niederländischen Firmensitzes Vorbehalte gegen den Standort Deutschland widerspiegele, verneinte Siemens-Chef von Pierer.

Auch weltweit soll eine Kooperation zwischen Siemens und Fujitsu aufgebaut werden. Das Joint-venture umfaßt allerdings nur die Entwicklungs-, Herstellungs- und Vertriebsabteilungen. Die Servicebereiche Siemens Business Systems (SBS) und der produktnahe Dienstleistungssektor Information Technology Services (ITS) sowie Fujitsus Tochter ICL bleiben außen vor. Das gehört zur Geschäftsstrategie. Man wolle den Kunden die Möglichkeit geben, den Servicepartner frei zu wählen, erklärt Siemens-Mann Hoog. Außerdem würde eine Verpflichtung auf den eigenen Support die Systemhäuser verprellen, die selbst Serviceleistungen anböten, ergänzt sein Partner in der Führungsetage Hoffmann. Auf die Systemhäuser sei das neue Unternehmen wegen seines indirekten Vertriebsmodells angewiesen. Über die finanziellen Einzelheiten vereinbarten die Unternehmen Stillschweigen. Ein Börsengang ist vorerst nicht geplant.

Wie die weltweite Kooperation aussehen wird, bleibt zunächst unklar. Die Beteiligten vermittelten auf der offiziellen Pressekonferenz den Eindruck, sie wüßten selbst noch nicht genau, welche Richtung sie einschlagen sollten. So könnten sich Fujitsu und Siemens vorstellen, global bei der Entwicklung und im Vertrieb zusammenzuarbeiten. Die Frage, wie Konkurrenzsituationen vermieden werden sollen, schob Hoffmann mit dem Hinweis beiseite, es handle sich sowieso nur um wenige Prozent Überschneidungen und um nachgeordnete Märkte wie zum Beispiel Südamerika, wo sich beide Konzerne in die Quere kämen. Ein globales Joint-venture war für von Pierer angeblich von Anfang an keine Alternative. Aufgrund des größeren Volumens auf der japanischen Seite hätten die Münchner hohe Ausgleichszahlungen leisten müssen, "und das wollten wir nicht", erklärte der Siemens-Chef.

Gerüchte über eine mögliche Verbindung zwischen Siemens und Fujitsu geisterten bereits seit Monaten durch die Presse. Es war ein offenes Geheimnis, daß der letzte unabhängige deutsche Computerbauer einen Partner suchte, um sein PC-Geschäft in einem profitversprechenden Rahmen abzusichern. Der im letzten Jahr gescheiterte Acer-Deal war ebenfalls so ein Versuch gewesen. Bislang fehlte dem PC-Hersteller das Volumen, um sich im Wettbewerb behaupten zu können. Zwar arbeite die PC-Division mit schwarzen Zahlen, doch ist es laut Hoog jetzt möglich, aufgrund der neuen Umsatzdimension die Einkaufsvorteile zu erzielen, die die Konkurrenz bereits genießt.

Die Analysten beurteilen den Deal unterschiedlich. Zwar nehme das neue Unternehmen auf dem europäischen und asiatischen Markt jeweils einen der vorderen Plätze ein, doch in den USA seien keine großen Sprünge möglich. Um hier erfolgreich zu landen, bedarf es weiterer Partner in den Vereinigten Staaten, meint Howard Seabroock, Vice-President der Gartner Group in London. Als Global Player könne sich ein Unternehmen nur dann bezeichnen, wenn es auch in den USA Erfolg habe.

"Unser Ziel ist momentan nicht Amerika, sondern Europa", hält Hoffmann dagegen. In Deutschland sei das kombinierte Unternehmen bereits mit einem Marktanteil von 25 Prozent deutlich Marktführer. Diese Position werde nun auch in anderen europäischen Ländern angestrebt. Die Antwort, wie der amerikanische Markt zu erobern sei, blieben Hoffmann und Hoog schuldig.

Über den Vertrieb besteht indessen schon Einvernehmen. Die Partner wollen am indirekten Modell festhalten, wie Hoffmann mehrmals bekräftigte. Doch dieses Beharren könnte sich zu einem Nachteil auswachsen: Größte Erfolge feiern derzeit Direktanbieter wie Dell und Gateway.

Ungeachtet dessen arbeiten Siemens und Fujitsu derzeit fieberhaft an ihrer gemeinsamen Unternehmens- und Produktstrategie. Im Oktober geht das Joint-venture an den Start. Bis dahin gibt es viel zu tun: Das Produktportfolio der Partner überschneidet sich in einigen Bereichen erheblich.

Die Rechnerpalette von Siemens

Sowohl Siemens als auch Fujitsu warten mit einer umfangreichen PC-Palette auf. Siemens stellt in der PC-Systeme GmbH & Co. KG (PCS) in Augsburg die Wintel-basierten PC- und Server-Linien her. Für den Consumer-Bereich entwickelt wurden die "Xpert-PCs", die über den Fachhandel und über große Retailer wie Media Markt und Saturn Hansa vertrieben werden. Außerdem fertigt Siemens in der Fuggerstadt die "Celsius"-Workstations, die "Scenic"-PCs und "Scenic-Mobil"-Notebooks sowie die NT-Server "Primergy" mit maximal zwei Prozessoren. Die Vier-Prozessor-Primergy-Maschinen rollen in Paderborn von den Fertigungsbändern. Alle diese Rechner positioniert Siemens für den professionellen Kundenbereich.

In Paderborn baut Siemens zudem die "RM"-Unix-Server. Diese arbeiten heute noch mit den Mips-Risc-Prozessoren. Die Topmodelle "RM600" sind mit bis zu 24 dieser CPUs ausstaffiert. Clustert man acht dieser Server zu einem "Reliant Cluster", so entsteht ein Rechnerverbund mit 192 Prozessoren.

Das Ende der Mips-basierten RM-Server ist aber schon eingeläutet. Wenn Intel seine erste Generation von 64-Bit-Prozessoren Mitte 2000 vorstellt (Codename "Merced"), wird Siemens auf diese Architektur einschwenken. Allerdings benutzen die Paderborner nicht Microsofts NT-Betriebssystem, sondern bedienen sich bei Bill Gates'' Erzfeind Sun Microsystems und dessen "Solaris"-Software.

Geburtsstätte der kleinen "SR-2000"-Mainframes unter BS/2000 mit Mips-CPUs ist ebenfalls die Stadt in Westfalen. Eine Spielart der SR2000-Maschine ist der Datenbank-Server "DS-2000", der speziell für SAP-R/3-Anwendungen konzipiert wurde.

Anders als Fujitsu erwirtschaftet Siemens den weitaus größten Teil seines PC-Umsatzes mit kommerziellen Kunden. Andreas Fischer, Sprecher des Siemens-Bereichs IC-Products, zu dem auch die CS-Sparte gehört, sagt: "Deutlich mehr als drei Viertel des gesamten PC-Umsatzes machen wir mit dieser Klientel."

Die Fujitsu Computer GmbH mit Vertriebs- und Marketing-Sitz in Bad Homburg fertigt im thüringischen Sömmerda rund 90 Prozent der als Tisch- und Tower-Version konzipierten Standard-PC-Linien "T-Bird", "Myrica" und "Euroline" für das Consumer-Segment. Für professionelle Benutzer gedacht sind darüber hinaus die Desktops und Tower-Maschinen "Cordant" im Aluminium-Gehäuse. Auch sie stammen aus Sömmerda.

Insbesondere für den Fachhandel und Systemadministratoren sowie über den Distributor Computer 2000 beliefert Fujitsu den professionellen Bereich ferner mit PCs der "Ergo-Pro"-Linie. Diese fertigt das japanische Unternehmen im finnischen Kilo bei Helsinki. Dorther stammen auch die Intel-basierten und mit Windows NT ausgestatteten "Teamserver" mit bis zu vier Intel-CPUs.

In Japan konfiguriert Fujitsu seine "Lifebook"-Notebooks vor. Die Mobilrechner werden dann in Kilo mit für bestimmte Märkte und Adressaten bestimmten Komponenten ausgestattet. Fast alle Bauteile für die Notebooks stammen aus der Fujitsu-eigenen Fertigung. Auf längere Sicht, "und wenn die Stückzahlen stimmen", denkt Fujitsu daran, die Notebooks auch in Europa zu produzieren, erklärt Jens Loewenhardt, Pressesprecher der Fujitsu Computer GmbH.

Insbesondere im PC- und PC-Server-Segment überlappen sich die Produktangebote von Fujitsu und Siemens also erheblich. Bei der Fusion von Compaq und Digital ergab sich eine sehr ähnliche Ausgangslage. Ergebnis: Compaq strich das komplette DEC-PC-Angebot aus dem Programm. Nur die technologisch sehr avancierte "Highnote-Ultra"-Notebook-Linie lebt in den "Armada"-Rechnern der Spitzenklasse weiter.

Fujitsu-Mann Loewenhardt sieht diese Gefahr nicht. Er ist der Ansicht, daß die Überschneidungen im PC-Segment nicht so gravierend sind. Schließlich erwirtschafte Fujitsu im PC-Geschäft "wertmäßig nur wenig über 40 Prozent des Gesamtumsatzes mit professionellen Kunden". Nach Stückzahlen gerechnet, dürften etwa 35 Prozent aller Fujitsu-PCs an die professionelle Klientel verkauft werden. Der überwiegende Rest gehe, so Loewenhardt, in den Consumer-Bereich. Fujitsu bediene etwa die Großmärkte Media Markt und Saturn Hansa sowie die Lebensmittelketten Lidl und Real. Entgegen anderslautenden Informationen habe man nie mit Aldi kooperiert. Außerdem liefere Fujitsu etwa an das Versandhaus Quelle.

Auch Hoog spricht von nur geringfügigen Produktüberlappungen. Zwar begegne man sich teilweise im Markt als Konkurrent, doch hätten sich die Unternehmen erst in letzter Zeit aufeinander zubewegt, erklärt der Siemens-Manager.

Fujitsus bayerischer Partner hat zwar immer wieder versucht, auch den Consumer-, also den Massenmarkt anzugehen, doch der Erfolg war bescheiden. Luis Praxmarer, Geschäftsführer der Meta Group, glaubt denn auch, daß sich "beide Partner im PC-Bereich sehr gut ergänzen". Mit dem Joint-venture "ergibt sich eine absolute Marktführerschaft im Segment der PC-basierten Rechner in Deutschland". Hierzu trügen die zunehmende Orientierungslosigkeit von Compaq/Digital sowie das "führungsschwache Hewlett-Packard" maßgeblich bei.

Kommt es zu Entlassungen?

Wegen der sich stark überschneidenden Produktlinien ist mit Entlassungen zu rechnen, befürchten Arbeitnehmervertreter von Siemens und Fujitsu. Auch Wolfgang Müller von der IG Metall hält Arbeitsplatzabbau für wahrscheinlich. Insbesondere die Bereiche Marketing, Entwicklung sowie Administration und Logistik seien wegen doppelt abgedeckter Funktionen bedroht.

Alfons Graf, Vorsitzender des Siemens-Gesamtbetriebsrats und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Siemens AG, vertrat hingegen im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE die Meinung, das Joint-venture könnte sich langfristig auf den Erhalt der Arbeitsplätze und die Entwicklung des Computergeschäfts positiv auswirken. "Allerdings", schränkt Graf ein, "können Gefahren für die Arbeitsplätze insbesondere in der Produktion und in der Entwicklung nicht ausgeschlossen werden."

Vor allem die Andeutungen von Pierers, beide Unternehmen müßten noch ausloten, wo es Überschneidungen gebe, lassen die Gewerkschaften aufhorchen. Auch Äußerungen Hoogs über bevorstehende Bereinigungen bei der Fertigung dürften das Vertrauen der Belegschaft in die Vorstandsetage nicht gerade fördern.

Natürlich sei bekannt, daß es Produktüberlappungen zwischen den Partnern gebe, erklärt Graf. Insofern wären Probleme nicht überraschend. Tatsache sei aber auch, daß Siemens ohne das nun vereinbarte Joint-venture mit Sicherheit Schwierigkeiten bekommen hätte, "und die wären dann existentieller Natur gewesen".

Ein Arbeitnehmervertreter von Fujitsu, der nicht genannt werden möchte, wurde noch deutlicher: "In der Tat haben wir hier Angst wegen möglicher Entlassungen. Wir rechnen fest mit Kündigungen." Die Überlappungen gebe es auf jedem Gebiet, bei der Logistik, beim Einkauf und in der Administration: "Alles ist doppelt besetzt." Auch die Vertriebsaußendienstmitarbeiter seien im neuen Unternehmen zweifach vorhanden - Potential für weiteren Personalabbau.

Die Siemens-Anwender waren von der Nachricht der Firmenzusammenführung überrascht. Seit dem geplatzten Deal zwischen Siemens und Acer hatten sie zwar mit Kooperationen im PC-Bereich gerechnet. Daß Siemens aber sein komplettes Hardwaregeschäft ausgliedern würde, kam unerwartet.

Michael Wiemers, als Mitglied der Siemens-Benutzergruppe Save mit dem Theme befaßt, kann der Übereinkunft von Fujitsu mit Siemens aber einiges Positive abgewinnen. Insbesondere bezüglich der Entwicklung und Unterstützung von Software für die Siemens-Plattform erhofft sich Wiemers eine Wende zum Besseren: "Die Hardwareplattform von Siemens spielt nämlich in aller Regel keine entscheidende Rolle in der Welt der Software-Entwicklung."

Software finde man immer für Sun-Maschinen und HP-Rechner. Die RM-Systeme von Siemens hingegen gehörten eher zu den Maschinentypen, die von Softwareprodukten wie etwa denen von BMC nicht unterstützt würden. Wiemers sieht auch ein Identitätsproblem, das nun mit dem Joint-venture ausgeräumt werden könnte: "Mit Fujitsu Siemens Computers verbindet man sofort Computer. Mit dem Namen Siemens hat man dagegen nie ein Computerunternehmen assoziiert."

Martin Bayer und Jan-Bernd Meyer