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17.04.1998 - 

Naturwissenschaft ist zu einer Religion geworden

Joseph Weizenbaum: "Die Affen sind wir"

CW: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Menschen in unserer technischen industriellen Welt aus?

Weizenbaum: Ich bin äußerst pessimistisch. Wir haben einen faustischen Pakt mit Wissenschaft und Technik geschlossen. Faust verkaufte seine Seele an Mephisto nicht umsonst, er wollte eine Gegenleistung. Wenn wir uns von der Technik verführen lassen, dann nicht, weil wir Technik-Freaks sind, sondern weil Technik Erleichterungen verspricht: "Wäre es nicht schön, wenn ... "Nur diesen einen Schritt noch, sagen wir, dann werden wir aufhören. Dabei gehen wir immer weiter. Was wir indes übersehen, ist der hohe Preis, den wir für den technischen Fortschritt zahlen müssen. Das beste Beispiel ist Tschernobyl. Wir haben die Fähigkeit, die Technik zu steuern, schon längst verloren.

CW: Wie die Zauberlehrlinge ...

Weizenbaum: ... haben wir Systeme in die Welt gebracht, die wir nicht mehr kontrollieren können. Erinnern wir uns doch nur an den Börsencrash an der Wall Street. Die PCs der Börsenmakler sind unabhängig voneinander, nicht miteinander vernetzt, aber sie reagieren alle unaufgefordert, einer auf den anderen und alle wiederum auf Marktbewegungen. Wie wir gesehen haben, ist das System gefährlich instabil. Wichtig dabei ist, daß wir geduldet haben, daß dieses System entstehen konnte: Niemand hat es entworfen, niemand wollte es, niemand hat es befohlen, niemand ist dafür verantwortlich, und niemand kann es abschalten. Es ist einfach da. Bei diesen gravierenden Folgen müssen wir uns fragen, wie viele andere solche Systeme bereits existieren, von denen wir im Moment noch nichts wissen, wie viele Katastrophen kommen noch auf uns zu?

CW: Warum gibt es über die Auswirkungen der Computerisierung auf unsere Gesellschaft so wenige Untersuchungen? Wir kennen George Orwell und Mahner wie Sie, aber Hersteller oder Politiker haben bislang nichts zur Diskussion beigetragen.

Weizenbaum: Die Computerwissenschaft ist hier keine Ausnahme. Denken Sie doch an die ebenfalls seltenen Mahner im Bereich der Biologie und der Gentechnik. Denken Sie auch an das Verhalten deutscher Akademiker im Dritten Reich oder an die Wissenschaftler im ersten Weltkrieg. Auch damals lautete das Schlagwort: Ich bin Naturwissenschaftler - Politik geht mich nichts an. Hinzu kommt die Verlockung, alle Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen, für die wissenschaftliche Arbeit nutzen zu können. Wer will darauf schon verzichten? Diese Verlockung ist nicht zu unterschätzen und der damit verbundene Spaß ebenfalls nicht. Das "Kind im Manne" wird wach. Warum sonst sitzen so viele Computerprofis freiwillig und gerne Tag und Nacht vor ihrem Rechner?

CW: Sind Wissenschaftler wie etwa die Informatiker besonders verantwortungslos, oder sind sie nur besonders kindisch?

Weizenbaum: Wenn ich wirklich entscheiden müßte zwischen diesen zwei Alternativen, würde ich sagen, daß sie besonders kindisch sind. Im übrigen ist das Verhalten des Wissenschaftlers eine Frage der persönlichen Reife.

CW: Computergläubigkeit bei Fachleuten wie Laien ist das Öl ins Feuer ...

Weizenbaum: ... die Computergläubigkeit ist lediglich eine Untermenge der Wissenschaftsgläubigkeit. Für fast alle Menschen, die lesen können, ist die Naturwissenschaft die Quelle der Wahrheit. Die Menschheit sucht die absolute Gewißheit, etwas, an das sie glauben kann, ohne weiterfragen zu müssen. Die Naturwissenschaft ist heute zu einer Religion geworden. Sie besitzt eine Theologie, Priester, Päpste und Kathedralen. Der Begriff Glaube hat aber keine Gültigkeit - außer im Zusammenhang mit Zweifel, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Für die meisten Gläubigen der Computer-Wissenschaft gibt es jedoch keinen Zweifel. Ob bei elektronischen Waffensystemen oder in der zivilen Luft- und Raumfahrt - immer beteuern die Wissenschaftler, daß alles einwandfrei funktioniert.

CW: Kann dieser Zweckoptimismus nicht gefährlich werden?

Weizenbaum: Natürlich. Nur der Laie glaubt an die strukturierte Programmierung. Tatsächlich aber stellen wir viele, nicht mehr zu durchschauende Systeme her und sind von ihnen abhängig. Wir treffen damit Entscheidungen, die von unseren Kindern und Enkeln nicht mehr rückgängig zu machen sind.

CW: Was könnte den Menschen des 20. Jahrhunderts zu mehr Skepsis veranlassen?

Weizenbaum: Leider ist vielleicht die einzige Möglichkeit, um die nächsten hundert Jahre zu überleben, eine weitere riesige Katastrophe. Tschernobyl genügt offensichtlich nicht.

CW: Ist der Mensch nicht manchmal überfordert? Nachrichten von Katastrophen und Krieg stürmen auf ihn ein. Ist da nicht für viele die Versuchung groß, es den Affen gleichzutun, Ohren zu, Augen zu, Mund zu ...

Weizenbaum: ... aber wir sind keine Affen.

CW: Wo gibt es einen Ausweg, besonders für den kleinen Mann auf der Straße?

Weizenbaum: Ich werde Ihnen etwas über den kleinen Mann auf der Straße sagen. Vor einiger Zeit luden mich Leiter des Schulfernsehens aus der gesamten Bundesrepublik ein, mit ihnen über das Thema "Kinder und Computer" zu sprechen. Beim Thema Verkabelung betonten alle, sie seien gegen die Verkabelung der Bundesrepublik, aber - natürlich - könnten sie es nicht verhindern. Wo fängt denn die Verantwortung an? Sie fängt immer bei uns an. Das "Wir", das ich immer betone, bedeutet "Du und ich". Jetzt komme ich zu den Informatikern. Da wir die Schwächen der Technik kennen, haben wir die Pflicht, öffentlich und deutlich über ihre Grenzen zu sprechen. Schluß mit dem übertrieben optimistischen Bild der Computerei, ganz besonders auf dem Feld der wissensbasierten Systeme.

CW: Gilt diese Pflicht auch für die Computerexperten in den Herstellerunternehmen?

Weizenbaum: Wer soll sprechen, wenn nicht gerade diese Leute? Wir sollten bei der Entwicklung und dem Konsum von Technik - für den persönlichen wie den kommerziellen Bedarf - mehr "Vorsicht" walten lassen. Brauchen wir ein hochtechnisiertes Produkt nach dem anderen? Brauchen Sie das? Brauche ich das? Die Antwort ist doch ganz klar: nein. Wir brauchen es nicht, aber wir werden es kaufen - die Compact Disk, das High-Precision-Fernsehen oder die Laserwaffen. Dazu sehe ich ein Bild vor mir: Jemand bietet einem Affen in einem Käfig eine Banane an. Dieser ergreift die Frucht durch die Gitterstäbe hindurch. Da er dazu aber eine Faust machen muß, kann er die Hand nicht mehr herausziehen. Es fällt ihm dabei nicht ein, die Banane loszulassen. Das sind wir.

Sich der Verantwortung stellen

Anläßlich seines 75. Geburtstages wurde Professor Joseph Weizenbaum vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) e. V. ein Preis verliehen. Damit ehrten die FIfF-Mitglieder nicht nur ihr eigenes Vorstandsmitglied, sondern eine der schillerndsten Persönlichkeiten der IT-Branche. Sein ganzes Leben lang setzte sich der amerikanische Software-Experte mit den ethischen Fragen des Computereinsatzes und der Technikentwicklung auseinander.

Immer wieder forderte Weizenbaum die Computerprofis auf, sich der Verantwortung für ihre Tätigkeit bewußt zu werden. Der am 8. Januar 1923 in Berlin geborene Wissenschaftler emigrierte 1936 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten. 1963 begann Weizenbaum seine Tätigkeit am MIT, wo er 1970 Professor für Computer Sciences wurde. In den frühen 60er Jahren wurde er durch "Eliza" berühmt. "Eliza" war ein Computerprogramm, mit dem Menschen eine "Unterhaltung" führen konnten und das jahrelang hartnäckig als "echtes" Psychiaterprogramm mißverstanden wurde. Weizenbaum sah sich nie als Computerkritiker: "Computer können mit Kritik nichts anfangen - ich bin Gesellschaftskritiker. "

Das Interview führte damals Ina Hönicke, heute freie Journalistin in München.