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06.09.1996 - 

Ältere DV-Profis werden schneller ausgemustert

Jugendwahn verhindert Mix aus alt und jung

Arbeitslosigkeit ist in der IT-Branche schon längst kein Fremdwort mehr. Am meisten betroffen davon sind jene DV-Fachleute, die auf eine lange Firmenzugehörigkeit zurückblicken können. Ältere Computerprofis werden immer früher vor die Tür gesetzt. Zwar trifft die Diskriminierung der "Oldies" gegenüber der "Turnschuh-Generation" auch auf andere Branchen zu, doch in der glitzernden Computerwelt, in der sich die Topmanager den "Jugendwahn" aufs Panier geschrieben haben, findet man sie besonders häufig.

Das war einmal anders. Im Jahr 1982 beispielsweise ging ein empörter Aufschrei durch die DV-Branche, als das niederländische Elektronik-Unternehmen Philips seine 40jährigen Wissenschaftler in den Forschungslabors ablösen wollte, weil "ältere Menschen" geistig nicht mehr so fit seien. Heute werden Personalchefs kaum noch kritisiert, wenn sie mit Stolz verkünden, daß das Durchschnittsalter ihrer Mitarbeiter unter 40 Jahren liegt. Bei den Softwarehäusern ist der Altersdurchschnitt mit 30 Jahren oftmals noch viel niedriger.

Ein typisches Beispiel für Personalabbau und das drastische Heruntersetzen der Altersgrenze liefert IBM. Seit Jahren versucht die Konzernspitze, älteren Mitarbeitern den Weg in die Rente mit entsprechenden Finanzspritzen zu "versüßen". So wurde vor drei Jahren die betriebliche Altersversorgung mit dem Ziel geändert, daß Mitarbeiter ab 50 Jahre - mit entsprechendem Abschlag - ihre IBM-Rente ausbezahlt bekommen. Aufhebungsverträge gehören ebenfalls zu den Angeboten, mit denen der Branchengigant seine Mannschaft verjüngt.

Für Kollegen mit langen Dienstjahren und einem hohen Monatsgehalt können derartige Angebote finanziell durchaus attraktiv sein, allerdings gibt es auch genügend Fälle, die sich nicht für eine Frühpensionierung begeistern können. Wilfried Glißmann, Betriebsratsvorsitzender bei der IBM-Niederlassung in Düsseldorf, verfolgt die Verjüngungskur des Unternehmens eher skeptisch: "Die 50jährigen sind mit der IBM-Betriebsrente überwiegend in den Vorruhestand hinausgedrängt worden."

Toni Heimbring, Bereichsleiter Personal und Organisation bei der Softlab GmbH, kann diese "Jugendhörigkeit" vieler Mitbewerber nicht verstehen: "Ich kenne 50jährige Sofwareprofis, die geistig wesentlich frischer sind als manch 30jähriger." Bei dem Münchener Software-Unternehmen vermitteln ältere Spezialisten ihr Wissen als Mentoren-Coaches an jüngere Kollegen.

Für Personalchef Heimbring steht fest, daß gerade in puncto soziale Kompetenzen die "Oldies" den jüngeren Mitarbeitern einiges voraushaben. Seiner Meinung nach ist jedes Unternehmen, das die Stärken der erfahrenen Profis nicht nutzt, selbst schuld.

In den meisten Softwarehäusern ist jedoch von einer "gesunden" Mischung zwischen jung und alt, wie sie von Arbeitsmarktexperten immer wieder gefordert wird, wenig zu spüren. Kein Wunder also, daß auch in der Linienorganisation die DV-Mitarbeiter ihren Chefsessel immer hartnäckiger verteidigen müssen. Den Herren der ersten Stunden, vielfach ohne spezielle DV-Ausbildung in ihr Aufgabengebiet hineingewachsen, wird inzwischen vorgehalten, sie seien nicht mehr in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen.

Jürgen Leimer, Betriebsratsvorsitzender bei der Bull AG in Köln, wundert sich: "Es ist doch paradox, daß der Vorwurf, ältere Mitarbeiter seien überfordert oder nicht flexibel genug, fast immer von Topmanagern kommt, die selbst die 50 schon längst überschritten haben." Aber unfähig seien eben immer nur die anderen. Auch sollten sich die Führungskräfte nach dem Grund für die Anpassungsschwierigkeiten vieler Computerprofis an die neue DV-Welt fragen. Leimer: "Schwierigkeiten tauchen nicht pünktlich zum 49sten Geburtstag auf, sondern sind in den letzten zwanzig Jahren nach und nach entstanden." Schließlich seien Anpassungsprobleme besonders deutlich in Unternehmen mit hierarchischen Strukturen und wenig Verantwortung für die Mitarbeiter zu beobachten. Bei den Betrieben, die ihre Computerprofis von Anfang an gefordert und kontinuierlich weitergebildet hätten, würden diese Art Probleme erst gar nicht entstehen.

Claus Bombach von der Gruppe der unabhängigen SNI-Betriebsräte versteht nicht, daß "Älterwerden" in den bundesdeutschen DV- Unternehmen ein Problem ist. Als positives Beispiel führt der SNI- Betriebsrat dagegen die USA an. Dort seien beispielsweise in den Stellenausschreibungen keine Altersgrenze nach oben hin gegeben. "Bei den amerikanischen Softwarehäusern fallen Kriterien wie Leistung und Qualifikation offensichtlich mehr ins Gewicht als das Alter des potentiellen Mitarbeiters", betont Bombach.

Daß jüngere und ältere DV-Mitarbeiter besser miteinander klarkommen, als immer behauptet wird, bestätigte auch eine US- Studie, in der 1400 DV-Fach- und Führungskräfte zu diesem Thema befragt wurden. Die Initiatoren der Studie kamen zu dem Schluß, daß es bei der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Generationen weniger auf das Alter als auf die Persönlichkeit der Mitarbeiter ankomme. Das scheint in den USA auch Branchenriese Microsoft erkannt zu haben. Seit ein paar Monaten nimmt die Unternehmensleitung Korrekturen an der Einstellungspolitik vor. Heute liegt der Altersdurchschnitt nicht mehr bei unter, sondern bei über 30 Jahre. Als Grund wurde angegeben: Das Unternehmen benötige wieder mehr erfahrene Profis, die etwas von Unternehmens- DV verstünden.

Zu denken geben sollte den jugendfixierten Unternehmen auch eine Umfrage der AC Alpha Consulting GmbH in Frankfurt. Die Arbeitsmarkt-Fachleute stellten anläßlich einer Untersuchung von rund 1000 Betrieben fest, daß es durch die Entlassung von Mitarbeitern des mittleren Managements sowie von älteren Beschäftigten in vielen Unternehmen zu Engpässen komme. In der DV- Branche trete noch ein zusätzliches Problem auf. Nicht selten wissen nämlich nur die älteren Computerprofis, wie Fehler bei Rechnersystemen wieder behoben werden können. Die Folge: In einer ganzen Reihe von Unternehmen beraten in den Vorruhestand geschickte DV-Oldies mit gutdotierten Consulting-Verträgen ihre Nachfolger.

*Ina Hönicke ist freiberufliche Journalistin in München.