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13.03.1992

Junginformatiker sollen ihr Tun kritisch bedenken

Über Ausbildungsstand, Praxisbezug und Verantwortung der deutschen Informatiklehre sprach mit Professor Dr. Rainer Ortleb, Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, in Bonn Wolf-Dietrich Lorenz*.

CW: Fühlt sich der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft gerüstet, die Universitäten im Westen wie im Osten Deutschlands vor einem Abgleiten ins Chaos zu bewahren?

Ortleb: Trotz des großen Andrangs zum Studium glaube ich nicht, daß dies zu befürchten ist. Die Universitäten und vor allem die Fachhochschulen haben gegenwärtig eine große Überlast zu bewältigen. Aber ich sehe auch, daß eine Reihe von Vorschrägen zur Entlastung der Hochschulen jetzt aufgegriffen wird.

Ich halte es für richtig, zunächst darüber nachzudenken, wie sich der Hochschulbetrieb effektiver gestalten läßt. Dazu gehört vor allem aber auch eine bessere Personalausstattung, hier stehen die Länder in der Verantwortung. In den nächsten Jahren sollen rund 50000 Fachhochschul-Studienplätze zusätzlich geschaffen werden. Darüber hinaus müssen auch die Ausbauziele im Hochschulbau trotz der inzwischen auf 3,2 Milliarden Mark jährlich gesteigerten Mittel überprüft werden.

CW: Zu viele Studenten und zuwenig Geld. Zu lange Studienzeiten und falsche Bedarfsprognosen. Wie wollen Sie Abhilfe schaffen?

Ortleb: Ich teile die Aufgeregtheiten um angeblich zu viele Akademiker nicht. Wir liegen mit dem Anteil von Hochschulabsolventen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen - international verglichen - im Mittelfeld.

CW: Der Output der Hochschulen hält allerdings nicht mit den Studienanfängerzahlen Schritt.

Ortleb: Hier müssen wir ansetzen. Verbesserung der Lehre, Entrümpelung der Studiengänge, bessere, auch studienbegleitende Beratung sowie kürzere Prüfungsverfahren - und damit Verkürzung der Studienzeiten - sind die aus meiner Sicht vorrangigen Ziele der aktuellen Hochschulpolitik.

CW: Industrie und Wirtschaft rügen die anhaltende Praxisferne in der Informatik-Disziplin, die eine kostspielige unternehmensinterne Nachhilfe nötig mache. Gründe: Es fehle nicht nur modernes DV-Equipment in den Lehrstühlen. Welche Impulse geben Sie?

Ortleb: Der Bund hat sich massiv an der Ausstattung der Hochschulen mit moderner Datenverarbeitung beteiligt. Ich erinnere an das Computer-Investitions-Programm aus der Mitte der 80er Jahre, das als Daueraufgabe im Rahmen der Hochschulbauförderung weiterläuft und inzwischen noch durch das Wissenschaftler-Arbeitsplatz-Computerprogramm, das WAP, aufgesteckt wurde. Im geltenden Rahmenplan für den Hochschulbau sind insgesamt rund 700 Millionen Mark für die Anschaffung von Großgeräten enthalten. Dies bedeutet, daß auch in den kommenden Jahren die Ausstattung ständig verbessert wird. Was die Berufsfähigkeit der Informatik-Absolventen betrifft, glaube ich, daß es sicher noch einiges zu verbessern gibt. Dabei muß die Wirtschaft aber auch mithelfen, beispielsweise durch Kooperationen mit den Hochschulen. Die Beteiligung der Hochschulen an Forschungs- und Entwicklungsprojekten der Wirtschaft ist die günstigste Voraussetzung, um zu mehr Praxisbezug in der Lehre zu kommen.

CW: Wir stehen kurz vor der Öffnung des europäischen Binnenmarktes. Sie empfehlen, Studieninhalte zu entrümpeln und die Prüfungsorganisation zu straffen. Kommen die Anstrengungen, den deutschen Hochschulabsolventen für einen internationalen Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu machen, zu spät?

Ortleb: Die Qualität der deutschen Hochschulausbildung hält, glaube ich, internationalen Vergleichen stand. Die mittel- und osteuropäischen Staaten zeigen beispielsweise großes Interesse an unserem Hochschulsystem, vor allem an den praxisorientierten Fachhochschulen. Für die deutschen Hochschulabsolventen könnte sich aber ihr Lebensalter, mit dem sie die Hochschulen verlassen, auf dem europäischen wie auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt als Handikap erweisen. Im Alter von durchschnittlich 28 Jahren konkurrieren sie mit ausländischen Hochschulabsolventen, die zum Teil erheblich jünger sind.

CW: Es hat Jahren immer wieder Versuche gegeben, die Studienzeiten zu verkürzen.

Ortleb: Leider ist dabei nicht sehr viel herausgekommen. Im Gegenteil, häufig wurde immer noch mehr in die Studiengänge hineingepackt. Es scheint sich jetzt aber die Einsicht zu verbreiten, daß dies so nicht weitergehen kann und daß im Gegenteil damit begonnen werden muß, die Studienorganisation und die Prüfungsverfahren zu straffen. Die in verschiedenen Ländern jetzt in Gang gebrachten Programme, beispielsweise in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, sind Belege für dieses Umdenken.

CW: Mittlerweile bekommen Abiturienten neben der Universität für die Berufsausbildung einige attraktive Alternativen geboten. Lohnt es sich noch zu studieren, beispielsweise Informatik?

Ortleb: Es lohnt sich beides, die universitäre und die berufliche Ausbildung. Ich bin froh darüber, daß es inzwischen auch viele interessante Ausbildungsangebote außerhalb der Hochschulen - zum Beispiel in der DV-Industrie - gibt, die für praxisorientierte junge Leute qualifizierte Tätigkeitsbereiche bieten und frühe Selbständigkeit ermöglichen. Aus meiner Sicht sollten diese Angebote noch vermehrt werden.

Bei der Hochschulausbildung in Informatik spricht das Ergebnis für sich selbst: Die Nachfrage insbesondere der Wirtschaft ist so groß, daß die Hochschulen Mühe haben, aus dem qualifiziert ausgebildeten Nachwuchs ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs zu rekrutieren.

CW: Die Informatik ist zu einem Schlüsselfaktor für Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Entwicklung und Einsatz schreiten rasant voran - zu rasant, wie Kritiker meinen. Sie stellen daher die Frage nach der Verantwortung für unbeabsichtigte, unüberschaubare, unkontrollierbare Nebenwirkungen und unumkehrbare Entwicklungen. Sie, Herr Minister, propagieren die "kritische Nutzung der Informatik". Was verstehen Sie darunter?

Ortleb: Wir haben dank moderner Technik einen Lebensstandard wie nie zuvor erreicht. Gleichzeitig wächst aber auch die Skepsis gegenüber der weiteren technischen Entwicklung. Uns hilft weder eine Verketzerung der Technik noch blinder Fortschrittsglaube. Was not tut, ist ein besonnener Neuansatz, der - auch unter Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte - unsere Einstellung zu Wissenschaft und Technik, ihre Möglichkeiten und Folgen kritisch reflektiert.

Der Philosoph Franz Jonas, der sich seit vielen Jahren mit den Fragen der Ethik in der technologischen Zivilisation auseinandersetzt, hat dies zusammengefaßt: "Handle so, daß die Wirkungen deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens auf der Erde." Diesem Gedanken von Jonas kann ich mich nur anschließen.

CW: Die Lehre an den deutschen Hochschulen hat in diesem Zusammenhang einen besonderen Auftrag. Wie sieht eine verantwortungsvolle Informatik-Ausbildung aus Ihrer Sicht aus?

Ortleb: Die Beantwortung dieser Frage hängt eng mit der vorhergehenden zusammen. Die Anforderung an die Lehre richtet sich - insbesondere was eine verantwortungsvolle Informatik-Ausbildung angeht darauf, nicht nur Wissen auf höchster Qualitätsstufe didaktisch und pädagogisch angemessen zu vermitteln, sondern auch darauf, mit dieser Wissensvermittlung gleichzeitig den Studenten auch die Augen zu öffnen für ein kritisches Mitbedenken dessen, was sie mit diesem Wissen im späteren Berufsleben gestalten wollen und welche Nebenwirkungen ihr Tun gegebenenfalls hat.

*Wolf-Dietrich Lorenz ist Chefredakteur der Zeitschrift IM Information Management der IDG Communications Verlag AG in München