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Zwischen Laptop und Lederhose jede Menge Jobs, aber auch Bürokratie

Jungunternehmer pushen bayerisches Silicon Valley

05.01.2001
Staatliche Fördermaßnahmen, informelle Netzwerke sowie beste Freizeitmöglichkeiten - an Standortvorteilen mangelt es der Region Oberbayern wahrlich nicht. Immer mehr Hightech-Firmen lassen sich hier nieder, und sie suchen dringend Leute. Das Manko: Der attraktive IT-Arbeitsmarkt im bayerischen Umland ist nicht allzusehr bekannt. Von Ina Hönicke*

Das "Millionendorf" München hat sich längst zur Vorzeigestadt im IT- und Medienbereich entwickelt - und wird von der Bayerischen Staatsregierung entsprechend hofiert. Schließlich tummelt sich hier alles, was in der IT- und Kommunikationswelt Rang und Namen hat. Rund 850 IT-Firmen hat die Bayerische Staatsregierung in der Region München gezählt. Jeder zehnte Beschäftigte der hiesigen IT- und Beratungsbranche ist in diesem Wirtschaftsraum beschäftigt. Zahlen, die beeindrucken. Von dem Cyber-Boom, aber auch von den Freizeitmöglicheiten in der "Weltstadt mit Herz" profitieren vor allem die Unternehmen, die sich im so genannten Speckgürtel rund um München ansiedeln. Dazu gehören Unterhaching, Grünwald, Ottobrunn, Ismaning, Martinsried und vor allem Hallbergmoos. Dort hat unter anderem die deutsche Tochter des US-Giganten Cisco Großes vor.

Am Standort der deutschen Tochter, die jetzt 650 Personen beschäftigt, soll ein Neubau in Campus-Art entstehen, der Platz für 5000 Mitarbeiter bietet. Auch SAP, das Beratungsunternehmen KPMG und Amazon.com haben sich in Hallbergmoos niedergelassen.

In der Region, die von der bayerischen Landeshauptstadt weiter entfernt ist, hält sich der IT-Boom indes in Grenzen. Zwar belegt Bayern jüngsten Untersuchungen zufolge mit einem Anteil von gut 30 Prozent unangefochten den Spitzenplatz als bester Standort für junge börsennotierte Unternehmen. Das Problem ist nur, dass bei diesen Studien München wiederum mit einbezogen ist. Für Ministerpräsident Edmund Stoiber steht indes schon lange fest, dass Bayern das "Kalifornien" Deutschlands ist. Auch wenn es mit dem sonnigen Wetter nicht so recht klappen will, lassen sich Bayerns Politiker einiges einfallen, um dieses Ziel zu erreichen. So wird Erwin Huber, Staatsminister des Freistaates Bayern und Leiter der Staatskanzlei, nicht müde zu betonen, dass Hightech nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt zu finden ist: "Immer mehr kleinere und mittlere Software- und Internet-Firmen lassen sich im Umland nieder.

Kein Wunder, denn die Bayerische Staatsregierung sichert allen Unternehmen, die sich in Bayern niederlassen, staatliche Unterstützung zu." Dass damit allerdings weniger finanzielle als Beratungshilfe gemeint ist, davon können etliche Newcomer ein Lied singen.

"Wenn Ministerpräsident Stoiber Bayern mit Kalifornien vergleicht, so hat er von der bayerischen Realität wenig Ahnung", erklärt beispielsweise Franz Martin, Geschäftsführer der TMS Gesellschaft für Systemintegration mbH in Geretsried. Er hat seine "Startup-Odyssee" gerade hinter sich und bedauert, dass er so viel Zeit für die Suche nach Fördergelder vergeudet habe: "Hätte ich meine Energie stattdessen für eigene Projekte verwendet, wäre mehr herausgesprungen. Die Summe, die mir zugesagt wurde, steht in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand." Martin machte die Erfahrung, dass die Beamten weder von der IT- noch von der Online-Welt so richtig Ahnung haben. Auf die Präsentation der geplanten IT-Projekte hätten sie mit Unverständnis reagiert. Die ersten Telefonate hat der Geretsrieder Manager im Herbst vergangenen Jahres geführt - jetzt ist noch immer kein Geld auf dem Konto. Martin ist verärgert: "In unserer Branche ist die Idee eines Jungunternehmers in einem Jahr doch längst veraltet." Der TMS-Manager setzt noch einen drauf: "Bayerische Politiker haben sich zwar das Motto Laptop und Lederhosen aufs Panier geschrieben, verwirklicht aber haben es Jungunternehmer, die sich von der Bürokratie nicht abschrecken lassen."

Dabei lässt die Bayerische Staatsregierung nichts unversucht, die Attraktivität des Standorts Bayern zu erhöhen. So wurde unter anderem vor zwei Jahren die Software-Offensive Bayern ins Leben gerufen. Sie ist ein Teilpaket der so genannten Hightech-Offensive, mit der die Staatsregierung den Technologiestandort Bayern auf Schlüsselfeldern wie der Biotechnologie, der Medizintechnik, der Mechatronik und insbesondere auch der Informations- und Kommunikationstechnik stärken möchte. Fördergelder von insgesamt zwei Milliarden Mark sollen diese Bereiche nach vorne treiben - davon sind rund 500 Millionen Mark für Projekte im IuK-Bereich geplant.

Folgende Themen stehen dabei im Mittelpunkt: Unternehmensgründungen, Qualifikation, angewandte Softwareforschung sowie Software in Mittelstand und Handwerk. Um das Programm effektiv umzusetzen, wurde ein Projektbüro bei der F.A.S.T. Gesellschaft für angewandte Softwaretechnologie mbH ins Leben gerufen. Projektleiter Robert Stabl räumt indes ein: "Trotz aller staatlichen Hilfsangebote gibt es in Bayern noch genügend Gebiete, die IT-mäßig ziemliche Stiefkinder sind." Während es in Geretsried oder rund um den Starnberger See boome, sei in Weilheim oder Ingolstadt weniger los. Rosenheim wiederum habe den Vorteil, viele IT-Auszubildende für den Markt bereitstellen zu können. Zum einen liege das an der Fachhochschule, zum anderen an der Deutschen Telekom, die ein Ausbildungszentrum in Traunstein unterhalte. Besonders stolz ist Stabl auf die Entwicklung in Nürnberg: "Bis vor kurzem galt die Stadt noch als Krisenregion, weil große Firmen ihre Niederlassungen geschlossen haben." Durch IT-Firmen wie Ericsson hätten heute eine ganze Reihe kleinerer Softwarefirmen den Fuß in der Internet-Tür. Darüber hinaus sei Nürnberg durch das Engagement von Siemens im Bereich Medizin-Informatik bayerischer Spitzenreiter.

Für Stabl steht fest, dass die Region Bayern nicht nur mit schöner Landschaft locken kann. Mit der wichtigste Vorteil sind für ihn die informellen Netzwerke: "Sowohl die IT-Verantwortlichen größerer IT-Firmen als auch die Vertreter der Startups kennen einander und haben diverse Netzwerke ins Leben gerufen." Ihr Ziel sei es, den Gründungswilligen unter die Arme zu greifen, das Know-how zu bündeln und kostenlose Fachberatung anzubieten. Dies gelte sowohl für den Förderkreis Neue Technologien (FNT) über die GründerRegio M bis hin zu den diversen Verbindungsstellen bei den Industrie- und Handelskammern (IHK). So haben diese Einrichtungen eine bayernweite zentrale telefonische Anlaufstelle für Gründer geschaffen. Hier können rund um die Uhr erste Informationen abgerufen oder Informationsmaterial bestellt werden. Von den eigens dafür ausgebildeten Call-Center-Agenten erhalten die Anrufer Tag und Nacht Auskünfte wie zum Beispiel über Formalitäten bei der Gründung, Finanzierungshilfen, Förderprogramme, Gewerbeanmeldungen oder geeignete Gesellschafts-/ Rechtsformen. Darüber hinaus halten Vertreter der IHK in verschiedenen Orten wie Bad Tölz, Miesbach oder Garmisch in Zusammenarbeit mit den Landratsämtern Sprechtage für Existenzgründer ab.

Trotz aller Bemühungen sieht Stabl die wichtigste Aufgabe als noch nicht erfüllt an: "Wir müssen den IT-Standort Bayern auch nach innen sichtbar machen. Viele der hiesigen Softwareexperten haben von den beruflichen Möglichkeiten direkt vor ihrer Haustür keine Ahnung." Dieses Dilemma kennt TMS-Chef Martin aus eigener Erfahrung: "Was nützen alle Rekrutierungsmaßnahmen, wenn die IT-Profis und -Hochschulabsolventen der eigenen Region überrascht sind zu hören, dass es in ihrer Umgebung interessante Software- und Internet-Firmen gibt?" Seiner Meinung nach müssen sowohl die Bayerische Staatsregierung als auch die Niederlassungen der IHK versuchen, die attraktiven IT-Arbeitsplätze in Bayern publik zu machen.

Nachdem bei dem Geretsrieder Systemintegrator die Internet-Aktivitäten an den eigenen Startup "4-Online" ausgelagert wurden, werden dringend Profis für die Web-Programmierung gesucht. Martin beschreibt die Situation: "Für diesen Bereich gibt es aber so gut wie keine ausgebildeten Leute - höchstens ein paar Freaks, die noch Schüler sind." Dass die Green-Card-Aktion der Bundesregierung das Nonplusultra für die Bewältigung des Personalproblems ist, glaubt der TMS-Geschäftsführer nicht: "Welchen Grund sollten wirklich gute Leute haben, in ein zweitklassiges IT-Land zu kommen?" Als einzige Alternative sieht Martin die Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen sowie die Qualifizierung der Mitarbeiter in den Unternehmen.

Dass der IT-Nachwuchs von ihrer Existenz so wenig weiß, macht den aufstrebenden Cyber-Firmen in der Tat zu schaffen. Denn der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist eklatant. Rund 80 Prozent der in Oberbayern ansässigen Software- und Beratungsunternehmen suchen händeringend nach neuen Leuten. Das ergab eine aktuelle Umfrage der IHK bei rund 770 oberbayerischen IT-Firmen. Peter Driessen, Leiter der Abteilung Technologie und Neue Medien bei der IHK München und Oberbayern: "Den Anbieter- und Anwenderunternehmen fehlen in diesem Bereich bis zu 25000 Mitarbeiter." Und das ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange. Als in einer weiteren Studie gefragt wurde, welche Jobzahlen die Unternehmen für das Jahr 2004 im IT-Bereich erwarten, wurde allein für den Großraum München die Zahl 80000 genannt. IHK-Mann Driessen: "Dazu kommen dann nochmals rund 70000 neue IT-Jobs für den Raum Oberbayern - das gibt der Markt keinesfalls her." Seiner Meinung nach muss neben der verstärkten betrieblichen Weiterbildung auch im Hochschulbereich mehr getan werden. Schließlich seien die Informatikstudiengänge bei den Studenten nach wie vor nicht sehr beliebt. Allerdings warnt Driessen davor, aufgrund des IT-Booms andere Studiengänge wie beispielsweise Elektrotechnik oder Maschinenbau zu kurz kommen zu lassen: "Dann können wir über kurz oder lang die nächsten Löcher stopfen."

Auch wenn die Standortvorteile Oberbayerns diesseits und jenseits des "Weißwurstäquators" noch nicht allzu bekannt sind, bestätigt auch in diesem Fall die Ausnahme die Regel. So muss das Image von Starnberg und Umgebung ganz sicher nicht aufpoliert werden. Hier tummelt sich bereits seit geraumer Zeit die Elite der Internet- und Beratungswelt. Egal ob "Mensch und Maschine Software" in Wessling, "DCI Database for Commerce and Industry AG" oder die "Class Firmengruppe" in Starnberg - sie alle fühlen sich an ihrem Standort pudelwohl. Vor allem das Softwarehaus "Beans - Software Solutions for E-Business" hat sich die Beliebtheit von Starnberg zunutze gemacht. Nachdem den Beans-Leuten die Suche nach Softwareentwicklern im oberbayerischen Weilheim zu mühselig war, zogen sie um - und warben mit folgender Anzeige um Mitarbeiter: "Sie haben die Nase voll von tristen Einheitsbüros und Routine? Wie wäre es dann mit einer E-Karriere vor der Traumkulisse des Starnberger Sees?" Vorstandsvorsitzender Martin Fischer ist mit dem Echo zufrieden: "Wir erhalten tatsächlich wesentlich mehr Bewerbungen." Vor allem bei überregionalen Anzeigenkampagnen sei die Resonanz früher mehr als mager gewesen. So gut wie kein Bewerber hätte schon mal etwas von Weilheim gehört. Doch Standortvorteile ziehen auch Probleme nach sich. So ist Jobhopping auf der Achse München/Starnberg gang und gäbe. Beans-Chef Fischer: "Wenn eine Region so beliebt ist, sollten die Verantwortlichen alles tun, ihre Mitarbeiter durch entsprechende Maßnahmen ans Unternehmen zu binden."

Trotz aller Euphorie für das bayerische Umland räumen die dort ansässigen Unternehmensvertreter ein, dass die Anziehungskraft nicht halb so groß wäre, wenn nicht in nur 30 bis 50 Kilometer Entfernung die Metropole mitsamt ihren Einkaufs- und kulturellen Angeboten locken würde. Michael Endres, bei der "Mensch und Maschine Software AG" in Wessling im Vorstand für Marketing tätig, bringt Vor- und Nachteile auf den Punkt: "Zwar ist der Münchener Flughafen weit weg, dafür haben die Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit freie Fahrt - sie sind nämlich in Gegenrichtung zum Stau unterwegs."

*Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.