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29.07.1988 - 

Neue Querschnittstechnologien erfordern längerfristige Ausbildungskonzepte:

Just-in-time-Qualifikation ist zuwenig

*Friedrich Buttler ist Leiter des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg.

Die Devise am Arbeitsmarkt lautet: Das berufliche Bildungssystem muß sich in Zukunft am gestiegenen Qualifizierungsbedarf orientieren. Für die Mitarbeiter bedeutet das, künftig flexibler als bisher auf Veränderungen an Ihrem Arbeitsplatz zu reagieren. Dazu sind neue Ausbildungsstrategien erforderlich.

Erstmals seit 1982 überstieg 1987 das Angebot an Ausbildungsplätzen in der dualen Berufsausbildung die bekanntgewordene Nachfrage. Es verbleiben aber regional und gruppenspezifisch (Mädchen, Ausländer) noch große Diskrepanzen. Die damit denkbare rechnerische Entspannung des Ausbildungsstellenmarktes hilft, die Ausbildungswünsche der Jugendlichen besser mit den Qualifikationsanforderungen von Wirtschaft und Verwaltung abzustimmen. Im Wettbewerb der Ausbildungsstellenangebote werden künftig Ausbildungsqualitäten und Arbeitsmarktperspektiven mehr als bisher zu Auswahlkriterien. Es geht letztlich darum, wie kleinere Jahrgänge optimal auf die besten Ausbildungsgänge verteilt werden.

Der Marktlagenwechsel bei Ausbildungsstellen ist ein erster Indikator für den demographisch bedingten Strukturwandel. Mit dern Eintritt der geburtenschwachen Jahrgänge in das Erwerbsleben setzt sich diese Tendenz in den neunziger Jahren fort, und zwar zuerst bei den Absolventen mit Lehr- und Fachschulabschluß, danach bei den Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten.

Gleichzeitig hält die steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen an, weil sie weniger häufig und weniger lange zur Kindererziehung aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Aufgrund der demographischen und verhaltensbedingten Strukturwandlungen wird die Erwerbsbevölkerung der Bundesrepublik im Durchschnitt älter sein als heute, und der Anteil der erwerbstätigen Frauen wird noch mehr ansteigen.

Auch die Qualifikations-Anforderungen werden steigen. Projektionen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Prognos AG sehen für das Jahr 2000 Entwicklungen voraus, die zu einer deutlichen Abnahme (rund drei Millionen Vollzeitarbeitskräfte) des Bedarfs an Arbeitskräften ohne Ausbildungsabschluß führen. Fast ebenso stark wird die Zunahme des Bedarfs an Absolventen mit Lehr- und Hochschulabschluß im Vergleich zum Jahr 1982 sein.

Als Ergebnis dieser Veränderungen der Arbeitslandschaft werden die Beschäftigten im Jahr 2000 also im Durchschnitt älter sein als heute. Der Anteil der Frauen wird höher sein, die Qualifikations-Anforderungen werden gestiegen sein. Die Kulisse, vor der künftige Qualifizierungsprozesse ablaufen, ist nicht vollständig gezeichnet, wenn nicht auf den zunehmenden Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnik als Querschnittstechnologie in allen Bereichen hingewiesen wird. Programmgesteuerte Arbeitsmittel werden schon heute von knapp einem Viertel aller deutschen Erwerbstätigen genutzt.

Wie eine gemeinsame Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigte ist insbesondere der Anteil der gelegentlichen Anwender programmgesteuerter Arbeitsmittel in den letzten Jahren stark gestiegen, sie machten 1979 gut die Hälfte, 1985 gut zwei Drittel aller Anwender aus. Das bedeutet, daß die neue Technologie zwar auch neue Berufe entstehen läßt, aber noch mehr bisherige Berufe verändert, indem der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnik in ihre Ausübung integriert wird.

Künftige Qualifizierungsstrategien werden von folgenden Tendenzen

geprägt sein:

- Während unter der Devise, daß eine Ausbildung besser als keine ist, zur Zeit des großen Lehrstellenmangels auch viele Ausbildungsplätze angenommen wurden, für deren Absolventen nur geringe berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten absehbar waren, wird bei sinkender Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im Dualen System der Wettbewerb um die Ausbildungsplätze Schritt für Schritt vom Wettbewerb um Auszubildende abgelöst werden. Ausbildungsqualitäten, Übernahmechancen an der zweiten Schwelle und Aufstiegsmöglichkeiten sowie Weiterbildung im erlernten Beruf werden künftig den Wettbewerb prägen.

- Die älter werdende "Belegschaft" der Betriebe und Verwaltungen lernt weniger als bisher durch den Eintritt junger Ausbildungsabsolventen. Deren Zahl geht zurück, sie muß die zunehmenden Qualifikationsanforderungen mehr als bisher durch die Weiterbildung der schon Beschäftigten befriedigen. Dabei müssen wegen der kürzeren Halbwertszeit des beruflich verwertbaren Wissens häufiger als bisher Phasen der Auffrischung und Ergänzung der beruflichen Qualifikation in die Berufsausübung eingeschoben werden. Die Wege dazu sind bisher nur in seltenen Fällen klar markiert und schon gar nicht trittsicher ausgebaut. - Frauen sind bisher nicht ausreichend für die Berufe qualifiziert, nach denen die Nachfrage künftig steigen wird. Dabei haben sich die Voraussetzungen für ihre Tätigkeit in bisher sogenannten Männerberufen sowohl von der Vorbildung als auch von den Arbeitsplatz-Anforderungen her in einer förderlichen Weise entwickelt. Forschungsergebnisse zeigen, daß Mädchen in "Männerberufen" im Vergleich mit solchen in anderen Berufen sich stärker mit ihrem Beruf identifizieren, höhere Weiterbildungsbereitschaft aufweisen und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten aus der Ausbildung besser verwerten können. Im Vergleich zu männlichen Auszubildenden sind sie keineswegs weniger leistungsfähig. Sie konzentrieren sich bisher auf wenige "Männerberufe". Ihre Gesamtzahl ist gemessen am künftigen Qualifikationsbedarf, gering. Gerade sie haben bei häufigem Auseinanderfallen von (handwerklichem) Ausbildungsbetrieb und potentiellem Beschäftigungsbetrieb große Probleme an der zweiten Schwelle. Das System der Berufsausbildung und des Arbeitsmarktes ermutigt Mädchen gegenwärtig nicht in der Weise zu einer bisher frauenuntypischen Qualifizierung, wie dies mittel- und langfristig wünschenswert wäre.

Gemessen an den Qualifikationsanforderungen haben Frauen bei der Rückkehr aus der Kindererziehungsphase in den Beruf vermutlich künftig einen noch größeren Nachbildungsbedarf. Betriebliche Qualifizierungs- und Personalentwicklungsstrategien nehmen die daraus entstehende Herausforderung schon ansatzweise aber quantitativ unzureichend an. Die Arbeit überbetrieblicher Bildungseinrichtungen und darunter die subsidiär eintretende öffentlich bereitgestellte Qualifizierung sind erst in der Definitionsphase und daher ausbaufähig.

Insgesamt besteht die Gefahr, daß die Qualifizierungspolitik zu spät, zu zögernd und zu wenig umfassend einsetzt, um die im Strukturwandel der Wirtschaft nötige und im Interesse der Gleichstellung der Frauen gebotene Ausschöpfung des Qualifikationspotentials zu gewährleisten.

- Die Tendenzen bei der Verwendung programmgesteuerter Arbeitsmittel lassen erkennen, daß auch zukünftig mehr Absolventen in informations- und kommunikationstechnischen Kernberufen, beispielsweise Hauptfachinformatiker, benötigt werden. Sie machen aber noch mehr den Bedarf an Ausgebildeten in einer zunehmenden Zahl von Berufen deutlich, die den Computer, das Terminal, die programmgesteuerte Werkzeugmaschine oder das Diagnosegerät als eines von mehreren Arbeitsmitteln in ihren Arbeitsplatz integrieren. So wird die Verwendung programmgesteuerter Arbeitsmittel zunehmend zu einem Charakteristikum aller Berufe. Darauf werden sich noch mehr als bisher Ausbildungsordnungen und Weiterbildungskonzeptionen einstellen müssen.

Im übrigen gehört zu den gesicherten Erkenntnissen der Arbeitsmarkt und Berufsforschung, daß die Einführung moderner Technologie am Arbeitsplatz und die diesbezügliche Weiterbildungsbereitschaft der unmittelbar betroffenen Mitarbeiter durch deren frühzeitige Beteiligung an Planung und Implementierung nachhaltig gefördert werden kann.

Insgesamt gewinnt die Qualifizierungsnotwendigkeit auf den Arbeitsmärkten durch die geschilderten Entwicklungen noch an Bedeutung, der Szenenwandel macht dabei auf notwendige Prioritätsänderungen und Anstrengungen aufmerksam. Dabei sollte berufliche Bildung und Weiterbildung nicht an kurzfristigen Marktlagenwechseln orientiert, sondern längerfristig ausgerichtet sein. Sie sollte auch freie Valenzen fördern, die hohe Anpassungsfähigkeit der Mitarbeiter ermöglichen. "Just in time qualification" ist längerfristig nicht optimal.