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13.12.1996 - 

BMBF-Tagung zu Dienstleistungen des 21. Jahrhunderts

Kampf um Fördergelder und Kundenorientierung

13.12.1996

Auf den ersten Blick lesen sich die seit längerem bekannten Zahlen nicht schlecht: Steuerte der Dienstleistungsbereich hierzulande zur Bruttowertschöpfung 1970 einen Anteil von 45 Prozent bei, so beläuft sich dieser mittlerweile auf 65 Prozent. Von 1984 bis 1994 entstanden im westdeutschen Servicesektor rund 3,2 Millionen neue Arbeitsplätze, und bei den im Zeitraum von 1976 bis 1992 neugegründeten Unternehmen handelte es sich zu 90 Prozent um Anbieter entsprechender Service-Leistungen.

Schaut man jedoch über die Landesgrenzen hinaus, so sind die Mängel im sogenannten tertiären Sektor erheblich. 1995 rangierte Deutschland im Dienstleistungsbereich im Vergleich der führenden Wirtschaftsnationen gerade mal auf Platz 23. Und während die Deutschen im Importieren von Serviceleistungen eine Spitzenposition einnehmen, wird die Lücke im Außenhandel in diesem Sektor immer größer. Nach eine Studie der Deutschen Bank hat sich bei technologischen Dienstleistungen das Exportdefizit mittlerweile auf 3,9 Milliarden Mark ausgeweitet - von knapp einer Milliarde Mark im Jahr 1990.

Daß die Zeit drängt - will Deutschland im Dienstleistungszeitalter seine Wettbewerbsfähigkeit im Welthandel festigen und seine Zukunft als Lebens- und Wirtschaftsstandort sichern - hat auch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) erkannt. Seit 1992 förderte das "Zukunftsministerium" Projekte im Dienstleistungsbereich mit rund 147,5 Millionen Mark. Im Sommer 1995 haben die Beamten von Minister Jürgen Rüttgers zudem die Initiative "Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert" ins Leben gerufen und gleichzeitig das Projekt "Dienstleistung 2000plus" gestartet.

Unter der Leitung und Koordination von Hans-Jörg Bullinger vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart, wurden dabei seit Beginn dieses Jahres in 15 Arbeitskreisen Visionen und Erkenntnisse von rund 300 nationalen und internationalen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gesammelt, um den Handlungs- und Forschungsbedarf im Dienstleistungsbereich zu untersuchen und konkrete Empfehlungen zur Forschungsförderung auszuarbeiten.

Die ersten Ergebnisse sind nun auf der BMBF-Tagung "Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert - Gestaltung des Wandels und Aufbruch in die Zukunft" in Bonn vorgestellt worden. Darin identifizierten die Experten nicht nur drei entscheidende und zu schließende "Lücken" (eine sogenannte Innovations- und Exportlücke, eine Mentalitätslücke sowie eine Infrastrukturlücke), sondern definierten auch sechs Handlungs- und Forschungsfelder, die letztlich auch die Grundlage für künftige Fördermaßnahmen bilden könnten (siehe Abbildung).

Nach dieser "politischen Ouvertüre", wie sich Hans Gabriel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vor dem Tagungsplenum ausdrückte, müssen nun aber Taten folgen. Dies jedoch dürfte kein leichtes Unterfangen sein. Denn die in den Kongreß begleitenden zwölf Foren vorgestellten Ideen, Lösungs- und Gestaltungsvorschläge und betrieblichen Umsetzungsbeispiele ließen tatsächlich beeindruckende Ansätze weitgehend vermissen. Immer wieder drängte sich dem Beobachter der Eindruck auf, daß es vielen Referenten nur auf eine möglichst gute Präsentation des jeweils eigenen Unternehmens ankam, um sich eine gute Ausgangsbasis für das Rennen um die Fördergelder zu verschaffen.

"Bodensee online" als wegweisendes Modell

Zu den wenigen interessanten Vorträgen zählte die Vorstellung der sogenannten Electronic Mall Bodensee (EMB) von Rainer Kuhlen, Professor an der Universität Konstanz. Die EMB hat sich die Entwicklung eines regionalen, grenzüberschreitenden elektronischen Marktplatzes zur Aufgabe gemacht, an dem die zur Region Bodensee gehörenden Kreise, Länder beziehungsweise Kantone von Deutschland, Österreich, der Schweiz und Lichtenstein beteiligt sind. Die Initiative versteht sich als allgemeine Plattform für die verschiedensten Anwendungen und Konsumenten eines "elektronischen Marktplatzes" in der Region Bodensee . Ziel ist dabei die Versorgung der Verbraucher mit selbsterstellten elektronischen Dienstleistungs- und Informationsangeboten - größtenteils mit regionalem Charakter.

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt hat bereits beachtliche Fortschritte gemacht. Derzeit zählt die EMB rund 400000 Nutzer pro Monat, die auf die jeweiligen WWW-Server der an der EMB angeschlossenen Unternehmen und Behörden zugreifen - Tendenz stark steigend. Im Juni 1996 wandelte sich die EMB in eine GmbH nach Schweizer Recht um, 25 neueingestellte Mitarbeiter kümmern sich seither um die Aktualisierung der betreffenden Home Pages. Kuhlen selbst sieht ein großes Potential für regionale Online-Dienste, betonte aber, daß gerade der deutsche Markt noch eher spröde auf die elektronischen Werbemöglichkeiten reagiert. Ein Grund dafür sei die mangelhafte Infrastruktur.

Auch wenn sich unter manchen Tagungsteilnehmern gerade im Hinblick auf künftige Online- und Multimedia-Szenarios Aufbruchstimmung breit machte, verdeutlichen die Vorträge aller Referenten, welch hartes Stück Arbeit es sein wird, bis sich der Dienstleistungssektor hierzulande tatsächlich zum Motor des wirtschaftlichen Wachstums und der Beschäftigungssicherung entwickelt. So betonte etwa BMBF-Projektkoordinator Bullinger: "Wir sind weit mit der intellektuellen Erkenntnis, an der Realisierung aber hapert es." Und er fügte hinzu: "Wir haben verlernt, um den Kunden zu kämpfen." Bullinger appellierte an die Kongreßteilnehmer, das Kundenmanagement in das Zentrum ihrer Servicebemühungen zu stellen.

Freundlich lächeln genügt nicht mehr

Ähnlich äußerte sich auch Hermann Krämer, Vorstandsmitglied der Düsseldorfer Veba AG: "Wir müssen von Anfang an den Kunden zum Coproduzenten machen. Dienstleistung heißt nicht nur freundlich lächeln." Die verstärkte Ausrichtung auf den Kundennutzen bringe zwar zunächst höhere Kosten und mehr Rationalisierung mit sich, sichere aber mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit. Eine große Chance sieht der Manager des künftigen Telekom-Konkurrenten in den modernen IT- und Kommunikationstechniken, die seiner Ansicht nach Industrie und industrienahe Dienstleistungen puschen. Dabei stünden das Internet und - für die unternehmensinterne Kommunikation - das Intranet im Mittelpunkt. "Hier wird noch eine Fülle von Beschäftigungsfeldern für Dienstleister entstehen", meinte Krämer.

BMBF-Staatssekretär Fritz Schaumann rief dazu auf, nicht länger das dramatische Absinken der Zahl industrieller Arbeitsplätze als Deindustrialisierung zu beklagen, sondern zu erkennen, daß sich das Schwergewicht der Beschäftigung vom Verarbeitenden Gewerbe hin zur Dienstleistung verschiebt und diese Herausforderung aktiv anzugehen. "Die Aufgabe der Zukunft wird sein, Produktion, Dienstleistung und Information als unterschiedliche Aspekte wirtschaftlichen Handelns zu begreifen. Nur wenn uns das gelingt, werden wir bestehen können."

Dienstleistung muß selbstverständlich sein

Klaus Mangold, Vorstandsvorsitzender der Debis AG, ergänzte, daß es kein Spannungsverhältnis zwischen Industrialisierung und Dienstleistung gebe. Dienstleistung sei vielmehr ein integraler Bestandteil der Industrie geworden. Die Frage, ob die Zukunft Deutschlands in der Industrie, in der Dienstleistungs- oder in der Informationsgesellschaft liegt, sei somit falsch gestellt. Es geht nicht um ein "entweder oder", sondern um ein "sowohl als auch". Die deutsche Volkswirtschaft müsse sich Mangold zufolge auf eine innovative Industrie und gleichzeitig auch auf einen dynamischen Dienstleistungssektor stützen können. Mangold wörtlich: "Wir benötigen nicht nur Verfahrens-, sondern auch Betreiber-Know-how".

Die Dienstleistungsgesellschaft werde sich, so der Debis-Chef, auf eine moderne, flexible und innovative Infrastruktur stützen. Deshalb böten gerade multimediale Dienstleistungen bisher noch nicht ausgeschöpfte Anwendungs- und Wachstumspotentiale, die speziell für kleine und junge Unternehmen eine Riesenchance darstellen würden. Mit entsprechender Innovationsfähigkeit, Kreativität und Wendigkeit könne man mit IT-Services gute Geschäfte machen.

Dies unterstrich auch der amerikanische Top-Consultant John Diebold, der im Rahmen der internationalen Podiumsdiskussion am ersten Tagungstag extra aus New York zugeschaltet wurde. Er gab den Tagungsteilnehmern mit auf den Weg, eine höhere Risikobereitschaft, vor allem auch in puncto Existenzgründungen, an den Tag zu legen: "Deutschland benötigt mehr junge Unternehmen, um die Innovationskraft zu stärken. Das setzt aber voraus, daß Jungunternehmer nach einem Mißerfolg nicht gleich als Versager abgestempelt werden.

*Beate Kneuse ist freie Fachjournalistin in Stuttgart.