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IT im Maschinen- und Anlagenbau/Maschinenbau zwischen Hoffen und Bangen


16.04.1999 - 

Kann die Informationstechnik der gebeutelten Branche helfen?

Sand im Getriebe spürt der deutsche Maschinen- und Anlagenbau seit Jahren. Auch der zuletzt erhoffte Aufschwung blieb wieder in einer Konjunkturdelle hängen. Fortgesetzter Arbeitsplatzabbau, weiter sinkende Auslandsaufträge und eine bescheidene Nettoumsatzrendite von gerade einmal zwei Prozent sind Zeichen der Stagnation. Ob die Informationstechnik die Branche aus dem Tief herausreißen kann, hat Winfried Gertz* im Gespräch mit Marktbeobachtern ermittelt.

Daß IT dem Markt neue Impulse verleihen wird, davon ist man bei der Siemens AG fest überzeugt. Hatte der Computer in den 80er Jahren die Bürowelt durchdrungen, mischt die IT nun auch den industriellen Bereich auf. Während weltweit drei Viertel aller Länder erst kurz vor der Industrialisierung stehen, werden in den Industriestaaten die Fabrikhallen in eine umfassende, den Electronic Data Interchange (EDI) übertreffende Vernetzung der Wirtschaft eingebunden.

Innovation, Kostenvorteile sowie Verkürzung der Produktions- und Lieferzeiten sind, so Siemens-Vorstand Edward Krubasik unlängst auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main, Erkennungszeichen des IT-Einsatzes. Das Internet führe zu neuen Dienstleistungen, zum Beispiel der Fernwartung, und verknüpfe Prozeßdaten mit betriebswirtschaftlichen Computeranwendungen.

Beim Blick auf die Situation der europäischen und insbesondere deutschen Maschinenbauer sollte man indes die Kirche im Dorf lassen. Denn die hoffnungsvolle High-Tech-Kunde ist zu ihnen noch nicht so durchgedrungen, wie es mancher gerne annehmen möchte.

"Generell hat der europäische Maschinenbau keine guten Aussichten", zweifelt auch Luisa Bordoni, europäische Branchenspezialistin bei IDC in Mailand. Deutsche, österreichische und Schweizer Unternehmen hätten sich besonders in osteuropäischen Märkten engagiert, in denen allerdings viele Schwierigkeiten aufträten. "Ein großes Business-Problem für die Hersteller", zieht Bordoni Bilanz.

Im IT-Bauchladen bleibt den Unternehmen kaum Auswahl. Nicht nur IDC bemerkt, daß sich der überwiegende Teil der Industrie mit der Euro- und Jahr-2000-Umstellung herumplagen muß. Lediglich in der Automobilbranche, so hat die Expertin ermittelt, gäben auch Electronic-Commerce-Projekte speziell im Business-to-Business den Ton an.

Enterprise Resource Planning (ERP) hingegen habe sich vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen noch immer nicht durchsetzen können. "ERP-Systeme werden überteuert angeboten", sagt Boldoni. Warum man sich nicht bessere Marketing-Angebote und Dienstleistungen einfallen läßt, sei ihr schleierhaft. "Das ist doch eine große Chance für innovative Service-Anbieter."

Sobald Euro- und Jahr-2000-Projekte unter Dach und Fach sind, würden Unternehmen ihre Geschäftsprozesse in den Supply-Chain übertragen, erwartet man bei IDC. Dies zeichne sich bereits in den USA ab, weil man dort von Euro-Projekten verschont geblieben sei. Ob sich die Verschmelzung von Unternehmen und Lieferanten unbedingt via Internet niederschlagen wird, sei nicht sicher. "Viele Unternehmen werden ihre massiven Investments in EDI nicht ohne weiteres abschreiben wollen."

Auf die Nutzung von E-Commerce-Lösungen im Maschinen- und Anlagenbau konzentriert sich eine aktuelle Studie der Forit GmbH in Frankfurt am Main. Wie die Marktforscher in ihrer Umfrage unter deutschen Unternehmen ermittelten, dürfte E-Commerce im Jahr 2000 eine wichtige Säule des Auftritts, der Information sowie der Kooperation mit Lieferanten und Partnern sein.

Setzen heute erst 45 Prozent der befragten Unternehmen unterstützende Dienstleistungen wie die Abfrage des Lieferstatus oder eine E-Mail-Hotline ein, wollen dies im Jahr 2000 bereits 86 Prozent tun. Kundenbestellfunktionen, heute erst zu neun Prozent im Einsatz, wollen laut Forit im nächsten Jahr bereits 86 Prozent der Firmen in ihre E-Commerce-Lösungen integrieren.

Die meisten der befragten Betriebe, deren Großteil zwischen 100 und 500 Millionen Mark Umsatz erzielt, sind weniger an Preisnachlässen im Internet interessiert und favorisieren auch nicht unbedingt Links zu anderen Web-Sites. Vielmehr wollen sie sich vor allem auf die Darstellung des eigenen Produktangebots konzentrieren.

"Viele Unternehmen haben erkannt, daß E-Commerce den Umsatz ankurbeln kann", faßt Forit-Geschäftsführer Christian Nolterieke zusammen. Erwarten 36 Prozent einen Anteil am Gesamtumsatz von bis zu fünf Prozent im Jahr 2000, rechnet jedes fünfte Unternehmen mit bis zu zehn und jedes zehnte mit bis zu 20 Prozent Anteil am Gesamtumsatz.

Nicht sonderlich optimistisch äußert sich die Meta Group in Ismaning, die sich insbesondere mit dem Thema ERP beschäftigt. Einer noch unveröffentlichten Studie zufolge verfügt jeder zweite Maschinenbauer über kein ERP-System. Rüdiger Spieß, Senior Consultant der Meta Group: "Selbst Unternehmen mit 800 Mitarbeitern haben oft nur einen einzigen Verantwortlichen, der vielleicht noch weiß, wie er die AS/400 an- und ausschaltet." Ein grundsätzliches IT-Ressourcenproblem führe auch dazu, daß viele Anwender aus den Angeboten der Dienstleister wie zum Beispiel KPMG oder Cambridge Technology Partners nicht schlau werden. Sogenannte "Ready-to-run"-Angebote dienten eher den Marketing-Interessen der IT-Industrie, als daß sie eine tatsächliche Lösung für Anwenderprobleme darstellten.

Ein grundsätzliches Problem sieht Spieß in der Marktdynamik: "Viele Hersteller sind inzwischen von der Bildfläche verschwunden." Für Anwender, die davon betroffen sind, sei es schwer, ihre PPS-Systeme zu einer ERP-Lösung zu modernisieren.

Eine differenzierte Sicht der Neigung innerhalb der deutschen Maschinenbaubranche, in die IT zu investieren, hat Diebold eingenommen. Laut Berater Norbert Hövelmanns steigt die Nachfrage in Konstruktion und Entwicklung nach Lösungen für Engineering beziehungsweise Product Data Management (EDM/PDM), CAX-Systemen (Computer Aided Design, Manufacturing etc.) und Werkzeugen für Concurrent Engineering.

Ebenfalls gute Konjunktur hätten IT-Werkzeuge zur Rationalisierung der Angebotserstellung, zum Beispiel Konfiguratoren, ferner Multimedia-Lösungen sowie Internet-basierende Anwendungen für den Instandhaltungs- und Servicebereich. Bedingt durch Investitionen in die Euro- und Jahr-2000-Umstellung zeichnet sich Diebold zufolge ein Trend der Ablösung von Individualsoftware durch Standardsoftware ab.

Triebfedern für die Investitionen in IT sind, so Hövelmanns, "nach wie vor hoher Kostendruck und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit". Weil der Maschinenbau eher konservativ eingestellt ist, erziele E-Commerce "zur Zeit" noch nicht die Bedeutung wie in anderen Branchen.

SCM-Systeme würden sich eher für klassische Serienfertiger eignen. Einzel- und Kleinserienhersteller hingegen würden - "wie in dieser Branche üblich" - davon kaum Gebrauch machen. "SCM-Lösungen sind mit hohen Kosten verbunden, die die mittelständisch strukturierte Branche nicht bereit ist zu investieren." Die IT-gestützte Kooperation mit Lieferanten, Partnern und Kunden beschränkt sich Hövelmanns zufolge eher auf klassische Verfahren des Datenaustauschs.

Firmenkunden scheuen bisher den E-Commerce

ERP ist im Maschinenbau im Vergleich zu anderen Branchen eher unterdurchschnittlich repräsentiert, heißt es bei Diebold. Während Systeme wie SAP bei Serien- und Kleinserienproduzenten in ihrer ganzen Funktionalität eingesetzt würden, treffe man ERP-Systeme bei Einzelfertigern vorwiegend in betriebswirtschaftlichen Bereichen an. "E-Commerce als echtes Business-to-Business", so Hövelmanns, sei im Maschinenbau eher eine Ausnahmeerscheinung. Wer das Internet verwendet, beschränkt seinen Auftritt nur auf die Firmenpräsentation.

Bei der Prognose für die Zukunft gibt sich Diebold zurückhaltend. Auch in den nächsten Jahren sollen sich die IT-Investitionsbereiche nicht wesentlich verändern. Zu erwarten ist, daß mehr Mittel in den E-Commerce fließen. Mittel- bis langfristig profitieren könnte auch das Thema Wissens-Management. Voraussetzung dazu ist allerdings, so Hövelmanns, "daß die Systeme mit ihrer Funktionalität und den Einführungskosten im Maschinenbau auch Nutzen stiften".

Verhaltener Optimismus auf seiten der Auguren, Aufbruchstimmung dagegen bei Verbänden und Messeveranstaltern. "Die Informationstechnik durchdringt unsere gesamte Industrie", erwartet Rainer Glatz vom VDMA in Frankfurt am Main. Dies soll auch der Branchentreff der Hannover Messe zeigen, die vom 19.-24. April ganz unter dem Zeichen der Fabrikautomation steht.

Das größte Wachstumspotential innerhalb der Fabrikautomation wird der Informationstechnik zugemessen. Darauf weist Manfred Kutzinski, Projektleiter der Messegesellschaft Hannover, hin. Mußten sich Messebesucher früher durch das unübersichtliche Produktangebot aus Robotern, Schaltschränken und IPC-Systemen quälen, können sie sich heute auf Anwendungen konzentrieren.

Anders als früher wolle sich die Hannover-Messe auf wenige Schwerpunkte konzentrieren.

Angeklickt

Es ist ruhiger geworden um einige frühere Topthemen der Computerbranche: PPS, Leitstände, CAx, EDI. Doch das heißt nun nicht, daß die Industrie mit entsprechenden Lösungen bestens versorgt sei. In Wirklichkeit ist die DV-Durchdringung im Maschinen- und Anlagenbau keineswegs so weit gediehen, wie es den Anschein haben mag. Und neueren Schlagwörtern wie Supply-Chain-Management begegnet die Branche nicht mit ausgeprägtem Interesse. In puncto neuerer Technik, etwa aus dem Internet-Kontext, ist die Zurückhaltung noch spürbarer. Das stellen jedenfalls Marktanalysten fest.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.