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09.12.2008

Karriere ohne Führungspflichten

Aufsteigen, ohne Personalverantwortung zu übernehmen: Geht das? Ja, meinen mehr und mehr Firmen. Sie bieten IT-Kräften eine Fachkarriere an - ohne Führungspflichten, aber inklusive Titel, Gehaltserhöhung und Dienstwagen.

Von Karin Dürmeyers Job mag manche IT-Führungskraft träumen: Sie plante die IT-Architektur der City-Maut in Stockholm. Sie baute Deutschlands erstes Versicherungs-Call-Center auf. Und sie berät die Bundesregierung bei der technologischen Umsetzung von Tiertransporten in der EU. Dürmeyer, Distinguished Engineer bei IBM Deutschland, hat es geschafft: Die 50-Jährige arbeitet an spannenden Projekten und hat jede Menge Verantwortung. Aber sie führt keinen einzigen Mitarbeiter.

Dürmeyer hat eine andere Laufbahn eingeschlagen: die Fachkarriere. Nicht nur IBM offeriert den Spezialisten des Hauses diese Form des Aufstiegs, sondern auch viele andere Unternehmen von SAP über die Telekom bis Siemens. "Die Fachkarriere erlebt im deutschsprachigen Raum derzeit einen Boom", sagt Franz Biehal, Experte für Spezialistenlaufbahnen bei der Trigon Ent-wicklungsberatung in Wien. Ambitionierte Angestellte, die kein Interesse an Führungsaufgaben haben, bekommen Aufstiegschancen - mit mehr Gestaltungsfreiraum, mehr Geld und neuen Titeln. Damit brechen sie mit dem althergebrachten Prinzip: Wer es nach oben schaffen will, muss andere unter sich haben. Genau das lief in der Praxis häufig schief. "Man hatte einen guten Experten verloren und eine schlechte Führungskraft gewonnen", so Biehal.

Schlechte Chefs verhindern

Die Fachkarriere soll aber nicht nur schlechte Chefs verhindern. Mit derlei Angeboten pflegen Firmen auch ihr Image. Denn in Sachen Anziehungskraft haben sie kräftigen Nachholbedarf. In den vergangenen Jahren bauten sie mehr und mehr Hierarchieebenen ab und raubten so ihren Nachwuchsstars die Perspektiven. Die Folge: Karrierestau und Demotivation. "Eine schlanke Organisation begrenzt die Möglichkeiten von Führungskarrieren", erklärt Jörg Staff, Senior Vice President Human Resources bei SAP. Daher hat der Walldorfer Softwareanbieter schon vor Jahren parallel zur Management-Laufbahn die Fachkarrieren entwickelt. Beförderte Spezialisten erhalten mehr Geld, einen höheren Titel, einen besseren Dienstwagen - genau wie die Manager-Kollegen.

"Unternehmen entdecken Fachkarrieren zunehmend als Vermarktungsinstrument", sagt Ralf Kleb, geschäftsführender Partner der Baumgartner & Partner Unternehmensberatung mit Sitz in Hamburg und Frankfurt am Main. "Im globalen Wettbewerb um Spitzenkräfte müssen sie Besonderes bieten, um mit Standorten wie dem Silicon Valley konkurrieren zu können."

IT-Profis wollen nicht führen

IT-Spezialisten sind für diese Beförderung besonders geeignet. Durch die kurze Halbwertszeit des IT-Wissens drohen Führungskräfte, die mit Personalaufgaben beschäftigt sind, den Anschluss an das aktuelle Fachwissen schnell zu verlieren. Und bei einer vergleichsweise hohen Fluktuationsrate suchen Arbeitgeber nach Wegen, ihre Spezialisten im Unternehmen zu halten. "IT-Experten schätzen Fachkarrieren meist mehr als andere, weil sie ihr Interesse und ihre Sinnstiftung in der fachlichen Herausforderung ihres Jobs finden", erklärt Berater Biehal. Führungsarbeit wird nicht selten als Last und Qual erlebt. "Wer Top-IT-Fachkräfte von dieser Führungsverantwortung entlasten kann und ihnen trotzdem Karrierechancen bietet, nutzt ihre Kern-kompetenz besser und bringt nur diejenigen in Führungspositionen, denen das wirklich liegt", so Biehal.

Das Gefühl, gebraucht zu werden

Auch Dürmeyer mochte keine Laufbahn mit Mitarbeiterverantwortung einschlagen. "Da wäre es meine Hauptaufgabe gewesen, Mitarbeiter anzuleiten. Das hätte mir nicht gereicht", erklärt die 50-Jährige. Außerdem hätte sie dann das Gefühl gehabt, "nach ein paar Jahren vor den anderen keinen Wissensvorsprung mehr zu haben". Heute, als Topspezialistin, schwärmt sie von den neuen technologischen Herausforderungen, vor die sie ihr Job ständig stellt. "Ich genieße das Gefühl, dass man mich braucht", so Dürmeyer. Ihr Chef nennt sie "mein technisches Gewissen". Innerhalb des globalen IBM-Netzwerks gehört sie der renommierten Academy of Technology an, dem Rat der Weisen bei IBM, in dem weltweit 300 ranghohe Mitarbeiter ihr Know-how bündeln.

Schwierige Arbeit - gutes Gehalt

Die Anforderungen an Topspezialisten sind auch in anderen Unternehmen hoch. "Führungskräfte können Defizite im Fachwissen unter Umständen mit erstklassigen Führungsqualitäten kompensieren, bei Fachkräften geht das nicht", erklärt Martin Hofferberth, Vergütungsexperte bei der Unternehmensberatung Towers Perrin in Frankfurt am Main. Die Kandidaten müssen ihr Spezialgebiet besser kennen als ihre Vorgesetzten und zusätzlich eine hohe Sozialkompetenz mitbringen. Dazu gehört es, offen zu sein für Neues und mit Kollegen in verschiedenen Teams und Ländern zusammenzuarbeiten. "Für Menschen mit Scheuklappen oder Einzelgänger ist das nichts", so Hofferberth.

Besonders Fachlaufbahnen im Projekt-Management gewinnen an Bedeutung. "Gerade wenn es um die Umsetzung großer, komplexer IT-Projekte geht, werden Topexperten benötigt und auch entsprechend gut vergütet", schildert Gehaltsexperte Hofferberth.

Kritik von vielen Seiten

Im Gegensatz zu Fachleuten vieler anderer Richtungen können IT-Spezialisten auch in Sachen Vergütung mit ihren Manager-Kollegen gleichziehen. Nach Berechnungen von Towers Perrin verdient ein IT-Spezialist mit acht bis zwölf Jahren Berufserfahrung im Schnitt 87 500 Euro. Ein auf derselben Ebene angesiedelter Gruppenleiter bringt es nur auf 86 000 Euro. Zwei Karrierestufen höher streicht ein Topexperte durchschnittlich 132 000 Euro ein - nur 14 600 Euro weniger als ein vergleichbarer Hauptabteilungsleiter.

Trotz guter Verdienstmöglichkeiten hat sich das Konzept Fachkarriere jedoch noch lange nicht überall durchgesetzt. Das klassische Bild, wonach eine Karriere nur dann eine ist, wenn sie Personalführung impliziert, wird nie ganz aus den Köpfen verschwinden. Viele Firmen haben noch Schwierigkeiten mit dem Prinzip, dass Führungs- und Fachlaufbahn als gleichwertig anerkannt und abgegolten werden können.

In vielen Firmen ist die Fachkarriere noch nicht richtig akzeptiert, wie die Entwicklungsberatung Trigon ermittelte. Auch die angestrebte Gleichwertigkeit zwischen Führungs- und Fachlaufbahn bereitet Personalern Kopfschmerzen.

Kritik am Konzept kommt von vielen Seiten. "Firmen müssen aufpassen, dass die Fachkarriere nicht zur Inflation von Expertenstellen führt", warnt Biehal. Nicht jedem Mitarbeiter dürfe die Expertenlaufbahn offenstehen. Christian Scholz, Professor für Organisation, Personal- und Informations-Management an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, geht noch weiter. "In der Regel ist eine Fachkarriere ein Placebo", so der Betriebswirtschaftler. Unternehmen versuchten damit nur, jene Mitarbeiter zufrieden zu stellen, die eine Führungslaufbahn nicht schaffen. "Die bekommen dann regelmäßig mehr Gehalt und können ihrer Frau stolz erzählen, dass sie befördert worden sind", unkt Scholz.

Künftig - so prophezeien Experten - werden die Grenzen zwischen beiden Karrierepfaden mehr und mehr verschwimmen. Der Grund: Wechselnde Teams und Projektarbeit sind weiter auf dem Vormarsch. Für die Mitarbeiter heißt das: Sie müssen immer mal wieder führen - und die Führung auch wieder abgeben können. Computerexperten sind hier Trendsetter.

Fremdwort Urlaubsanträge

Auch Dürmeyer hat ständig mit Mitarbeitern zu tun. Unter anderem ist sie für die fachliche Bildung der IBM-IT-Achitekten in ganz Europa verantwortlich - für sie ein Idealzustand. "Ich habe zwar keine direkte Personalverantwortung, aber dennoch leite ich viele Menschen fachlich an - ohne dass ich Urlaubsanträge unterschreiben oder anderen Bürokratiekram erledigen müsste." (hk)

Details zur Fachlaufbahn

Was erwarten Firmen von ambitionierten Fachkräften?

Viel. Zunächst einmal müssen sie auf ihrem Gebiet echte Profis sein, denen niemand etwas vormachen kann. Das bedeutet auch, dass sie fachlich mehr können sließt ein, dass Fachkräfte in wechselnden Teams arbeiten müssen. Firmen wollen ihre Spezialisten flexibel einsetzen können.

Haben begabte Einzelgänger Chancen?

Nein. Wer sich einschließt, wird keine Karriere machen - egal welche. Man muss kein Alphatier sein, wenn man als Spezialist aufsteigen will, aber ein gewisses Händchen im Umgang mit Menschen gehört zum Jobprofil. Viele Spezialisten müssen mit Lieferanten oder anderen Geschäftspartnern verhandeln. Sie müssen Kunden oder Kollegen komplizierte Sachverhalte erklären oder auch andere Teammitglieder für eine Aufgabe gewinnen. Fachidioten werden da überfordert sein.

Wodurch kann man seinen Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen?

Fachlich sollte man stets auf dem neuesten Stand sein. Das ist aber nicht allein durch den Besuch von Weiterbildungskursen zu erreichen, sondern auch indem man intern verschiedene Aufgaben übernimmt. Wer als Spezialist schon in wechselnden Abteilungen gearbeitet hat, erhöht seine Einsatzflexibilität enorm. Wichtig ist auch räumliche Mobilität. Wenn die Firma beispielsweise einen Topspezialisten in Slowenien sucht, sollte man nicht zurückzucken, sondern die Chance zur Profilierung ergreifen.

Überhaupt ist auch für Fachkräfte das Selbst-Marketing keine Nebensache. Schließlich muss die gute Arbeit, die man leistet, auch wahrgenommen werden.

Was hält die Karrierehierarchie für Fachkräfte bereit?

Idealerweise dieselben Statussymbole wie für Kollegen der Führungslaufbahn: höhere Gehälter, Dienstwagen, eine betriebliche Altersvorsorge und Ähnliches. Fachkräfte sollten darauf achten, sich mit den Kollegen der Manager-Laufbahn gleichstellen zu lassen. Wenn also der Abteilungsleiter eine bestimmte Limousine als Firmenwagen fahren darf, sollte das einer Fachkraft auf der entsprechenden Ebene ebenfalls offenstehen. Dafür muss man häufig noch kämpfen.

Wie weit kann man es mit einer Fachkarriere bringen?

Ein Topspezialist, der alle Voraussetzungen mitbringt, kann es bis zur Geschäftsleitungsebene schaffen. Das ist allerdings noch die absolute Ausnahme.