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03.12.1976

Karstadt-Erfahrungen mit der Strukturierten Programmierung

Mit Walter Bergmann, Leiter der Abteilung Anwendungsprogrammierung bei der Karstadt AG, sprach CW-Chefredakteur Dr. Gerhard Maurer

- Sebastian Trauerwein fragte in seiner Satire kürzlich: Wo gibt es ihn, den ersten Anwender, der wirklich über Erfahrungen mit Strukturierter Programmierung berichten kann? Jetzt hat die Computerwoche diesen Herrn Meilenstein gefunden. Bei Softwarenhäusern und Herstellern wird schon seit längerem strukturiert programmiert. Die Firma Karstadt ist wohl der erste größere Anwender?

Das kann ich nicht bestätigen. Wir jedoch haben leider kein Unternehmen gefunden, mit dem wir Erfahrungen austauschen konnten. In den vergangenen 16 Monaten haben wir etwa 90 Programme nach der Methode der Strukturierten Programmierung erstellt. Von 57 Mitarbeitern der Abteilung sind 48 in den Methoden ausgebildet worden und 40 Mitarbeiter haben bereits praktisch damit gearbeitet.

- Was gab den Anstoß, hier Pionier-Arbeit zu leisten?

Es war nicht unsere Absicht, Pionier-Arbeit zu leisten, sondern, wie schon immer, haben wir das getan, was effizient und sinnvoll erschien. Seit 1967 sind wir Anwender der Normierten Programmierung und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Allerdings fanden wir, daß die Normierte Programmierung im Vorfeld der eigentlichen Programmierung nichts leistet und im Bereich der Programmierung nur zur Steuerung sequentieller Dateien und zum Erkennen und Behandeln des Gruppenwechsels Hilfen bietet. Wir waren auf der Suche und fanden in der Fachliteratur Hinweise auf die Strukturierte Programmierung.

- Lesen tut man ja viel, ohne daß das gleich Konsequenzen hat.

Das ist richtig. Den eigentlichen Anstoß gab ein Kurs bei der GES im Schwarzwald. Die Idee, konsequent die Systemtheorie anzuwenden, wurde in vielen hausinternen Diskussionen positiv beurteilt. Zur Absicherung unserer Meinungsbildung haben wir auch Berater ins Haus geholt für zwei- und dreitägige Seminare. Dann starteten wir ein Pilot-Projekt.

- Und nach welchen Kriterien haben Sie dieses Pilot-Projekt ausgewählt:

Es durfte natürlich nicht zeitkritisch sein und keinen zu großen Umfang haben. Wir nahmen das ohnehin anstehende Projekt "Rechnungswesen-Auswertung".

- Wie groß war das Projekt? Wann haben Sie gestartet?

Es handelt sich um ein zwölf Programme umfassendes batch-orientiertes Auswertungssystem, das Daten verschiedener Arbeitsgebiete des Rechnungswesen verbindet und zu Führungsdaten verdichtet. Wir haben etwa 18 Mannmonate dafür aufgewendet, die Vorgespräche begannen im August 1975, das Projekt wurde wie geplant zum 1. Juli 1976 fertiggestellt.

- Das heißt, Sie begannen beim Punkt Null, also schon in der Phase des Systems-Designs.

Genau. Darauf kam es uns auch an, denn wir wollten ja ermitteln, welche Vorteile im Vorfeld der Programmierung zu erzielen sind, also beim Systementwurf und der Festlegung der Programmodule.

- Was haben Sie denn nun anders als üblicherweise gemacht?

Früher hat ein Systemanalytiker nach der Aufgabenstellung der Fachabteilung eine sehr detaillierte Programmvorgabe geschrieben, die dann vom Programmierer zu codieren war. Das war zum Teil Doppelarbeit und im Grund eine Schnittstelle zu viel. In unserem Pilot-Projekt arbeitete das Programmiererteam erstmals direkt mit den Fachabteilungen zusammen. Dabei entstanden in der Anfangsphase Baumdiagramme und später High-Level-Struktogramme als Projektvereinbarung.

- Wer schrieb die Bäume und die Struktogramme?

Der SP-Methode entsprechend haben wir nach dem Chief-Programmer-Team-Konzept gearbeitet - also der Chefprogrammierer. Die Mitarbeiter haben diese funktionale Gliederung in weitere Hierarchiestufen verfeinert und die Module dann programmiert. Dabei verwendeten sie auch Struktogramme und setzten diese dann in Code um.

- Gibt es nach Ihren Erfahrungen einen Richtwert für die maximale Größe von Programm-Modulen?

Wir bemühen uns, die Module möglichst klein zu halten, es hat sich gezeigt, daß wir mit maximal 100 Codezeilen auskamen.

- Also keine Doktrin. sondern Pragmatismus. Gretchenfrage: Wie halten Sie's denn mit dem GOTO?

Wir sind keine Puristen. In unserem Pilot-Projekt hat sich gezeigt, daß es ganz ohne GOTOs geht, abgesehen von den cobol-sprachspezifischen GOTOs, die erforderlich und für die Methode der SP nicht schädlich sind. Mittlerweile wissen wir, daß modulintern durchaus das GOTO verwendet werden soll, um zum Beispiel extrem tiefe Schachtelungen des IF zu vermeiden. Eine Spaghetti-Programmierung ergibt sich daraus nicht, weil das ja immer nur in kleinen geschlossenen Modulen erfolgt.

- Hat sich bei Ihnen durch Verwendung der neuen Methoden die Produktivität der Mitarbeiter erhöht?

Die Produktivität oder besser Effektivität den, Programmierer ist schwer zu messen. Wir wissen, daß wir nicht langsamer wurden und haben den Eindruck, daß die Programm-Entwicklung schneller erfolgte. Den nachhaltigen Gewinn an Effektivität erwarten wir für die Phase, in der die jetzt entwickelten Systeme gewartet werden. Unser Primärziel war, die Qualität der Programme zu verbessern, das heißt weniger Fehler, bessere

Dokumentation, leichtere Lesbarkeit. Das haben wir erreicht.

- Welche Konsequenzen haben Sie nun aus Ihrem Pilot-Projekt gezogen?

Nun, ich sagte ja schon, daß wir mittlerweile 90 Programme fertiggestellt haben. So wird nach der Methode der Strukturierten Programmierung unter anderem ein komplexes Informationssystem für den modischen Bereich erarbeitet. Programme für eine POS-Anwendung und den technischen Kundendienst sind bereits im Einsatz.

- Aber wo nehmen Sie die Chefprogrammierer her, die entsprechend qualifiziert sind, um direkt mit den Fachabteilungen zusammenzuarbeiten?

Die qualifizierten Programmierer steigen bei uns in die Funktion Systemanalytiker auf. Die qualifizierten Systemanalytiker waren bisher Leiter von Projekten, und daran hat sich eigentlich nichts geändert. Nur jetzt sind sie eben Chefprogrammierer mit einem Team von Mitarbeitern, das nach den Grundsätzen der Strukturierten Programmierung arbeitet.

- Wie steht es um die Mitarbeiter-Motivation? Was denken die weniger qualifizierten Mitarbeiter?

Das Chief Programmer Team gibt nach unseren Erfahrungen dem Programmierer mehr Selbständigkeit. Die Aufgabenstellung ist naturgemäß festgelegt. Er kann sie jedoch selbständig mit mehr Freiheit lösen. Seine Arbeit beginnt bei der Lösung des Problems und nicht erst beim Codieren. Damit wurde die Eigenverantwortlichkeit gestärkt, die Qualifikation der Mitarbeiter weiterentwickelt und die Motivation verbessert.

- Schlußfrage: Warum, meinen Sie, wird die moderne Software-Technologie hierzulande so wenig genutzt?

Dafür mag es verschiedene Gründe geben. Vielleicht sind es die knappen Termine - zu deutsch: keine Zeit -, nicht beurteilungsfähige Informationen oder auch den Wunsch, angeblich bewährte Verfahren beizubehalten.

Walter Bergmann (52) ist seit 1950 bei Karstadt, seit 1958 in der Datenverarbeitung der Hauptverwaltung in Essen. Zunächst war er als "Organisations-Techniker" verantwortlich für die Übernahme der Kreditoren-Buchhaltung und Rechnungs-Regulierung auf Lochkartenmaschinen. Es folgten Projektleitungs-Aufgaben für verschiedene Arbeitsgebiete bei der Übernahme auf elektronische Datenverarbeitung, 1967 die Leitung der Systemprogrammierung und 1974 die Leitung der Abteilung Anwendungsprogrammierung. Seit 1962 ist Bergmann Vertreter des EDV-Leiters.

Die Abteilung Anwendungsprogrammierung bei der Karstadt AG hat 57 Mitarbeiter. Installiert sind bei Karstadt zwei Univac 494 und eine IBM 370/158.