Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Halbleiterindustrie quält sich mit Nachwehen des Jubeljahres 2000


22.06.2001 - 

Katerstimmung unter den Chipherstellern

MÜNCHEN (rs) - So berauschend das Rekordjahr 2000 für die Halbleiterindustrie gewesen ist, so heftig ist der Kopfschmerz nach der Party. Die Schwierigkeiten liegen nicht nur an den widrigen Marktverhältnissen. Die Hersteller haben sich mit einer zu optimistischen Politik selbst in den Schlamassel manövriert.

Dass die Halbleiterindustrie im laufenden Jahr mit einem starken Einbruch zu rechnen hat, bestätigte nun auch die Semiconductor Industry Association (SIA). Anfang Juni veröffentlichte die US-amerikanische Herstellervereinigung ihre Prognosen für das laufende Jahr und gab einen Ausblick auf die mittelfristige Entwicklung. Demnach geht der Verband zwar von einer Erholung des Marktes bereits ab Ende des dritten Quartals, schlimmstenfalls ab Anfang 2002, aus. Im laufenden Jahr dürften die Umsätze jedoch weltweit um durchschnittlich 14 Prozent sinken, was als historisches Tief seit 1985 gilt. Mit einem Volumen von 175 Milliarden Dollar schrumpft der globale Halbleitermarkt im Vergleich zum vergangenen Jahr um knapp 30 Milliarden Dollar. Die Marktforscher von Gartner und Dataquest prognostizierten einen Einbruch um 17 Prozent.

Übervolle Lager belasten die HerstellerDie Misere hat mehrere Ursachen. Eine davon ist die allgemeine Wirtschaftsflaute, die in einem Rückgang der Nachfrage resultierte. Dies führte zu hohen - und kostspieligen - Lagerbeständen sowohl bei den Chipherstellern als auch bei ihren Abnehmern. Besonders die Schwäche des PC-Segments, die sich bereits in einem entäuschenden Weihnachtsgeschäft abzeichnete, sowie der Einbruch im Handy-Markt und bei den Netzausrüstern belasten die Halbleiterspezialisten. Hinzu kommt, dass mit dem Dotcom-Sterben eine Reihe potenzieller Kunden wegfielen, was vor allem die Nachfrage nach Internet-Produkten schmälerte.

Doch nicht zuletzt trugen auch die übertriebenen Selbsteinschätzungen der Branche zu den Problemen bei. Aufgrund zu hoch gesteckter Erwartungen, die sich auf das Rekordwachstum des Vorjahres von über 30 Prozent auf 205 Milliarden Dollar stützten, wurde die Produktion noch weiter angekurbelt - selbst als sich Ende des vergangenen Jahres bereits erste Anzeichen für einen Abschwung abzeichneten. Unverkäufliche Produkte füllten die Läger, ließen die Preise in den Keller fallen und schraubten die Margen der Hersteller empfindlich herunter. "Vielleicht wäre die Industrie besser davongekommen, wenn das Wachstum im Jahr 2000 nur 25 statt der 32,5 Prozent betragen hätte", fasst Dataquest-Analyst Tom Starnes die Folgen der Überschätzung zusammen. Allerdings belasten noch weitere Unsicherheiten das Geschäft. Diese betreffen vor allem die Entwicklung der Weltwirtschaft in den kommenden Wochen und Monaten. Japans Ökonomie beispielsweise stehe wieder auf wackligen Füßen, und ob Europa ein Herüberschwappen der US-amerikanischen Krise abwehren könne, sei ebenfalls fraglich.

Mit Formulierungstricks bemühte sich Marktführer Intel Zuversicht zu verbreiten. In einer Zwischenbilanz Anfang Juni hieß es: "Intel erwartet, dass der Umsatz im zweiten Quartal innerhalb der Prognose liegen wird." Das bedeutet jedoch, dass der Branchenriese mit Quartalseinnahmen zwischen 6,4 und 6,5 Milliarden Dollar rechnet und damit weit hinter dem Vorjahresbetrag von 8,3 Milliarden Dollar zurückbleibt. Auch das bereits schwache Ergebnis aus dem ersten Quartal 2001 mit einem Umsatz von 6,6 Milliarden und einem Gewinn von 1,1 Milliarden Dollar wird ein weiteres Mal unterschritten. Ein weiterer Minuspunkt besagter Zwischenbilanz des Prozessorgiganten ist der Kommunikationssektor, der sich schwächer entwickelt als geplant. Hoffnung konnte lediglich aus der vagen Aussage gezogen werden, dass Intel bereits im nächsten Quartal mit einem Aufschwung rechnet.

Ähnlich wie die SIA-Vorhersage fehlen der Intel-Prognose handfeste Begründungen. Finanzchef Andrew Bryant beließ es bei der dürftigen Nachricht, dass Intels Kerngeschäft mit PC-Prozessoren "im Plan" sei, um daraus den Schluss zu ziehen, das Ende der Talfahrt sei erreicht.

Der Optimismus kommt zu schnell"Zu früh, um sicher zu sein", lautet denn auch der Tenor der Reaktionen auf die Intel-Ankündigung. "Die große Frage ist, wie es sein kann, dass Intels Großabnehmer wie etwa Hewlett-Packard ihre Prognosen für die PC-Nachfrage senken und von einer zunehmenden Nachfrageschwäche in Europa und Asien sprechen, während Intel das nicht wahrnimmt", schreibt etwa Dan Niles von Lehman Brothers.

Auch die Handy-Hersteller melden keine guten Zahlen. Der Kommunikationssektor, der neben dem Internet als einer der Treiber für die Chipindustrie gilt, leidet ebenfalls seit Monaten unter Absatzschwierigkeiten. Nur knapp eine Woche, nachdem Intel seine optimistischen Prognosen verbreitet hatte, musste beispielsweise Handy-Marktführer Nokia kräftige Gewinnwarnungen für das laufende Quartal verbreiten.

Aus der Chipbranche kommen ebenfalls mehr schlechte als gute Nachrichten. Beispiel Deutschland: Der Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) hat gerade erst die düsteren Aussichten bekräftigt. Die im Mai registrierten Auftragseingänge ließen sogar eine noch schnellere Abschwächung erwarten, so der Verband.

Infineon geht das Geld ausBestätigt wird dies von Deutschlands größtem Halbleiterhersteller Infineon, der Nummer zehn weltweit. Konnte sich die Siemens-Tochter noch im vergangenen Jahr mit Bravour am Markt behaupten, kämpft das Unternehmen nun mit erheblichen Rückschlägen. Infineon-Chef Ulrich Schuhmacher dämpfte bereits die Erwartungen, als er für das zweite Quartal dramatische Gewinneinbußen einräumen musste.

Mit einem Nettogewinn von 23 Millionen Euro verdiente Infineon im Vergleich zum Vorjahresquartal 123 Millionen Euro weniger. Schuhmacher begründete das Resultat mit dem Preisverfall von Speicherchips - dem wichtigsten Umsatzträger des Konzerns - sowie dem Nachfragerückgang im Mobilfunkgeschäft. Die Preise für 64-MB-DRAM-Speicherchips seien auf bis zu 1,40 Dollar gesunken nach noch 9 Dollar vor einem Jahr. Die Produktionskosten hingegen lägen bei 3,40 Dollar. Und auch für das laufende dritte Quartal kann das Unternehmen aufgrund stornierter Aufträge - unter anderem im Bereich optische Kommunikationskomponenten - einen Verlust nicht ausschließen. Im Gegensatz zu Intel hält man sich mit Prognosen für das vierte Quartal bedeckt. Zu befürchten sei, so Schuhmacher, dass sowohl PC- als auch Handy-Hersteller noch auf umfangreichen Lagerbeständen sitzen. Um dennoch keine Abstriche beim Ausbau seiner 300-Millimeter-Wafer-Fabriken machen zu müssen, erwägt Infineon eine Kapitalerhöhung an der New Yorker Börse.

Produktionskosten steigenAuch die Situation des niederländischen Elektronikriesen Philips straft den Intel-Optimismus Lügen. Die Nummer elf im weltweiten Halbleitermarkt veröffentlichte Ende vergangener Woche ebenfalls eine Gewinnwarnung. Bereits im ersten Quartal war der Nettogewinn des Konzerns auf 106 Millionen Euro geschrumpft, während im Vergleichszeitraum 2000 noch 1,14 Milliarden Euro Gewinn erzielt wurden. Für das laufende zweite Quartal erwartet Philips allein im Halbleitergeschäft einen Betriebsverlust von 175 Millionen Euro. Wie das Unternehmen mitteilte, werden die Einnahmen der Sparte, die rund 15 Prozent zum Gesamtumsatz beitragen, nochmal um 20 bis 25 Prozent geringer ausfallen als im ersten Jahresviertel. Symptomatisch für die gesamte Branche drücken auch bei Philips die steigenden Produktionskosten aufs Geschäft. Bereits im vergangenen Jahr rechnete der Hersteller vor, dass der Kapitalbedarf für die Produktion "in den letzten Jahren beträchtlich schneller gestiegen ist als der Umsatz". Die Konsequenz: Gelinge es nicht das Verhältnis zwischen Umsatz und Produktionskosten zu verbessern, "könnte die Entscheidung getroffen werden, den Halbleiterbereich teilweise zu verkaufen - durch eine selbständige Börsennotierung - oder in ein Joint Venture mit einem anderen Anbieter einzubringen", so eine Unternehmensmitteilung.

Dass die schlechte Stimmung nicht nur auf Europa beschränkt ist, bestätigt ein Blick in die USA. Auch SIA-Mitglied National Semiconductor (Natsemi) schaut nicht so optimistisch in die Zukunft wie sein Verband. Erst Mitte Mai raffte sich das Unternehmen zu einem rigiden Sparkurs auf und kündigte den Abbau von 1100 Stellen und damit rund zehn Prozent seiner Belegschaft an. In dem am 27. Mai beendeten vierten Geschäftsquartal rutschten die Kalifornier in die roten Zahlen. Dem Nettogewinn von 153,9 Millionen Dollar im Schlussquartal 2000 steht nun ein Minus von 44,4 Millionen Dollar gegenüber. Der Quartalsumsatz von 401,2 Millionen Dollar fiel um gut ein Drittel niedriger aus als im Vorjahr. Auch für das laufende Quartal konnte Natsemi-CEO Brian Halla wenig Zuversicht verbreiten. "Es ist gut möglich, dass das Schlimmste hinter uns liegt", versuchte der Firmenchef Hoffnung zu demonstrieren. Immerhin habe sich im Mai eine leichte Erholung auf der Auftragsseite gezeigt. Das war aber auch schon alles.

Mit noch handfesteren Problemen kämpft der US-Handy- und Chiphersteller Motorola, der gleich in beiden Kernbereichen starke Einbußen hinnehmen musste. Für das erste Finanzquartal wurde im Halbleitersektor ein Umsatzrückgang um 22 Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar sowie ein Gewinneinbruch von plus 128 Millionen im Vorjahresquartal auf minus 131 Millionen Dollar gemeldet. Für das zweite Jahresviertel geht das Unternehmen von noch höheren Einbußen aus. Neben dem Verkauf einiger Geschäftsbereiche - Gerüchten zufolge steht derzeit dass Geschäft mit Regierungsorganisationen zur Disposition - setzte der Konzern 26000 Mitarbeiter seiner 147000 Mann starken Belegschaft auf die Straße. Trotz dieser Sparbemühungen stufte Standard & Poor´s die Kreditwürdigkeit von Motorola bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr herunter. Es sei noch nicht bekannt, wie die Umstrukturierungsmaßnahmen greifen und die Kosten senken würden, begründete die Rating-Agentur den Schritt.

Mit Altera stimmt ein weiterer US-Chiphersteller in das Klagelied ein. Das Unternehmen hatte zwar für das zweite Quartal sinkende Verkäufe erwartet, jedoch nicht in diesem Ausmaß. Gegenüber dem ersten Quartal des laufenden Jahres erwartet der US-Anbieter nun nicht wie vorgegeben einen Umsatzeinbruch um 20, sondern wahrscheinlich um 25 Prozent von 287,4 Millionen auf 215,6 Millionen Dollar. Die Einnahmen des Vorjahresviertels hatten sich noch auf 340,7 Millionen Dollar belaufen. Obwohl der Hersteller von programmierbaren Bauteilen sowie integrierten Schaltkreisen (ICs) in den vergangenen Wochen eine leichte Erholung der Auftragseingänge und Verkäufe registrierte, bleibt die Situation angespannt.

Doch nicht jeden hat die Krise erwischt. Neben einigen Spezialisten wie Nvidia, das sich auf hochwertige Grafikchips spezialisiert hat und im gerade abgeschlossenen ersten Finanzquartal einen Zuwachs um knapp 60 Prozent verzeichnen konnte, scheint auch Intel-Rivale AMD keine Gewinnwarnung abgeben zu müssen. Nach vierjähriger Durststrecke war es dem Konzern im vergangenen Jahr erstmals wieder gelungen, bei Einnahmen von 4,64 Milliarden Dollar mit einem positiven Nettoergebnis von 983 Millionen Dollar aufzuwarten. Auch im neuen Geschäftsjahr stieg der Umsatz im ersten Quartal immerhin um neun Prozent gegenüber dem Vorjahreswert auf 1,18 Milliarden Dollar, allerdings bei einem von 178 auf 125 Millionen Dollar gesunkenen Nettoprofit, was nicht zuletzt an dem von AMD angestachelten Preiskampf mit Intel liegen dürfte. Eigenen Angaben zufolge war es AMD gelungen, Intel vor allem bei Consumer-PCs Marktanteile abzuluchsen und die aktuellen Prozessorlinien "Athlon" und "Duron" erfolgreich zu verkaufen.

Vorsicht vor übertriebenen ErwartungenVöllig verschont blieb das Unternehmen jedoch nicht. Die Einnahmen im Flash-Speicher-Bereich gingen aufgrund sinkender Nachfrage im TK-Markt um rund zehn Prozent auf 411 Millionen Dollar zurück. Für das traditionell schwache zweite Quartal erwartet AMD nun einen Umsatzrückgang von bis zu zehn Prozent, Hector Cruiz, COO bei AMD, hält dennoch an dem versprochenen "moderaten Wachstum" fest.

Trotzdem wagt auch AMD vorerst keine großen Sprünge und verzichtet in den nächsten drei bis vier Jahren auf die Umstellung auf 300-Millimeter-Wafer. "Eine Produktion lohnt sich erst, wenn die Nachfrage wieder spürbar anzieht", so AMD-Sprecher John Greenagel.

Angesichts der krisenhaften Entwicklung der vergangenen Monate, zu der die übertriebenen Erwartungen einiges beitrugen, tut die Halbleiterbranche gut daran, nicht wieder mit positiven Signalen falsche Hoffnungen zu wecken. Zur Erinnerung: Noch bis Anfang dieses Jahres zeigten sich viele der nun gebeutelten Hersteller ebenso wie die SIA blind gegenüber den ersten Anzeichen einer Abkühlung. Der Umsatzrückgang um 2,1 Prozent im Dezember wurde noch als jahreszeitlich bedingte Schwäche abgetan, die im Plan liege. SIA-President George Scalise räumte lediglich ein, dass es "unwahrscheinlich" sei, dass das prognostizierte Wachstum von 22 Prozent für 2001 erreicht werden könne. Das Ausmaß des kommenden Problems schien niemand zu kennen

Doch mit seiner diesjährigen Prognose wiederholt der Verband seine Schönfärbereien und erwähnt mit keiner Silbe die wirtschaftlichen Risiken, die hinter der Marktentwicklung stehen. Die Läger seien abgebaut, und die Branche hätte wesentlich schneller als in früheren Krisen auf den Einbruch reagiert, heißt es. Grund genug, für 2002 bereits einen erneuten Boom vorherzusagen. Die Einnahmen der Hersteller sollen dann weltweit wieder um 20,5 und 2003 um 25 Prozent wachsen. Zwar bestätigen auch die Analysten von Gartner Dataquest diese Tendenz, sprechen jedoch lediglich von einem branchenweiten Wachstum von 13, 5 Prozent. Und auch dies nur unter Vorbehalt. Es gebe noch immer die "begründete Möglichkeit", so Dataquest-Mann Tom Starnes, dass sich der Umschwung noch bis Anfang nächstes Jahr hinauszögere.

Abb.1: Wachstumsprognosen einzelner Halbleitersegmente I

Quelle: SIA

Abb.2: Wachstumsprognosen einzelner Halbleitersegmente II

Quelle: SIA