Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

06.01.1995

Kaufring waehlt den Bottom-up-Ansatz IT-Planung vom Client aus: Es muss nicht immer Windows sein CW-Bericht, Karin Quack

DUESSELDORF - Als die Kaufring AG im vorletzten Jahr ihre IT- Umgebung neu gestaltete, liess sie sich konsequent von den Beduerfnissen der Anwender leiten. Etwa 500 Benutzer wurden - nein, nicht mit Windows-PCs, sondern mit Macintosh-Desktops beziehungsweise -Notebooks ausgestattet, die konsequent in eine Client-Server-Architektur eingebunden sind.

Wer das neue Verwaltungsgebaeude am Duesseldorfer Flughafen betritt, ahnt bereits, dass hier nicht gekleckert wurde. In den vergangenen drei Jahren hat Kaufring ordentlich in seine Infrastruktur investiert - insbesondere in die Informationstechnik.

Vor sechs Jahren wurde aus der Genossenschaft eine AG. Auch wenn das Unternehmen immer noch einen relativ fest umrissenen Kundenkreis - zumeist kleinere selbstaendige Kaufhaeuser - bedient, so muss es sich heute doch als Grosshaendler und Serviceanbieter auf dem freien Markt behaupten.

Dass die Informationstechnik dabei eine entscheidende Rolle spielt, hat die Unternehmensleitung schnell begriffen. Vor einigen Jahren holte sie eine Reihe von DV- und Organisationsspezialisten ins Haus, die sich daran machten, die in die Jahre gekommene IV- Struktur zu modernisieren. Zu den Initiatoren des neuen DV- Konzepts gehoerte auch Reinhard Eschbach, der heute als Fachbereichsleiter fuer die Produktionssysteme zustaendig zeichnet.

Um mehr Flexibilitaet und eine bessere Integration der Informationen zu erreichen, erweiterten Eschbach und seine Kollegen die bis dato Mainframe-zentrierte DV-Landschaft behutsam zu einer Client-Server-Architektur, in der Comparex-Grossrechner, DEC-VAX-Maschinen und Unix-Workstations gleichberechtigt ihre Arbeit tun.

Die eigentliche Revolution fand jedoch am Desktop statt. "Es ist unsinnig, mit der Umstrukturierung top-down anzufangen", erlaeutert Eschbach. "Ich muss zunaechst einmal dem Anwender zeigen, dass sich etwas bewegt." Folglich ging der Kaufring den umgekehrten Weg, nahm die Beduerfnisse der Benutzer als Ausgangspunkt und entwarf das System vom Client aus. Und es bewegt sich etwas - im wahrsten Sinne des Wortes: Eine verteilte "Einkaufs- und Vermarktungsanwendung" (EVA) soll den weltweit taetigen Einkaeufern ihre von unterschiedlichsten Faktoren beeinflussten Entscheidungen erleichtern. Dazu nimmt der Benutzer einen Teildatenbestand sowie die Entscheidungsunterstuetzungs-Software mit auf die Reise. Die Notebook-basierte EVA-Software ermoeglicht es ihm, vor Ort seine Planungsdaten mit dem tatsaechlichen Verlauf des Geschaefts abzugleichen, also vor Vertragsabschluss bereits zu ermitteln, inwieweit der verhandelte Preis konkurrenzfaehig ist, wieviel die Ware im Wiederverkauf erbringen muss und welcher Ertrag unter dem Strich bleibt.

Fuer Eschbach liegt der Wettbewerbsvorteil auf der Hand: "Wir haengen damit nicht mehr von unseren Spitzeneinkaeufern ab." Das System bedeute fuer die weniger erfahrenen Mitarbeitern ein Plus an Sicherheit bei der Entscheidungsfindung.

Zudem gibt EVA dem gesamten Einkaeuferstab ein Instrument zur kontinuierlichen Erfolgskontrolle beziehungsweise zur Analyse von Misserfolgen an die Hand. "Hier waere eine Mainframe-Loesung ueberhaupt nicht moeglich gewesen", konstatiert Eschbach und widerspricht damit dem oft geaeusserten Vorurteil, Client-Server- Architekturen seien reiner Selbstzweck. "Wenn ich Client-Server so verstehe, dass ich das, was ich heute am Mainframe kompakt habe, nur auf unterschiedliche Bereiche verteile, dann ist das sicher Unsinn. Client-Server macht man, weil es Aufgaben gibt, die sich nur auf diese Weise loesen lassen."

Die Entscheidung fuer das Macintosh-Betriebssystem fiel ebenfalls aufgrund handfester Einsatzvorteile - auch wenn Eschbach nicht leugnet, dass er sich schon bei seinem vorherigen Arbeitgeber, dem Apple-Grosskunden KPMG, mit der Windows-Konkurrenz angefreundet hatte. "Einer der Gruende, warum wir Apple einsetzen, ist die Kommunikationsfaehigkeit", argumentiert der Fachbereichsleiter. Die Macintosh-Version 7 ermoegliche es, PC-Netze aufzubauen, bei denen jeder Rechner zugleich als Client und Server fungieren koenne.

Diese Netzfaehigkeit ist bei den Apple-Systemen bereits im Betriebssystem implementiert. Zum Tragen kommt sie beispielsweise dann, wenn Einkaeuferteams unterwegs ihre Daten konsolidieren wollen. "Sie stecken ihre Powerbooks zusammen, verwenden Appletalk, und schon haben sie ein Netz", freut sich Eschbach. Fuer die Kommunikation mit den heimischen Server-Datenbanken nutzt Kaufring die Macintosh-Schnittstelle DAL sowie "Oracle SQL*Net".

"Einen Macintosh so vorzubereiten, dass er in einer Client-Server- Architektur funktioniert, das kann bei uns der Anwender selbst", faehrt Eschbach fort. Im Windows-Bereich sei dafuer ein technologisch versierter Benutzerservice notwendig.

Den geringeren Unterstuetzungsaufwand fuehrt der Fachbereichsleiter auch ins Feld, um zu begruenden, warum der Einsatz von Macintosh- Systemen keineswegs teurer sei als der von Windows-PCs. "Wenn Sie eine reine Investitionsbetrachtung anstellen, dann schon, nicht aber bei einer Vollkostenbetrachtung ueber vier oder fuenf Jahre." So wuerden fuer den First-Level-Support der 500 Rechner zwei Mitarbeiter ausreichen. Dieselbe Mannschaft, die 1992 fuer 300 PCs verantwortlich war, betreue heute zusaetzlich die Macs sowie das gesamte Netz-Management und die Nebenstellenanlage.

Oder anders herum betrachtet: Laut Eschbach konnte der Controlling-Bereich durch den Wechsel von Windows zu Apple seine Produktivitaet um 30 Prozent steigern, sprich: in derselben Zeit rund ein Drittel mehr Anfragen beantworten.

Kaufring nimmt die Benutzer auch als DV-Anwender ernst. Dank eines ausgekluegelten Sicherheitssystems duerfen sie an ihren Desk- oder Laptop-Rechnern ungehindert eigene Anwendungen generieren. "Alle reden vom Wildwuchs, aber sie provozieren ihn auch", gibt Eschbach zu bedenken. Der uebliche Anwendungsstau von seiten der zentralen DV bringe die Anwender dazu, sich selbst zu helfen. Der Versuch, die Benutzer auf unternehmensweite Standards zu verpflichten, sei zum Scheitern verurteilt, weil solche Festlegungen zwangslaeufig hinter dem Stand der Technik herhinken.

Die Autonomie der Anwender laesst zwei Fragen offen: Einerseits ist zu verhindern, dass selbstgebastelte "Excel"-Programme oder Datenbankauswertungen ungefiltert in die Produktionssysteme einfliessen, andererseits sicherzustellen, dass diese Applikationen bei Bedarf allgemein zugaenglich gemacht werden koennen. "Ich muss bei jedem Client darauf achten, wie ich ihn in das Gesamtgefuege einbinde und wie ich das, was dort passiert, eingrenze", formuliert Eschbach das Problem.

"Wie ich einen Server fahre, wissen die RZ-Leute. Worum sich bisher niemand gekuemmert hat, ist die Frage, wie ich einen Client sauber einsetze."

Der Kaufring hat diese Aufgabe geloest, indem er das Sicherheitsbewusstsein der RZ-Welt auf die PC-Umgebung uebertrug. Programme, die in die Produktionssysteme uebernommen werden sollen, durchlaufen zunaechst eine Testsuite, in der sie unter Beweis stellen muessen, dass sie einwandfrei funktionieren und alle Schnittstellen sauber versorgen. Nach der Abnahme wird der Versionsstand eingefroren und dokumentiert.

Umgekehrt betreibt das RZ ein Data-Warehouse, das den Anwendern Daten aus der Produktionsumgebung zur Verfuegung stellt. Alle in der Datenbank angemeldeten Benutzer duerfen diese Daten herunterladen und am Desktop nach eigenem Gutduenken aufbereiten. Die Verbindung zwischen individueller DV und RZ ist also in beiden Richtungen sauber kanalisiert. Eschbach: "Nur weil wir das so machen, kann jeder mit dem PC arbeiten, wie er es moechte."

Fuer die Entwicklung groesserer Applikationen nutzt Kaufring das Werkzeug "4th Dimension" von ACI, mit dem sich, so Eschbach, sehr schnell Anwendungsprototypen erstellen lassen. "Es dauert maximal eine Woche, bis die Grundfunktionalitaet allen Beteiligten klar ist." Das Tool sei zudem in der Lage, die Oracle-Schnittstelle SQL*Net anzusprechen, so dass der Prototyp auch in der Produktionsumgebung ablaufen koenne.

Den Vorwurf, damit einer Quick-and-dirty-Entwicklung Vorschub zu leisten, will Eschbach nicht auf sich sitzen lassen: "Quick - ja, aber nicht dirty, sondern in einer sauberen Produktionsumgebung unter konservativen Bedingungen."