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23.03.2001 - 

Oracle setzt weiter auf Integration

Kaum Differenzierung durch Standardsoftware

Mit Sergio Giacoletto, Oracles Executive Vice President Europa, Mittlerer Osten und Afrika, sprach CW-Redakteur Christoph Witte über die Anforderungen an ein Softwarehaus, dessen Boss Larry Ellison es als Allround-Anbieter positionieren will.

CW: Wie unterscheiden sich die E-Marktplatz- und Procurementkonzepte von Oracle, Ariba und SAP/Commerce One?

Giacoletto: Wir verfolgen einen integrierten, eher ganzheitlichen Ansatz, wenn es um Collaborative Computing geht. Unsere Wettbewerber versuchen, in einem bestimmten Bereich - beispielsweise Procurement oder Supply Chain - Kunden zu gewinnen. Wir verfolgen dagegen das Ziel, eine Reihe von kompatiblen Applikationen zu entwickeln, die alle Aspekte abdecken und auf einer Plattform laufen.

Die Beherrschung der Basistechnologien gibt uns in diesem Umfeld einen Vorteil. Unsere Mitbewerber haben das Problem, verschiedene Systeme und Datenbanken unterstützen zu müssen. Das brauchen wir nicht. Wir nehmen unsere eigene Technologie als Basis.

Larry Ellison hat kürzlich gesagt, "wir sind die ersten Autoproduzenten in der Softwareindustrie". Das bedeutet, wir bauen nicht nur einzelne Komponenten einer Lösung, sondern das ganze System: Motor, Räder, Karosserie, Innenausstattung etc.

CW: Ellison sagte auch, dass Anwender von Oracle-Applikationen nicht mehr 100, sondern nur noch 85 Prozent Funktionalität erwarten dürften - die aber hochintegriert. Verstehe ich das richtig: Gemeint ist Integration innerhalb der Oracle-Welt?

Giacoletto: Da müssen wir differenzieren. Natürlich können wir über XML mit anderen Produkten und Marktplätzen Daten austauschen. Schnittstellen zum Beispiel zu SAP-Systemen existieren natürlich. Selbstverständlich können Unternehmen jeweils die besten Produkte ihrer Klasse wählen - und sie dann im Nachhinein miteinander verzahnen. Das Problem ist nur, dass der Anwender dann einen ganzen Bauchladen von Applikationen, Betriebssystemen, Schnittstellen und Datenbanken supporten muss. Das kann sehr teuer werden. Deshalb ist es durchaus statthaft zu fragen, ob man wirklich hundert Prozent Funktionalität braucht, wenn man sich dafür die ganze Verbindungsarbeit aufhalst, oder ob nicht doch 85 Prozent ausreichen, dabei aber Implementierungszeit, Kosten und Integrationsaufwand sinken.

CW: Wenn es die richtigen 85 Prozent sind...

Giacoletto: Wir haben vor 18 Monaten mit unseren E-Market-Aktivitäten begonnen, viel später als Ariba oder Commerce One. Wir können jetzt 60 große Marktplätze weltweit vorweisen. Mit unserem integrierten Ansatz bauen wir sehr viel schneller funktionierende Systeme auf als Ariba oder i2 das können. Fragen Sie die Kunden, was für sie wichtiger ist, Time to Market oder die perfekte Lösung.

CW: Diese Diskussion ist ja nicht neu, die haben wir auch schon über ERP-Systeme geführt.

Giacoletto: Ja, stimmt. Wir haben Implementierungsversuche von Anwendern erlebt, die Millionen von Dollars verschlungen haben, nur weil die Software haarklein an die Arbeitsabläufe des jeweiligen Unternehmens angepasst werden sollte. Nach zwei, drei Jahren Entwicklungszeit ist das keine Standardsoftware mehr .

CW: Jetzt sind wir bei der nächsten Äußerung Ihres Bosses, der gesagt hat, dass sich die Organisationen der Software anzupassen haben und nicht umgekehrt. Ist das nicht sehr arrogant gegenüber dem Kunden? Damit sagen Sie doch, dass Sie als Softwareanbieter genau wissen, wie er sich organisieren muss, damit sein Geschäft läuft?

Giacoletto: Nein, nein! Natürlich können Sie unsere Software Ihrem Workflow anpassen. Der Kunde entscheidet das. Alles, was wir sagen, ist, es lohnt sich nicht, das alte Bestellformular in der neuen Software abzubilden. Der Kunde sollte sich stattdessen überlegen, wie sein elektronisches Bestellformular aussehen muss, wer es abzeichnen muss etc. Das ist schwieriger, als man denkt, weil Sie den Kunden damit nicht nur auffordern, seine Formulare wegzuschmeißen, sondern Dinge, die er vielleicht 20 Jahre auf eine bestimmte Art gemacht hat, in Zukunft anders handzuhaben.

CW: Und Sie sagen ihnen nicht, wie sie''s am Ende machen sollen?

Giacoletto: Wir bieten ihnen einen integrierten Satz von Applikationen, die für das E-Business entwickelt worden sind, mit einem sehr reichhaltigen Kundendatenmodell, von dem wir glauben, dass es die meisten Kundenbedürfnisse abdeckt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass viele ERP-Implementationen schief gingen, weil sich die Unternehmen nicht getraut haben, ihre bestehenden Prozesse in Frage zu stellen. Wenn Unternehmen die Software nach ihren Prozessen gestaltet haben wollen, dauert das einfach zu lange. Es geht viel schneller, wenn die Basisfunktionalität implementiert wird und dann geschaut wird, wie weit man damit kommt. Wenn dann wirklich noch etwas fehlen sollte, dann baut man es dazu.

CW: Warum haben die Anwender es 20 Jahre lang anders gemacht?

Giacoletto: Wie Larry sagte: Wir sind wahrscheinlich die ersten, die ein komplettes Auto bauen wollen. Außerdem hat sich Anwendungssoftware sehr stark entwickelt in den letzten Jahren. Früher gab es die Möglichkeiten nicht. Ich bin außerdem sicher, dass die Softwareindustrie unserem integrierten Ansatz folgen wird.

Die SAP ist vielleicht das erste frühe Beispiel für einen integrierten Ansatz. Sie haben wirklich einen guten Job gemacht mit der Integration kommerzieller Standardsoftware wie FI, HR etc. Später haben sie diesen Ansatz verlassen und ebenfalls einen Best-of-Breed-Ansatz verfolgt, der ihre Software übertrieben komplex hat werden lassen.

CW: Integrierte Software à la SAP ist immer hochkomplex - auch wenn SAP das stets bestritten, beziehungsweise mit dem Hinweis auf die im Gegenzug eingehandelte tiefe Integration für das kleinere Übel erklärt hat. SAP und andere Hersteller verabschieden sich von der tiefen Integration, weil sie sie nicht mehr für machbar halten. Wieso geht Oracle den entgegengesetzten Weg?

Giacoletto: Wir sind sicher, dass die ursprüngliche Strategie von SAP richtig war. Nur ist SAP im Grunde ein Buchhaltungssystem gewesen. Als SAP begann, CRM und andere Teile hinzuzufügen, wurde die Sache extrem kompliziert. Das Problem liegt im Datenmodell, das ist nicht auf die Kundenbefürfnisse abgestimmt, sondern basiert auf den Anforderungen der deutschen Buchhaltung.

CW: Sie sagen also, SAP verfolgt den Best-of-Breed-Ansatz nur, weil sie es anders nicht geschafft hätte, die erforderliche Funktionalität anzubieten?

Giacoletto: Ja, damals konnten sie das nicht. Ich glaube, dass wir wirklich eine Chance haben, Larrys Auto zu bauen, weil wir unser Datenmodell komplett überarbeitet haben, es Internet-fähig ist, weil unsere Applikationen auf Browsern als Frontend laufen und weil wir nicht so viele verschiedene Arten von Datenbanken und andere Technologie unterstützen müssen wie SAP mit ihren komplizierten BAPI-Schnittstellen.

CW: Viele Anwenderunternehmen haben inzwischen Standardsoftware installiert. Die Funktionalität, die integrierte Pakete liefern, ist also bereits vorhanden. Wieso sollten die Unternehmen weiter Suiten kaufen und keine Einzellösungen, die zu ihrer bestehenden Landschaft passen? Ist das nicht auch ein Grund, warum sich Ihre Konkurrenten von dem integrierten Ansatz verabschiedet haben?

Giacoletto: Stimmt, es sind sehr viele Legacy-Systeme installiert. Deshalb geben wir uns für die Realisierung unserer Pläne auch fünf bis zehn Jahre Zeit. Aber wenn Unternehmen anfangen, ihre Geschäfte für das E-Business fit zu machen, dann beginnen sie meistens mit einer kleineren Division oder einer Business-Unit - nicht mit dem ganzen Unternehmen. Das gibt uns eine Einstiegschance. Sind die Verantwortlichen mit dem Ergebnis zufrieden, weil sie Geld sparen, dann haben wir gute Chancen, unser System auch in anderen Bereichen dieses Unternehmens zu installieren. Die meisten großen Konzerne verfolgen doch eine Best-of-Breed-Strategie, weil es dazu keine Alternative gab. Jetzt bieten wir eine.

CW: Wenn man Ihnen zuhört, drängt sich der Gedanke auf, dass Sie nicht an einen Wettbewerbsvorteil durch Software glauben.

Giacoletto: Mit der Abbildung wirtschaftlicher Basisprozesse ist der wirklich nicht zu erreichen. Die meisten Unternehmen ziehen keinen Wettbewerbsvorteil aus der Software selbst, sondern daraus, was sie mit den Informationen machen. Denken Sie beispielsweise an Marketing-Campaign-Management. Die Grundprozesse sind doch die gleichen. Aber wenn Sie sich die Ergebnisse anschauen, um zu entscheiden, welche Marketing-Kampagne die richtige für Ihr Unternehmen ist, dann kann daraus ein Wettbewerbsvorteil entstehen. Dafür müssen Sie aber nicht eigens ein Stück Software schreiben. Oder ein anderes Beispiel: Wir alle benutzen Powerpoint. Glauben Sie, dass da kein Raum mehr für Kreativität bleibt? Alle verwenden das gleiche Pro-gramm, doch die Ergebnisse sind absolut verschieden.

CW: Also sollte man Software nicht so wichtig nehmen, es ist die Art und Weise, wie das Geschäft betrieben wird, die den Unterschied ausmacht?

Giacoletto: Das gilt natürlich nur für die Unterstützung der grundlegenden Geschäftsprozesse. Bei Designsoftware ist das etwas anderes.

CW: Dann bedeutet kommerzielle Standardsoftware für ein Unternehmen heute nicht mehr als der Kauf von Büromöbeln? Die müssen möglichst gut aussehen, bequem und preiswert sein. Ihr Einfluss auf den Geschäftserfolg ist aber verschwindend gering.

Giacoletto: Im Grunde genommen ja. Es hat natürlich auch damit zu tun, dass die verfügbaren Pakete ausgereift sind und sich stetig annähern.

CW: Ihnen geht es darum, die versprochene Funktionalität stabil zu liefern, und zwar möglichst billig?

Giacoletto: Billiger als eine Best-of-Breed-Lösung...

CW: In einer reifen Industrie ist der Preis ein wichtiger Differenziator. Außerdem muss die Software auch noch einfach zu implementieren und zu benutzen sein.

Giacoletto: Hinzu kommt noch, dass eine Standardsoftware, die diesen Namen verdient, nicht nur für die Division eines Unternehmens, sondern für den gesamten Konzern ein einheitliches Gerüst liefert.

Überlegen Sie nur, wenn ein Unternehmen seinen Workflow ändern will: Mit einer weltweit zentral gemanagten Suite drehen Sie einmal an der Konfiguration, schon haben Sie überall auf der Welt die gleichen Abläufe.

CW: Aber haben die Anwender nicht Probleme damit, das so rigoros durchzusetzen?

Giacoletto: In Unternehmen, wo Entscheidungen eher auf Konsens gründen, wird das sehr schwierig sein, weil sich das mittlere Management immer wehren wird. Schließlich sieht es die lokalen Geschäftsabläufe in Frage gestellt. Das geht nur bei einem strikten Top-down-Ansatz.

CW: Ist Application Hosting oder ASP die logische Konsequenz aus einer solchen Entwicklung?

Giacoletto: Ein ASP-Modell gibt ökonomisch nur bei Standardsoftware Sinn.

CW: Ist dann die Annahme, dass das ASP-Modell hauptsächlich für kleine und mittlere Unternehmen sinnvoll ist, falsch?

Giacoletto: Wir haben eine ganze Reihe großer Kunden im Application Hosting und ASP-Markt. Solche Konzepte sind für Unternehmen großer regionaler Breite interessant, die kleine Werke in vielen Regionen haben .

CW: Macht Oracle das selbst?

Giacoletto: Wir fahren da eine Multichannel-Strategie. Aber die reinen Oracle-Kunden möchten oft, dass wir das Hosting selbst machen und nicht einer unsere 40 Partner.

CW: Wie zufrieden sind Sie mit den Application-Umsätzen in Europa und in Deutschland?

Giacoletto: Das erste halbe Jahr in Europa war gut. Wir sind im Application-Bereich um 96 Prozent gewachsen. In diesem und dem nächsten Quartal wird es etwas langsamer vorangehen. In Gesamteuropa wachsen wir seit acht Quartalen schneller als SAP, was immer unser Maßstab ist. Deutschland ist schwierig, auch wegen der starken Präsenz der SAP. Dort werden wir immer noch zu stark als reiner Technologieanbieter gesehen. Mit der Durchdringung des deutschen Marktes bin ich nicht zufrieden. Es geht zwar voran, aber für meinen Geschmack zu langsam.