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30.09.1977

Kaum Konzepte für die Textverarbeitung

Immer noch ist die Schreibmaschine das dominierende Arbeitsgerät in den Büros. Eine Maschine, die gegenüber dem Griffel nur unwesentliche Vorteile bietet: Sie ist geringfügig schneller und durch die Stilisierung und Normung der Zeichen besser lesbar. Die Umrüstung dieses Schreibgerätes von der reinen Mechanik zur stromnetzabhängigen Elektromechanik hat daran wenig geändert - nur den Preis.

Die Hersteller der Maschinen haben offensichtlich erkannt, daß sie hier ein Massenprodukt anbieten, das nur fertigungstechnisch optimale Lösungen bietet. Die Anwender wollen jedoch mehr: Fernschreiben, Serienbriefe und normale Korrespondenz sollen auf einer Maschine geschrieben werden - einmal und nicht doppelt oder mehrfach. Die Geräte sollen auch jeden im Unternehmen geschriebenen Text speichern, einfache Korrekturen ermöglichen und jederzeit einen Zugriff zum Speicher erlauben.

Um all diesen Bedürfnissen nach Möglichkeit gerecht zu werden, entstanden die sogenannten Schreibautomaten oder Speicherschreibmaschinen. Das Konzept war das alte geblieben: Die Schreibmaschine war lediglich um einige Zusätze wie Speicher und Korrektureinrichtungen bereichert worden.

Am Prinzip änderte sich auch nichts durch die Verwendung von elektronischen Bauelementen bei der Produktion von Fernschreibern und Automaten. Gekauft wurde alles und zu jedem Preis. Man befand sich in einer Notsituation, und Hilfe wenigstens für spezielle Anwendungsgebiete war besser als nichts. Dieser Zustand besteht im wesentlichen noch heute. Beide Seiten, sowohl die Hersteller als auch die Anwender, stecken in einer Sackgasse. Sie haben es bisher versäumt, die Probleme der Textverarbeitung kritisch zu analysieren und neue Konzepte zu entwickeln.

Dabei liegt die Lösung sozusagen vor der Tür: Texte sind eines unserer hervorragenden Kommunikationsmittel. Texte werden in Massen produziert. Ein bedeutender Anteil davon entfällt auf die Geschäftskorrespondenz. Von Millionen wird sie für Millionen geschrieben.

Die Unternehmen müssen dafür teuer bezahlen. Daran haben auch die besten Organisationsformen nichts geändert. Qualifizierte Kräfte sind rar, ihre Leistungsfähigkeit durch ineffiziente Arbeitsroutine, unverhältnismäßig hohe Rüstzeiten, durch Maschinenlärm und Streß beeinträchtigt. Mangelnde Produktivität und Unwirtschaftlichkeit trotz guter Leistungen - das ist hier geradezu vorprogrammiert.

Im Bereich der Datenerfassung und -verarbeitung ist dieses Problem längst gelöst. Dort sind Systeme im Einsatz, die Lösungsmöglichkeiten auch für die Textverarbeitung aufzeigen. Systeme, die, rechnergesteuert, über Eingabeplätze mit elektronischer Schreibtastatur, über zentrale Massenspeicher und leistungsfähige Ausgabegeräte verfügen - mit denen Datenfernübertragungen, etwa im Sinne der Empfehlungen des Telekommunikationsberichtes der Bundesregierung für elektronischen Briefverkehr und Bürofernschreiben, ein Leichtes ist. Allerdings: Die Bundespost müßte dann selbst erst über ihren eigenen Schatten springen und eine Reihe von Vorschriften ändern.

Die technischen Voraussetzungen für eine optimale Textverarbeitung sind also vorhanden. Warum sind es dennoch bisher nur einige wenige, meist kleinere Firmen, die auf diesem Gebiet Experimente wagen? Ist der Grund nur in der Produktpolitik zu suchen, in den schwerwiegenden Konsequenzen, die sich aus Umstellungen auf neue Produktlinien ergeben? Oder gibt es noch andere Gründe?

Sicher ist: Die Qualität der Programme, die die vorhandene Technik für die Textverarbeitung einsetzbar machen, ist von ausschlaggebender Bedeutung für den Erfolg. Große EDV-Hersteller rechnen damit, daß der Computer nicht nur Lösungen für Einzelprobleme bringen wird, sondern für die Textverarbeitung insgesamt das längst überfällige Arbeitsgerät der Zukunft ist. In den Köpfen weniger Mutiger ist bereits eine Vision entstanden: In wenigen Jahren bereits sollen Schreibmaschinen nur noch in Museen stehen. Um so mehr kommt es auf klare Problemspezifikationen und Vorgaben für die Systemanalyse an. Ohne die Mitwirkung der Anwenderseite wird man nicht zu optimalen Lösungen kommen können.

Hier jedoch herrscht nach wie vor Konfusion. Jeder will seine spezifischen Probleme gelöst sehen. Die meisten streben die "Globallösungen" an. Sie verstehen darunter im Gegensatz zu peripheren Offline-Lösungen die Fusion von Text- und Datenverarbeitung. Das ist der Entwicklung eines funktionierenden Konzeptes aber offensichtlich wenig förderlich.

Denn Datenverarbeitung und Textverarbeitung haben grundsätzlich unterschiedliche Arbeitsziele: Auf der einen Seite das Verarbeiten von Massendaten unter Verwendung bestimmter Routinen - auf der anderen Seite das Produzieren von mehr oder weniger individuellen Schriftstücken. Daß dabei innerhalb geschlossener Arbeitsgänge auch wechselseitig Texte oder Daten abfallen, ändert am grundsätzlichen Unterschied nichts.

Es ist daher beim Gros der Anwendungen zumindest fraglich, ob eine Verquickung sinnvoll und zweckmäßig ist, ganz abgesehen von den damit verbundenen verfahrenstechnischen Problemen wie Priorität Flexibilität, Sicherheit.

Zweifellos: Beide "Welten" haben sich unversehens aufeinander zu entwickelt, sind plötzlich in Berührung geraten. Wenn dabei etwas Positives herauskommen soll, muß das nicht die Aufgabe ihrer Eigenständigkeiten bedeuten. Beide Seiten müssen voneinander lernen, sich aus ihren bisherigen Denkschablonen herauszulösen, und kooperieren.

Philosophie und Konzept der Programme für Textverarbeitung werden wegen der unterschiedlichen Zielsetzung anders sein, als das bisher in der Datenverarbeitung der Fall war.

Hier bekommen es die EDV-Hersteller mit einem Anwender zu tun der bei der Erfüllung seiner Bedürfnisse konsequent und kompromißlos sein wird - ja sein muß. Bei den Benutzern der Systeme wird es sich immerhin um Personen handeln, für die der Computer bisher kein Arbeitsmittel war. Er soll ihnen in Zukunft bei der Verrichtung ihrer täglichen Arbeit "Intelligenz" zur Verfügung stellen, und das auf die denkbar einfachste Weise.

Dialogverkehr, etwa in Form der üblichen Abfragekataloge, Kommandosprachen statt Funktionstasten, Programmauswahl mit allen dabei auftauchenden Problemen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, müssen in der Textverarbeitung absolutes Tabu bleiben. Der Bildschirm kann hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bei der Texterfassung ist er im Prinzip überflüssig. Die zur Zeit noch gebräuchliche Bezeichnung "Bildschirmtextverarbeitung" ist deshalb entweder ein Paradoxon in sich oder zeugt von schlechten Lösungen.

Wie diffizil die Realisierung praktikabler Computersysteme für die Textverarbeitung in der Praxis ist, beweist die Mehrzahl der ohnehin wenigen am Markt befindlichen Systeme. Jene Angebote nämlich, die zwar vom EDV-Standpunkt her gesehen vorzügliche Lösungen anbieten - und doch für Textverarbeitung keine Alternative im hier beschriebenen Sinne eines generell neuen Arbeitsgerätes darstellen.

Die Sensibilität der Computerleute für die Probleme der Textverarbeitung ist heute noch wenig ausgeprägt, die Unbekümmertheit, mit der teilweise ans Werk gegangen wird, erstaunlich. Viele wollen möglichst schnell ein Stück vom großen Kuchen ergattern.

Sicher, auch weniger gute Lösungen werden zunächst Abnehmer finden. Jedenfalls so lange, als die Anwender die Computersysteme mit den gleichen Maßstäben messen wie die bisher zur Verfügung stehenden Geräte mit ihren ungünstigen Preis-/Leistungs-Verhältnissen. Schlechte computergestützte Lösungen sind da immer noch besser. Doch jede Bescheidenheit ist hier fehl am Platze.

Auf die Dauer kann nur den Herstellern eine wirkliche Chance eingeräumt werden, die die komplexen Bedürfnisse im Bereich der Textverarbeitung am komfortabelsten, einfachsten und preiswertesten befriedigen.

Die Frage bleibt: Wann wird das sein? Große Organisationen tendieren von Haus aus zur Schwerfälligkeit. Werden die "klassischen" Hersteller von Textverarbeitungs- und EDV-Ausrüstung den Sprung zu unkonventionellen Lösungen bald finden oder sich wieder einmal von kleinen Außenseitern überholen lassen?

Quelle: manager magazin

* Maria Gidion ist Referentin in der Abteilung Zentrale Dienste/Wirtschaftlichkeit/Methoden der Deutschen Shell AG in Hamburg.