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21.11.2005

Kein Ende des Linux-Trends

Die Open-Source-Gemeinde nutzt die kleiner gewordene Linuxworld zur Positionsbestimmung.

Auf den ersten Blick war das Fehlen eines Ausstellungsstandes von IBM auf der Linuxworld, die vom 15. bis 17. November in Frankfurt am Main stattfand, eine faustdicke Überraschung. Wenn eine Firma, die sich seit Ende der 90er Jahre massiv für das quelloffenen Betriebssystem stark gemacht hat und entsprechend großformatig immer auf der Konferenzmesse vertreten war, plötzlich fehlt, gibt das Anlass zu Spekulationen. Distanziert sich Big Blue gar ostentativ von Linux?

Hier lesen Sie …

• Warum IBM und Sun nicht auf der Linuxworld waren;

• wie Microsoft die Veranstaltung für Werbung in eigener Sache nutzte;

• warum Oracle an einen Linux-Goldrausch glaubt;

• welche Erfahrungen deutsche Linux-Dienstleister gemacht haben.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/go/

568229: Trends im Linux Softwareangebot;

565108: Linux bei US-amerikanischen Anwendern;

553917: Linuxworld, Februar 2005, Boston;

550818: Bericht von der Linuxworld 2004, Frankfurt am Main.

Vom Main zum Rhein

Nach sechs Jahren zieht die Linuxworld vom Frankfurter zum Kölner Messegelände um. Der neue Messeort soll, so die Hoffnung der Veranstalter, ein größeres Besucherpotenzial erschließen. Die Zielgruppe besteht stärker als bisher aus Unternehmen. Denn zur Begründung des Ortswechsels wird angeführt, dass Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit der höchsten Unternehmensdichte in Deutschland ist. Zudem habe NRW in den letzten Jahren durchweg die nach Hessen zweitstärkste Besuchergruppe auf der Linuxworld gestellt. Die in Frankfurt parallel zum Treffen der Open-Source-Interessierten veranstaltete Banken- und Versicherungsmesse EBIF wird nicht nach Köln umziehen. Ob es dort eine andere Parallelmesse geben wird, ist noch nicht entschieden. Die nächste Linuxworld ist auf 14. bis 16. November 2006 angesetzt.

Xandros als dritte Kraft?

Die Xandros Inc. hat sich viel vorgenommen: Obwohl ihre Linux-Variante spät kommt und hierzulande auf einen ent- wickelten Markt trifft, möchte das Unternehmen auf Platz drei nach Suse und Red Hat aufsteigen. Sein Produkt soll die populärste kommerzielle Distribution werden, die auf Debian basiert. Den Auftakt macht "Xandros Desktop 3.1", eine umfangreich ausgestattete Distribution für PCs, die sich auf Wunsch neben Windows in einer eigenen Festplattenpartition installiert. Das wichtigste Verkaufsargument ist die Benutzerführung, deren logischer Aufbau eher Windows als Linux-typischen Systemen ähnelt.

Diese Distribution ist die Eröffnung zu einer noch ehrgeizigeren Kampagne des Anbieters: Demnächst erscheint "Xandros Server". Auch bei dieser Linux-Distribution fällt die vollständig grafisch unterstützte Administration auf. Die Einrichtung und Verwaltung kleiner Netze funktioniert wie bei Microsoft; Samba-Kenntnisse sind nicht notwendig, um mit freigegebenen Dateien auf anderen Rechnern im Netz zu hantieren. Die "Xandros Management Console" (xMC) soll Windows-gewohnten Systemverantwortlichen den Umstieg leicht machen.

"Nichts wäre falscher als das", schlägt Tom Schwaller, Linux-IT-Architekt bei IBM, ob dieser Unterstellung die Hände über dem Kopf zusammen. Es gebe überhaupt keinen Grund, plötzlich einen anderen Kurs zu steuern. Das Unternehmen habe in diesem Jahr "jede Menge" zu Open-Source-Projekten beigetragen. Schwaller: "Wir haben Teile unserer Kronjuwelen verschenkt." Mit der "Websphere Application Server Community Edition" (WAS CE), die IBM noch vor Ende des Jahres bringen wird, schafft sich der Hersteller gar interne Konkurrenz zu einem strategischen kommerziellen Produkt.

Dass neben IBM auch Sun nicht mehr in Frankfurt vertreten war, interpretieren nicht einmal Vertreter von Microsoft als ein Ende des Linux-Trends. Im Gegenteil, Microsofts inzwischen beachtlich großer Stand auf der Linuxworld bestätigt, dass sich Open Source weniger denn je ignorieren lässt. Alfons Stärk, Microsofts Manager Platform Strategy, räumt gar ein: "Unsere Kunden sind hier. Die haben Fragen an uns." Und die Themen sind nach Auskunft von Stärk Interoperabilität und offene Standards. Denn Linux hat auch bei Microsoft-treuen Anwendern Fuß gefasst. Stärk: "Jetzt geht es um die Integration der Welten."

Gefragtes Fachwissen

Wie schnell Linux unverändert um sich greift, zeigt eine Meldung vom Linux Professional Institute (LPI), das mittels Prüfungen Linux-Spezialisten zertifiziert. Zur Frankfurter Kongressmesse meldete das LPI die weltweit 100000. Zertifizierung. Vor rund einem Jahr hatten erst 50000 Kandidaten die Examen bestanden. Ohne die schnelle Verbreitung des quelloffenen Systems gäbe es diesen Run auf die Qualifizierungsnachweise nicht.

Für den IDC-Analysten Dan Kusnetzky ist der Linux-Trend nur logisch: Ihm zufolge stehen die IT-Verantwortlichen überall vor der Anforderung, bessere Services zu geringeren Kosten zu liefern. Die Antworten heißen Standardisierung von Hard- und Software, Virtualisierung, Business-Integration und das Streben nach einer dynamischen IT. Und genau das lässt sich am einfachsten mit Open Source erzielen. Denn diese Systeme sind plattformunabhängig, legen Niedrigpreis-Hardware nah, setzen grundsätzlich auf offene Standards, sind nicht von Entwicklungsplänen einzelner Hersteller eingeschränkt und unterstützen seit ihrer Historie in der Apache-Nische Web-basierende Services.

Aufmerksame Anwender

Allerdings heißt das noch lange nicht, dass plötzlich ein Linux-Tsunami über die IT-Landschaften hereinbricht. Kusnetzky weiß, warum: "Erstens wird nichts repariert, was nicht kaputt ist. Zweitens wird nichts angefasst, was kaputt gehen könnte." Dafür gebe es gute Gründe. Die Anwender sollten jedoch nicht jene Argumente aus den Augen verlieren, die für Neuerungen sprechen. "Es sollte in Erwägung gezogen werden, wann und wo Open-Source-Software angebracht ist."

Für angebracht halten Anwendern Linux inzwischen nicht mehr nur für Web-gerichtete Applikationen, sondern längst auch für geschäftskritische Programme. So hat Oracle 2004 seine weltweiten Einkünfte aus Neulizenzen für Linux-Umgebungen gegenüber dem Vorjahr um 155 Prozent auf 527 Millionen Dollar steigern können. Robert Shimp, Vice President Technology Marketing bei Oracle, erklärt die Attraktivität von Linux nicht nur mit dem niedrigen Preis. Er zählt auf: "kostengünstigere Hardware, bessere Ressourcenausnutzung, geringere Infrastrukturkosten, weniger Aufwendungen für das System-Management, höhere Verfügbarkeit und Flexibilität sowie Vorteile bei Performance und Skalierbarkeit".

Keine Berührungsängste

All diese Pluspunkte sind für Oracle laut Shimp nicht theoretischer Art, sondern durch eigene Erfahrungen des Anbieters mit Linux belegt. Das Unternehmen verwendet das Open-Source- Betriebssystem, wo immer es möglich ist. "Oracle On Demand", das Outsourcing-Business des Softwarehauses, läuft auf Linux, ebenso die Anwendungs- und Technologie-Demonstrationssysteme sowie weite Teile der hausinternen IT. Mehr als 9000 Produktentwickler arbeiten auf Linux-Umgebungen. Shimp: "Wir haben nicht auf Linux umgestellt, um zu unterstreichen, dass wir dieses System unterstützen." Sein Unternehmen werde sämtliche zugekauften Anwendungen in einer Linux-fähigen Version herausbringen.

Solche Erfolgsmeldungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Linux zwar deutlich über die einstige Web-Nische hinaus ausgebreitet hat, keineswegs aber zu einer radikalen Änderung der IT-Strukturen führt. "Linux und Open Source sind zwar heute Mainstream", meint Frank Hoberg, Geschäftsführer des Groupware-Spezialisten Open-Xchange, "aber die Firmen können nicht ihre gesamte IT auf Open Source umstellen, und sie wollen es auch gar nicht." Demzufolge müssten sich neue Anwendungen "möglichst reibungslos in die bestehende Landschaft einfügen". Dabei hätten jene Anwendungen die besten Chancen am Markt, "die verschiedene Welten unterstützen, die modular, flexibel und standardkonform sind".

Mehr als Open Source

Das Angebot an Linux-fähigen Programmen ist gewaltig, inzwischen doppelt so groß wie für jede beliebige Unix-Distribution. Es handelt sich aber weitgehend um proprietäre Entwicklungen. Open-Source-Software hat zurzeit offenkundig nur dort eine Chance, wo es um Infrastrukturtechnik vom Betriebssystem über Datenbanken und Entwicklungswerkzeuge bis zu Middleware (Samba, Jboss etc.) geht - oder um Fachanwendungen, die mit einem überschaubaren Set von Features ausgestattet sind und/oder nicht häufig erneuert werden müssen. Open-Source-CRM passt in dieses Feld, nicht aber zum Beispiel das meistens branchenspezifisch ausgeprägte und dauernden gesetzlichen Änderungen ausgesetzte ERP.

Wichtige Anwendungen fehlen

Das Programmangebot für Linux zeigt inzwischen ausgeprägte Merkmale: Trotz seiner Fülle fehlen einige Anwendungen, die in Industrie und Verwaltung sehr verbreitet sind. So gibt es keine Linux-fähige Version des hierzulande wichtigsten CAD-Programms, "Catia". Eine Linux-Schnittstelle für das Datev-Finanzbuchhaltungssystem existiert ebenfalls nicht. Und auf kommunaler Ebene setzen Einschränkungen der Bundesdruckerei beim neuen Reisepass die Verwendung von Windows voraus.

Linux hat also noch mit etlichen Defiziten und Hinderungsgründen zu kämpfen. Mit einem aber haben die durchweg stark auf Technik fixierten Open- Source-Freunde offenbar nicht gerechnet: Auf Anwenderseite herrscht Rechtsunsicherheit. Bei einer Umfrage unter Mitgliedern der IBM-Anwendervereinigung Guide Share Europe (GSE) gaben zwei Drittel der Befragten an, ungeklärte Rechtfragen um Linux hätten schon Entscheidungen beeinflusst.

Gleichwohl weiß Thomas Uhl, Vorsitzender des Linux-Arbeitskreises in der GSE, dass "fast jeder IBM-Anwender schon mit Linux experimentiert hat". Die IT-Spezialisten tun es einfach, weil juristische Bewertungen dem Alltag immer hinterherhinken. Uhl: "Erst kommt die Technik, dann das Recht." Einer unbeschwerten Entwicklung ist das gleichwohl nicht förderlich.

Allerdings gibt es auch für Linux-Anbieter Hemmnisse. Das Fehlen von Risikokapital hält Uhl, der hauptberuflich die Geschäfte des Stuttgart-Korntaler Unternehmens Millenux leitet, beispielsweise für hinderlich. Dabei hat sich in Deutschland - nicht zuletzt durch die Nachfrage der öffentlichen Hand - eine Gruppe kleiner bis mittelständischer Linux-Dienstleister herausgebildet, die sehr viel Know-how besitzen, leistungsfähig sind und gute geschäftliche Perspektiven haben.

Doch die Wachstumsmöglichkeiten, die eine ständig größere Linux-Anwenderschaft bietet, können sie nicht in vollem Umfang abschöpfen. Dazu müssten sie den Personalstamm erheblich vergrößern. Vor diesem Schritt schrecken sie aber noch zurück. Nur zu gut erinnert sich jedermann, dass zur Jahrtausendwende Firmen wie ID-Pro, Innominate und auch Suse Bankrott gingen oder in große Schwierigkeiten gerieten, nachdem sie in der Hoffnung auf das große Dienstleistungsgeschäft zahlreiche Mitarbeiter eingestellt hatten.

Dass es auch Alternativen zu Venture Capital gibt, hat das Arnsberger Unternehmen Gonicus bewiesen: An ihm hat die Becom Informationssysteme GmbH aus dem nahe gelegenen Schwerte, einer der größten IBM-Partner in Deutschland, für einen nicht genannten Betrag eine Minderheitsbeteiligung erworben. Gonicus betreut nun als offizieller Partner sämtliche Linux-Projekte von Becom. Sieben Linux-Spezialisten wechseln von Becom zu Gonicus, das jetzt mit 30 Linux-Spezialisten auch eher "an größere Aufträge kommen" möchte, wirbt Gonicus-Geschäftsführer Alfred Schröder.

Stärker kooperieren

Offenbar wächst in der deutschen Linux-Dienstleistungsszene die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Millenux-Chef Uhl wünscht sich eine "Open-Source-Supply-Chain" zwischen den Dienstleistern. Das kommt bei Peter Ganten, Chef des Bremer Linux-Dienstleisters Univention, gut an: "Wir sollten stärker Komponenten von anderen Linux-Spezialisten nutzen." Ralf All- rutz, Mitglied der Geschäftsleitung der Tübinger Science + Computing AG, pflichtet bei: "Wir sollten unsere Komponenten zusammenbringen."

Unwidersprochen kritisierte Uhl auf der Linuxworld bei einem Treffen verschiedener Linux-Dienstleister "die Kräfteverschwendung durch unterschiedliche Ansätze"; Groupware sei diesbezüglich dass krasseste Beispiel. Es komme darauf an, strikt an Standards orientiert Komponenten für Business-Software zu entwickeln. Uhl: "Wir müssen in die Geschäftsprozesse herein."

Dabei verschiebt sich das Augenmerk zunehmend von der öffentlichen Hand auf Unternehmen. Man befürchtet, die große Koalition könnte der Linux-Szene nicht so wohl gesonnen sein wie die rot-grüne Regierung. "Wechselt der Wind?" fragt sich Bernhard Reiter, Geschäftsführer der an Free Software orientierten Intevation GmbH, Osnabrück. Auch auf Landesebene gebe es einen Trend gegen eigenständige Entscheidungen; denn das CDU-regierte Hessen werde zunehmend zum Schauplatz von Pilotprojekten, die auf andere Länder übertragen werden. Keine guten Aussichten.

Das richtige Zeitfenster

Trotzdem herrscht keineswegs Pessimismus, lautes Rufen nach staatlicher Förderung ist nicht zu vernehmen. Auch "bodenständig", also vorsichtig agierend, so Gonicus-Chef Schröder, entwickeln sich die Linux-Dienstleister ausgesprochen gut. "In den 90ern war der Markt noch nicht so weit", erklärt Open-Xchange-Chef Hoberg. "Man muss eben das richtige Zeitfenster erwischen." Das scheint nun offen.