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10.05.1996 - 

Thema der Woche/Reservate für DV-Dinos gesucht

Kein Happy-End für den Mainframe als Server

Am Mainframe hängt zumindest die gesamte westliche Wirtschaft. Und das wird auch in den nächsten zehn Jahren so bleiben", behauptet Herbert Asanger, Leiter der Systementwicklung beim ADAC, München. Ähnlich äußern sich die meisten Mainframe-Anwender, doch die Marktzahlen (siehe Abbildung) deuten auf Veränderungen hin. Auf etwa fünf Prozent schätzt Dave Norris von der Gartner Group den jährlichen Rückgang an Lizenzen. Vor diesem Hintergrund ist der Boom nach dem schlechten Mainframe-Jahr 1993 wohl eher als Strohfeuer zu deuten.

"Wir verzeichnen zwar weiterhin einen Zuwachs im Mainframe-Bereich, jedoch nicht unbedingt mit neuen Systemen", rückt Winfried Schmidt, Leiter der Informationsverarbeitung bei BMW, München, das Herstellerbild zurecht. Das "kurze Aufflackern" liege bei BMW an einer europaweit betriebenen Konzentration von Funktionen und Ressourcen. Auch von neuen Anwendungen für den Host könne man nicht sprechen. Es handle sich dabei im wesentlichen um Ersatz oder Ausbauten alter Anwendungen aufgrund wachsender Mengengerüste.

Investitionen fließen in die Client-Server-Welt

Daß im Gegensatz zur Client-Server-Welt auf der Mainframe-Seite sowohl von Herstellern als auch Anwendern nur wenig in Programmier-, Verwaltungs- und System-Management-Tools und in Applikationen investiert wird, bestätigen unisono Analysten wie auch die Tool-Lieferanten. Thomas Kropeit, Marketing-Leiter von Sterling Software GmbH, Düsseldorf: "Es gibt kaum noch ein Unternehmen, bei dem wir mit reinen MVS-Werkzeugen landen." Zwar kämen etwa 70 Prozent des Umsatzes aus dem Geschäft mit Mainframe-Tools, das liege jedoch daran, daß diese Werkzeuge "eine ganze Ecke mehr" kosteten. Die Investitionen des Unternehmens flössen allerdings zu mindestens 70 Prozent in den Client-Server-Bereich. Ähnlich sieht es auch bei Computer Associates und BMC aus.

Nachfragen bei Unternehmen ergaben, daß der Host vor allem aufgrund technischer Veränderungen der Systeme im Umfeld nachgerüstet werden muß und damit Investitionen fällig werden. "Neue Platten, Bandeinheiten, Speicher, Datenfernübertragung", zählt etwa ADAC-Mann Asanger das Equipment auf. Daneben wird in File-Management und Automatisierung von Tagesroutinen, TP-Monitore, Systemsteuerung, Sicherheits-Features, Ausfallsicherung, den Wechsel von der 3270-Emulation zu PCs und Release-Updates beim Betriebssystem investiert.

Letztere kommen nicht allzu häufig vor, denn einschneidende Veränderungen finden nur in großen Zeitabständen statt. Das Bischöfliche Ordinariat, Eichstätt, mit 450 Anwendern am Host, nahm den letzten großen Release-Wechsel vor etwa fünf Jahren vor: "Es kommt eben darauf an, was uns ein Release an neuen Funktionen bietet", erläutert Josef Weiss, Leiter des dortigen Rechenzentrums. Der vergangene Wechsel sei notwendig geworden, damit die Software-AG-Datenbank "Adabas" wieder mit dem Betriebssystem harmoniere. Bei BMW, mit mehr als 20000 Anwendern und drei Millionen Transaktionen pro Tag, werden dagegen Release-Wechsel ein- bis zweimal im Jahr vorgenommen. Doch auch Schmidt bestätigt: "Eine große Dynamik gibt es dort nicht."

Der Mainframe steht am Ende seiner Entwicklung. Technologische Quantensprünge erwartet hier niemand. Da die Abläufe über viele Jahre hinweg eingespielt sind, lassen sich Anwender nur dann auf Veränderungen ein, wenn diese begründbar sind. Michael Hilt, Gruppenleiter Systemtechnik beim bayerischen Stromversorger Isar-Amperwerke (600000 Transaktionen täglich), schätzt, daß der reibungslose Betrieb zu etwa 60 Prozent von der Technik abhänge, der Rest sei auf einen großen Erfahrungsschatz seiner Mitarbeiter zurückzuführen. Dabei sind Anpassung und Konfiguration des Betriebssystems nicht trivial: Etwa 300000 bis zu einer Million geänderte Codezeilen bringt nach Aussage von Dieter Müller, Mainframe-Spezialist bei der Bull AG in Köln, ein neues Haupt-Release mit sich.

Um so erstaunlicher erscheint es, daß sich zahlreiche IBM-Kunden für einen Wechsel auf das MVS-Nachfolgemodell OS/390 entscheiden. Die Isar-Amperwerke, die jetzt noch das MVS-Release 4.3 einsetzen, werden vermutlich in der zweiten Hälfte 1997 wechseln. Der ADAC installiert das System wohl bereits im Herbst dieses Jahres, Carl Zeiss, Jena, ebenfalls schon bald.

Die Begründung liefert jedoch nicht die IBM-Argumentation, das Betriebssystem sei "offen, objektorientiert, mit Unix-Funktionen und MVS-Stabilität" ausgestattet, sondern daß die IBM es vorkonfiguriert und damit das Installieren vereinfacht. Außerdem hofft die Kundschaft auf Preissenkungen.

Wie OS/390-Produktexperte Jürgen Ley von der IBM vorrechnet, können Anwender, die Rechner aus der 18er Gruppe einsetzen, zirka 50 Prozent niedrigere Lizenzpreise monatlich erwarten dabei bezieht sich der Nachlaß auf die Summe aller 30 Einzelprodukte. Künftig zahlt ein Kunde mit einem Modell 9672 11 statt 6500 nur noch 3800 Mark pro Monat. Für sehr große Rechner etwa der Kategorie 9021 9x2 schlägt die Preisreduktion nur mit zirka fünf Prozent zu Buche.

Abgesehen von der Hoffnung auf niedrigere Kosten und einfachere Installation zeigen Anwender und Marktbeobachter Skepsis gegenüber der MVS-Variante OS/390. ADAC-System-Spezialist Asanger: "OS/390 ist MVS unter einem anderen Namen, sonst nichts." Schmidt von BMW: "Von Herstellern wurde schon so viel angekündigt. Hoffentlich mischt sich nicht die Unbeweglichkeit des Mainframes mit der Instabilität von Unix-Systemen, denn theoretisch wäre eine Kombination aus beiden Welten eine gute Sache."

Auch für Dieter Wendel, Berater bei Diebold, verbirgt sich hinter OS/390 nur "eine Marketing- und eine Kostenstrategie", jedoch keine neue Technologie. Auch hardwaretechnisch bewege sich der Markt eher weg von den klassischen Mainframe-Architekturen: "Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei RISC-Prozessoren verbessert sich im Jahr um rund 70 Prozent, bei CMOS-basierten Systemen nur um ungefähr 30 Prozent. Damit wird etwa gegen Endes dieses Jahrzehnts der CMOS-Lebenszyklus auslaufen. SNI hat das erkannt und portiert das BS2000/ OSD auf RISC-Architekturen."

Europäische Mainframe-Anbieter wie SNI, Bull und ICL müßten dringend mit Konzepten aufwarten, um dem Marktdruck der S/390-Rechner mit OS/390 widerstehen zu können. Ansonsten geraten sie nach Meinung von IDC-Analyst Andreas Zilch in eine Kostenfalle: "Zukunftssicher ist nur MVS, alle anderen Betriebssysteme stehen zur Disposition. Ein Betriebssystem weiterzuentwickeln kostet pro Jahr ungefähr 90 bis 100 Millionen Dollar. Bei weniger Einnahmen für Rechner und Betriebssysteme werden die Hersteller ihre Investitionen zurückfahren müssen."

SNI-Anwender brauchen sich dennoch laut Gartner-Analyst Norris vorerst nicht zu fürchten. "Für SNI ist der Mainframe Teil der langjährigen Partnerschaft mit der deutschen Industrie. Selbst wenn das Unternehmen Verluste machte, müßte SNI die BS2000-Systeme weiter pflegen." Anderer Meinung ist die Meta Group: "BS2000-Anwender sollten sich in den kommenden fünf bis sechs Jahren eine Migrationsstrategie überlegen", rät Robert Schäfer, Programme Director Europe.

Nur das MVS steht nicht zur Disposition

Düster sieht es wohl für die Zukunft der kleineren IBM-Host-Systeme VM und VSE aus. Derzeit gibt es in Deutschland nach Herstellerangaben 1500 VSE- beziehungsweise VM-Rechner. Bei über 50 Prozent der VSE-Kunden ist auch VM installiert. Nach einer kürzlich durchgeführten Telefonumfrage der Sterling Software GmbH waren von 1300 erfaßten VM-Installationen nur noch 850 aktiv. Bei 700 davon gab es mehr oder weniger konkrete Pläne, in einem Zeitraum von zwei bis sechs Jahren auf eine andere Plattform zu migrieren. Dabei wechseln die großen Anwender offenbar zu MVS, die kleineren in der überwiegenden Zahl zu Unix und einige zur AS/400.

Welche Rolle spielt also der Mainframe in Zukunft? Daß er sich in moderne Client-Server-Umgebungen integrieren läßt, ist nur schwer vorstellbar. "Das größte Problem der Mainframes ist die Bewältigung von Altlasten. Die Betriebssysteme schleppen Features mit, die untauglich geworden sind, und müssen Legacy-Applikationen fahren, die vor 30 Jahren geschrieben wurden", führt Peter Wintergerst, Abteilungsleiter der Software-Entwicklung Produktionssysteme bei der MAN B&W GmbH, Augsburg, aus. Bereits 1980 hatte sich MAN deshalb für die Nonstop-Kernel-Architektur von Tandem entschieden. Damals waren die Rechner laut Wintergerst ausfallsicherer als vergleichbare IBM-Systeme, hatten eine höhere Verfügbarkeit für das Online Transaction Processing (OLTP), und die Entwicklungszeiten verkürzten sich erheblich. Doch mit der Zeit sind diese Vorteile verwischt. Als MAN nun eine Software anschaffte, die referentielle Datenintegrität benötigte, mußte man feststellen, daß die 92er Richtlinien für SQL nicht vollständig implementiert waren. Daher kaufte das Unternehmen einen NT Server dazu.

Für eine "konkurrierende Koexistenz" von Mainframes und offenen Systemen, wie die Meta-Group sie sieht, spricht, daß die Hersteller ihre Mainframe-Betriebssysteme öffnen und flexibler machen, die Unix-Anbieter ihren Rechnern mehr Kapazität und Stabilität verleihen. Damit umwerben sie dasselbe Marktsegment. Die Anwender könnten sich nach Gusto entscheiden.

Tatsächlich scheint es mittelfristig eher ein Nebeneinander zu geben. "Es bilden sich zwei Gruppen", so IDC-Analyst Zilch. "Diese Wassergekühlten faßt man am liebsten nicht an. Das ist viel zu gefährlich."

Das Terrain, auf dem sich Mainframes auch künftig noch tummeln dürfen, sind Datenbank-Server und Basissysteme für System- und Netzverwaltung. Doch das Netzsegment ist nicht für alle Benutzer eine Mainframe-Domäne. Beispielsweise lehnt Schmidt die Großrechner für Administrationsaufgaben ab: "Ich kann die Vorteile nicht erkennen. BMW setzt hier dezidierte Rechner ein, die zum Beispiel speziell auf Netzbelange zugeschnitten werden."

Nach Schmidts Überlegungen eignet sich der Host eher zum Aufbau gigantischer Data-Warehouses. "Schon jetzt lösen wir den CAD-Bereich, die E-Mail-Funktionen und die Oberflächen aus dem Mainframe heraus. Nur Basisapplikationen laufen weiter." Aber auch hier wird abgespeckt, hat sich BMW doch bereits für R/3 entschieden. "Was letztlich bleibt", so Schmidt, "ist die Mächtigkeit der Großrechner, die man benötigt, um große Datenbanken zu realisieren."

Selbst hier melden sich allerdings Bedenkenträger. "Nur der Durchsatz ist beim Mainframe hoch, gar nicht so sehr die Rechnerleistung", stellt Zilch klar. "Gut ist ein Host deshalb nur für die Grunddaten eines Unternehmens. Und die vermehren sich nicht sehr stark." Data-Warehouses werden heute auch deshalb zu 90 Prozent auf Unix-Maschinen installiert.