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15.02.1991 - 

Es fehlt die Orientierung und ein klares Forschungsziel

Kein Konzept - Wissenschaftsrat übt Kritik an der Arbeit der GMD

BONN (CW) - Hart ins Gericht mit der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) geht der Wissenschaftsrat in seinen jetzt verabschiedeten Empfehlungen zur Zusammenarbeit von Großforschungseinrichtungen und Hochschulen. Wenn weiter so konzeptionslos gearbeitet werde wie bisher, so der Tenor des Papiers, müsse die Daseinsberechtigung dieser Institution in Frage gestellt werden.

In einem rund 170 Seiten umfassenden Dokument ist der Wissenschaftsrat der Frage nachgegangen, wie Großforschungseinrichtungen einzuordnen seien und welche Möglichkeiten es gebe, um zu einer besseren Aufgabenteilung und zu einer wirksamen Zusammenarbeit von Großforschungseinrichtungen und Hochschulen zu gelangen. Etwa zehn Seiten der Empfehlungen widmeten sich in diesem Zusammenhang dem Thema Informatik und Informationstechnik.

Abgrenzung zur Hochschulforschung unklar

Der heute in der Informatik gegebene kurze Zeitraum zwischen Grundlagenforschung

und anwendungsorientierter Nutzung der Forschungsergebnisse führte in der GMD, so die Analyse der Bonner Wissenschaftler, in den letzten Jahren zu einer Stärkung der anwendungsorientierten Grundlagenforschung. Nur in enger Verschränkung zwischen dem Grundlagenbereich, der Anwendungsentwicklung und dem Transfer von FuE-Aktivitäten könne die GMD den Ansprüchen an eine Großforschungseinrichtung für Informatik gerecht werden.

Durch stärkere Betonung der internationalen Wissenschaftskooperationen - vor allem mit forschungsorientierten Universitäten des In- und Auslandes - und Dienstleistungen für die Wissenschaftsgemeinschaft könne die GMD zu einem wichtigen Partner der Hochschulforschung werden.

Angesichts dieser neuen Ausrichtung stelle sich aus Sicht des Wissenschaftsrates die Frage nach der Abgrenzung zur Hochschulforschung und der Entwicklung einer eigenständigen Funktion der GMD im Gesamtkonzept von Informatik und Informationstechnik in der Bundesrepublik. Die GMD habe vor allem Dienstleistungsaufgaben für Bund und Länder und Forschungsaufträge im Vorfeld industrieller Anwendung wahrgenommen, die nicht unbedingt Aufgaben einer Großforschungseinrichtung seien.

Erst in den letzten Jahren habe sich die GMD wieder stärker zu einer Forschungseinrichtung mit einem Schwerpunkt in der Grundlagenforschung umorientiert. Fraglich sei jedoch, ob die GMD über das notwendige wissenschaftliche Potential verfüge, um in der Grundlagenforschung eine herausragende Position einzunehmen.

Weitere Schritte sollten nicht ohne eine externe Begutachtung der GMD unternommen werden. Die St. Augustiner sollten darauf achten, so die Empfehlung des Wissenschaftsrates, daß "eine allzu große Zersplitterung der Forschungsarbeiten in Einzelvorhaben" vermieden werde. Soweit kleinere Projekte im Umfeld eines größeren Vorhabens notwendig seien, sollte geprüft werden, ob diese nicht - analog zu der bei der GSI und anderen Großforschungseinrichtungen bewährten Einbindung in die jeweiligen FuE-Programme - an Hochschulgruppen vergeben werden könnten.

Bei einem internationalen Vergleich der Leistungsfähigkeit der deutschen Forschung in der Informatik/Informationstechnik sollte aus Sicht des Wissenschaftsrates berücksichtigt werden, daß dieses Gebiet von je her stark durch die Forschung und Entwicklungstätigkeit der Industrie bestimmt war. Angesichts der kurzen Wege von der Informatik-Grundlagenforschung zur Entwicklung und zum Produkt werde das Industrie-Engagement bei der Entwicklung informationstechnischer Systeme auch in Zukunft dominierend sein.

Die Bundesrepublik verfüge in Kernbereichen der Informatik über absolut und relativ zu kleine Industrieforschungskapazitäten, gemessen am Weltmaßstab. Dies sei unter anderem durch die geringen Weltmarktanteile der Computerindustrie zu erklären.

Deutsche lnformatiker sind sehr gut ausgebildet

In den Hochschulen sei, so das Bonner Papier, die Ausbildungssituation im Fach Informatik angesichts der anhaltenden Ausweitung des Faches und nach wie vor steigenden Studentenzahlen schwierig.

Dennoch gelte das Leistungsniveau der ausgebildeten Informatiker als gut, im europäischen Vergleich sogar als sehr gut. Der Ausbildungsstand von Absolventen der Informatik an deutschen Universitäten, vergleichbar den US-Studiengängen Computer Engineering/Computer-Science, könne als ähnlich gut wie der von Absolventen der etwa 60 Research Universities der USA angesehen werden.

Die personelle Ausstattung der Hochschulinformatik ist - trotz aller Ausbauprogramme - im Vergleich zu Fachrichtungen wie Physik oder Mathematik weiterhin nicht ausreichend. Die Universitäten verfügten gegenwärtig über etwa 300 besetzte Professorenstellen, etwa 60 weitere Stellen seien jedoch unbesetzt. In Anbetracht der kleinen Zahl der die Forschung tragenden Wissenschaftler sei der Umfang der Forschungsarbeiten sehr groß. Allerdings verschärfe sich die Personalsituation der Informatik weiter durch die gestiegenen Anforderungen in der Grundlagen- und vor allem in der Nebenfachausbildung für andere Disziplinen.

Höchste Priorität für Nachwuchsförderung

Im Vergleich zu den breit gestreuten Forschungsaktivitäten an den Universitäten konzentrierten sich die beiden Großforschungseinrichtungen KFA und GMD auf einige wenige informationstechnische Schwerpunkte.

In Anbetracht der Schlüsselfunktion von Informatik sei es für das Land von "herausragender" Bedeutung, über eine ausreichende Zahl fachlich hochqualifizierter Naturwissenschaftler auf diesem Gebiet zu verfügen.

Intensive Nachwuchsförderung müsse in der Informatik höchste Priorität haben. Für diese Aufgaben, so die Forderung der Bonner Gutachter, sollten die Hochschulen im personellen und apparativ-investiven Bereich in den kommenden Jahren eine besondere Förderung erhalten.

Das verstärkte Ausgliedern der Forschung aus den Hochschulen bringe nach den bisherigen Erfahrungen weder bessere Forschungseffizienz und -ergebnisse, noch könne damit die Nachwuchsqualifizierung an Forschungsaufgaben in der erforderlichen Intensität geleistet werden. Notwendig sei vielmehr der Aufbau mittelgroßer Forschungsgruppen und die Weiterentwicklung von Netzstrukturen.

Die Großforschungseinrichtungen sollten noch mehr als bisher Möglichkeiten für die Betreuung von Diplomanden und Doktoranden in der Informatik bereithalten.

Der Wissenschaftsrat sieht ferner in der Einrichtung gemeinsamer Forschergruppen ein geeignetes Mittel der Zusammenarbeit. Gemeinsame Forschungsvorhaben brächten für beide Partner hohe Synergieeffekte.

Zum Schluß erinnern die Bonner Wissenschaftler daran, daß der weitere Aufschwung der Volkswirtschaft von vermehrten FuE-Leistungen in der Informatik abhänge. Schließlich sollten sich die Großforschungseinrichtungen aktiv an der Internationalisierung ihrer Ausbildungs- und Forschungskapazitäten beteiligen.