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26.10.1984

Kein "Krieg aus Versehen"

Dr. Hans-Heinrich Weise Diplom-Physiker, Ministerialrat im Planungsstab des Bundesministeriums der Verteidigung, Bonn

Absolute Sicherheit von Fehlern in technischen Systemen gibt es nicht. Es gibt auch keinen Menschen, der behaupten kann, frei von Fehlern und Irrtümern zu sein. Und weil sich der militärische Entscheidungsprozeß auf ein kompliziertes Netz von elektronischen Sensoren, Computernetzen und menschlichen Entscheidungen stützt, errechnen Wissenschaftler folgerichtig, daß es keine absolute Sicherheit vor einem Krieg durch einen Computerfehler oder durch einen menschlichen Irrtum geben kann.

Dieses Rechnerergebnis mag theoretisch richtig sein, mit der Realität hat es nichts zu tun. Es ist nicht deshalb fern jeder Realität, weil die sehr reale Möglichkeit, im täglichen Leben einen tödlichen Unfall zu erleiden, um viele Größenordnungen höher, ist als der sehr theoretische Fall eines versehentlichen Krieges. Die Ergebnisse sind falsch, weil sie erstens auf falschen Voraussetzungen aufbauen und zweitens sehr hypothetische Entscheidungssysteme zugrunde legen, die kaum etwas mit der Realität zu tun haben. Dabei meine ich insbesondere die vielfachen Sicherungen, die in Form technischer Vorkehrungen, organisatorischen Maßnahmen und politischer Entscheidungsprozesse in jedes militärische Führungssystem - ganz besonders aber in die Entscheidung über Krieg oder Frieden - eingebaut sind. Sie werden in ihrer praktischen Ausprägung von den Wissenschaftlern schlichtweg nicht berücksichtigt.

Mit falschen Voraussetzungen meine ich vor allem die Annahmen, die über die Reaktionszeiten im Entscheidungssystem getroffen werden.

Es ist richtig, daß die modernen Mittelstreckenraketen erheblich kürzere Flugzeiten haben als die interkontinental strategischen Raketen - es sind rund 15 Minuten gegenüber 30 Minuten. Es ist richtig, daß die Aufklärungssensoren und Informationsverarbeitungssysteme Zeit brauchen, um eine Meldung auszuwerten und an den Entscheidungsträger weiterzuleiten. Und es ist auch richtig, daß dann rein rechnerisch nur noch einige wenige Minuten für die menschliche Entscheidung übrigblieben.

Diese Einsatzentscheidung über alle amerikanischen Nuklearwaffen trifft der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Tat kann man von niemandem - auch vom amerikanischen Präsidenten nicht - erwarten, daß er in drei Minuten immer die richtige Entscheidung trifft - insbesondere, wenn er dieser Entscheidungssituation unvermittelt gegenübersteht. Die Schlußfolgerung der Wissenschaftler, die von diesem Zahlenspiel ausgeht, ist logisch. Weil die Zeit für menschliche Entscheidung nicht ausreicht, werden vollautomatische Computersysteme den gesamten Entscheidungsprozeß übernehmen. Sie werden dann - so diese Theorie - automatisch den Gegenschlag auslösen, allein schon wenn nur der Verdacht auf einen gegnerischen, Raketenangriff besteht - "Launch on Warning" - Start aufgrund der Warnung, wird in der Fachsprache dieses Verfahren genannt.

Das ist eine Behauptung, die, mit der Praxis des militärischen Entscheidungsprozesses nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Ein vollautomatisches Entscheidungssystem gibt es nicht und wird es auch niemals geben - nicht in den Vereinigten Staaten und auch nicht in Europa. Die Entscheidung zum Einsatz militärischer Mittel ist eine ausschließlich politische Entscheidung. Weder die Regierungen des Ostblocks noch die Regierung der Atlantischen Allianz akzeptieren für sich ein System der automatischen Reaktion. Befehlsgewalt und Einsatzkontrolle aller Waffensysteme sind so geregelt, daß die Regierungsgewalt unter allen Bedingungen wirksam ausgeübt werden kann. Das gilt auch angesichts der kurzen Flugzeiten von modernen Mittelstreckenraketen seien es die sowjetischen SS20-Raketen oder die jetzt in Europa stationierten amerikanischen Pershing-II-Raketen. Es ist schlichtweg falsch, daß während der rund 15 Minuten des Fluges dieser Raketen die Entscheidung über den Einsatz der Gegenmittel getroffen werden müßte. Es ist eine der entscheidendsten Sicherungen gegen Krieg durch einen Fehlalarm, daß es den Einsatz auf Verdacht, den Raketenstart allein auf die Meldung hin, feindliche Objekte seien im Anflug, weder in der Atlantischen Allianz noch in der Sowjetunion gibt.

Es gibt diesen "Launch on Warning" schon deshalb nicht, weil Ost und West nukleare Überraschungsangriffe der Gegenseite aus heiterem Himmel ausschließen. Die Entscheidungssysteme sind darauf gar nicht ausgelegt. Denn so lange beide Supermächte ausreichend überlebensfähige Nuklearwaffen haben, die der Gegner auch durch einen Überraschungsangriff nicht ausschalten könnte - wie beispielsweise die ständig in See befindlichen Atom-U-Boote - wissen beide Seiten genau: Ein nuklearer Überraschungsangriff würde den vernichtenden Gegenschlag nicht verhindern können. Und weil die Frühwarn- und Reaktionssysteme nicht auf automatische Reaktion eingerichtet sind, hätte ein Fehlalarm auch nicht die Konsequenz, daß ein Krieg versehentlich ausgelöst würde. Dies bedeutet jedoch nicht, daß Raketen und Bomber im Falle eines Alarms nicht sofort in Alarmbereitschaft versetzt würden. Aber Alarmbereitschaft hat zunächst noch nichts mit Gegenschlag zu tun. Dabei geht es lediglich um Maßnahmen, die Überlebensfähigkeit der Waffen zu sichern. Eingesetzt würden sie erst, nachdem die erste gegnerische Waffe auf dem westlichen Gebiet detonierte und der dann eingeleitete Freigabeprozeß abgeschlossen wäre.

Wie schon gesagt, wird die Freigabe zum Einsatz jeder einzelnen amerikanisch en Atomwaffe vom amerikanischen Präsidenten erteilt. Aber damit gibt er nicht automatisch alle Atomwaffen frei. Auch jeder Folgeeinsatz müßte erneut entschieden werden. Und nicht zuletzt können die amerikanischen Raketen technisch erst gestartet werden, nachdem der Befehl des Präsidenten bei den Kommandostellen eingegangen ist. Dazu muß der allein im Besitz des Präsidenten befindliche Code übermittelt worden sein. Und scharfgemacht werden die nuklearen Sprengköpfe in den Raketen, nachdem sie gestartet worden sind.

Trotz dieser entscheidenden politischen Sicherungen ist natürlich das Kontroll- und Alarmsystem bei beiden Supermächten technisch so ausgelegt, daß Fehlalarme nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen sind. Diese Technik wird ständig überprüft und verbessert. So bestehen nur die ersten Stufen des Systems aus Computern, die ihre Informationen von Sensoren in Satelliten, von Frühwarnflugzeugen oder durch Radarstationen erhalten. Je weiter die Meldung in mehreren Sicherheitsstufen nach oben geht, um so mehr Menschen sind eingeschaltet, die vor Einleitung der nächsten Entscheidungsstufe bewerten müssen, was die Sensoren, was die Computer gemeldet haben.

Es hat im Kontroll- und Alarmsystem der USA in der Vergangenheit fehlerhafte

Warnmeldungen gegeben. In diesem Zusammenhang werden immer wieder die Vorkommnisse Anfang der 80er Jahre angesprochen. Damals sind zumindest in einem Fall auf eine Warnmeldung hin Bomber gestartet worden, sind Besatzungen von Raketensilos in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Aber die Startbefehle der Bomber und die Alarmierungsbefehle für die Mannschaften der Raketensilos waren keinesfalls mit dem Einsatzbefehl gekoppelt. Während die Raketen ohnehin erst nach dem erfolgten Angriff eingesetzt würden, fliegen die strategischen Bomber bei anhaltendem Alarmzustand in Sammelräume und warten dort auf den Weiterflugcode durch die nationalen Kommandobehörden, bevor sie die ihnen zugewiesenen Ziele anfliegen. Es hat bisher keinen einzigen Störfall gegeben, der in eine ernsthaft gefährliche Situation geführt hat.

Nicht zuletzt haben alle drei westlichen Nuklearmächte - die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien und Frankreich - schon in den 60er Jahren über diese Sicherheitsvorkehrungen hinaus mit der Sowjetunion Abkommen getroffen, die direkte Nachrichtenverbindungen zwischen den jeweiligen nationalen Kommandozentralen sicherstellen. Diese Verbindungslinien sind jederzeit und sofort benutzbar. Aus dem berühmten "roten Telefon" der 70er Jahre sind allerdings inzwischen leistungsfähige Kommunikationskanäle geworden, die die schnelle gegenseitige Verständigung ermöglichen. Erst Anfang dieses Jahres haben sich amerikanische und sowjetische Regierungsvertreter erneut in Washington D. C. getroffen, um diese Nachrichtenverbindungen weiter auszubauen.

Niemand verkennt den Ernst der Sorge, der hinter den warnenden Stimmen der Wissenschaftler vor einem "Krieg aus Versehen" steht. Vor allem verkennen diejenigen nicht die Sorge, die im Konfliktfall entscheiden müssen. Es gibt aber eine Vielzahl guter und rational faßbarer Argumente dafür, daß es unbegründet ist, aus dieser Sorge Angst werden zu lassen.