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04.04.1986

Keine Akzeptanzkosmetik-Mitbestimmung ist gefordert

In der DV-Branche - so scheint es - bahnt sich in jüngster Zeit Erstaunliches an: Nicht mehr nur von Mega- oder gar Gigabytes und Mips, sondern auch von Menschen ist immer häufiger die Rede. Zwar noch sehr verklausuliert - mit Begriffen wie Enduser, Dialogschnittstelle, Akzeptanz etc. werden sie umschrieben (gerade so, als solle niemand so recht bemerken, von wem eigentlich die Rede ist) -, aber immerhin; wie es scheint, ist es nicht mehr einzig und allein die Technik, um die es geht Software-Ergonomie heißt das aktuelle, bereits zum Modeetikett avancierte Stichwort.

Was steckt dahinter? Die Erschließung neuer Märkte? Impfstoff gegen das aktuell grassierende Silicon-Valley-Fieber, das den "American Dream" in Sachen "High-Tech" so sehr zerbeult hat, daß hierzulande manche Blaupausen-Muezzins schon vom bloßen Zusehen blaß werden? Wenn Abertausende von Tastaturen für den PC-Junior wegen mangelhafter "Usuability" mit einem Kostenaufwand von einigen Millionen Dollar zurückgerufen werden müssen, wird dies selbst bei Big Blue nicht mehr nur in der Portokasse verbucht; oder wenn etwa 15 große US-Computerfirmen angeben, ihren "human factor's staff" um das Zwei- bis Fünffache aufzustocken, wird man unterstellen können, daß auch dies dem Kalkül des "Return of lnvestment" unterliegt. An der Vermutung profaner wirtschaftlicher Interessen dürfte wohl einiges dran sein. Sehen wir uns aber einmal genauer an, um was es praktisch geht, wenn Informatiker die "Schnittstelle Mensch definieren".

Beginnen wir mit dem Simpelsten, der sogenannten Hardware-Ergonomie: Dieses Thema sei out, hört man allenthalben, die Probleme im wesentlichen gelöst, und im übrigen könne es sich heute ein Hersteller gar nicht mehr leisten, mit unergonomischen Bildschirmen auf den Markt zu kommen. Schön wär's! Die Betriebspraxis nämlich sieht anders aus: Hier muß man ziemlich lange suchen, bis man einen Bildschirmarbeitsplatz findet, der dem State of the Art (DIN-Normen, BG-Sicherheitsregeln) entspricht. Zu tun gibt's also noch mehr als genug!

Und wie steht es mit der Software-Ergonomie, der unisono Hochkonjunktur vorhergesagt wird? Beispiel: die Gestaltung von Bildschirmmasken nach wahrnehmungspsychologischen Kriterien. Dazu gibt es bereits eine Reihe von

Entwurfsrichtlinien zur Formatierung, Codierung, Schriftgestaltung etc. Nur - Programmierer huldigen statt dessen anscheinend eher einer Maskenbildnerei, bei der jenseits

jeglicher Ergonomie allenfalls noch strittig sein kann, ob der Künstler sich eher dem Im- oder dem Expressionismus verbunden fühlt (die Btx-Farbgestaltung entzieht sich selbst diesen Kategorien). Das liegt aber wohl weniger an unbewältigten künstlerischen Ambitionen denn an mangelnder Bekanntheit dieser Erkenntnisse. Also auch hier: Praxisbedarf en masse! Zur l/O-Schnittstelle gehört daneben auch das Eingabemedium. Zwar ist spätestens mit Apples Mac die Zeit der Mäuse angebrochen, ob das allerdings ergonomisch immer einen Sinn macht, darf nachweislich bezweifelt werden; das gilt übrigens genauso für den Modetrend Fenstertechnik.

Der "Ergo-Softies" liebstes Kind ist gewiß die Dialogschnittstelle. Hier geht es zuerst einmal um Interaktionstypen wie Formularbearbeitung, Menü versus Kommandosprache oder Direktmanipulation. Das zweite Hauptproblem der Dialoggestaltung ist die Benutzerunterstützung. Help-Funktionen, Status- und Fehlermeldungen, Prompts etc. sind technische Möglichkeiten, den Dialogablauf für den Benutzer durchschaubar und damit steuerbar zu machen. Sinnvoll ist das aber nur, wenn der Benutzer den Dialogablauf überhaupt beeinflussen kann; oder anders herum: Rein maschinengeführte Dialoge sind ergonomisch prinzipiell abzulehnen. Und an die Adresse der Kl: Selbstadaptive Benutzermodelle, auch wenn sie verniedlichend als Selbsterklärungsfähigkeit oder Helps schmackhaft gemacht werden, sind sowohl aus arbeitspsychologischen als auch Datenschutzgründen nicht akzeptabel.

Auch bei der sogenannten Werkzeugschnittstelle gibt es eine Menge technischer Möglichkeiten, um die Autonomie des Arbeitshandelns beim Benutzer zu belassen. Das Spektrum reicht von Utilities für Dateiverwaltung über Maskengeneratoren bis hin zu Sprachen der vierten Generation. Wohin dieser Zug gehen soll, dürfte klar sein: Dezentrale beziehungsweise verteilte DV heißt die Zielgröße!

Ein wichtiger Markstein in der Software-Ergonomie ist der DlN-Entwurf Dialoggestaltung (66234). Er ist aus Arbeitnehmersicht sehr zu begrüßen, weil seine Umsetzung sicherlich zu nachhaltigen Humanisierungseffekten führen würde. Aber: Ein getunter VW-Käfer ist noch lange kein Porsche - will sagen: sinnentleerte Bildschirmarbeiten werden um keinen Deut interessanter, wenn man sie mit kognitions-, software- oder wer weiß wie -ergonomisch durchgestylten Schnittstellen garniert. Deshalb stellen die Gewerkschaften noch viel weiter gehende Forderungen: Das alternative Gestaltungskonzept für die Büroautomation, wie es von der Projektgruppe "Arbeitswissenschaft für Arbeitnehmer" (AWA) des DGB-Bundesvorstandes entwickelt worden ist, heißt qualifizierte Mischarbeit. Was ist daran alternativ?

Das Konzept ist erstens arbeitsorientiert, weil bei der Systementwicklung von den Menschen und ihrer Arbeit ausgegangen werden soll; das heißt, es wendet sich ausdrücklich gegen die Vorherrschaft angeblicher technischer und ökologischer Sachzwänge. Es ist zweitens ganzheitlich insofern, als die Komplexität der sozialen Betroffenheit von Arbeitnehmern systematisch und operational berücksichtigt wird (etwa Beschäftigungssicherung, neue Kommunikationsstrukturen, Datenschutz). Das Mischarbeitskonzept ist drittens integrativ, weil es von vorneherein von Zielkonflikten ausgeht (zum Beispiel Datenbank-Zugriffsberechtigung versus Datenschutz, lokale Programmierbarkeit gegenüber Wartbarkeit, Aufgabenbereicherung versus Leistungsintensivierung) und dafür sozial tragfähige Kompromisse zu finden versucht. Last, but not least ist es viertens beteiligungsorientiert, weil eine humane (und effiziente) Anwendung von DV-Technik ohne substantielle, direkte Beteiligung der Benutzer überhaupt nicht möglich ist.

Kernstück einer so verstandenen Arbeitssystemgestaltung ist die technisch-organisatorische Struktur (die Betonung liegt auf dem Bindestrich). Deren Layout ist auszurichten an normativen Mindest-Arbeitsinhalten: Arbeitsabwechslung, Einheit von Planung, Ausführung und Kontrolle, Handlungs- und Entscheidungsspielraum, Lernmöglichkeiten und soziale Kontakte. Das sind jene Kriterien, an denen auch die Schnittstellengestaltung auszurichten ist.

Damit und mit dem Obligo, die allfällige Arbeitsplatzvernichtung sozial tragfähig zu bewältigen, ist die Kompromißbeziehungsweise Konfliktlinie gewerkschaftspolitischer Akzeptanz der betrieblichen Anwendung neuer Technologien bezeichnet. Erst wenn dieser Rubikon überschritten ist, die für die Arbeitnehmer existentiellen Probleme also grundsätzlich gelöst sind, wird man sich trefflich über die "Schnittstelle Mensch" - wir bezeichnen das lieber ganz konservativ mit "Anpassung der Technik an den Menschen" - streiten können (und müssen).