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22.01.1993 - 

Thema der Woche/ Trotz Krise in der Computerindustrie

Keine Bruchlandung fuer ausgemusterte DV-Experten

Es vergeht kein Tag, an dem nicht auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen ueber Entlassungen geschrieben wird. Immer haeufiger trifft es in letzter Zeit auch Beschaeftigte aus der Computerindustrie. So geht die IG Metall in einem aktuellen Positionspapier davon aus, dass 30 Prozent der Arbeitsplaetze in der DV gefaehrdet seien. Wenn man, wie die Gewerkschaft, mit insgesamt 500 000 DV-Beschaeftigten rechnet, wuerde dies bedeuten, dass sich in naechster Zeit - wenn sich die Wirtschaft nicht erholt - ein Heer von 150 000 Computerexperten auf der Suche nach einem neuen Job befindet.

Bei der Bundesanstalt fuer Arbeit in Nuernberg, aber auch etwa beim Arbeitsamt in Muenchen - immerhin sind in der bayerischen Hauptstadt die meisten DV-Profis beschaeftigt -, ist man jedoch weit davon entfernt, die Entlassungen als problematisch einzustufen.

So erinnert der Direktor am Institut fuer Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Werner Dostal, daran, dass die Hardwarehersteller ihre Mitarbeiter immer sehr gut ausgebildet haetten. Auch fuer den Muenchner Arbeitsamtberater Werner Brendli zaehlen die Datenverarbeiter nicht zur kritischen Kategorie der Arbeitslosen. Zum einen gebe es nicht allzu viele Betroffene, zum anderen erhielten sie hohe Abfindungen, mit denen sie sich zunaechst ueber Wasser halten koennten. Auch von besonderen Umschulungsprogrammen fuer diese Berufsgruppe haelt Brendli nichts.

Dieter Jung, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Digital Equipment in Muenchen, kann diesen Optimismus indes nicht teilen. Sein Unternehmen hat im letzten Jahr fast 1000 Mitarbeiter entlassen. Er wisse von zahlreichen Exkollegen, dass sie noch keinen neuen Arbeitgeber gefunden haetten. "Wenn es frueher kriselte, wechselten unsere Mitarbeiter einfach zu unseren Kunden", aber jetzt stuende auch diesen - in Muenchen sei es vor allem die Ruestungs- sowie die Luft- und Raumfahrtindustrie gewesen - das Wasser bis zum Hals, und sie benoetigten kein Personal.

In ganz anderen Dimensionen bewegt sich die Krise im Osten der Republik. So verloren zum Beispiel bei der Mikroelektronik in Dresden etwa 18 000 Mitarbeiter ihren Job. Dagegen wurden aber nach Aussage von Christian Neumann, Betriebsratsvorsitzender der Zentrum fuer Mikroelektronik GmbH, auf dem gesamten Gebiet der Elektronik lediglich 4000 neue Arbeitsplaetze geschaffen.

Zwar wuerde man mit zahlreichen Umschulungs- und Weiterbildungsprogrammen versuchen, die Chancen der Mitarbeiter auf eine Einstellung zu erhoehen. Jedoch muessten Staat und Wirtschaft mehr Engagement in der Foerderung einer so wichtigen Branche wie der Mikroelektronik zeigen. Zunaechst einmal hat Finanzminister Theo Waigel

der Bundesanstalt fuer Arbeit drastisch die Mittel fuer Arbeitsbeschaffungsmassnahmen (ABM)

und Umschulungskurse gestrichen, was sicherlich nicht dazu beitragen wird, die Beschaeftigungssituation zu entspannen.

Wo kommen aber die vielen freigesetzten Datenverarbeiter unter, wenn Hersteller und vor allem Anwender im Maschinenbau und der Elektroindustrie keinen Bedarf melden? Nach den Erfahrungen des Kienbaum-Beraters Wolfgang Tautz sind es vor allem Nischenanbieter, SW-Hersteller, Telecomfirmen, Dienstleister im weitesten Sinne oder auch neugegruendete Toechter auslaendischer Unternehmen, die noch Interesse an Datenverarbeitern zeigen. Dostal kann in dieser Hinsicht der Krise sogar positive Seiten abgewinnen: "Endlich erhalten die Software-Anbieter die Mitarbeiter, die sie suchen." Traditionell waren fuer die Bewerber die Hardwarehersteller erste Wahl gewesen.

Fach- und Fuehrungskraefte, die den Wiedereinstieg fuerchten oder keine ihrer frueheren Position entsprechende Aufgabe finden, wenden sich dem Beratungsgeschaeft zu. Aufgrund seiner Gespraeche weiss Brendli, dass es etliche DV-Profis als DV-Dozenten probieren. Das Arbeitsamt gewaehre fuer den Start in die Selbstaendigkeit finanzielle Unterstuetzung. Auch Tautz hat bemerkt, dass seine Zunft in letzter Zeit Zuwachs verzeichnet. Er warnt allerdings vor einer voreiligen Entscheidung: "Wer nicht vorher schon ein Konzept und Kontakte hat, wird auf die Nase fallen".

Einer, der sich eben diesem Beratungsgeschaeft widmet, ist Helmut Hofstetter, Ex-Personalentwickler bei Digital. Er gehoert zu den Entlassenen des vergangenen Jahres und betaetigt sich heute auf dem weiten Feld des Management-Consulting. Hofstetter glaubt, dass vor allem seine entlassenen Kollegen aus dem Vertrieb und aus der Hardware Schwierigkeiten haben werden, sofort wieder unterzukommen, wenn sie es denn nicht schaffen, sich in Richtung Software, Netzwerktechnik und Beratung umzuorientieren.

Nicht alle Datenverarbeiter koennen sich an die veraenderte Situation auf dem Arbeitsmarkt gewoehnen: "Sie wollen von Gehaltsabstrichen oder weniger attraktiven Jobs nichts wissen", meint Tautz. Hinzu kommt, dass einige Profis ihre Position dahingehend ueberschaetzen, dass sie die Abfindung kassieren und sich erst dann auf Jobsuche begeben.

Im Fall DEC glaubt Hofstetter, dass hier eine besondere Komponente eine Rolle spielt, die auch fuer andere Unternehmen wie etwa IBM gelte: "Digital hatte eine starke Unternehmenskultur, und es gab Mitarbeiter, die sich schwergetan haben, anschliessend in einem anderen Betrieb Fuss zu fassen."

Tautz weiss dazu ein aktuelles Beispiel aus seiner Beratungspraxis: Als ein Unternehmen mehrere Mitarbeiter suchte, wies ihn der Geschaeftsfuehrer darauf hin, dass er die Neuen nicht alle aus derselben Firma haben mochte, weil die fremde Unternehmenskultur die eigene zu stark beeinflussen koennte.

Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, haetten - so die allgemeine Einschaetzung -, insbesondere Leute mit wenig Berufserfahrung und aeltere DV-Mitarbeiter. Zu letzteren zaehlt Brendli vor allem technisch orientierte Fachleute, die seit ueber zehn bis 20 Jahren beim gleichen Unternehmen arbeiten und stark herstellerbezogenes Know-how besitzen. Im Vorteil sind hier Spezialisten, deren Unternehmen im Arbeitgeberverband ist. Denn Mitarbeiter ab 50 Jahren mit einer ueber 15jaehrigen Betriebszugehoerigkeit geniessen Kuendigungsschutz. Um einen Vertrag mit einer aehnlichen Klausel bemueht sich zur Zeit der DEC- Betriebsrat, der mit der Geschaeftsleitung verhandelt, die in diesem Jahr nach Gewerkschaftsangaben nochmals 500 Entlassungen vornehmen will.

In der jungen DV-Branche ist jedoch die Zahl der aelteren Beschaeftigten gering. Dostal geht davon aus, dass ueber 95 Prozent der Datenverarbeiter unter 50 Jahre alt sind. Die Bluemsche Vorruhestandsregelung, die bis Ende letzten Jahres galt und die aelteren Mitarbeitern mit Hilfe von Staatsgeldern den Weg in den Ruhestand erleichterte, sei fuer kaum einen Beschaeftigten in Frage gekommen. Deshalb werde auch die Neuregelung, die seit 1. Januar 1993 in Kraft ist und keine Staatshilfe mehr vorsieht, keine Auswirkungen haben.

Bei SNI und IBM hiess es dazu, dass es eine eigene Vorruhestandsregelung gebe und man deshalb die Gelder aus Nuernberg gar nicht erst angenommen habe. Allerdings sei im Fall der Muenchner laut Betriebsrat auf die Fruehpensionierung so oft zurueckgegriffen worden, dass etwa am Standort Augsburg kein ueber 55jaehriger Beschaeftigter mehr arbeite.

Dostal sorgt sich dagegen mehr um den Nachwuchs. Weil die Betriebe kaum Personal suchten, bestehe die Gefahr, dass hochqualifizierte junge Menschen lange arbeitslos sind oder Jobs annehmen, die sie nicht forderten: "Damit geht das ganze aktuelle Universitaetswissen vor die Hunde", klagt der Nuernberger Direktor.

Die Gewerkschaften ergaenzen diese Sicht mit einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtungsweise. "Wenn jetzt qualifizierte Arbeitskraefte in der DV-Industrie entlassen werden, gehen der gesamten Volkswirtschaft Qualifikation und Fachlichkeit verloren", so Joachim Toeppel, neues IG-Metallvorstands-Mitglied und zustaendig fuer die DV-Branche, juengst auf einer Pressekonferenz in Frankfurt.

In einem Punkt jedoch sind sich Berater und Arbeitsmarktexperten einig. Personalchefs haben bei der grossen Anzahl der Bewerbungen beste Auswahlmoeglichkeiten. Damit steigen die Anforderungen an die Bewerber.

Hans Koeniges