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08.12.1978

"Keine Firma Schöpft ihre Technologie nur aus sich heraus"

Mit Heinz Nixdorf sprachen Dieter Eckbauer und Elmar Elmauer

- Herr Nixdorf, von Honeywell Bull stammt die Behauptung, zum Überleben auf dem Computer-Weltmarkt sei ein Marktanteil von 10 Prozent erforderlich. Stimmen Sie der Honeywell Bull-Behauptung bei?

Nein, ich stimme dieser Behauptung nicht zu. Behauptungen in dieser einfachen Form können meistens gar nicht richtig sein. Man müßte doch den Sektor, auf dem man arbeitet, klarer beschreiben. Weiterhin gehört ja zum Überleben nicht nur Umsatz, sondern auch Produktivität in den Leistungen, die man bringt. Also die Behauptung, die jetzt rund 10 Jahre alt ist, stimmt in dieser einfachen Form ganz sicher nicht.

- Von Marktstrategen wird weiter behauptet, daß Anwender zunehmend mit solchen Herstellern zusammenarbeiten wollen, die ein umfassendes Produktangebot mit allen Serviceleistungen aus einer Hand bieten können. Werden Sie auf diese veränderten Anwenderwünsche eingehen und Ihre Produktpalette verändern?

Wir werden sie zweifellos weiter verändern, aber ich möchte doch sehr darauf hinweisen, daß wir während der letzten zehn Jahre unsere Palette ständig erweitert haben, und unser wirklich gut steigender Auftragsbestand ist uns ein Beweis dafür, daß unsere Palette so breit ist, daß unsere Kunden bei uns alles finden, was sie für ihre Tätigkeit brauchen.

- Dennoch haben Sie auf der Pressekonferenz erklärt, daß Sie in ganz bestimmte Richtungen mit Ihren Produkten gehen wollten.

Das sind neue zusätzliche Märkte.

- Derzeit erklären reihum nahezu alle Hersteller, daß sie das Zusammenwachsen von Bürotechnik, Datentechnik und Nachrichtentechnik für ihre eigenen Vertriebszwecke nutzen wollen. Doch die Prognosen zum Beispiel im Bereich Textverarbeitung zeichnen ein eher düsteres Bild.

Da haben Sie zum Teil recht. Wenn man an die Steigerungsrate in der Textverarbeitung denkt, ist das bisher relativ schwach, dennoch, meine ich, sind sie alle überzeugt, daß dieser Markt in der Zukunft schneller wachsen wird als zum Beispiel während des Jahres 1978. Textverarbeitung ist nur ein Teil des gesamten Kommunikationsmarktes. Und ich glaube, keiner zweifelt daran, daß sich dieser Markt erstens auf den Computermarkt zubewegt - man kann es auch umgekehrt sagen -, zweitens, daß dieser Markt durch Nutzung der neuen Technologie enorme Steigerungen der Produktion bringen wird. Man kann doch sagen, daß immer dann, wenn wesentlich neue Technologieschübe da sind, auf diesem Sektor auch sehr starke Ausweitungen im Umsatz folgen.

- Sind Sie innerhalb der Produktlinien so gleichmäßig ausgelastet, daß Sie sagen können, das Wachstum wird von allen Ihren Erzeugnissen getragen?

Natürlich gibt es immer Modelle, die ganz besonders gut gehen, und da freue ich mich natürlich, sagen zu können, daß unser Hauptmodell, die 8870, ganz besonders gut geht, und da wiederum die 8870/l. Es gibt andere Modelle, die noch nicht so gut gehen, wie zum Beispiel das Datentelefon.

- Woran liegt das?

Ja, das liegt an Rechtsrestriktionen, die Sie gut kennen.

- Nach einer amerikanischen Untersuchung erreichen Small-Business-Systems weder einen hohen Marktwertzuwachs, er wird auf 10 bis 15 Prozent geschätzt, noch sind sie für den Hersteller von der Rentabilität her sonderlich interessant. Auch mit intelligenten Terminals wäre, so diese Untersuchung, kein einträgliches Geschäft zu machen: In eben diesen Märkten ist aber die Nixdorf AG zu Hause. Wollen Sie deshalb ins Kommunikationsgeschäft einsteigen?

Sie wissen, daß nicht alle amerikanischen Ergebnisse richtig sein müssen. Und ich würde uns gemeinsam ermahnen, nicht unbedingt den Amerikanern zu glauben, jedenfalls nicht auf diesem Sektor, den wir Deutsche länger und auch besser bearbeiten. Es gibt hier in Mitteleuropa eine ganze Reihe von Anbietern, die seit vielen Jahren, als es in Amerika noch nicht üblich war, diesen Markt-Abschnitt zu bedienen, auf diesem Sektor tätig sind. All diese Firmen haben sich doch während der letzten Jahre ganz hervorragend entwickelt - zugegeben: Die Amerikaner haben diese Märkte hier nicht sehr gut bedient.

- Wie, Herr Nixdorf, erklären Sie sich's dann, daß Ihre Kollegen aus dem ehemaligen AMD-Kreis doch laufend beim Bundesminister für Forschung und Technologie vorstellig werden ? Offen sichtlich teilen diese nicht Ihre Ansicht über die gute Entwicklung der Branche?

Das mag gut sein. Wir jedenfalls sind mit dem Wachstum sehr zufrieden.

- Lassen Sie uns noch mal einhaken bei Restriktionen auf dem Telekommunikationssektor". Was können denn Sie herstellerseits tun, diese Restriktionen abzubauen?

Nun, wir können zum Beispiel versuchen, durch immer neues Hinweisen auf diesen Punkt - wie zum Beispiel auch in diesem Pressegespräch - es zu erreichen, daß sich die allgemeine Meinung so artikuliert, daß schließlich auch Behörden, die zwangsmäßig langsam arbeiten müssen, die Innovation nicht behindern.

- Die Post gibt sich doch sehr aufgeschlossen, nur möchte sie die Dinge nicht aus der Hand geben.

S i e haben uns gesagt, man gibt sich aufgeschlossen.

- Wenn wir davon ausgehen, daß 20 Prozent Umsatzsteigerung in Mark auf Dollarbasis 30 Prozent Steigerung bedeuten - da sollte man nicht vergessen, daß sich die Produktionskosten in einem ähnlichen Verhältnis bewegen. Wie lange können Sie die Bundesrepublik als zentralen Produktions-Standort halten?

Sie haben gerade so getan als ob die Differenz von 10 Prozent in der Aufwertung der Mark, als ob diese Tendenz anhalten würde. Da haben Sie spekuliert. Ich persönlich bin da nicht Ihrer Meinung. Ich glaube also, daß die Mark vor einigen Wochen ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, und ich glaube, daß die Mark nur noch so steigt, wie die Inflationsraten an Differenz zulassen . . .

- . . . dies ändert aber nichts daran daß die Zweitlöhne in der Bundesrepublik in der Regel jetzt bereits hoher liegen als in den Vereinigten Staaten und sich die Frage nach dem Produktions-Standort also nicht aufhebt.

Dennoch meine ich - nein ich möchte es anders sagen: Wir eröffnen 1979 in unserer Paderborner Fabrik zwei neue Baustufen. Eine, die wir im August 1978 gestartet haben, und eine andere, die im Januar/Februar 1979 starten wird. Wir glauben, aufgrund der Produktivität speziell in unserer Paderborner Fabrik den Wettbewerb mit den Amerikanern auch weiterhin halten zu können. Wir haben ja die Leistungen genannt, die wir pro Kopf erreichen: Danach stehen wir, auch wenn man die Mark so umrechnet, wie es Ende 1978 nötig war, im Umsatz pro Kopf nach IBM an zweiter Stelle in der Welt. Wir haben bisher keine Angst, unsere Produktionsstätte in Paderborn auszuweiten.

- Die Produktivität ließe sich doch aber 100prozentig nur beeinflussen, wenn Sie alles selbst machten. Wie hoch ist denn jetzt der Anteil der Eigenfertigung an der Nixdorf-Produktion?

Das kann ich Ihnen mit großem Vergnügen in einer etwas breiteren Form beantworten. AEG bezieht bei einer Mark Umsatz 50 Pfennig von anderer Seite. Siemens bezieht bei einer Mark Umsatz 40 Pfennig von anderer Seite wir bei einer Mark Umsatz etwa 25 Pfennig von anderer Seite. Unsere Produktions-Tiefe hat sich in den letzten Jahren zusätzlich vergrößert, unter anderem deshalb, weil sich unter Anwendung der Mikroprozessoren eine immer größere Palette von Peripherie-Geräten betreiben läßt. Man kann es auch umgekehrt sagen: Wir brauchen immer mehr Peripherie-Geräte. Die bauen wir zunehmend, weil sie auch neu sind, im eigenen Hause, und wir haben überdies eine sehr gute Produktion, die auch ein Grund dafür ist, daß wir unsere Fabrik hier in Paderborn relativ sehr zügig erweitern.

- Nun gibt es eine Reihe von Herstellern, die man als sogenannte "technology based firms" bezeichnen könnte. Dann gibt es Hersteller, denen nachgesagt wird, sie könnten alles verkaufen - sprich: Hier steht der Maketinggesichtspunkt im Vordergrund Wo sehen Sie den Schwerpunkt der Nixdorf-Aktivitäten: Wachstum via Innovation oder durch Stärkung des Vertriebs?

Wenn Sie unsere Vergangenheit prüfen, dann sind wir bekannt geworden durch Innovation, die aus dem eigenen Haus stammt, und bekannt geworden für gutes Marketing siehe Marketingpreis 1978. Ich meine, eine Firma, die sich nachhaltig im Markt bewähren will, muß sich bemühen, wirklich auf beiden Sektoren so gut wie möglich zu sein. Wir sind auf beiden Sektoren in der Vergangenheit erfolgreich gewesen, und ich bin sicher, daß dieser Trend auf beiden Sektoren anhalten wird.

- Zusatzfrage: Wo entstehen denn hauptsächlich die tausend Arbeitsplätze, die Sie jetzt mit der Kapitalerhöhung finanzieren wollen? In der Produktion oder im Vertrieb?

Wenn ich von der Menge der Köpfe ausgehe, dann zunächst einmal im Vertrieb und dem technischen Kundendienst. In zweiter Linie in der Fertigung aber das entspricht ja auch der Struktur der Menge der Köpfe in einem Betrieb.

- Lassen Sie sich eigentlich gern an die Telefunken- und Amdahl-Geschichten erinnern? Ganz konkret gefragt: Bestehen Pläne, im Großrechnerbereich mit einem potenten Hersteller zu kooperieren ?

Ich habe Herrn Amdahl vor 14 Tagen getroffen, ich freute mich sehr über dieses Treffen Mit viel Vergnügen denke ich an die gemeinsame Zeit zurück; wobei das Vergnügen eigentlich nur dadurch gemindert worden ist, daß wir seinerzeit feststellen mußten, daß der Einfluß einer japanischen Firma bei Amdahl schon so groß war, daß es unmöglich war, Amdahl ohne japanischen Einfluß in Europa einzusetzen. Sicher werden wir unseren Trend, Computer in unserer Produktpalette nach unten hin kleiner und breiter anwendbar zu machen, als auch größere Computer anzubieten, beibehalten. Das ist jedoch nichts Neues, sondern so ging unser Haus in den letzten zehn Jahren vor

- Nur haben sich die Größenordnungen etwas verschoben. Zwischen dem, was heute von anderen Herstellern als Großrechner angeboten wird, und der Nixdorf-Produktpalette besteht eine immer, größer werdende Kluft.

Nein, das stimmt nicht. Die Kluft wird nicht größer, sie wird langsam kleiner.

- Heißt das, daß Sie die Serie 88 nach oben erweitern werden?

Ja

- Und kann man da in Kürze schon mit Produktankündigung rechnen?

Also jetzt werde ich mich hier zurückhalten. Sie wissen, daß ich da einer Pressekonferenz vorgreifen würde. Ich darf auf jeden Fall sagen, daß wir heute schon wissen, wann wir die Neuankündigung einer Maschine, die nach oben hin größer ist, durchführen werden.

- Wir möchten noch einmal zum Thema Ihrer Publicity in diesen Tagen zurückkommen und eine simple Frage stellen: Haben Sie eigentlich etwas gegen den Blue-Chip einer Nixdorf-Aktie?

Wenn ich also prüfe, was wir in den letzten Jahren gemacht haben - wir hatten ja in all den Jahren die Möglichkeit, an die Börse zu gehen, und wir haben es nicht getan -, muß ich mich natürlich fragen, warum wir das nicht getan haben. Ich glaube, daß neben anderen Gründen einer ganz wichtig ist: Wir sind in einem Hochtechnologiemarkt tätig, und keine Firma, auch nicht IBM schöpft ihre Technologie nur aus sich heraus. Und ich halte für möglich, daß sich speziell auf dem Sektor des Kommunikationsmarktes so viel neue Dinge entwickeln werden, daß jemand, der diesen Markt zusätzlich erschließen will, sehr darauf angewiesen ist, engstens mit anderen zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit kann dann unter Umständen - ich sage es also sehr brutal - gefördert werden, indem man eine Verflechtung eingeht, die die Selbständigkeit unserer Firma nicht wesentlich mindert,

- Lassen Sie uns eine letzte Frage stellen: Herr Nixdorf, haben Sie schon Vorsorge getroffen, falls der Kopf Nixdorf einmal dem Unternehmen fehlt, daß Ihr Erbe gesichert ist uns das Unternehmen in Ihrem Sinne fortgeführt wird?

Also, darauf möchte ich mit Ja antworten. Sie werden doch feststellen, daß sich die Führungsbasis unserer Firma in den letzten Jahren in einer ganz erstklassigen Form verbreitert und verjüngt hat. Ich bin stolz darauf, daß ich der wesentlichen Aufgabe eines Unternehmers, das Unternehmen über die Jahre zu sichern, daß ich dieser Aufgabe aus meiner Sicht bisher erfolgreich gewachsen bin.