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Keine Panik wegen der Finanzkrise

16.10.2008
An Sparmaßnahmen wie bei SAP denken andere IT-Firmen nicht. Manche rechnen mit Einbußen, andere sehen gar zusätzliche Chancen.

Die Meldung schlug heftige Wellen. Anfang Oktober hatten die SAP-Vorstände Henning Kagermann und Leo Apotheker als Reaktion auf die internationale Finanzkrise drastische Sparmaßnahmen angekündigt. Per Mail wur-den die Mitarbeiter über ein striktes Abspeckprogramm informiert. Reisen zwischen den Standorten sollen auf ein Minimum begrenzt, offene Stellen zunächst nicht neu besetzt werden. Später wurde noch die Forderung nachgeschoben, dass jeder Mitarbeiter zwischen Weihnachten und Neujahr Urlaub zu nehmen habe. Die Ankündigung des Zwangsurlaubes sei vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen auf den Finanzmärkten "kaufmännisch eine legitime Vorsichtsmaßnahme", argumentiert Tobias Ortwein, Berater von Pierre Audoin Consultants. Viele SAP-Mitarbeiter hätten "Berge von Überstunden" angehäuft, von denen sie nun einge abbauen könnten. Gleichwohl habe ihn die Bekanntgabe überrascht, räumt Ortwein ein. Derart "massive" Schritte sei er von SAP nicht gewohnt. Das Vorgehen der Walldorfer hat die Frage aufgeworfen: Ist der Softwarekonzern ein Einzelfall oder hat die von den USA ausgehende weltweite Finanzkrise bereits die gesamte IT-Branche erreicht - zählt doch die Banken- und Versicherungsbranche zu den wichtigsten Abnehmern von Hardware, Software und IT-Dienstleistungen?

Gefragte IT-Dienstleister

Beispiel IBM. Der Computergigant pflegt wegen seiner Großrechner seit Jahrzehnten enge Beziehungen in die Finanzindustrie. Doch trotz drohender Einbrüche beim Absatz von Großrechnern sieht Gerald Münzl, bei IBM Global Technology Services für strategische Fragen zuständig, nicht schwarz. Nach Ansicht des IBM-Managers suchen Kunden in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten im besonderen Maße Hilfe bei IT-Dienstleistern. Das Ziel ist Konsolidierung bei gleichzeitiger, teils massiver Kostenreduzierung. Dies könne, so Münzl, nur durch ein ausgefeiltes Angebot von direkter Betreuung kombiniert mit Near- und Offshore-Outsourcing erreicht werden. Grund zur Korrektur der Quartalsergebnisse sieht der Computerriese bislang nicht. "Wir halten an den Prognosen für das vierte Quartal fest", heißt es in der deutschen IBM-Zentrale in Stuttgart.

Es wird weiter investiert

Ähnlich selbstbewusst präsentiert sich der Kommunikationsausrüster Cisco: Während Nortel seine Umsatzprognose für das dritte Quartal auf 2,3 Milliarden Dollar gesenkt hat, 13 Prozent weniger als von Analysten erwartet, zerstreut Cisco-Chef John Chambers die Sorgen der Analysten: Auf die Finanzindustrie entfielen nur etwa drei bis vier Prozent des Umsatzes, erklärte er vor kurzem. Und Michael Ganser, Senior Vice President und Geschäftsführer der deutschen Niederlassung, fügt hinzu: "Mit einem Barbestand von mehr als 26 Milliarden US-Dollar und einer starken Bilanz werden wir auch weiterhin in unsere Wachstumsprioritäten investieren." Das bedeute jedoch nicht, dass das Unternehmen mit Blick auf die unsichere Finanzlage nicht sparen werde. "Zum Beispiel werden wir im Rahmen unserer langfristigen Zielsetzung, Reisekosten zu senken, weiterhin auf Collaboration-Tools wie Tele-Presence und Web-Ex setzen", so Ganser.

Eine Branche trifft es immer

Auch Piotr Piatosa, Vice President des Telekommunikationssektors beim polnischen Softwarhersteller Comarch in Krakau, sieht die gegenwärtige Lage relativ gelassen. "Ich gehöre zu den Optimisten. Die laufenden Budgets der Banken und Finanzorganisationen, mit denen wir Verträge haben, stehen derzeit nicht in Frage. Erst 2009 rechnen wir mit geringeren Ausgaben für den IT-Bereich." Aber auch das bringt Piatosa nicht ins Schlingern.

Das 3000-Mann-Unternehmen mit Niederlassungen unter anderem in Deutschland, Frankreich und Osteuropa stützt sich auf mehrere Geschäftsfelder und ist damit von verschiedenen Konjunkturen abhängig: Finanzen und Telekommunikation, Versicherungen und öffentlicher Sektor sowie Enterprise Resources. Die Softwareentwickler sind es gewohnt, mit Schwankungen der Auftragslage umzugehen. Vor zwei Jahren kriselte es im Telekommunikationssektor, nun lässt der Finanzbereich nach.

Auf die Kostenbremse will das Unternehmen deshalb nicht treten. Schon gar nicht durch Entlassungen. "Wir haben schon immer die Kosten stark kontrolliert und effizient gearbeitet. Wir konnten so erstklassige Qualität zu polnischen Preisen bieten", so der polnische Manager, der auf Wachstumskurs bleiben möchte. 30 Prozent im Jahr hat Comarch seit 2005 zulegt, 2009 soll die Wachstumskurve um mindestens 15 Prozent ansteigen. Dabei könnte die Krise sogar nützlich sein. Piatosa: "Viele unserer Mitarbeiter sind in den vergangenen Jahren von Finanzinstituten mit verlockenden Angeboten abgeworben worden. Wir hoffen, dass wir sie jetzt mit der Aussicht auf stabile Arbeitsplätze zurückgewinnen können. Im Wettbewerb um die besten Fachkräfte stehen wir jetzt besser da."

Was eine US-Personalerin erlebte

Ob auch andere Firmen der IT-Branche gerade jetzt zulangen, ist noch nicht absehbar. Beobachter rechnen eher mit mehr Zurückhaltung. "Noch ist die Stimmung allerdings recht gut", sagt Jürgen Rohrmeier, Partner beim Recruiting-Unternehmen Pape Consulting Group in München, das auf Personalberatung in der IT-Branche spezialisiert ist. "Das heißt nicht, dass wir bereits Entwarnung geben können." Schließlich kämen Personalmaßnahmen oft mit zeitlicher Verzögerung.

Massive Entlassungen wie in den USA hält Rohrmeier hierzulande für äußerst unwahrscheinlich. Den kalten Wind, der dort durch die Branche fegt, hat der Personalberater Mitte Oktober selbst beobachten können. Argwöhnisch verfolgen die Firmenbosse die Zahlen; wackeln sie minimal, gibt es einen Einstellungsstopp. Eine amerikanische Recruiterin klagte Rohrmeier auf einem Treffen ihr Leid. Monatelang hatte sie die richtige Person für einen leitenden Posten gesucht. Irgendwann fand sie den perfekten Mann für den Job - und musste ihn am ersten Arbeitstag entlassen.

Frank Hensgens, Vorstand des europäischen Karriereportals Stepstone, schüttelt den Kopf. Nein, zu solchen Szenarien wird es in Deutschland nicht kommen. "Natürlich wird die internationale Finanzkrise auch Auswirkungen auf die nationalen Arbeitsmärkte in Europa haben. Jedoch wird die Nachfrage nach qualifizierten Fach- und Führungskräften nach wie vor groß sein - erst recht im IT-Sektor, wo der akademische Nachwuchs quantitativ den Bedarf des Arbeitsmarktes nicht decken kann." Der Fachkräftemangel, so Hensgen, sei ein demografisches Problem, das die deutsche Wirtschaft langfristig beschäftigen wird - unabhängig von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. "Deswegen rechnen wir nicht mit einem Einstellungsstopp der Unternehmen. Fachkräfte wie Softwareentwickler, IT-Projekt-Manager oder Netzwerkadministratoren werden gefragte Spezialisten bleiben."

Manager sind verunsichert

Anwenderunternehmen wie Bayer oder die Otto Group schweigen sich im Moment noch aus. Auswirkungen, so die Begründung, seien noch nicht absehbar, deswegen kein Kommentar. Warum diese Zurückhaltung? Lothar Schröder nennt den Grund: "Das Konzern-Management ist in hohem Maße nervös", so der IT-Experte bei der Gewerkschaft Verdi. "Diese Stimmung schwappt über den Atlantik zu uns herüber." Wie genau die Branche auf die Entwicklungen reagieren werde, sei schwer absehbar, Schröder rechnet bei den Anwenderfirmen mit weniger Investitionen und mehr Offshoring. "Letztlich entscheidet der Verschuldungsgrad darüber, wie stark Unternehmen von der Finanzkrise betroffen sind." (hk)

Wie die Firmen reagieren

IBM: "Wir halten an unseren Prognosen fest."

Cisco: "Wir werden die Reisekosten kontinuierlich senken und verstärkt auf Collaboration-Werkzeuge wie Tele-Presence setzen."

Comarch: "Im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter stehen wir jetzt besser da, weil uns die Finanzinstitute in der Vergangenheit Leute abgeworben haben."

Stepstone: "Die internationale Finanzkrise wird selbstverständlich Auswirkungen auf die nationalen Arbeitsmärkte haben."