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26.10.1984

Keine Value-Added-Network-Tochter von Big Blue und British Telecom:London gegen IBM-Dominanz im Telecom-Markt

LONDON (cmd) - Das geplante Joint-venture zwischen der British Telecom (BT) und der IBM für den Betrieb eines landesweiten Value-Added Network (VAN) ist von der englischen Regierung untersagt worden. Zur Begründung führte Handels- und Industrieminister Norman Tebbit an, dieses Projekt sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt "wettbewerbspolitisch untragbar", schrecke es doch andere potentielle Anbieter ab, die ebenfalls in den lukrativen VAN-Markt einsteigen wollten. Während BT und IBM die Entscheidung als "sehr enttäuschend" kommentierten, gab es aus dem Lager der Industrie und der Anwender fast nur positive Stimmen.

Als British Telecom und IBM United Kingdom im Juli dieses Jahres ihr Joint-venture-Vorhaben vor der Presse kundtaten (siehe CW Nr. 32 vom 3. 8. 1984, Seite 6), kam es auf der Insel zu einem Sturm der Entrüstung, ging es dabei doch aus der Sicht vieler Beobachter um nicht mehr und nicht weniger als um eine "Elefantenhochzeit": British Telecom, auch nach der für November anstehenden Privatisierung weiterhin mit einem Quasi-Monopol auf der Netzseite ausgestattet, hätte für die gemeinsame Tochter die Leitungen bereitgestellt, Weltmarktführer IBM die entsprechenden Großrechner - und die entsprechende Architektur

SNA. Über dieses Netz hätten dann beide Value-Added-Network-Dienstleistungen wie Netzwerkmanagement-, Electronic-Mail- und Datenbankabfrage-Dienste angeboten. Das

Kundenpotential wäre von Anfang an erheblich gewesen, sind doch mehr als die Hälfte der heutigen BT-Anwender auch gleichzeitig IBM-Anwender.

Das Lager der Kritiker gegen des gemeinschaftliche Unternehmen rekrutierte sich vor allem aus zwei Richtungen: Zum einen aus den Reihen der Befürworter eines offenen herstellerunabhängigen Standards der Open-Systems-Interconnect- oder OSI-Philosophie, die befürchten, das Joint-venture würde alle Bemühungen um den OSI-Standard zunichte machen. Auf der anderen Seite protestierte aber auch die englische DV-Industrie, die wegen der BT/IBM-Tochter ihre Felle auf dem Value-Added-Network-Markt davonschwimmen sah, so beispielsweise GEC oder ICL.

Die Entscheidung des Handels- und Industrieministeriums gegen das bereits als "fait accompli" gehandelte Unterfangen wurde entsprechend positiv bewertet. So meint David Broad von der British Mikrocomputer Manufacturers Group (BMMG), zusammen mit GEC und der UK Information Technology Organisation einer der vehementesten Protagonisten eines herstellerunabhängigen Standards, die Absage der Regierung sei eine große Gelegenheit für die weitere Entwicklung von OSI. Auch John Grant von der IBM Computer Users Association begrüßt die Entscheidung: Sie nütze den Big-Blue-Anwendern, da sie eine mögliche Alternative bei der Wahl von Schnittstellenstandards eröffne. Zugleich sei dies eine Chance für die europäische VAN-Industrie, auf diesem Sektor zu kooperieren. Schwere Geschütze fuhren dagegen die IBM UK und British Telecom auf. Ihrer Meinung nach sei "eine wichtige nationale Gelegenheit für das Vereinigte Königreich" vertan.

Der Stop des Joint-venture-Vorhabens bedeutet freilich nicht, daß für British Telecom und Big Blue der englische VAN-Markt verbotenes Terrain ist. Beide können, so betonte Minister Tebbit ausdrücklich, um Einzellizenzen für Value-Added-Dienstleistungen nachsuchen. Zudem begrüße die englische Regierung auch, wenn sich die Tochtergesellschaften ausländischer Firmen auf diesem Feld engagieren.

Die Möglichkeiten der jetztigen Regierungsentscheidung scheint man auch in der IBM-Zentrale Armonk zu sehen. So meinte denn auch ein Unternehmenssprecher in einer offiziellen Stellungnahme: "Wir sind befriedigt darüber, daß die (englische, Anm. d. R.) Regierung anerkannt hat, daß es ein großes Interesse für solche Dienstleistungen gibt, die das Joint-venture anbieten wollte, und wir begrüßen die Tatsache, daß sie anerkannt hat, daß IBM bei der Befriedigung der Nachfrage eine wichtige Rolle spielt."

Weniger erfreulich ist dagegen jetzt die Situation der British Telecom, die mit IBM in England nun konkurrieren muß. Als eines der Hauptargumente von BT für das Zusammengehen mit dem Marktführer war immer wieder angeführt worden, daß man auf diese Weise die Expansion von Big Blue im Telekommunikationsbereich beeinflussen könne. British Telecom hat auch bereits erste Konsequenzen aus der Absage angedeutet: Obwohl man bisher immer einen Zusammenhang zwischen dem Joint-venture und dem von BT geplanten landesweiten Paketvermittlungsnetz PSS (Packet Switch Stream) vereint hat, heißt es jetzt, man müsse dieses Vorhaben angesichts der neuen Entwicklung nochmals überdenken.

In der englischen Fachpresse wird inzwischen ein weiterer Aspekt der Regierungsentscheidung beleuchtet: Nutznießer sei nicht nur das OSI-Lager und die britische Industrie, sondern auch die American Telephone & Telegraph (AT&T). Sie habe über ihre VAN-Vereinbarung mit ICL auf der Insel bereits den Fuß in der Tür. Zugleich sei dies auch in der Auseinandersetzung mit dem großen Konkurrenten IBM einer der wenigen Siege der AT&T.