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Trennung von der Systemtechnik


27.09.1996 - 

Kerndienste machen das Netz zum virtuellen Computer

Auf einen De-facto-Standard können Unternehmen kaum warten, denn die Informationsanforderungen und die Heterogenität des Netzes drohen den Administratoren über den Kopf zu wachsen. Immer mehr Endgeräte, vollgestopft mit Systemintelligenz, katapultieren immer höhere Datenlasten ins Netz. Fernverbindungen bürden dem Netzwerk zusätzliches Datenvolumen auf, die zudem mit Multimedia-Anwendungen noch exponential steigen werden.

Doch es sind nicht nur die Informationsmengen und proprietären Grenzen der NOS, die den Unternehmen zunehmend Probleme bereiten. Es fehlt zudem die Funktionalität eines ausgeprägten Namens- und Verzeichnissystems, um die erforderlichen Informationen schnell und gezielt im verteilten Client-Server-Umfeld des Netzwerks ausfindig zu machen.

Die gängigen NOS können in dieser Situation kaum weiterhelfen. Die Novell Directory Services (NDS) sind beispielsweise nur ein Namens- und Verzeichnisdienst für Netware-Netze. Bei Microsofts Windows NT fehlt ein solcher Service vollständig. Auch NT 4.0 ändert daran nicht viel. Zudem behindert in diesem Fall das starre und unzeitgemäße Domänenkonzept jede zügige Erweiterung in größeren Netzwerken. Auch ein standardisiertes Namens- und Verzeichnissystem über Herstellergrenzen hinweg ist noch nicht in Sicht. Da helfen auch vollmundige Bezeugungen der Hersteller, zum Beispiel den OSI-Standard X.500 zu unterstützen, nicht weiter. Das Netzwerk wird nur mit einem herstellerübergreifenden Directory zum virtuellen Informations- und Anwendungspool, aus dem sich die Netzteilnehmer - falls autorisiert - jederzeit und von jedem belie-bigen Ort aus ganz gezielt bedienen können.

Der Namensdienst ist notwendig, um die Objekte im Netz wie Daten, Verzeichnisse, Benutzer, Drucker, Speichereinheiten, Dienstprogramme, Anwendungen, Rechner und Gateways eindeutig zu beschreiben.

Den Verzeichnisdienst braucht man, um die Objekte ohne langes Suchen und umständliche Einwählprozesse auf unterschiedlichen Server-Systemen anhand ihrer Eigenschaften oder Funktionen exakt zu identifizieren.

Zudem wird mit ihnen die Basis für eine mehr oder weniger aufwendige Überwachung, Verwaltung und Pflege des Netzwerks gelegt. Die Forderung nach solchen Middleware-Diensten ist nicht neu, die Open Software Foundation (OSF) hat sie bereits vor Jahren gestellt. Gefordert wurden ein Namens-, Verzeichnis-, Sicherheits- und Management-Dienst.

Das Anforderungsprofil für eine zukunftsweisende Kommunikation im Netz sieht also folgendermaßen aus:

-Alle Informationen müssen zu jeder Zeit von jeder beliebigen Stelle des Netzes aus herstellerunabhängig verfügbar sein.

-Sämtliche Kommunikationsteilnehmer müssen auf alle Ressourcen des Netzes im Sinne eines virtuellen Netzwerks direkt zugreifen können.

-Bei aller Transparenz von Informationen und Anwender müssen die Objekte des Netzes wirkungsvoll vor unerlaubten Zugriffen geschützt werden.

Die genannten Anforderungen stellen IT-Manager beim Einsatz klassischer NOS im heterogenen Systemumfeld vor eine kaum lösbare Aufgabe. Theoretisch müßten alle Informationen auf allen Server-Systemen in allen Formaten bereitgestellt werden. Außerdem müßten alle Kommunikationsteilnehmer netzweit auf nahezu allen Server-Systemen als Benutzer angelegt sein. Dies ist weder sinnvoll, noch zu finanzieren und zu administrieren.

Anders bei einem zukunftsweisenderen technologischen Ansatz: dem Einsatz von Kerndiensten im Netzwerk. Solche Services sind auf einer Schicht zwischen den NOS und den Anwendungen angesiedelt. Das macht die Kerndienste weitgehend unabhängig von proprietären Systemlösungen und ermöglicht damit eine herstellerübergreifende Kommunikation im Netz. Nicht die NOS, sondern die Kerndienste - allen voran der herstellerunabhängige Namens- und Verzeichnisdienst - verwalten in diesem Fall die Informationen und Objekte des gesamten Netzes. Sie bieten den Anwendungen dazu ein Inhaltsverzeichnis über alle Ressourcen im Network.

Suchmechanismen erlauben es, auf Informationen und Objekte direkt zuzugreifen, ohne zu wissen, wo sich die Ressourcen im Netz befinden und wie sie in der spezifischen Systemwelt benannt wurden. Auch die Anwender werden mit allen Rechten über die Netzkerndienste verwaltet - losgelöst von herstellerspezifischen NOS.

Über den Sicherheitsdienst werden alle Zugriffsrechte definiert und administriert. Hier wird eingetragen, wer auf welche Ressourcen zugreifen darf. Der Zeitdienst synchronisiert alle Prozeduren und Systeme im Netz und sorgt damit für den jeweils aktuellen Status auf den einzelnen Server-Systemen. Über den Message-Dienst läßt sich ein Transfermechanismus realisieren, der Anwendungen und Daten unabhängig von Protokollen und Systemtechnik transportiert. Auf diese Weise mutiert das Netzwerk mit Hilfe der Kerndienste zum "virtuellen Computer", und angeschlossene Arbeitsplatzrechner werden zu intelligenten Ein- beziehungsweise Ausgabeterminals, die sich aus dem Fundus Netzwerk bedienen. Damit paßt diese Konzeption auch in die Client-Server-Welt mit verteilten Informations- und Verarbeitungsprozessen.

Leider stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung. Um das Konzept der Kerndienste effizient umzusetzen, müssen diese Dienste zunächst einmal auf den unterschiedlichen NOS aufsetzen können und entsprechende Interfaces für die auf der Schiene der Kerndienste laufenden Anwendungen zur Verfügung stehen. Mit Banyans Streettalk und Novells NDS wurden bereits zwei leistungsfähige Namens- und Verzeichnissysteme entwickelt. Letzteres ist allerdings bislang nur für Netware verfügbar und reicht hinsichtlich der Performance noch nicht an Streettalk heran.

Softwarehäuser sind gefordert

Mit X.500 liegt auch eine stabile Norm für Namens- und Verzeichnissysteme vor, um den Weg in eine weniger proprietäre Welt zu ebnen. Das bedeutet jedoch nicht, daß zwangsläufig mit einem reinen X.500-Verzeichnisdienst gearbeitet werden muß, bietet doch dieser Standard so gut wie keine Schnittstellen, um andere Kerndienste zu integrieren. Dennoch können X.500-Protokolldefinitionen einen Beitrag dazu leisten, die Kommunikationswelt offener zu gestalten, beispielsweise um mit Light Directory Access Protocol (LDAP) Informationen zwischen unterschiedlichen Verzeichnissystemen auszutauschen.

Weiter ist man im Messaging-Bereich. Hier liegen bereits Standard-Schnittstellen wie X.400 und Simple Mail Transfer Protocol (SMTP) für einen herstellerübergreifenden Informationsaustausch vor - Schnittstellen, die beispielsweise von Banyans Streettalk unterstützt werden. Solche Interfaces sind um so wichtiger, als sie die Grundlage für einen objektorientierten Netzbetrieb bilden. Auch applikationsseitig hat der Anwender bereits die Möglichkeit, auf De-facto-Standards wie Open Directory Service Interface (ODSI) und Universal Streettalk zu setzen. ODSI gestattet es Anwendungen, mit einem beliebigen Namens- und Verzeichnisdienst zu arbeiten, ohne zu wissen, um welche es sich dabei handelt. Universal Streettalk vermag sogar proprietäre Directory-Systeme vollständig zu ersetzen, so daß sich Entwickler nicht um die Programmierung dieser Dienste kümmern müssen.

Die Softwarehäuser sind hier generell gefordert, ihre Programme losgelöst von der proprietären Systemtechnik zu entwickeln. Ebenso müssen die Standardisierungsgremien daran mitwirken, Netzkerndienste zu definieren, die zusammenarbeiten und allgemeingültige Schnittstellen besitzen. X.400, X.500 und SMTP sind in diesem Zusammenhang erst der Anfang. In den USA ist die Diskussion über solche Services erheblich weiter gediehen als in Europa. Es kristallisiert sich allmählich heraus, daß proprietäre NOS, die sich auf File- und Print-Sharing konzentrieren und teilweise als Anwendungsplattform dienen, mittelfristig in einem durch internationale Beziehungen und heterogene Systeme geprägten Markt keine Zukunft mehr haben.

Zumindest ein Hersteller hat die Zeichen der Zeit bereits erkannt und sich die Philosophie der NOS-unabhängigen Netzkerndienste ins Stammbuch geschrieben: Banyan Systems mit dem Produkt Enterprise Network Services (ENS). Wird ENS, ein Softwarepaket, das neben dem Namens- und Verzeichnisdienst Streettalk die Kerndienste Security Services, Intelligent Messaging und den Zeitdienst enthält, auf einem dedizierten Server-System installiert, kehrt die Architektur eines logischen Netzwerks in Netware-, HP-UX-, AIX-, SCO-Unix-, Sinix- oder Solaris-Netzen ein. Die Zuordnung der Ressourcen übernimmt ENS automatisch im Hintergrund, selbst wenn es sich um ein weltweit verteiltes Netzwerk handelt.

Es dreht sich also um ein automatisiertes Zuordnungsprinzip, das über Systemgrenzen hinweg wirkt, weitgehend unabhängig von der Betriebssoftware in den Workstations, der Rechnerwelt, der eingesetzten Netztechnik (Ethernet, Fast Ethernet, Token Ring, Arcnet, FDDI) und den installierten WAN-Verbindungen (u. a. X.25, TCP/IP, SNA, IPX, ISDN). Damit sich die Kerndienste nahtlos in diese Systemwelten einbinden lassen, sind entsprechende Standard-Interfaces wie LDAP aus der X.500- und der TCP/IP-Welt erforderlich.

Derzeit ist Banyan Systems dabei, ENS auch für die NT-Welt verfügbar zu machen. Die erste Stufe ist bereits abgeschlossen, und NT-Server können so nahtlos in ein Streettalk-Netz integriert werden. Mit der zweiten Entwicklungsstufe - sie wird in Kürze beendet - wird Streettalk direkt auf NT portiert. In der letzten Phase, die bis Ende dieses Jahres läuft, ist die Integration von Banyans Intelligent Messaging III vorgesehen.

*Andreas Martin ist Geschäftsführer der Cornet Gesellschaft für Kommunikations-Dienstleistungen mbH in Idstein.