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19.02.1982 - 

Mannesmann-Tochter leitet "Übergang zur multifunktionalen Informationstechnologie" ein

Kienzle: MDT-Relikte eröffnen Novitäten-Parade

VILLINGEN - Nach dem Scheitern des 1980 mit viel Wirbel angekündigten "ABC-Konzeptes" will die Kienzle Apparate GmbH, Villingen, jetzt mit vierzig neuen Computerprodukten "den Übergang zur multifunktionalen Informations- und Kommunikationstechnologie" einleiten. Kienzle-Kenner bezweifeln indes, daß es der Mannesmann-Tochter mit der Novitäten-Parade gelingen wird, ihr angeschlagenes DV-Image mittelfristig wieder aufzupolieren.

Wie immer, wenn neue Produkte das Villinger Reißbrett verlassen trägt das Kienzle-Management Optimismus zur Schau. Auch diesmal tönt die Marketing-Trommel geradezu ohrenbetäubend: Wie vor zwei Jahren bei der Ankündigung des "Krusebusch-Rechner" 9055 ("Krusebusch" ist der Phänotyp des Erstanwenders in der Kienzle-Werbung) soll eine "neue Ära der Computer-Technologie" eingeleitet werden. Bei vierzig neuen Produkten, "von mehreren Tischmodellen bis zu an die Mainframe-Mächtigkeit heranreichenden Systemen", so heißt es im Werbetext, bestehe ein "fließender Übergang im Sinne einer lückenlosen Aufwärtskompatibilität in Hard und Software." Von soviel Vorschußlorbeeren läßt sich sogar die Kienzle-Konkurrenz verwirren. Weniger jedoch von der Villingen "Sprücheklopferei" (Branchenhäme), als vielmehrvon der Geheimnistuerei, die um, die Leistungsdaten der neuen Systeme betrieben wird.

Während sich die offiziellen Kienzle-Stellen nach wie von ausschweigen, sickert aus den Geschäftsstellen der Villiger durch. Bei den "neuen" Produkten handele es sich um "absolut nichts Weltbewegendes", sondern lediglich um die Erweiterung der Serie 9000, spöttelt ein Kienzle-VB. Die Systemreihe beginne jetzt mit dem Einplatzgerät 9022, das mit 64 KB insbesondere an die der Datev angeschlossenen Steuerberater vertrieben werden soll. Alle weiteren Rechner, wie die Modelle 9033 (128 KB), 9044 (256 KB), 9077 (bis 1 MB) und der größte Rechner 9088 (bis 2 MB), seien als Mehrplatzsysteme konzipiert. Das bislang erfolgreichste Kienzle-Modell 9066 sei ebenso in das Konzept aufgenommen worden, wie der ABC-Computer 9055, der sich Branchenbeobachtern zufolge als Flop erwiesen habe. Sämtliche 9000er-Systeme sollen nunmehr auf dem von Texas Instruments entwickelten Betriebsystem "MTOS" laufen, das bereits auf der 9066 eingesetzt wurde. Im Reigen der vierzig neuen Produkte befinden sich nach Angaben von Kienzle-Mitarbeitern aber auch einige Drucker aus der Mannesmann-Tally-Schmiede, ferner Bildschirme (angeblich von Beehive), mehrere Plattenlaufwerke sowie Softwarepakete.

Was aber selbst bei Kienzle-Kennern auf Unglauben stößt, ist die von den Villingern verbreitete Propaganda, daß die neuen Rechner zu nahezu allen Mainframe-Systemen kompatibel seien. Ähnliche Sprüche, so ein Marktbeobachter, hätte das Schwarzwälder Management schon vor zwei Jahren bei der Präsentation des ABC-Konzeptes gemacht. Tausend Systeme der ursprünglich als Einplatzsystem konzipierten 9055 wollte Geschäftsführer Gerd Bindels im ersten Jahr, 2000 im folgenden verkaufen. Bis 1985, so habe der Ex-Honeywell-Bull-Vertriebschef intern verbreitet, würden annähernd 10 000 beim Anwender im Einsatz sein.

Kienzle-Realität zwei Jahre nach der Ankündigung: Die Zahl der inzwischen installierten Krusebusch-Computer belaufe sich Branchenbeobachtern zufolge auf höchstens 250. In 1981 habe sich das Geschäft sogar als extrem rückläufig erwiesen. Mit fünfzig verkauften Systemen sei gerade ein Viertel des Vorjahresergebnisses (etwa 200) erreicht worden. Nachdenklich stimmt in diesem Zusammenhang die Bindels-Prognose bei der 9055-Einführung: "Wenn dieses Konzept nicht aufgeht, dann meine ich, daß wir auf dem falschen Wege sind". Daß sich das Villinger Management mit der auf einem Einplatz-System basierenden ABC-Strategie verrannte, sollte sich schon bald herausstellen. Angeheizt vom Optimismus der Kienzle-Bosse lief die 9055-Produktion monatelang auf vollen Touren. Ernüchtert schienen Bindels & Co. aber erst dann, stichelt ein Insider der Mannesmann-Tochter, als sie feststellten, daß bereits über 2000 Systeme am Lager schmorten und erst knappe hundert ausgeliefert waren. Um nach außen den Eindruck zu vermeiden, das ABC-Konzept sei fehlgeschlagen, habe man die Texas Instruments-Entwicklung 9066 einfach in den "Krusebusch-Gedanken" integriert.

"Gebraucht-Hobel" als Joker

Daß es mit der Kompatibilität zwischen der 9055 und der 9066 haperte, schien die Villinger Produktplaner dabei weniger zu stören. Widerstand kam vielmehr von den Geschäftsstellen, die den Kundenbedürfnissen weitaus näher standen als der Strategie aus den Villinger Chefetagen. Als die Verkäufer merkten, daß sich die 9055 nicht als Einplatzsystem verkaufen ließ, erinnert sich ein Ex-Kienzle-Manager, lancierten sie verstärkt das Mehrplatzsystem 9066. Vielen Erstanwendern sei jedoch der größere Rechner zu teuer gewesen. Um die Kunden aber dennoch zu binden, seien die Villinger Vertriebsleute stets zu Preisabstrichen bereit gewesen, will die Kienzle-Konkurrenz wissen. Andererseits hätten die Verkäufer als letzten Joker immer noch einen Gebraucht-Hobel" im Ärmel gehabt.

Worüber sich der gestreßte Kienzle-Außendienst am meisten ärgerte waren die Kapazitäts- und Software-Macken auf der 9055. Weil der Hauptspeicher zu klein ausgelegt war, habe es bereits Probleme gegeben, wenn der Anwender beispielsweise nur einen etwas größeren Artikelbestand zu bewältigen hatte. Außerdem seien die Programme "äußerst schleppend geliefert worden so daß häufig beim Anwender zwar der Rechner stand, aber die Software fehlte. Erzählt ein Kienzle-VB: Einige Geschäftsstellen hätten das System nur eingeschränkt verkauft, andere hätten den Vertrieb sogar verweigert. Die 9066 könne man nicht nur wegen des "Mehrplatz-Argumentes" besser unterbringen, sondern weil das Know-how-Potential um einiges größer sei als bei der 9055. Dies äußere sich insbesondere bei der Bereitstellung von Technikern und Systemspezialisten.

Massive 9055-Probleme bestätigen auch Kienzle-Benutzer: Die Frankfurter Combick GmbH arbeitete fast ein Jahr lang erfolglos mit dem Krusebusch-Rechner, um dann auf die 9066 zu wechseln. Das eingesetzte Finanzbuchhaltungspaket sei zwar von den Anwendungmöglichkeiten "durchaus akzeptabel" gewesen, sagen die Combick-DV-Leute, habe aber das System absolut überfordert. Auch die Frankfurter bestätigen, daß die Software in der Regel verspätet oder - wie im Falle eines Auftragsbearbeitungs- und Fakturier-Programmes - gar nicht geliefert wurde.

Kienzle-Lehrgeld mußte eigenen Angaben zufolge auch die Mainzer Familienunternehmung Stempel-Balz OHG zahlen. Nachdem sie etwa eineinhalb Jahre mit "unzähligen" 9055-Macken gekämpft hätten, erläutert DV-Chef Horst Hammer, könnten sie jetzt erstmals von einem reibungslosen Einsatz sprechen. Der Mainzer DV-Newcomer bemängelt vor allem, daß die bei ihnen eingesetzte Software nicht funktioniert habe. Ein Großteil ihrer ursprünglich definierten Anforderungen seien gar nicht berücksichtigt worden. Außerdem habe es die Kienzle-Crew nicht verstanden, einem Computer-Laien die DV-Problematik einigermaßen verständlich zu machen. Ärgert sich Hammer im Nachhinein: "Wir haben anfangs nur Bahnhof verstanden."

"Psycho Barriere" bei 9055

Daß sich die neuen Produkte zum erhofften Renner für das Kienzle-Management erweisen könnten, bezweifeln inzwischen auch Intimkenner des Villinger DV-Lieferanten. Unverständlich erscheint ihnen, warum die als veraltet geltende 9066 und die gescheiterte 9055 in das neue Konzept übernommen wurden.

Bei der 9055 habe sich unter den Vertriebsleuten eine "psychologische Barriere" aufgebaut, die nur schwer zu beseitigen sei. Vor allem gelte es aber, das in den letzten Jahren stark verblaßte Image schwarzwälder MDT-Anbieters wieder aufzupolieren. Schaffe es Kienzle nicht, mit den neuen Systemen den Anschluß an die Konkurrenten wie Nixdorf, Hewlett-Packard oder Data General zu schaffen, könne auch ein so finanzkräftiger Partner wie Mannesmann nicht verhindern, daß die Villinger noch weiter in die roten Zahlen abrutschen.