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27.05.1994

Klagen wie beim Reiseveranstalter

Ein drastischer Einschnitt in das bisherige Denken und Handeln steht uns allen bevor, wenn es dem Gesetzgeber gelingt, national umzusetzen, was die EU-Richtlinie 90/270/EWG fordert. Vor zehn Jahren hatten wir die letzte grosse Debatte um Sicherheit und Gesundheit an Bildschirmarbeitsplaetzen. Damals ging es um Terminals vom Typ 3270 mit riesigen, monochromen Kathodenstrahlroehren und massiven Tastaturen. Dann kam der PC, und die Ergonomiedebatte spielte kaum noch eine Rolle bei Ausschreibungen. Nur wenige Forscher interessierten sich fuer Software-Ergonomie am Computer.

Die ISO-Norm 9241, auf deren Grundsaetze die Ergonomie-Richtlinien der EU basieren, ist aus dieser Historie heraus wenig bekannt. Doch sie markiert den Wendepunkt fuer einen neuen Zeitabschnitt. Obwohl die ISO-Norm schlecht ist, weil sie rueckwaertsgerichtet und damit innovationsfeindlich ist, weil sie Software verkompliziert und als politisches Instrument missbraucht werden wird, koennen wir uns ihren Auswirkungen nicht entziehen.

ISO 9241 erhebt zwei Trends zur Tatsache und schreibt sie dauerhaft fest: Die Emanzipation des Endbenutzers gegenueber der DV-Abteilung ist Pflicht geworden, und die Individualisierung von Software ist unausweichlich.

Unternehmensmitarbeiter an PCs oder Terminals sind jetzt Kunden, die wie einem Reiseveranstalter gegenueber klagen koennen, wenn ihnen nicht gefaellt, was sie vor Augen haben. Anstatt die Gemeinsamkeiten in der Arbeit zu betonen, wird mit Hilfe der geforderten Individualisierung die ansatzweise durch Groupware ueberwundene Vereinzelung erneut propagiert.

Die EU-Richtlinie wird nicht zu besserer Software fuehren, und sie dient auch nicht dem humanitaeren Fortschritt. Sie ist vielmehr so vage formuliert, dass sie sich zu einem Machtinstrument umfunktionieren laesst, das zum guten wie zum schlechten Zweck eingesetzt werden kann - von Betriebsraeten, Anwendervereinigungen und einzelnen Benutzern.

Werden die Firmen die ISO-Norm 9241 leise in den europaeischen Papierkoerben verschwinden lassen? Interessant ist, dass die EU- Richtlinie in anderen europaeischen Laendern so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Wir Deutschen gruenden dagegen sofort Arbeitskreise und machen uns mit entsprechendem buerokratischem Aufwand ans Werk.

Meine Prognose lautet, dass wir mit den Auswirkungen der EU- Vorschrift leben muessen. Spaetestens dann, wenn eine Software- Ausschreibung laeuft, die nur Anwendungen zulaesst, die den neuen Richtlinien entsprechen, ist es passiert: Andere werden folgen. Firmen oder Behoerden, die europaweit arbeiten, haben hier eine gemeinsame Basis fuer die Beurteilung von Software geschenkt bekommen, die aufwendige Einigungsprozesse erleichtert.

Softwarehaeuser, die ihre Produkte mehrsprachig anbieten und im europaeischen Raum arbeiten, muessen sich umstellen. Amerikanische Softwarehaeuser im PC-Bereich werden erst dann taetig werden, wenn ihr Geschaeft explizit leidet. Das ist fruehestens in drei Jahren abzusehen - vorher passiert hier gar nichts.

Mein Tip: Fangen Sie in jedem Falle heute noch mit zwei "Denksportaufgaben" an: 1. Wie wehren Sie sich gegen die Klagen Ihrer Kunden in den Fachabteilungen? 2. Wie werden Sie den Support von individualisierter Software im grossen Stil leisten? Aus Sport und Spass wird bitterer, teurer Ernst.