Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

16.11.1984 - 

Projetktschätzung in der Datenverarbeitung:

Kleine Geschäfte tragen große Pleiten

Ein Kaufmann, ein Mathematiker und ein Informatiker taten sich zusammen und gründeten ein Softwarehaus. Alle drei waren alte Hasen in der Branche, und kaum einer machte ihnen etwas vor. Die Firma gedieh auch erstaunlich gut und beschäftigte schon bald 20 Mitarbeiter. Bislang wickelten sie überschaubare kleine :Projekte ab, bei denen man noch etwas verdienen konnte. Großprojekte wurden selten angefragt, und diese ließen sie auch immer links liegen.

Eines Tages kam wieder eine Anfrage zusammen mit einem Pflichtenheft für ein großes Softwaresystem, bestehend aus etwa 50 Programmen. "Das ist genau das richtige Projekt für uns", sagte der Kaufmann und begeisterte seine Mitgesellschafter, nicht zuletzt auch wegen der gegenwärtig schlechten Auslastung ihrer Firma, für die Angebotsabgabe.

Nachdem sie sich einige Tage jeweils getrennt mit der Ausschreibung beschäftigt hatten, setzten sie sich zusammen, um den Aufwand abzuschätzen und um einen Angebotspreis zu ermitteln.

"Schätzen wir zunächst den Aufwand ab, den ein Programmierer bräuchte, um das Gesamtprojekt alleine abzuwickeln", leitete der Informatiker die Besprechung ein. "Das geht doch Pi mal Daumen", meinte der Kaufmann lässig.

"Nicht so einfach, wie es sich ein Laie denkt", konterte der Mathematiker, ging zur Tafel und schrieb blitzschnell einige Formeln auf (Kasten I: Abschätzung).

Die drei Schätzer machten sich m ans Werk. Jeder einzelne ermittelte nach jeder Schätzmethode den Aufwand. Jetzt kam der Mathematiker zum Zuge und errechnete nach Formel (ld) das endgültige Schätzergebnis. A ergab sich als arithmetisches Mittel aus 9 Schätzwerten zu 110 MM". Kollegen, gehen wir in die nächste Runde", mahnte der Informatiker". Es geht jetzt um die Frage wieviele Programmierer wir benötigen und welche Projektteams wir bilden." (Kasten II: Benötigte Mitarbeiterzahl. )

Der Kaufmann nahm seinen Taschenrechner zur Hand und kam zu dem Ergebnis: "Beim vorgesehene

Abnahmetermin in 15 Monaten benötigen wir bei 3 Teams 9 Mitarbeiter inklusive Projektleiter".

"Auch mir scheinen drei Teams von je drei Mitarbeitern zweckmäßig zu sein. Einer der Teamleiter übernimmt in Personalunion die Projektleitung", ergänzte der Informatiker.

"Einverstanden, verteilen wir jetzt die Arbeiten an die einzelnen Teams", forderte der Kaufmann auf.

Der Mathematiker hatte es schlängst ausgerechnet. Auf der Crundlage unserer Abschätzung haben zwei Teams annähernd den gleichen Aufwand, wenn wir die Arbeiten wie folgt verteilen:

- Team 1: Eingabe, Verarbeitung

- Team 2: Ausgabe

- Team 3: Datensicherung, Datenübertraqung

Der Leiter von Team 2, das Team mit der geringsten Auslastung, übernimmt die Projektleitung".

"Rechnen wir doch mal aus was uns die 9 Mitarbeiter über die Zeit von 15 Monaten kosten. Dann schlagen wir 35 Prozent dazu: schon haben wir den Kundenpreis", beeilte sich der Kaufmann festzustellen.

"So schnell geht das auch wieder nicht, wie Du Dir das denkst. Wir müssen zuerst den wahren Aufwand ermitteln. Bedenke doch einmal die Reibungsverluste zwischen den ein, zelnen Teams und innerhalb eines Teams. Außerdem müssen wir die Effizienz jedes einzelnen Mitarbeiters berücksichtigen und den Arbeitsanteil eines jedem im Team. Ich habe ein paar Formeln parat, um dies berücksichtigen zu können."

"Du bist wieder einmal päpstlicher a/s der Papst: Schließlich wollen wir den Auftrag reinholen und nicht künstlich den Aufwand hochrechnen", wehrte sich der Kaufmann. "lch glaube, unser Mathematiker hat recht, laß ihn doch machen", beharrte der Informatiker. (Kasten III: Aufwand eines Teams.)

"Soweit zur Ermittlung des zu erwartenden Aufwands je Team. Jetzt kommen wir zum tatsächlichen realistischen Gesamtaufwand für das Projekt. "

Zunächst mußten sich die drei Herren auf die Verteilung der zu erstellenden Programme auf die einzelnen Teammitglieder einigen. Dann aber begannen die Probleme. Welcher Mitarbeiter hatte welchen Effizienzfaktor? Nun wurde gerechnet und gerechnet. Nach mehreren Stunde(...) war man sich einig. Als realistische(...) Gesamtaufwand ermittelten die Herren schließlich 220 Mann-Monate das doppelte von dem, was sie ursprünglich geschätzt hatten.

Der Kaufmann schimpfte: "So bekommen wir doch nie einen Auftrag. Viel zu teuer, absolut unrealistisch."

"Daß ich nicht lache", konterte der Mathematiker. "Genau diese Unterschätzung komplexer Großprojekte verhilft vielen Softwarehäusern zur Pleite. Die Zahlen stimmen. Nichts wird daran gedreht. Eine wesentliche Aufwandsminderung können wir durch Effizienzsteigerung der Mitarbeiter bewirken oder durch eine andere Teamstruktur. Wir müssen jetzt ohnehin noch einmal alles von vorne berechnen, nachdem wir den tatsächlichen Aufwand nun annähernd genau kennen. Habt ihr eine Idee, wo wir die fehlenden 11 Mitarbeiter herbekommen?" Der (...) formatiker nahm es gelassen: OK, lassen wir das Projekt sausen. Besser wenig Umsatz und viel Gewinn, als viel Umsatz ohne Gewinn. Sag mal wo hast Du die Formeln her?"

"Die habe ich von einem, der bereits mehrere Großprojekte in den Sand gesetzt hat. Als bereits alles zu spät war, ist er darauf gekommen."

"Ist der in Konkurs gegangen?" wollte der Kaufmann wissen.

"Nein, es war ein sehr großes Softwarehaus. Ich war damals der Projektleiter. Aber Ihr wißt ja: Die vielen kleinen Geschäfte tragen die großen Pleiten. "

*Horst Peter Lang ist technischer Autor für Informationstechnik, Hanndorfer Str. 19a, 8250 Erlangen, Tel.: 09131/44983. Mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus "Computergeschichten" FWO Erlangen, 1984